09.09.2010 12:14 | Meine Presse Merkliste0

Jazz für die Ewigkeit

09.07.2010 | 18:35 |  Von Thomas Vieregge (Die Presse)

Eine Stadt ist dabei, sich neu zu erschaffen: New Orleans, fünf Jahre nach dem Hurrikan „Katrina“. Wo der Staat versagt, springt die Zivilgesellschaft ein. Ein Lokalaugenschein.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Unter der stechenden Vormittagssonne brütet der Lower Ninth Ward vor sich hin. Vereinzelt wächst Leben aus den Häuserruinen rund um die North Clairborne Avenue. Hier plärrt Musik, dort halten schwarze Jugendliche ein Schwätzchen auf der Veranda. Zwischen Bretterbuden wuchert das Unkraut, ganze Häuserzeilen sind verlassen und verfallen, viele Läden sind geschlossen. Wie Kainsmale tragen die vernagelten Türen und mit Spanplatten abgedeckten Fenster der Holzhäuser weiße Kreidezeichen, mit denen die Nationalgarde vor fünf Jahren die Toten der Hurrikan-Katastrophe markiert hat: für jeden Toten ein Kreuzchen.

Nirgends in New Orleans sind die Spuren von „Katrina“ noch so sichtbar wie im Lower Ninth Ward, unmittelbar an einem der Dämme, die damals gebrochen sind. Das Wasser hat sich wie in eine Schüssel ergossen, die Fluten begruben 80 Prozent der Stadt unter sich und verwandelten das Gebiet wochenlang in eine Kloake.

An der Kreuzung der Tennessee Street erinnert ein Denkmal an den Exodus ihrer Bewohner, eine eingerissene Sternenbanner-Fahne symbolisiert den Untergang und den trotzigen Wiederaufstieg. Vor einem Wohntrailer hat einer eine Tafel in den Rasen gerammt: „Die Wurzeln gehen hier tief.“

Vis-à-vis hangeln Arbeiter am Dachstuhl herum und hämmern, der Schweiß rinnt ausallen Poren. Hier entsteht ein neuer Block, schöner und robuster als zu seinen besten Zeiten. Wie aus einem Lehrbuch für moderne Architektur muten die ein wenig futuristischen Öko-Häuser in knalligen Farben undmit Solarpaneelen an. Um Hochwasser fernzuhalten, ruhen sie auf Stelzen.

„Es war wie ein Weihnachtsgeschenk“, sagtGloria Maye im schleppenden Südstaaten-Singsang. Zwei Tage vor Weihnachten ist sie als eine der Ersten in eines der Häuser eingezogen. „Nach Katrina war ich am Boden zerstört. Das Wasser hat uns ausgelöscht. Uns sind nur ein paar Stunden geblieben. Wir sind dann nach Houston übersiedelt und drei Jahre dort geblieben.“ Seit ihre Tochter gestorben ist, sorgt sie für ihre acht Enkelkinder, alle im Schulalter. „Das Viertel kommt wieder zurück, die Nachbarn kehren langsam heim.“ Im Lower Ninth Ward hatte sich der untere schwarze Mittelstand niedergelassen. Hier hatte Fats Domino sein Zuhause – und auch die Blues-Legende kam nur knapp mit heiler Haut davon.

Nebenan sitzt Gertrud La Blanc im Schaukelstuhl auf ihrer Veranda und sinniert: „Ich habe alles verloren. Ich bin froh, dass ich wieder da bin und ein Dach über dem Kopf habe. Das wird noch für meine Urenkel stehen, das hält auch einen Sturm mit einer Geschwindigkeit von 140 Meilen aus.“


