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Melken, melken, melken

09.04.2010 | 18:40 | Von Bodo Hell (Die Presse)

Rauris heruntergezählt oder: Vom Erfolgsrezept, aktuelle Literatur der Gebirgsluft auszusetzen. Ein 40-fachesHoch den 40. Rauriser Literaturtagen!

(40)kaum hat man, von Norden her kommend, Lend unten im Haupttal passiert,schon stellt sich für Motoristen (heute wie damals und stets) die Frage: wie sollen wir zufahren ins goldige Raurisertal: über die heiter entblößte Embacher Hangschulter oder bequemer, die Hauptstraße von Taxenbach her kurvend, düsterer, übern Pass? gleichwie: ein erstes Hoch den Rauriser Literaturtagen
(39)seit das Autoren-Auditorium, die Autorinnen-audition (quasi als letztes Aufgebot) ans verlängerte Wochenende des Wintersaisonschlusses verlegt worden ist, seitdem reichen die Pisten mit ihren Schneezungenspitzen kaum mehr bis auf den Talboden herab, und somit scheint der mental-touristische Zugzwang nach oben fürs Erste gestoppt, gleichwie: ein zweites Hoch den Rauriser Tagen
(38)auf der Umfahrung am linken Ufer der Ache unterwegs, könnte man den Marktort ohne Weiteres versäumen (vorbei an Rauris Nord, Rauris Zentrum, Rauris West), das würde dann bedeuten: von der Südseite her retour in die beruhigte Zone zu den prall gefüllten Wirtsstuben und Vorlesehäusern des Ortskerns sich durchschlagen zu müssen, am Exschmied vorbei
(37)wenn wir den weiland Pongauer Thomas (Bernhard, seinerseits unwillig) gar als Rauriser Pionier der ersten Stunde zu bezeichnen uns erdreisteten, dann träte dieser gewiss sofort mehr als einenDistanzschritt zurück, oder er wäre sowieso bereits im Friedhof verschwunden, folgende Namen von den Grabsteinen ablesend: Kaiserer, Zembacher, Langreiter, Rathgeb, Schöngassner, Palfinger, Lohninger, Pirchner, Ellmauer, Loitfellner, Rasser
(36)nicht Don Giovanni, sondern Donna Juana lässt sich in dieser Performance vernehmen, thematisch 2006 zu Mozart gestellt,assistiert von 6 Viril-Instrumenten hinter Mollino-Bahnen, ausgeführt von so einem schneidenden Frauenorgan, wider die kruden männlichen Traumgespinste, drunten in der rießlegger-mayr'schen TopTennishalle, Otto (Lechner) und Anne (Bennent) aber erscheinen am Morgen darauf, als sei nichts geschehen, ein fellinisches Paar, auf der Rauriser Marktstraße, bunt gewandet und allem Anschein nach glücklich wie nie?
(35)seien Sie ehrlich: Sie waren schon oben am Fröstlberg, immer der Nase nach, vom frischenBrotduft emporgezogen, bis hinüber zur Kalchkendlalm, zu Roswithas „Schule am Berg“, dieser zweitberühmtesten Holzofenbäckerin der westlichen Welt, Sie haben (man schnuppert es) unterwegs schon Käse beim (vulgo) Auerbauer gekauft, und Sie haben gar die wallnerschen Geißen (Tauern- schecken wie Pfauenziegen) keck beim Wiederkäuen gestört?
(34)Tristan/Isolde, unter dem Schutz von Santa Cecilia, diesmal (2004) wird sogar die Rauriser Pfarrkirche dem Ansturm der Worteund Töne gerecht, bischöflich großzügig für die Liebe, für den Liebestod zur Verfügung gestellt
(33)einsilbig vor Jahren (2003): Dick/Glück/Jens/Jens/Pock, einsilbig heuer (2010): die Preisträger Klupp und Fritz, seit den Anfängen Muschg, nicht zuletzt Hell, zweisilbig detto damals: Faber, Röggla, Krausser und Krüger, dreisilbig auch: Haslinger, Kolleritsch, Neudecker, in versuchter Nähe, nicht zu vergessen: Pedretti
(32)sollen wir jetzt schon die erkleckliche Anzahl von Toten/Verstorbenen aufrufen, sie namentlich nennen, dem Publikum in bester Erinnerung, Rauris lose oder gar innig verbunden, diskret beiseitegetreten, mit Eklat abgegangen, hingedämmert, Hand ansich gelegt, unbemerktvertschüsst: Amanshauser, Artmann, Bachmann, Wolfgang Bauer, Bayr, Bernhard, Burger, Busta, Domin, Eich, Eisendle, Grünmandl, Hagelstange, HamburgerMichael, Heißenbüttel,Hildesheimer, Innerhofer, Jandl, Walter Jens,Johnson, Landgrebe, Lebert, Meta Merz, Sebestyen Gyula, Hilde Spiel, Struck, Weigel und Zenker, und die eine/den anderen verschwiegen?
