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Heiß, hitzig, hysterisch

02.04.2010 | 20:16 | Von Reinhard Böhm (Die Presse)

Sterben wir aus? Wann? Wie schnell kalben die Eismassen? Temperaturanstieg, klar: Eine Zahl muss her! Von Klimaleugnern, Klimabewegten und der Krux der Wissenschaft. Ein Versuch, etwas Rationalität in eine aufgeheizte Debatte zu bringen.

Staunend konnte man in den Herbst- und Wintermonaten 2009die hurtig sich gegenseitig aufschaukelnden Abstrusitäten verfolgen, die im Vorfeld der Monsterkonferenz namens „COP-15“ auf uns eingeströmt sind. Diese hatte im Dezember vergangenen Jahres in Kopenhagen 15.000 Politiker, Lobbyisten, Journalisten, Klimabewegte, Klimaleugner und vielleicht auch eine Handvoll Klimatologen versammelt. Da ließen die einen durch den Klimawandel schlicht „die Menschheit innerhalb weniger Generationen aussterben“, während die anderen nach einem Hackerangriff auf ein englisches Universitätsinstitut triumphierend ein „Climategate“ konstruierten, mit dem der „Nachweis“ erbracht worden sei, dass das Gerede vom Klimawandel in Wahrheit nur eine Klimalüge wäre.

Diese beiden Extrempositionen waren die vorläufigen Höhepunkte in einer sich schon seit Längerem aufschaukelnden Spirale des gegenseitigen Übertrumpfens mit neuen Sensationen, mit dem in aller Öffentlichkeit ein durchaus realer Problemkreis systematisch zu Tode lizitiert wird. Ich möchte mit einigen Beispielen versuchen, nochmals für die Rationalität zwischen den Extrempositionen der Klimawandeldebatte zu plädieren.

Kopenhagen, Bella Center, März 2009: 2000 Tagungsteilnehmer sind dem Ruf der Universität Kopenhagen zu einer internationalen Klimakonferenz gefolgt... Nein, es handelt sich nicht um einen Datumsfehler, und auch die relativ geringe Zahl der Teilnehmer entspricht den Tatsachen. Es gab nämlich eine Vorbereitungskonferenz zur viel bekannteren 15. „Conference of the Parties“, die im Dezember desselben Jahres in derselben Stadt und demselben Kongresszentrum weit mehr Menschen anzog. Doch von diesem Weltevent der Medienbranche später. Vorerst wollen wir uns einen Seitensprung in die Welt der normalen Naturwissenschaft leisten. Und normale Wissenschaft stand durchaus (auch) auf dem Programm der Kopenhagener März-Konferenz.

Die Grundidee war, dort den wissenschaftlichen Fortschritt darzustellen und zu diskutieren, den es seit der letzten Festschreibung des state of the art durch den 4. IPCC Report im Jahr 2007 gegeben hatte. Also etwa das, was im Jahr 2006 Sache war, wenn man die penible Qualitätskontrolle in Rechnung stellt, die den Report vergleichbar mit wissenschaftlichen Journalen macht, die dem peer reviewing unterworfen sind. Darunter versteht man die Prüfung einer zur Veröffentlichung eingereichten wissenschaftlichen Arbeit durch Fachkollegen (englisch peers). Dadurch soll ein gewisses Qualitätsniveau sichergestellt werden, und das dauert seine Zeit. Deshalb ist bis zum Zeitpunkt des Schreibens dieser Zeilen der Sammelband über die Kopenhagener Konferenz vom März 2009 noch nicht erschienen. Somit war er auch nicht im Dezember 2009 vorhanden – eine durchaus vertrackte Situation für die COP15, der also die qualitätsgeprüften wissenschaftlichen Grundlagen für die anstehenden politischen Entscheidungen streng genommen fehlten.

Ich will anhand des folgenden Beispiels zeigen, auf welch wundersame Weise dieses Manko „behoben“ wurde. Das Beispiel handelt von der Frage, ob die 20 bis 50 Zentimeter Meeresspiegelanstieg aus Kapitel 10 von IPCC-2007 bis zum Ende des 21. Jahrhundert noch realistisch sind oder ob es mehr sein werden – in erster Linie bedingt durch die im Report als Möglichkeit erwähnte, aber nicht bezifferte Unsicherheit durch die Eisdynamik Grönlands und der Antarktis.

