Der Wahlspruch des spätmittelalterlichen Ritters Andreas Baumkircher, des Freiherrn von Schlaining,lautete: „Eine Burg für den Teufel, eine Stadt für die Welt, ein Kloster für das Himmelreich.“ Damit hatte sich der Kampfgefährte und spätere Gegner Kaiser Friedrichs III. nicht nur eine Maxime für sein Leben gegeben, sonder auch den Horizont des mittelalterlichen Denkens noch einmal abgeschritten, dem Goethe in seinem „Faust“ die klassische Formulierung gab: „Vom Himmel durch die Welt zur Hölle“. Im Spannungsfeld zwischen diesen Sphären bewegte sich der Mensch, ihnen hatte er sich zu stellen.
Die Zuordnung der Bauvorhaben des Ritters zu den Dimensionen christlich-religiöser Seinsvorstellungen ist durchaus sinnig: Die Burg repräsentiert nicht nur Macht und Schutz, sondern war auch ein Symbol für Gewalt und Krieg, für Belagerung und Verrat, und manch eine Sage erzählt von Teufelsburgen, die sich dem Bösen selbst verdanken. Das Kloster wiederum galt als Vorschein himmlischen Lebens im Irdischen, eine Enklave der Transzendenz in der profanen Welt. Und die Stadt war das sinnige Synonym für diese Welt – nicht das Land, nicht das Dorf. Insoweit der Mensch in dieser Welt, irgendwo zwischen Himmel und Hölle, lebt und leben muss, wird ihm die Stadt zur angemessenen Existenzform und zum Bild und Abbild seiner Weltlichkeit. Eine Stadt aber wird Andreas Baumkircher auch zum Verhängnis. Gegen die Zusicherung freien Geleits begibt er sich zu Verhandlungen mit Friedrich III. nach Graz, wird hintergangen, gefangen genommen und am 23. April 1471 vor den Toren der Stadt öffentlich hingerichtet. Sein Kloster konnte der Heerführer deshalb nicht mehr bauen, für das Himmelreich blieben in dieser Welt und ihren Städten kein Platz und keine Zeit mehr.
Urbanität im 21. Jahrhundert also. Die Bedeutung, die Urbanität in der Gegenwart hat und in der nahen Zukunft haben wird, resultiert auch aus einem Denken, das tief in die europäische Vergangenheit reicht und eben in der Stadt den Inbegriff von Welthaltigkeit sah. Alles, was menschliches Leben und Zusammenleben im Guten wie im Schlechten ausmacht, scheint in der Stadt seinen intensivsten Ausdruck zu finden. Die Stadt ist der Ort der Hoffnungen und der Ängste, der Sehnsüchte und der Begierden, Stadtluft macht frei, hieß es im Mittelalter, Stadtluft macht krank, heißt es unter den Smogglocken moderner Großstädte, die Stadt wird als Ort der Individualität, der Kreativität und der unbegrenzten Möglichkeiten gesehen, aber auch – vor allem die Großstadt – als unersättlicher Moloch, eine Maschine, die Menschen ansaugt, aussaugt und wieder und ausspeit.
Eine Stadt ist immer in Bewegung, kommt nie zur Ruhe, die Rhythmen der Verkehrsströme und der industriellen Arbeit, die künstlichen Beleuchtungen haben den natürlichen Wechsel von Tag und Nacht, von Aktivität und Ruhe längst abgelöst. Eine Stadt verheißt den Schutz und die Freiheit der Anonymität und droht mit der Gleichgültigkeit von Menschen, die beziehungslos nebeneinander, aber nicht miteinander leben können.
Eine Stadt ist aber immer mehr als eine Agglomeration von Wohnbauten; eine Stadt ist mehr als eine Ansammlung von Menschen; eine Stadt ist mehr als ein Geflecht von Straßen; eine Stadt ist mehr als eine Anhäufung von Geschäften; eine Stadt ist mehr als eine nicht abreißbare Kette von Verkehrsströmen, die sich immer wieder zu Staus verdichten. Eine Stadt ist eine spezifische Form der Organisation menschlichen Lebens und Zusammenlebens, und trotz aller Wandlungen, die europäische Städte in den vergangenen zweieinhalb Jahrtausenden in ihrer Gestalt und ihrer Funktion, in ihren Rhythmen und in ihrer Identität erfahren haben, hielt sich etwas durch, was man den Geist der europäischen Urbanität nennen könnte. Und ob die Städte der Zukunft noch lebenswert sein werden, hängt auch davon ab, was sich von diesem Geist behaupten und immer wieder neu gewinnen lässt.