(31)Kinder, Studierende, Bibliothekarinnen,Störlesungen, Klaus Gmeiners stetiges Hör- und Zimmertheater: wer einmal hier vor der Klasse, vor interessierten Erwachsenen gestanden oder im Herrgottswinkel, im Turnsaal gesessen ist und vielleicht Auskunft zu geben die Freude hatte, der wird augenblicklich wahrnehmen, wie viel Begeisterungsfähigkeit und Eigensinn ihm dabei entgegenschlug/schlägt, jaja: die Hauptschülerinnen der Marlies Sommerbichler haben mit Spürsinn alte und neue Rauriser Sagen, Begebenheiten aus ihrem unmittelbaren Umkreis erfragt und gesammelt
(30)das Theaterstück mit dem kulinarisch korrekten Titel Mohr im Hemd rollt am Schnürchen ab, in der halben Sporthalle des Rauriserhofs, nein: es hantelt sich am Strick vorwärts, an einem alten Bergsteigerhanfseil, vor gemalter Gipfelkulisse, der Klarinettist (Renald Deppe) sitzt während der gesamten Aufführung am Dach des UmkleideAlmhäuschens und unterfüttert die SchauspielerInnen nach Kräften, ganz solistisch, mitunter nur mittels Mundstückmusik, die verdutzte Ziege Capella (das Rauriser Wappentier, nach dem Sternbild benannt) wird zum Schlussapplaus lebend hereingeführt und dem staunenden Autor übergeben, pro forma, sie verschwindet anschließend wieder bis zum Frühjahr im Stall, o Schreck: zur Abholung im Juni für den kommenden Almsommer bleibt die gestiftete Pinzgauer Ziege im gesamten Raurisertal unauffindbar, auch auf Nachfrage hin will sie niemand jemals leibhaftig weidend irgendwo wahrgenommen haben (also nichts, nur leere Anhängerkilometer)
(29)die Schweizer Autorenkolleginnen verdienten selbstredend ein ausführliches Kapitel, sie müssen sich aber leider mit ebendieser Feststellung begnügen
(28)mit Friederike Mayröcker ohne Heu im Heustadlhof auf Störlesung (Erich und Margot Langreiters AbfindungsSchnaps wird die kommenden Jahre für besondere Anlässe immer wieder hervorgeholt und sogleich zurückgestellt), der HeustadlBauer treibt seine Kühe sommers auf die nahe Karalm und das Galtvieh auf die ferne Diesbachalm weit ins hinterste Seidlwinkltal Richtung Glockner hinein, Neuschnee Lawinengefahr: also doch keine Skitouren ins Abseits, sondern einfach (mit Wolf und Vroni) von der Hoch- und der Heimalm zum Talgrund herunter
(27)„sind auch Buchebener Rauriser“: so fragt Catarina Carsten,die diskrete Marktschreiberin von 1984, aber sie hütet sich wohl, dieseFrage ihrerseits zu beantworten, „wollen Buchebener auch Raurisersein oder bleiben sie lieber sie selbst?“, fürs Ausweichquartier der eiskalten Leonhardskirche von Bucheben ist heute Orgelliteratur angesagt: die Kirchentür, von einheimischen Nitschgegnern aus Protest mit Kette und Schlossversperrt, wird knapp vor Beginn erst geöffnet, das Instrument einmanualig mit kurzem Pedal und 7 Registerzügen, kalte Tasten – klamme Finger, die beiden Choräle von Bach zu Beginn (Allein Gott... und Durch Adams Fall...) werden als vergebliche Aufwärmübung in wechselnder Registrierung zu Gehör gebracht, mit Wiederholungen, Lücken und Tempogeschluder, das Publikum harrt frierend aus, die Armen Seelen auf dem Wandbild des Kircheneingangs erwärmen sich am Fegefeuer, das ihnen bis zu den Hüften reicht, Hermann Nitsch hält mit 2 Holzlatten alle Tasten niedergedrückt (die weißen und die schwarzen auch), so dass man im schwebenden cluster bald ein differenziertes Klingeln zu hören vermeint, so als würde das Instrument sehr wohl von jemand Akkuratem gespielt, der Blasbalg ist überfordert, ein Ventil zum 4-Fuß im Orgelprospekt bleibt hängen, man kann die entsprechende Pfeife gerade noch aus ihrem Sitz hochheben: das Literaturkonzert wird ohne Unterbrechung fortgesetzt, der OrgienMysterienMeister lädt alle zu seinem6-Tage-Spiel ins Weinviertel ein, Schulkinder händigen ihm (dem nicht enden wollenden Vortragenden) im Gasthof Bräu diverse Kunststoff-Innereien aus, nicht nur das Maultrommelduo am Abend im Rauriserhof wird begeistert quittiert, Franz Hohler liebevoll fasst (aus seinem Notizbuch zitierend) die vergangenen Tage und Namen zusammen, sollte 1997 wirklich jenes denkwürdige Jahr gewesen sein, in dem man Ilma Rakusa die noch intakte Bäckerei inder Fürstenmühle hat vorführen können, im barocken Gemäuer, tags darauf der gesamte Ort wie ausgestorben, und Schneefall, am Kühbodensteig ist Enzian erblüht