Brad Pitts Projekt „Make it right“

30 Jahre wird Gloria ihren Kredit abstottern, bis das Haus in ihr Eigentum übergehen wird. Andere haben ihre Sparbücher geplündert. „Make it right“ nennt sich das Projekt, dem Gloria, Gertrud und ein paar Dutzend andere ihr zweites Leben zu verdankenhaben – und einem Mann, der auf einem Gemälde im Büro der Stiftung mit Hut und Spitzbart porträtiert ist: Brad Pitt. Der Hollywood-Star mit dem Faible für moderne Architektur hat in den Nachwehen Katrinas undspäter bei den Dreharbeiten für den Film „Der seltsame Fall des Benjamin Button“ seinHerz für die Metropole am Mississippi-Delta entdeckt, wo die Kulturen sich seit jeher mischen und kreolische und karibische Einflüsse bis heute ihre Wirkung entfalten. New Orleans – das ist wie New York oder San Francisco eine Insel der Einzigartigkeit und Widerborstigkeit im amerikanischen Einheitsbrei der Suburbs und Shopping Malls. Angewidert vom Versagen der Bush-Regierung bei der Katastrophenhilfe und der Unfähigkeit der lokalen Behörden hat Pitt in bester amerikanischer Tradition die Initiative ergriffen, um den Bewohnern finanziell unter die Arme zu greifen und einen Teil des Viertels wiederaufzubauen. Die Menschen, so die Idee von „Make it right“, sollen wieder auf ihren Grund und Boden zurückkehren.

Das Superdome, das Football-Stadion, war in den stickigen Spätsommertagen des Jahres 2005 vorübergehend ein infernalischer Zufluchtsort für Zehntausende Verzweifelte. Viele haben Hals über Kopf die Stadt gleich verlassen, und in den Monaten danach sind ihnen eine Viertel Million Menschen gefolgt. In Houston, Austin und selbst in Salt Lake City entstanden Exil-Gemeinden der Katrina-Opfer.

Inzwischen sind 100.000 bis 150.000 wieder heimgekehrt, schätzt der Historiker Robert Dupont von der University of New Orleans. Auch seinen Nachbarn stand das Wasser damals bis über den Kopf. „Die Leutewaren in ihrer Not ganz auf sich allein gestellt, plötzlich wurden manche zu Freunden, die sich vorher kaum gekannt hatten.“ Spontan haben sich private Initiativen gebildet.Die Zivilgesellschaft sprang ein, wo der Staatsich in den Mühlen der Bürokratie verfing.

Im „Beacon of Hope“, dem „Leuchtturm der Hoffnung“, lebt eine Selbsthilfeorganisation aus jenen Tagen fort. In zwölf Vierteln von New Orleans gehen die Aktivisten der episkopalischen Kirche meist älteren Leuten bei den Dingen des Alltags zur Hand,erledigen Handwerksarbeiten und liefern Essen aus. „Wir haben Freiwillige aus dem ganzen Land: Studenten, die in den Ferien aushelfen; Leute aus einer Kirchengemeinde aus Seattle, die für eine Woche hergekommen sind; Kadetten der Militärakademie von West Point“, erzählt Mary Kay Graves. Die Frau im schwarzen T-Shirt mit aufgedrucktem weißen Kreuz ist als Freiwillige aus Tennessee nach Orleans gekommen und hängen geblieben. – „Wir bringen einen zähen Menschenschlag hervor“, meint Bob Dupont. „Aber es wird noch zehn bis 15 Jahre dauern, bis alles wieder so ist, wie es einmal war.“ Doch die Zeichen für eine Renaissance sind unleugbar. Ganze Straßenzüge sind wegen Dreharbeiten gesperrt, an allen Ecken und Enden flicken Arbeiter an den desolaten Straßen herum. Der Tourismus boomt. Das French Quarter, das Vergnügungsviertel rund um die Bourbon Street, pulsiert wie eh und je. Katrina-Touren sind der große Renner: Hinter einem Fähnlein ziehen scharenweise Neugierige auf den Spuren der Katastrophe durch die Stadt.

Zwei Ereignisse am ersten Februarwochenende markierten eine symbolische Wende im Überlebenskampf der Stadt. Während die Ostküste unter einer Schneedecke versank, erlebte New Orleans kurz vor dem Höhepunkt des berühmten Mardi-Gras-Karnevals eine Eruption des Selbstbehauptungswillens. In Miami hatten die New Orleans Saints als krasse Außenseiter die Superbowl gewonnen, das Football-Finale mit den größten Einschaltquoten des Jahres, bei dem fast das ganze Land hinter dem Underdog stand. Ein Triumph, der den „Big Easy“ in einen Freudentaumel stürzte: Die „Who-dat“-Nation, benannt nach dem Schlachtruf ihrer Anhänger, flippte aus. Dabei wären nach dem Hurrikan sogar die heißgeliebten Saints, bis dato ein Synonym für sportlichen Misserfolg, beinahe weggezogen. Tags zuvor siegte Mitch Landrieu bei der Bürgermeisterwahl mit einer überragenden Mehrheit. Der Spross einer Politdynastie – der erste weiße Bürgermeister seit seinem Vater Moon vor 32 Jahren – scharte auch die vorwiegend schwarze Bevölkerung von New Orleans hinter sich, die bitter enttäuscht war von den vollmundigen Versprechen seines Vorgängers Ray Nagin.