Der genaue Titel der entsprechenden Fachsitzung in Kopenhagen lautete „Cryosphere: Instabilities, Sea Level Rise“. Kurzzusammenfassungen aller Vorträge der Konferenz gibt esübrigens im Internet(http://climatecongress.ku.dk/abstractbook).Die Kryosphärensitzung der Konferenz war eine von 58 jeweils ein- bis zweitägigen Fachsitzungen, die verschiedenen Aspekten des Themas „Klimawandel“ gewidmet waren. Da dafür nur eine Woche Zeit war, fand das meiste in Form von Parallelsitzungen statt, in denen man „unter sich“ war. Das Interesse der Öffentlichkeit galt den groß angelegten Plenar-Events im Hauptsaal, die den mediengerechten Rahmen bildeten. Und da konnte man tatsächlich etwas lernen, was die mediale Aufbereitung für die staunende Öffentlichkeit betrifft. Da liefen im Hintergrund in Superbreitwand die grandiosen Zeitrafferfilme der kalbenden Gletscherzungen Grönlands von James Balog. Hier erklärten Klima-Stars von Nicholas Stern, Verfasser der „Stern Review on the Economics of Climate Change“ für die britische Regierung, bis zu Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Institus für Klimafolgenforschung, wie sie die Welt neu organisieren würden, um sie vor dem Klimakollaps zu retten, und hier durften schließlich ausgewählte Leiter und Leiterinnen einiger Fachsitzungen berichten, was dort an Neuigkeiten gegenüber IPCC-2007 zutage gekommen war.

Gleich vorweggenommen: Dorthe Dahl-Jensen, die Leiterin der Kryosphärensitzung, hatte dort keinen Auftritt, als der damalige dänische Ministerpräsident, Anders Fogh Rasmussen, aus den Top-Wissenschaftlern der Tagung „konkrete, klare und eindeutige“ Ergebnisse herauszuquetschen versuchte, mit denen er „im Dezember die Politiker der Erde zum Handeln zwingen wollte“. Dabei liegt doch genau in der Frage, wie viel der großen Inlandeismassen durch direktes Abbrechen (Kalben) der Eisströme in den Ozean zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen würde, laut IPCC-2007 eine beträchtliche Unsicherheit. Freilich, in der Kryosphärensitzung hat sich – entgegen demoffenkundigen Erwartungsdruck – nicht eineneue, griffige Zahl von ein oder zwei Metern für den Meeresspiegelanstieg bis 2100 durchgesetzt. Speziell durch den energischen Widerstand und die unwiderlegbaren Argumente von Jonathan Bamber, Direktor des „Bristol Gaciology Center“, denen sich dann auch einige andere anschlossen, die wissenschaftlich wirklich in dieser Spezialdisziplin zu Hause sind, kam es zu dem erstaunlichen Schlussstatement der Fachsitzung, dass es keine neue Zahl gibt, sondern dass es bis auf Weiteres genau bei dem bleibt, was bereits in IPCC-2007 niedergeAschrieben ist, also bei den20 bis 50 Zentimetern plus einer Unsicherheit, an der die Wissenschaft zurzeit zwar mit Hochdruck arbeitet, für die sie jedoch noch keine endgültige Antwort hat.

Ich war positiv überrascht, dass sich hier die Qualitätsmechanismender naturwissenschaftlichen Forschung durchgesetzt hatten. Denn: Es ist nicht leicht, als Ergebnis von intensiven Bemühungen ein vorläufiges Nullergebnis zu vertreten. In meiner Erinnerung wird das als das „Wunder von Kopenhagen“ haften bleiben. Und dieses Wunder – ich unterstelle das einmal – war schließlich offenbar der Grund, dass unsere Fachsitzungsleiterin bei der Schlusssitzung nicht „mit der neuen Zahl“ auftreten konnte, da es ja keine gab.

Um den Optimismus im Hinblick auf eine rationale öffentliche Klimadebatte nicht ausufern zu lassen, möchte ich die Leserin und den Leser fragen, was in der Zwischenzeit, vor allem im Rummel um die zweite Großkonferenz in Kopenhagen im Dezember 2009, diesbezüglich so alles zu lesen oder zu hören war. Die Nullmeldung der Fachleute vom März 2009 wird es wohl nicht gewesen sein. Die Gefahr ist groß, in der überhitzten Klimadebatte durch überzogene Argumente ein Eigentor zu schießen. Dass solches sich mit schöner Regelmäßigkeit immer noch ereignet, wurde auch in jüngster Zeit wieder deutlich vor Augen geführt.