(26)in der Michaelskapelle am Friedhof waren vor der Restaurierung 14 Totenschädel am Konglomeratblock offen zu sehen,auf Kinderaugenhöhe, die Opfer des historischen Lawinenunglücks (in SchwarzweißFotos) wurden in Reisig gebettet
(25)ein übervolles Lesefestival beim Andrelwirt in Wörth, mit der primitiven privaten Seilbahn geht's schwankend zum Hochbergbauer hinauf, hinein in den Kuhstall, stracks hinüber zur streng riechenden Bockstation, hinunter zum Geierdepot: Ninas fehlgeprägtes BartgeierMännchen lässt es sich nicht nehmen, ihr, der Menschenfrau, in seiner Voliere Nahrung zuzuführen, indem er ihr nämlich einen Fleischbrocken immer wieder an die Wange stößt, der felsigeRührkübelgipfel drüben über der Lachkendl-und Lärcheggalm gleicht einem Riesen-
kopf von der Osterinsel aus der Thor-Heyerdahl-Zeit
(24)wie zu erwarten, wird das Rauriser Erfolgsrezept (nämlich aktuelle Literatur der Gebirgsluft auszusetzen) bald anderswo für betuchte Hotelgäste wacker kopiert (etwa im Walliser Leukerbad, in der Graubündner ZumthorTherme zu Vals), doch die sträflich unterschätzten Bergler sind es in all ihrem Zeitenwandel, die das Spezifische für die Rauriser Tage garantieren, oder etwa nicht?
(23)noch einmal: es gilt, die ins Prekariat gedrängte agrarische, handwerkliche und künstlerische Urproduktion wertzuschätzen:es geht ums notwendige lebenswichtige Nahrungsmittel im weitestmöglichen Sinn, die gebürtige Wienerin Ruth Klüger (als 11-jähriges Kind nach Theresienstadt deportiert und 1947 als 16-Jährige in die USA emigriert) kommt aus Anlass des Rauriser Literaturpreises nach vier Jahrzehnten hier erstmals wieder mit Landsleuten (mit Österreichern) ins Gespräch, substanziell, von jungen Frauen umringt
(22)auf Fahrt und Gang durch den Schnee nach Kolm Saigurn mit Hans Magnus (Mang) über die Idiomatik von städtischen Verkehrstafeln diskutiert: warum etwa hält in Ö. ausschließlich ein Mann (als zweifelhafter Onkel) das kleine Mädchen des FußwegSchilds an der einen Hand empor, und welches Geschlecht fährt da auf dem Fahrrad des Fahrradwegs), im Stall vom Andrelwirt bekommt man erstmals die blauäugigen Rauriser Tauernscheckenziegen zu Gesicht, mit ihrem verwirrenden CamouflageFell und in dreiFarben obendrein, wobei die Flecken bisweilen so unregelmäßig verteilt sind, dass man nicht weiß, wie und wo ihnen ins Gesicht schauen
(21)Bienenstiche schmerzen sehr, böse Zungen noch viel mehr, so steht es auf einem Imker-Haus in der Schiefergasse geschrieben
(20)entscheidende Frage: können die einheimischen Rauriser nach kontinuierlicher Abstinenz in den letzten Jahren wieder als Publikum (nämlich als ein begeistertes) für die Lesungen in ihrem Tal gewonnen werden, gleichwie: ein 20. Hoch den 20. Rauriser Literaturtagen, zumal ab jetzt von Brita (Steinwendtner) moderiert
(19)auch auf den literarischen Konkurrenzkampf könnte man den holprigen Spruch am Gruberhaus anwenden, der da lautet: verachte nicht mich und das meine / betrachtedich und das deine / findest du ohne Tadel dich / dann komme und verachte mich
(18)Franz Mayrhofer übernimmt interimistisch die Organisation des Festivals
(17)mit Gisela Corleis noch einmaldurchs Mühlviertel gewandert, auf Erkundungsstreifzügen, unverwandt