Bei seiner Angelobung drei Monate später schwor Landrieu im Widerhall seines Parteifreunds Barack Obama die Stadt auf eine neue Ära ein. „Hören wir auf, über den Wiederaufbau des alten New Orleans nachzudenken. Fangen wir an, von der Stadt zu träumen, die wir werden wollen. Die Welt hat ein besseres New Orleans verdient.“


Korruption und Nepotismus

Das alte New Orleans – das war stets auch ein Pfuhl der Korruption und des Nepotismus. Um die Skandale hinter sich zu lassen, hat Landrieu gleich auch einen neuen Polizeichef berufen. Und angesichts der Ölkatastrophe vor den Toren von New Orleans flehte er um Hilfe von oben: „Wir wollen das Öl nicht aus der Bourbon Street räumen.“

Unweit davon, in der Royal Street im French Quarter, hat sich unter einem Sonnenschirm eine Jazzband aufgebaut. Sie intoniert „Wonderful World“, Louis Armstrongs Ode an Schönheit, Lebensfreude und Optimismus. Armstrong ist im Jazz-Mekka aufgewachsen, er hat die Atmosphäre im Viertel Tremé gleichsam mit der Muttermilch aufgesogen. Tremé, das ans French Quarter grenzt, gilt als Geburtsort des Jazz. Hier schlug einst das kulturelle Herz der Stadt, hier keimt womöglich die Avantgarde von morgen. Seit eine gleichnamige TV-Serieim Bezahlsender HBO das Leben von Musikern, Professoren und Restaurantbesitzern in den Post-Katrina-Wirren porträtiert, grassiert ein Hype um das schillernde Grätzl um die Esplanade Avenue, das Künstler, Nonkonformisten und Homosexuelle anzieht.

Im „Lil' Dizzy's“ treffen sich die Politiker und Honoratioren gerne zum Lunch, zu Soul Food und Poboy-Sandwiches. An den Wänden des Ecklokals hängen Fotos von VIPs, von James Brown und Konsorten, und das Bild von der Inauguration Barack Obamas hat einen Ehrenplatz. Die Kellnerin summt eine Melodie und sagt: „Alles wird besser. Es gibt wieder mehr Jobs und mehr Wohnungen.“ Der Besitzer Wayne Baquet, von seinen Mitarbeitern lässig „Mister B.“ gerufen, beschwört den Genius loci als Keimzelle afroamerikanischer Geschichte – einer Gesellschaft von „Schwarzen und freien, farbigen Bürgern“. Stolz schwingt mit, wenn er sagt: „Wir sind hier mittendrin.“

Ein halbes Jahr nach Katrina hat Wayne Baquet das Restaurant wieder aufgesperrt. Etwas anderes wäre für ihn gar nicht in Frage gekommen. Das Lokal trägt den Spitznamen seines Enkelsohns. Der „kleine Dizzy“, erzählt der Opa, bläst die Trompete so wie der große Dizzy Gillespie. Es wäre nicht New Orleans, wenn in dem Musik-Biotop nicht farbige Anekdoten wie die von „Lil' Dizzy“ blühen würden. Die Stadt, die dem Untergang geweiht war, ist dabei, sich neu zu erschaffen – und greift auf seine Mythen und Legenden zurück. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2010)

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Artikel kommentieren Kommentar BookmarkBookmarken bei [Was ist das?]

Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

1 Kommentare
Gast: elginne
12.07.2010 22:14
0 0

danke

Ich bin aus Oesterreich, wohne aber selbst im Moment im New Orleans und danke der Presse fuer diese liebevolle Beschreibung einer ganz besonderen Stadt.

