Wenn wir uns einmal scheiden lassen, dann in Verona. Kannst du dich erinnern, Egydia? Bald zweiJahrzehnte ist es jetzt her, dass ich im ,Spectrum‘ die Geschichte geschrieben habe, die mit diesem Satz endet.“ – „Natürlich kann ich mich erinnern. Verona war ja unsere Hochzeitsreise.“ Eine Reise voller Pannen: Zahnschmerzen, Sonnenstich, Kupplungsschaden und Geldnot – und doch so wunderschön! Wenn man bedenkt, dass wir die Ersten in unserem Bekanntenkreis waren, die geheiratet haben! Mittlerweile sind wir die Letzten, die noch verheiratet sind (so wie vor uns Giuseppe und Giuseppina Verdi), alle anderen haben sich scheiden lassen, nur wir nicht.
Und deswegen fahren wir wieder nach Verona, nehmen die Kinder mit und erzählen ihnen unsere Geschichte an den Originalschauplätzen. Schaut, der Fiume Adige! Schaut, das Castelvecchio, so schön und erhaben wie damals! Schaut Kinder, die Portoni della Bra mit dem achteckigen Turm, (hier bei dieser Bude hat es damals noch Original Deutsche Bratwurst gegeben, jetzt Döner mit Fladenbrot; das deutsche Klischee ändert sich), die Piazza Bra, der Palazzo Barbieri, die Arena, das Amphitheater, dieser prächtige Koloss aus dem ersten Jahrhundert nach Christus – und das Ristorante Rialto dahinter gibt es auch noch immer. Nach wie vor machen die die besten Tortellini alla panna der Stadt. Genau da sind Mama und Papa nach „Rigoletto“ gesessen, Kinder, bevor uns mitten in stockdunkler Nacht, auf dem Weg zum Hotel draußen vor der Stadt, der Wagen eingegangen ist.
War das ein Abenteuer mit „Lepanto due“, dem italienischen Abschleppdienst! Wir sprachen ja nicht ein Wort Italienisch und wussten gar nicht, wo wir waren. Wir hatten auch nichts, weder Handy noch Mastercard, noch Geld, weder Euro (die gab's auch noch nicht) noch Lire. Jung und arm waren wir, das Studium hatten wir gerade abgeschlossen, aber noch nichts angefangen. Der Mann vom Abschleppdienst hat uns, die beiden ragazzi austriaci, aufgelesen wie zwei Schiffbrüchige, nur nicht an der Küste, sondern am Straßenrand, und weil wir so hilflos und mitleiderregend aussahen, hat er uns auf eine Portion Spaghetti con pesto in einer Trattoria irgendwo auf dem Land eingeladen. So haben wir Pesto kennengelernt.
20 Jahre später fahre ich einen besseren Wagen, und wir sind in einem besseren (und teureren) Hotel in der Via Tre Marchetti, 50 Meter hinter der Arena, einquartiert, die Klimaanlage funktioniert (auch wenn sie weniger der Abkühlung, als der Verkühlung dient). Ich fahre in das Gässchen ein, es ist 50 Zentimeter breiter als mein Auto; allerdings stehen rechter Hand auch noch die 49 Zentimeter breiten weiß gedeckten Tischchen der edlen Trattoria Tre Marchetti an der Hauswand mit exquisitem Geschirr und exotischen Speisen darauf, sodass ich all meine in 20 Jahren angesammelten Fahrkünste aufwenden muss, um Schaden zu vermeiden. Man kennt diese Bilder aus Werbeclips für Tiefkühlpizzen. Akustisch denkt man sich am besten Mandolinen dazu. Schadenfreiheit erzeugt freilich keine guten Geschichten. Das Einparken in die Hotelgarage, keine Zentimeterarbeit mehr, sondern Millimeterarbeit, nimmt mir Mahatma, der Hoteldiener ab.
Für die Kinder ist schon das ein großes Abenteuer, drei Tage – und das sind ununterbrochene 72 Stunden! – ohne Fernseher, PC und Gameboy auskommen zu müssen. Nach schweren Entzugserscheinungen in den ersten Stunden eröffnet sich ihnen die Realität nun aber als völlig neue Dimension des Lebens. Die Wildnis des Wirklichen! Das Schuharsenal der Größeren bestehtausschließlich aus Converse-Patschen. Hier jedoch erkennt sie im Vergleich mit anderen jungen Damen in mondäner Adjustierung ihre Modesünde und lässt sich von der Mama ausnahmsweise zu einem Einkaufsbummel in der Via Roma überreden, bei dem auch das Rammstein-T-Shirt mit der Aufschrift „Immer weiter, immer weiter ins Verderben. Wir müssen leben, bis wir sterben!“ ersetzt werden soll. Gibt es ein Ballkleid mit dem Aufdruck „Va pensiero“? Der Papa lädt die Kleinere währenddessen auf ein Eis ein und liest ihr aus dem Stadtführer die tragische Geschichte von Romeo und Julia vor.