An der ersten der beiden Übertreibungen hatten die Klimabewegten emsig über einen längeren Zeitraum gearbeitet. Ständig wurde von Wissenschaftlern die Geschwindigkeit des aktuellen Temperaturanstieges betont und dieser selbstverständlich auf menschliche Ursachen zurückgeführt. Die natürlichen Faktoren, die das Klima beeinflussen, wurden nach Möglichkeit kleingeredet, und der Forschungsbedarf, der gerade bei der vergleichenden Größenabschätzung natürlicher und anthropogener Einflüsse besteht, dezent heruntergespielt.

Und plötzlich schlug die Natur zurück, der Temperaturanstieg in den 1990er-Jahren begann zu schwächeln. Wir sehen das sowohl in der globalen Temperaturkurve, wo sich seit dem Rekordjahr 1994 ein Stagnieren auf hohem Niveau zeigt, und auch die Österreichkurve zeigt Ähnliches. Auch wenn sich das aktuelle Stagnieren der Temperaturkurven nachträglich als statistische Schimäre erweisen sollte – die Dauer des aktuellen Nulltrends ist zu kurz, um signifikante Aussagen zu erlauben –, war es nicht klug, die natürlichen Faktoren hinter dem Klimawandel in den Hintergrund zu schieben. Denn nun hätte man sie wieder gut brauchen können.

Zumindest scheint aber dieses Eigentor wieder jene Mechanismen anzukurbeln, welche die Qualität des normalen Wissenschaftsbetriebes sichern. Man sucht nun verstärkt und ganz rational nach natürlichen Faktoren, die derartige „dekadische Variationen“ erklären können, die die langfristigen Trends überlagern: etwa die Schwankungen der Sonneneinstrahlung, die internen Umlagerungen und Transporte von Wärme in den Ozeanen bis hin zu ganz neuen Messergebnissen über eine aktuelle Abnahme des Wasserdampfgehalts in der unteren Stratosphäre, deren Grund man jedoch noch nicht so richtig versteht. Und ein weiterer Faktor wäre wohl wert, ihn wieder stärker unter die Lupe zu nehmen: die Aerosole mit ihrer zwar noch vergleichsweise schlecht verstandenen, aber in Summe abkühlenden Wirkung. Hat sich da vielleicht in den vergangenen zehn Jahren das rasante Wirtschaftswachstum in China und anderen aufholenden „developing countries“ ausgewirkt? Sehr sauber geht es ja dabei nicht zu.

Leider hat die postnormale Fraktion der Klimawandeldebatte auch eine Peinlichkeit ganz anderer Art geliefert, die – und darin besteht die Peinlichkeit – sogar Eingang in einen der IPCC-Reports 2007 gefunden hat. Es handelt sich um den mittlerweile schon legendären Zahlendreher 2350 zu 2035, der zunächst einmal den Leuten vom WWF passiert ist und der „das Verschwinden der Himalayagletscher“ bis zu diesem Jahr prophezeien sollte. Das Jahr 2350 war anscheinend das Ergebnis einer Abschätzung in einer Originalstudie (die uns das Literaturverzeichnis von IPCC-II vorenthält), das medial viel interessantere Jahr 2035 wurde daraus im WWF-Report von 2005 „An overview of glaciers, glacier retreat and subsequent impacts in Nepal, India and China“.

Ich gebe zu, es hat mich mit einer gewissen Genugtuung erfüllt, als ich im Zweier-Report des IPCC-2007 nachblätterte (Seite 493) und erkannte, dass nun die Alarmisten vom WWF in der Öffentlichkeit mit den eigenen Waffen geschlagen worden waren: Bei ihnen steht nämlich nichts vom „Verschwinden bis 2035“, das jetzt schadenfroh durch die Weltpresse geistert, sondern „nur“ (auch das wissenschaftlich nicht haltbar) von einer Flächenreduktion von „derzeit 500.000 Quadratkilometern auf 100.000 Quadratkilometer“. Dass die Verfasser des Asienkapitels von Band zwei des IPCC- 2007-Reports sich derlei Retour-Ungerechtigkeit ebenfalls redlich verdient haben, beweisen sie sofort durch eine weitere Schludrigkeit auf Sei-
te 481, wo auf einer Asien-Übersichtskarte der „Hotspots of key future climate impacts“ aus den 500.000 Quadratkilometern an Himalaya-Gletschern plötzlich solche des „Tibetian Plateaus“ wurden. Sind ja rund 1000 Kilometer vom Himalaya entfernt, diese Gletscher des Tibetischen Hochlandes.