Urbanität meinte nie nur ein verdichtetes Siedlungsgebiet, sondern stets eine spezifische Form von Kultiviertheit. Für die antike und mittelalterliche Rhetorik bezeichnete Urbanitas einen bestimmten Schreib- und Sprachstil, der durch Eleganz, Subtilität, Witz, Einfallsreichtum gekennzeichnet war. Die Weltläufigkeit und Toleranz, die man bis heute gerne als urbanes Verhalten beschreibt, haben in dieser Urbanitas eine ihrer Wurzeln. Nur in der Stadt lassen sich diese Eigenschaften und Tugenden ausbilden, nur in einer Stadt mit ihren vielfältigen Erfahrungs- und Begegnungsmöglichkeiten gibt es diese spezifische Form einer Kultiviertheit, die freilich bis zur blasierten Attitüde des Dandys, bis zur Arroganz des Snobs und zur überheblichen Selbstgefälligkeit der Yuppies und Bobos reicht.
Die Stadt produziert auch Überlegenheitsgefühle, die mitunter alles anders als angebracht sind. Eine seit der Antike tradierte Pointe von Urbanität als einer spezifischen Kultur besteht übrigens darin, dass diese sich als Gegenbild und Gegenmodell zur ursprünglichen Kultur versteht, die eben, wie das Wort andeutet, Agrikultur, die Kultivierung des Landes, gewesen war. Urbanität, so könnte man sagen, ist die Kultivierung des Menschen ohne Grund und Boden. Das macht die Freiheit, aber auch die Gefährdung des städtischen Lebens aus.
Die europäische Stadt ist durch einige Charakteristika gekennzeichnet, die sich, wenn auch in unterschiedlicher Form und Intensität, generell feststellen lassen. An diesen lässt sich auch die zukünftige Entwicklung und Bedeutung der Städte messen und bewerten. Vorab ist die europäische Stadt durch ihre historische Tiefendimension gekennzeichnet: Ihre Wurzeln reichen weit zurück, in Südeuropa und im Gebiet des ehemaligen Imperium Romanum bis in die Antike, ansonsten zumindest bis ins Mittelalter. Was aber bedeutet diese Geschichtlichkeit für eine moderne europäische Stadt? Unmittelbar sind viele Städte durch die Schichten der Vergangenheit geprägt: An der Anlage, dem Stadtkern, den Bauten, manchen Straßenverläufen lässt sichbis heute die wandelnde Geschichte einer Stadt ablesen, die gleichzeitig in ihrer Erscheinungsform verschiedene Epochen repräsentiert. Antike Mauerreste, frühchristliche Gräber, mittelalterliche Stadttore, spätgotische Rathäuser, Arkadenhöfe aus der Renaissance, barocke Sakralbauten, klassizistische Stadtpalais, Bürgerhäuser und Mietskasernen der Gründerzeit, Jugendstilfassaden, Bauhausarchitektur, klassische Moderne und postmoderne Shoppingcenter: All das mag sich in einer durchschnittlichen europäischen Stadt finden, prägt ihre Atmosphäre und bestimmt das Lebensgefühl ihrer Bewohner und Besucher.
Städte in diesem Sinne sind Speicher des kollektiven Gedächtnisses, Erinnerungsorte im Wortsinn, die nicht nur an Vergangenes gemahnen, sondern auch – insofern diese Zeugen der Vergangenheit noch funktionsfähig und Teil des aktuellen Stadtlebens sind – augenfällig demonstrieren, wie Vergangenes weiterleben kann. Keine Stadt also ohne Stadtgeschichte, nur in der Stadt – ganz anders als auf dem Land, wo die Zeugen der Vergangenheit isoliert in der Landschaft stehen: Ruinen, Burgen, Schlösser, alte Gehöfte – fügen sich die Schichten der Geschichte zu einem lebenden Ensemble, zu einer Einheit, an der immer weiter gebaut wird. Sich dessen bewusst zu sein und in der Stadt, in der man lebt, auch diese Dimension geronnener europäischer Erfahrungen wahrnehmen zu können, ohne der Gefahr der Musealisierung zu erliegen, muss eine wesentliche Aufgabe einer Stadtpolitik sein, die sich der Bedeutung der Städte als lebendes Gedächtnis bewusst sein will.