(16)der Supergau in Tschernobyl macht alles Vorherige vergessen: man behilft sich zu spät mit Jodtabletten, mit europaweiter Isotopengrenzwertfeststellung und mit Abwiegeln sowieso
(15)und wer von der Jury konnte im Jahrdavor ahnen, dass er soeben eine spätere Nobelpreisträgerin für ihre Prosaerstveröffentlichung mit dem Rauriser Preis ausgezeichnet hatte/hat, nämlich die Rumäniendeutsche Herta Müller für Niederungen (ex aequo mit Helen Meier für Trockenwiese)
(14)man hört dem Lehrer Erwin Einzinger, man hört dem nach Deutschland ausgewanderten Schweizer Alain Claude Sulzer, man hört der (nach Günter Eich) verwitweten Ilse Aichinger, man hört demin Stil und Haltung seinem Vater Karl radikal abschwörenden Sohn IngoSpringenschmid sowie dem Berufsfischer Hans Eichhorn zu
(13)1983 findet sich die damals 41-jährige promovierte Historikerin Brita Steinwendtner in der Autorinnenrolle wieder, nämlich einen literarischen Text zum Thema Altersbewältigung für den Förderpreis vorlegend, doch was sie in der Folge für die schreibenden Kollegen zu leisten imstande sein wird und wie innig sie sich später selbst in ihre literarischen Figuren einzuschreiben vermag, wer hätte das damals gedacht?
(12)Elisabeth Reichart will, in die Kindertage zurückversetzt, manchmal auch zornig sein dürfen
(11)Preis nicht vergeben
(10)Klaus Hoffer wird in seinem „Bieresch“-Projekt bestärkt
(09)Werner Herzog attackiert Jürg Laederach et vice versa
(08)keine Prosaerstveröffentlichung in deutscher Sprache für preiswürdig erachtet
(07)die Literaturtage 1977 sind in den Dezember verlegt, eine Fußwanderung mit Studentinnen zur Einödkapelle im Talgrund hinter Wörth (mit Schmerzensmann?), hoppla: sitzt da nicht der Fotograf Kurt Kaindl auf einer polsterhoch verschneiten Ruhebank
(06)Preis nicht vergeben
(05)Franz Innerhofer gnadenlos, Walter Kappacher diskret
(04)Karin Struck betroffen, MichaelKöhlmeier generös (wer Namen einwirft, übernimmt Verantwortung)
(03)mit Peter Bichsel beim Neuwirt sitzend die Lesungen geschwänzt und nicht nur seine Kindergeschichten durchgesprochen (da jodokte der Jodok Jodok),sondern auch einen Besuch in Bellach bei Solothurn anvisiert, ein Rauriser Bauer gebraucht den für Schafe üblichen Ausdruck: rieshaarig genauso für Menschenköpfe mit schütterem Bewuchs, Adolf Muschgs Erzählung Der Zusenn oderdasHeimat spricht den Inzest geradlinig an, Peter Rosei schenkt im Warteraum von Taxenbach Wein in mitgebrachte Gläser ein, für seine Begleitung, in post-rauris-ischer Hochstimmung
(02)die allerersten JurorInnen haben dieEinreichungen durchgearbeitet, Erwin Gimmelsberger versucht Uwe Johnsons momentane MontanPhobie zu verscheuchen, vergeblich: die drohenden Berge fallen dem Autor (aus dem flachen Mecklenburg) weiterhin auf den Kopf, man hört ihn bereits von Gesine Cresspahl erzählen, Hilde Spiel weiß die Proteste und Lesungsstörungen unzufriedener Kollegen mit aller Umsicht zu kanalisieren
(01)der Name RAURIS haftet seit je am ganzen Tal, der heutige Ort und Markt wurde ursprünglich (nach dem östlichen Zufluss der Ache) Gaisbach genannt, also: die Gaisbacher Literaturtage setzen von Anfang an auf Dichtkunst aus allen (damals noch 4) deutschsprachigen Landen, erst 20 Jahre später und dann stetig wird ein neuer guter Geist auch übersetzte bzw. zweisprachige Gäste ins Programm einbeziehen, heuer z.B. Samson Kambalu aus dem innersten südostafrikanischen Gebirgsstaat Malawi am Nyassagraben (überwiegend Bantu, wie Sie wissen, Amtssprache Englisch), und so bleibt zum Schluss und Beginn jetzt nur noch: ein 40. Hoch den 40. Rauriser Literaturtagen, und so weiter auf die kommenden Jahre ■


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