Tja, Kinder, die Liebe! Die Liebe! Wenn man sich gleich umbringt, wird sie legendär und tragödienfähig und bühnentauglich – und man kann für ein Einzelzimmer in der Innenstadt 140 Euro verlangen. Wenn nicht, und wenn man sich um die Liebe nicht bemüht, vergeht sie. Wenn man sie nicht imprägniert und mit Freundschaft behandelt, ist sie gar nichts wert, und am Ende stehen Scheidung, Alimente und Besuchszeitenregelung.
Jetzt schaut einmal in diesen völlig vollgekritzelten Hauseingang hinein! Da drinnen in diesem Innenhof seht ihr den legendären Balkon der Julia. (Balkone und Frauen regen zu billigen Wortspielen an, die man in meiner ersten Verona-Geschichte aus dem vorigen Jahrhundert nachlesen könnte, denen ich in meiner zweiten Lebenshälfte aber widerstehen möchte.) Sechs Milliarden Liebespaare und solche, die es werden wollen, und solche, die es gewesen sein wollen, haben seit Julias und Romeos kindlichem Gemetzel auf den Hauswänden des Eingangs zum Innenhof ihre Unterschriften hinterlassen, Wojciech & Teresa aus Polen, Miguel & Conception aus Spanien, Igor & Diana aus der Ukraine, Ragnar & Ellen Lien aus Norwegen, Fatih & Fatima aus Deutschland. Nur Egidio & Egydia sind auch ohne Signatur noch zusammen.
Damals hatte ich außer meinem Größenwahn noch gar nichts, jetzt habe ich eine Einladung von „Verona Tuttintorno“ zur „Anteprima OPERA“ vor der Aufführung selbst um viertelsieben im Palazzo Verità Poeta, der nicht nach einem wirklichen Poeten, weder nach Shakespeare noch nach sonst einem benannt ist, sondern einer Familie mit dem sensationellen Familiennamen Verità Poeta gehört. Kein Witz! So einen Familiennamen hätte ich auch gerne: Aber Einheiraten ist in meinem Fall nicht mehr möglich. Jedenfalls habe ich in lässiger Hochsommersockenlosigkeit die Lederschuhe mit den vielen Luftlöchlein ohne Weiteres auf die Barfüße gesteckt, weiße Hose, weißes Hemd (zwei Knöpfe offen!), orangebraunes Lei-nensakko angezogen, ei- nen winterweißen Strohhut mit breiter Krempe aufgesetzt (ein Lustkauf in Sirmione am Gardasee), damit ich nochdandyartiger aussehe als der Schriftsteller in Thomas Manns Sommernovelle „Mario und der Zauberer“; meine dreiGrazien tragen elegante und doch ein wenig kesse Abendkleider. So setzen wir uns im herrlichen Saal des Palastes mit den großartigen Fresken nieder und werden mit Kopfhörern für die Simultanübersetzung ausgestattet, damit wir den Maestro am Flügel bei seiner musikalischen Konversation verstehen, wenn er über die Wasser- und Flussmusikalität in „Va pensiero“ philosophiert, ein runderneuerter Marcel Prawy des Südens. „Das kannst du aber nicht schreiben!“, schimpft Egydia. „In 20 Jahren musst du ja gelernt haben, dass man nicht immer so übertreiben darf!“ Ja, das habe ich gelernt.