Die europäische Stadt, und das hat natürlich auch mit ihrer Entstehungsgeschichte zu tun, definiert sich durch die Differenz zu ihrem Umfeld: dem Land. Städte haben Grenzen, weniger scharf formuliert: Ränder. Nur dort, wo man auch am Stadtrand leben kann, handelt es sich im strengen Sinn um Städte. Das hat viel mit der ursprünglichen politischen Verfasstheit von Städten zu tun, ihren Sonderrechten, ihren Privilegien, ihren autonomen Verwaltungs- und Regierungsformen. Man darf in diesem Zusammenhang nicht vergessen, dass ein wesentlicher Teil unserer politischen demokratischen Kultur auf diesen autonomen, abgegrenzten Rechtsraum der Städte zurückzuführen ist.
Die Demokratie ist eine Erfindung der Polis, der antiken griechischen Stadt, die sich als politische Einheit verstand. Die Idee und der Begriff der Politik selbst gehen auf diese Deutung der Stadt zurück, ebenso der Bürger, der unabhängige Gerichtshof, die Versammlung als politisches Gremium, auch die Idee, dass Städte als Subjekt und Objekt politischen Handelns in ihrer Entwicklung nicht dem Zufall überlassen werden dürfen, sondern dass die Bürger einer Stadt auch über deren Gestalt und die Regeln, die in ihr gelten, bestimmen sollen. Es ist nicht die territoriale Flächenherrschaft, die vielleicht älter ist als die Stadt, es ist auch nicht das Netz persönlicher Abhängigkeiten, das die feudalen Herrschaftsformen bis an die Schwelle zur Moderne kennzeichnete, es ist die selbstbewusste Stadt, die zum Modell für moderne politische Strukturen wurde.
Die gewachsene europäische Stadt ist durch eine weitere Differenz charakterisiert: die zwischen Zentrum und Peripherie. Historisch gewachsene Städte haben definierte Zentren, oft entstanden aus den mittelalterlichen Stadtkernen, mit zentralen Plätzen, Märkten und den Repräsentationsbauten der verschiedenen Epochen: politischen Verwaltungsgebäuden, religiösen Bauten, Theatern, Schulen und Banken. Zu einem entfalteten urbanen Lebensgefühl gehört dieser Wechsel zwischen dem Zentrum, um dieses Zentrum arrangierten inneren Bezirken und den äußeren Bezirken einer Stadt.
Die Geschichte des 20.Jahrhundert hat an einigen „geteilten“ Städten gezeigt, was es heißt, solche Zentren außer Kraft zu setzen. Auch wenn man zwischen 1945 und 1989 den Kurfürstendamm in Westberlin zu einem Quasizentrum der geteilten Stadt aufwerten konnte, war klar: Das Zentrum Berlins ist anderswo. Seit dem Fall der Mauer ist Berlin Mitte – auch mit großem finanziellem Aufwand – wieder zum Zentrum dieser deutschen Metropole geworden, der Kurfürstendamm wirkt mittlerweile allerdings seltsam verödet.
Die Differenz von Zentrum und Peripherie berührt dabei ganz wesentlich jenen Aspekt, den wir bis heute mit dem Begriff der Urbanität, sofern wir diesen positiv besetzen, verbinden: Kultur. Natürlich: Die Kultur ist keine Erfindung der Stadt, und der Anteil der Kirchen, der Klöster, der Fürstenhöfe an der Entwicklung der europäischen Kultur ist höchst bedeutsam. Aber Kultur in einem modernen Sinne, als Ausdruck ästhetischer Autonomiebestrebungen, als Repräsentation bürgerlichen Selbstbewusstseins, als Manifestation kritischer Stellungnahmen, als Kommunikations- und Lebensstil lebt von den Verdichtungsmöglichkeiten, die sich in gewisser Weise nur in Stadtzentren ergeben.