Top-News

  • EuGH kippt österreichisches Glücksspielmonopol
    Spielbanken dürfen in Österreich nur von österreichischen Unternehmen betrieben werden. Das widerspreche dem EU-Recht, wie der EuGH nun entschied. Auch die ausschreibungslose Konzessionsvergabe sei rechtswidrig.
    Immofinanz: Wohin flossen die Millionen?
    Die Buwog-Prämie an Meischberger und Hochegger ist nur die Spitze eines Eisbergs. Ihnen wird vorgeworfen, Infos über das Angebot der CA Immo von Grasser & Co. erhalten und der Immofinanz verraten zu haben.
    "Reichensteuer": Druck auf Faymann steigt
    Zum Start der Budgetverhandlungen im Oktober legen die SPÖ-Landesorganisationen Unterschriften vor. Die SPÖ peilt eine Steuer ab einer Million Euro an. Die ÖVP kritisiert auch die geplante Form der Einhebung.
    Prozess: Honsik verteidigt sich mit wirren Aussagen
    Die Anklage wegen Holocaust-Leugnung schien Gerd Honsik am zweiten Prozesstag kaum zu interessieren. Er "schwadronierte" über Stalin, ermordete Ukrainer, Simon Wiesenthal und seine Mama.
    Windows Phone 7 kommt Ende Oktober nach Österreich
    Microsoft hat den Marktstart seines iPhone-Rivalen für Österreich bekannt gegeben. Zu Beginn werden die Geräte exklusiv bei einem Mobilfunker zu haben sein.
  • OÖ: Bundesheer-Lkw mit Sturmgewehren verunfallt
    Der Lkw ist auf der Westautobahn bei Seewalchen gegen die Mittelleitschiene gekracht, nachdem ein Pkw aufgefahren war. Die Ladung bestand aus Panzerabwehrrohren und Sturmgewehren.
    Budgetplanung: IWF ermahnt Österreich
    Der Internationale Währungsfonds fordert Österreich dazu auf, vor allem ausgabenseitig zu sparen. Mit einem Wachstum auf dem Niveau vor der Wirtschaftskrise rechnet der Fonds mittelfristig nicht.
    Diesel boomt wieder in Österreich
    Im August wurden in Österreich mit 33.457 neuen Fahrzeugen um gut acht Prozent mehr zugelassen als vor einem Jahr. Bei den Pkw legten vor allem die dieselbetriebenen mit 28,4 Prozent massiv zu.
    "Heldenplatz": Bernhards Skandalstück wieder in Wien
    Mehr als 20 Jahre nach der umstrittenen Uraufführung ist Thomas Bernhards "Heldenplatz" wieder in Wien zu sehen. 1988 geriet es zum Theaterskandal – mit heftigen Protesten und einem Misthaufen vor der Burg.
    Pilotprojekt der Polizei: Gewalttaten vorhersagen
    Das Innenministerium will sich gemeinsam mit Wissenschaftlern intensiv den Kopf darüber zerbrechen, wie Gewalttaten präventiv entgegengewirkt werden kann. Ziel ist die Entwicklung aussagekräftiger Vorhersagemodelle.
  • Wochenende: Ein Hauch von Spätsommer
    Ein Zwischenhoch bringt zumindest im Westen und Süden mildes und freundliches Wetter mit bis zu 24 Grad, nur im Osten bleibt es unbeständig. Zu Wochenbeginn kommt die nächste Kaltfront.
    Medienpreis: Merkel würdigt Mohammed-Karikaturisten
    Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard wurde mit dem Medienpreis ausgezeichnet. Die deutsche Kanzlerin kam trotz Protesten zur Preisverleihung. "Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut", sagte Merkel.
    Fidel Castro: "Kubas Modell funktioniert nicht mehr"
    Der frühere kubanische Präsident glaubt nicht mehr an das sozialistische Modell seines Landes. Sein Bruder Raul, der jetzige Präsident, hat Lockerungen in Richtung Marktwirtschaft angekündigt.
    Felsbrocken stürzten auf A10: Pkw beschädigt
    Die Tauernautobahn Richtung Salzburg musste am Mittwochabend im Bereich des Ofenauer Tunnels gesperrt werden. Das Auto einer 24-jährigen Wienerin wurde beschädigt, verletzt wurde niemand.
    Schweiz bleibt wettbewerbsfähigste Volkswirtschaft
    Wie schon im Vorjahr belegt die Schweiz im Weltwettbewerbs-Bericht des Weltwirtschaftsforums den ersten Platz. Danach folgen Schweden, Singapur und die USA. Österreich rutscht um einen Platz auf die 18