Dass meinungsgesteuerte „Studien“ von Greenpeace oder WWF ebenso wenig Platz in einem IPCC-Report haben sollten wie solche von Shell, Exxon oder der Münchner Rück, ist für mich eine unabdingbare Voraussetzung für Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit. Dass Schludrigkeiten, wie sie nun im Band zwei zutage gekommen sind, zwar nichts an den größtenteils seriösen Aussagen des gesamten IPCC-Berichts ändern, magWohlmeinenden klar sein, mich inklusive; dass damit wieder einmal die „heiligen Mittelzwecker“ mit einer ihrer überflüssigen Übertreibungen ihrer eigenen „guten Sache“ großen Schaden zugefügt haben, ist ihnen hoffentlich nun auch klar – oder noch immer nicht?

Es sind schon seltsame Blüten, die da im Jahr 15 nach Kyoto ausgetrieben sind –keine erfreulichen, trotz ihres unbestreitbaren Unterhaltungswertes. Doch Unterhaltung war wohl nicht das Ziel jener, die ob des Scheiterns der Konferenz der 15.000 in Kopenhagen am Boden zerstört sind und den Weltuntergang nun als unausweichlich ansehen. Wie weit der Klimaextremismus gehen mag, ahne ich spätestens, seit ich von einem sicher wohlmeinenden Diskutanten in einer Kopenhagen-Diskussion den wörtlichen Ruf nach einem „Klimadiktator“ hörte. Die Demokratie ist mir ein zu hoher Wert – auch um eines noch so hehren Zieles willen darf sie niemals, auch nicht für eine gewisse Zeitspanne, sistiert werden.

Woher kommt aber die Verzweiflung über das Nullresultat von Kopenhagen? Wohl davon, dass die Erwartungen derartig hochgepuscht und der zur Debatte stehende Weg zum einzig möglichen stilisiert worden war. Und dass ständig getrommelt wurde, die einzige Alternative zum sofortigen „seal the deal“ wäre in letzter Konsequenz die totale Katastrophe: Sie erinnern sich an „das Aussterben der Menschheit innerhalb weniger Generationen“?

Nun stand in Kopenhagen allerdings nur ein einziges der IPCC-Zukunftszenarien zur Diskussion: die von oben geplante B1-Welt, die zur „+2-Grad-Welt“ gegen Ende des Jahrhunderts führen soll. In diesem Szenario wird alles der Reduktion des Gebrauchs fossiler Energiequellen (Kohle, Erdöl, Erdgas) untergeordnet – und das notwendigerweise international akkordiert, schnell und daher nur mit drastischen Sanktionen zu erreichen. Jeder, der deren Notwendigkeit abstreitet, macht seinen Lesern, Steuerzahlern, seinen Wählerinnen und Wählern etwas vor. Dass derartiges in Kopenhagen unrealistisch war und wohl auch dieses Jahr in Mexiko auf der COP16 nicht durchsetzbar sein wird, ist sehr wahrscheinlich. Zu groß sind nicht zuletzt die diesem Weg in die Zukunft immanenten Ungerechtigkeiten.

Mir erscheint das Leitszenario von IPCC, die „A1B-Welt“, nicht nur realistischer, sondern als pragmatische Alternative durchaus brauchbar: Dort sind stabilisierende Effekte gegen Ende des Jahrhunderts zu erkennen, wenn auch auf ein Grad höherem Niveau. Und wenn aus ganz anderen Gründen ein Schuss „grünes B1“ dazukommt, wie etwa aus dem Bestreben nach mehr Unabhängigkeit von denen, die auf den fossilen Energiereserven sitzen, soll das willkommen sein.

Es mag in dem allgemeinen Katzenjammer nach Kopenhagen nicht angemessen klingen, aber es gibt sehr wohl Alternativen zum nicht nur klimatischen, sondern auch politischen Horror der „A2-Welt“ (sie erinnern sich: 15 Milliarden Erdbewohner im Jahr 2100, wachsende ökonomische Unterschiede, Krieg, Hunger). Der vielleicht durchaus mögliche B1-A1B-Mix sollte am Ende des 21. Jahrhunderts bei einer stabilen Zahl von sieben Milliarden Menschen enden, in einer Zivilisation, die es zu großem technologischem Fortschritt gebracht hat, mit dem sie wohl auch das zusätzliche eine Grad Erwärmung durch eine vernünftige Kombination aus Vermeidungs- und Anpassungsstrategien wird verkraften können. Diese Hoffnung möchte ich Ihnen nicht aufschwatzen, sondern sie in aller Bescheidenheit zur offenen Diskussion stellen. ■


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