Als prägendes Element einer Stadt ist Kultur tatsächlich ein relativ spätes Phänomen, vieles, was das kulturelle Leben und die Architektur von Stadtzentren bis heute auszeichnet – Museen, Theater, Konzertsäle, Opernhäuser, Galerien, Bibliotheken, Schulen, Universitäten –, stammt aus dem 19. Jahrhundert und ist auch Dokument der Ablösung des aristokratischen Lebensstils durch die städtische Welt des Bürgers.
Die Stadt hat aber, wie keine andere Lebensform, im wörtlichen und übertragenen Sinn eine Kehrseite. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die ersten Metropolen wie Paris und London, wenig später dann Berlin und Wien in Europa entstanden, stellte sich der Philosoph Karl Rosenkranz in seiner heute leider vergessenen „Ästhetik des Hässlichen“ die interessante Frage, was wohl wäre, könnte man eine Stadt wie Paris einmal umkehren, sodass das Unterste zuoberst käme. Nicht bloß die „Jauche der Kloaken“, sondern auch die lichtscheuen Tiere, die Mäuse, Ratten, Kröten und Würmer, die alle von Abfall und Verwesung leben, würden zum Vorschein gebracht werden, und all dies würde ein höchst ekelhaftes Bild ergeben.
In der Tat: Jede Stadt hat ihre Geheimnisse, ihre Unterwelt, ihre Keller und Katakomben, ihre dunklen Kanäle und geheimen Gänge, und niemand weiß, was dort wirklich geschieht. Seit Carol Reeds Filmklassiker „Der dritte Mann“ gehört das Absteigen in urbane Unterwelten zum ständig wiederkehrenden Motiv urbaner Geschichten. Urbild dieses Sujets war übrigens der Roman „Die Geheimnisse von Paris“ des französischen Schriftsteller Eugène Sue aus dem Jahre 1843, in dem zum ersten Mal diese Kehrseite der Stadt – Massenarmut, Kriminalität, Alkoholismus, Prostitution, Krankheit, Hunger, Elend, Brutalität, Grausamkeit – anschaulich geschildert wurde. Angesichts der sozialen Spannungen, die in naher Zukunft zu erwarten sind, könnte diese Kehrseite der Stadt wieder stärker ins allgemeine Bewusstsein und in die allgemeine Wahrnehmung rücken, als uns lieb sein kann. – Städte sind, von alters her, immer auch die Orte gewesen, an denen es einerseits möglich wurde, dass viele Menschen zusammenleben, was andererseits aber auch eine Binnendifferenzierung in unterschiedlicher Weise und in mitunter prekärer Intensität erlaubte, ja vielleicht notwendig machte. Städte sind die Orte, in denen Verschiedenstes eine Einheit bilden kann. Städte faszinierten immer schon dadurch, dass sie vieles, was ansonsten nur als Vereinzeltes und Isoliertes oder in einer homogenen Form erscheinen konnte, zur gleichen Zeit am selben Ort vereinen konnten. Die unterschiedlichen sozialen Schichten finden sich ebenso in einer Stadt wie die Angehörigen verschiedener Religionen, Ethnien, Sprachgemeinschaften, Berufsgruppen oder Lebensstile.
Städte sind so immer auch soziale höchst differenzierte und komplexe Arrangements von Menschen höchst unterschiedlicher Prägung. Das provozierte immer schon die Frage, wie diese Unterschiede im alltäglichen Leben einigermaßen konfliktfrei arrangiert werden können. Es gehört zur Logik einer Stadt, dass man dieses Problem durch topografische Ausdifferenzierung zu lösen versucht, das heißt: Die Angehörigen einer wie immer definierten Gruppe konzentrieren sich in bestimmten Teilen einer Stadt, manchmal nur einer Straße oder einigen Straßenzügen, manchmal dominieren sie ganze Stadtviertel.