Und dann der Höhepunkt der Wiederholung unseres Festes, die Vorstellung! „Nabucco“. Als junges Paar haben wir uns in brütender Nachmittagshitze in kurzen Hosen, T-Shirt und Sandalen bei den Eingängen zur Seconda Gradinata angestellt, für die unnummerierten Plätze hoch oben im Oval. Bis zur Ouvertüre waren wir schweißnass von drei Stunden des Wartens. Rund um uns Hitzeschläge. Heute hat Paola, die charmante Tourismuschefin Veronas, Pressekarten für uns. 1. Reihe, fußfrei! Ich bin jetzt Cheftourist und Anführer einer Touristenfamilie, das ist ein schöner Beruf. Die Tourismus- chefin will, als sie mir die Luxuskarten übergibt, bloß wissen, für wen ich arbeite/schreibe. „Für die Nachwelt, cara Donna Paola, für die Nachwelt!“
Manches bleibt sich gleich, und ich könnte es heute nicht treffender formulieren als damals als junger Mensch: „,Alle wahre Musik entspringt dem Weinen‘, heißt es an ei- ner Stelle bei Cioran, fällt mir ein, ,da sie aus der Sehnsucht nach dem Paradies hervorgeht.‘ Wer nie in der Arena unter dem Sternenzelt gesessen ist und seine Rührungstränen im Jubel sublimiert hat, hat etwas versäumt fürs Leben. Jeder Einzelne hat ein Kerzchen in der Hand, da sind unsere Friedhöfe zu Weihnachten gar nichts dagegen.“
Wegen unmenschlicher Arbeitsbedingungen und wegen einer ungerechtfertigten Entlassung ist ein Teil der Bühnenarbeiter in Streik getreten. Damit die Bühne der Arena nicht völlig nackt ist, hat man nun in aller Eile ein Gerüst aus der Werft von Monfalcone herangekarrt, auf dem Assyrer und Hebräer herumturnen dürfen. Außerdem tragen sie alle ebenso wie Zacharias, Ismael, Abigail und Nabucco kollektiv graue Kartoffelsäcke. Zum Zeichen, dass der Blitz unmittelbar neben Nabucco einschlägt (wodurch er schlagartig wahnsinnig wird), schaltet ein Bühnenarbeiter kurz einmal einen Scheinwerfer ein. Es gibt dramatischere Varianten auf den Bühnen der Welt, diese Kernstelle der Oper zu inszenieren.
Trotzdem: Verdi bleibt Verdi, Nabucco Nabucco und die Arena die Arena. Ein Streik gehört ja zu Italien wie die Oper, wir haben zwei Fliegen auf einen Streich, und jetzt singt der Chor der Gefangenen den Gefangenenchor eben aus dem Werftgerüst heraus. Oder soll das ein modernes Großraumbüro darstellen? Bravo, Maestro!, ruft einer lauthals nach jeder Arie, Brava! Bravi! Das hat er schon vor 20 Jahren getan, ich habe die Stimme wiedererkannt. Vielleicht hat er einen Posten als Claqueur. Dann 20 Minuten enthusiastischer Applaus, fast wie bei einem Sieg von Hellas Verona über Juve oder Inter; kaum scheint er einmal zu verebben, wieder eine neue Flut an Ovationen, worauf der Maestro die Oper kurzerhand unterbricht und den Gefangenenchor wiederholen lässt: Va pensiero, sull'ali dorate...
Das Wunder aller Wunder: Die Kinder sind bis zum bitteren Ende (Abigails) bei der Sa- che. Fast möchte man meinen: Es hat ihnen gefallen. Fast möchte man meinen: Der Kiddy Contest, Marilyn Manson und Ramstein haben Konkurrenz bekommen. Vielleicht, vielleicht haben Egydia und ich, nach all den Jahren getrennt nur durch die Kinder in unserer Mitte, etwas fortgepflanzt. Vielleicht wird es wieder 20 Jahre dauern, aber dann werden sie uns – und unsere Enkel – nach Verona einladen.
Ist das schon das Ende der Geschichte? Nicht ganz. Die Tankstelle am Stadtrand Veronas ist auch sonntags „aperto 24 ore“. Das bedeutet auf Deutsch: Das Tankstellenhäuschen ist verschlossen und verriegelt, weit und breit keine Menschenseele, bloß ein Automat mit italienischer Gebrauchsanweisung, ohne dessen kryptische Kommandos die Zapfsäulen fremdländischen Möchtegerntankern den Mittelfinger zeigen. Zum Glück bin ich verheiratet, und noch dazu mit einer praktischer als ich veranlagten Frau. Ich weiß nicht, wie Egydia es geschafft hat, auf dieser unmenschlichen Tankstelle zu tanken. Aber sie hat es geschafft.
Kaum waren wir startbereit, fuhr ein Wagen mit ungarischem Kennzeichen und geplatztem Reifen in die Tankstelle ein. Der Ungar war verzweifelt und fragte uns, was er tun solle. Ich habe ihn getröstet, von Selbstmord abgeraten, eine überlegte Liebesheirat, Spaghetti pesto oder Tortellini alla panna empfohlen und als Sofortmaßnahme die Kummernummer von „Lepante due“ gegeben. Die hatte ich noch. ■