Hinter diesem Konzept der topografischen Ausdifferenzierung steht der Gedanke, dass sich Differenzen am besten leben lassen, wenn man sie in einem Nebeneinander, nicht in einem Miteinander oder gar Durcheinander belässt. Ungebrochen gilt diese Konzeption natürlich nicht. Was in manchen funktionalen Bereichen durchaus plausibel erscheint – wir sind froh, dass Industrieanlagen nicht quer über Wohnbezirke verteilt werden –, wird in anderen durchaus problematisch: Die Aufteilung in reine Bürobezirke, die des Nachts ausgestorben sind, und Schlafstädte, in denen sich am Tag kaum etwas rührt, kann als ebenso unbehaglich empfunden werden wie die Trennung zwischen Wohnbereichen und davon beträchtlich entfernten Shopping-Citys. Noch problematischer wird die Möglichkeit topografischer Differenzierung im Bereich des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Ethnizität, Religion oder Herkunft, auch wenn gerade in Zeiten großen Migrationsdrucks solche Entwicklungen bis zu einem gewissen Grad unvermeidlich scheinen. Die Balance zu halten zwischen einem Nebeneinander, das nicht in die Formierung von sozial abgeschnittenen Parallelgesellschaften führt, die tatsächlich ein eigenes Universum in einer Stadt bilden, und einem Miteinander, das nicht pausenlos Reibungsflächen und Anlässe für Konflikte bildet, gehört zweifellos zu den größten Herausforderungen der Stadtpolitik in der Gegenwart und in der Zukunft.
Neben den topografischen Differenzierungen unter dem Gesichtspunkt der Herkunftskulturen der Migranten gehört die soziale Differenzierung zu den großen Herausforderungen jeder Stadt. In den Städten kommt alles zusammen und muss sich doch voneinander scheiden, auch Arm und Reich. Traditionelle Wohnformen in eng umgrenzten innerstädtischen Arealen – die bürgerlichen Wohnbezirke und die Arbeiterviertel – werden hier ergänzt und zum Teil abgelöst von neuen Zuschreibungen als Resultat dynamisierter sozialer Prozesse: Ganze Stadtteile können durch Verarmung abgewertet, andere, die als „angesagte“ Wohngegend von einer kaufkräftigen, meist jüngeren Klientel entdeckt werden, können rasante Aufstiege erleben. Die Immobilienpreise und Investitionsvorhaben sind meist ein guter Indikator für solche Entwicklungen.
Solange es soziale Differenzen geben wird – und sie werden in naher Zukunft zunehmen –, wird die Stadt auch der Ort sein, wo diese in aller Schärfe sichtbar sein werden. Solange es eine kommunale Politik gibt, die die Macht und die ökonomischen Ressourcen hat, in solche Prozesse korrigierend, mitunter vielleicht sogar gestaltend einzugreifen – durch Stadtteilsanierungen, Durchmischungsprojekte, Schaffung von Verkehrsanbindungen, Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit und zur Hebung des Bildungsniveaus, Maßnahmen zur Stärkung des Bewusstseins, bei aller Differenz Bewohner einer Polis zu sein –, können solche Differenzen auch einen durchaus dynamisierenden Charakter haben. Man zog immer schon in die Stadt, um dort sein Glück zu versuchen, an einen Ort, der gerade aufgrund seiner Heterogenitäten mehr Chancen bietet als jeder andere Form des Zusammenlebens.
Dort aber, wo die divergierenden sozialen Kräfte nicht mehr kontrolliert werden können, die legalen und illegalen Märkte ihre eigene Dynamik ungebremst entfalten, kein Ausgleich mehr versucht werden kann, zerfallen die Städte unerbittlich nicht nur in Gebiete mit unterschiedlichem sozialem und kulturellem Gepräge, sondern in geschlossene, voneinander abgeschottete Welten. Den No-go-Areas einer kriminalisierten und pauperisierten Unterschicht, in die sich nicht einmal mehr die Polizei wagt, stehen dann durch Kontrollen, privates Sicherheitspersonal und Mauern geschützte Wohnareale der Superreichen gegenüber, Lebenswelten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und miteinander nichts mehr zu tun haben, auch wenn sie sich nominell in einer Stadt befinden. ■