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Gefreiter G. red't und red't und red't

27.08.2010 | 18:39 | Von Franz Hammerbacher (Die Presse)

Wachvergehen in Camp Faouar. Nachrichten von Österreichs Friedensmission auf den Golanhöhen.

Militärcamps, Feldlager, Kasernen, wie immer man sie nennt, werden „rund um die Uhr“ bewacht,24/7 (twentyfour-seven), damit jene, die sich innerhalb der Umzäunung befinden in Sicherheit leben und ruhig schlafen können – nicht anders als in dem gängigen Bild, das den Bürgern eines Staates von seiner Armee vermittelt wird. „8760 Stunden Schutz und Hilfe. / Wir machen das“, lautet der Werbespruch des österreichischen Bundesheers auf einem Jahreskalender.

Im Camp Faouar auf den Golanhöhen werden diese 8760 Stunden Wachdienst pro Jahr, unterteilt in Einheiten zu 24 Stunden, von jeweils drei Mann geleistet. Einer der drei ist reiner Wachsoldat, die anderen beiden werden abwechselnd von den verschiedenen Zügen der Stabskompanie gestellt. Wer zur „fixen Wache“ gehört, hat 24 Stunden Dienst, danach bis zu 48 Stunden frei. Manche sehen in diesem Rad einen Vorteil, anderen ist der unregelmäßige Arbeits- und Schlafrhythmus ein Grauen.
Gefreiter G. ist ausgesprochen gerne fixer Wachsoldat. Das Problem sei nur, dass man mit immer anderen Leuten Dienst versehe und so über die immer gleichen Themen rede. Dadurch blieben alle Beziehungen an der Oberfläche, man könne keine Freundschaften entwickeln. G. ist ein sympathisch wirkender junger Mann, sehr kommunikativ, das erkennt man gleich, aber die volle Tragweite seiner Redelust wird erst klar, wenn man bereits in der Falle sitzt. Um zwölf Uhr mittags tritt man gemeinsam den Wachdienst an – neben G. ist da noch Ewald, ein ruhiger, scharfsinniger Mensch –, heiteren Muts steht man am Camptor, den Pistolengurt um die Hüfte, statt des eigenen Namens ein „GUARD“-Schild auf der Brust. Neue Dreisamkeit. Entspannt beginnt man, über Erfahrungen aus früheren Auslandseinsätzen zu sprechen. Gefreiter G. kennt das Repertoire. Und bald entpuppt sich der so nette Kamerad als Quassler ersten Rangs. Schon eine Viertelstunde seinem Redefluss zu folgen bereitet Mühe. Allmählich dämmert einem, was bevorsteht: more of the same, für 24 Stunden.
Er spricht leise, mit Tiroler Akzent, er nuschelt, und er spricht auch nie zur Sache, es quillt aus ihm heraus. Nicht ohne Faszination verfolgst du das Phänomen, wie einer Gewäsch produziert ohne Ende. Was im Gehirn vor sich geht, findet ungefiltert seinen Weg direkt zu den Sprechorganen: ein nie versiegender „stream of consciousness“, dessen Urheber leider nicht James Joyce, nicht Arthur Schnitzler („Leutnant Gustl“), sondern Gefreiter G. heißt; ein Strom, der nichts als Stuss enthält.
Das erinnert an einen Witz, den Ilse Aichinger einmal erzählte: „Treffen sich zwei. Sagt der eine: ,Servus, wie geht's?‘ – Der andere: ,Danke, man lebt.‘“ – ,Und, was macht deine Frau?‘ – ,Sie red't und red't und red't.‘ – ,Worüber spricht sie denn?‘ – ,Ja, das sagt sie ja nicht!‘“ Ilse Aichinger meinte, dieses unaufhörliche Reden, das keinerlei Sinn ergebe, sei eine präzise Definition für das Unterbewusste. Und der Horror sei die Vorstellung, dass dieses Unterbewusste fortdauern könnte, über den Tod hinaus, bis in alle Ewigkeit. (Ewigkeit? Schon 24 Stunden sind die Hölle!)
Leutnant Gustl führt einen inneren Monolog. (Ein widerlicher Mensch, gewiss. Im Moment aber wäre dir jeder, der nur mit sich selber spricht, willkommen.) Der Monolog des Gefreiten G. ist nach außen gekehrt, ein Sturzbach, der Einblick in sein Seelenleben bietet. Wenn er nur eine Sekunde wirkliches Vertrauen in sich und die Welt hätte, denkst du: Er würde befreit lachen können und wäre gerettet. Auf deine Frage, was sich denn ändern müsste, damit er ein zufriedener Mensch wäre, sagt G.: „Ich möchte so reden können, dass der Hase [die begehrte Frau] das Gesagte so aufnimmt, wie ich es gemeint habe.“ Ein Beziehungsproblem, das G. als Kommunikationsproblem erfährt. So wie ja auch der Wachdienst im Camp für ihn in ein Beziehungsproblem mündet, das eine kommunikative Ursache hat.
Andererseits ist G. kein „Ungustl“. Davon gibt es im Camp Faouar eine beachtliche Zahl. Der Gefreite G. aber ist ausnehmend hilfsbereit, ja zuvorkommend. Er überss-9;-14nimmt die Reinigungsarbeit, und er verzichtetss-2;-14 auf 30 Minuten Essenspause zugunsten ss-12;-14der beiden Kameraden, doch handelt es sich hier um ein Danaergeschenk. ss-2;-14Ewald versucht zu überzeugen: „Auch wenn du nicht essen gehen willst, mach doch einfach 30 ss-7;-14Minuten Pause!“ („Come on, honey, give me a break!“, heißt es in amerikanischen Filmen.) – Vergeblich. ss-2;-14Nichts zu machen.
ss-12;-14Schlimm ist die Nacht. Vor allem die Stunss7;-14den, in denen man mit G. ss-6;-14allein ist. ss0;-14(Jeder der drei Guards darf für vier Stundenss-2;-14 schlafen gehen.) Ermüdet durch das Gequassel, droht die akute Gefahr des Einschlafens. ss-9;-14Dass ein schlafbedürftiger Mensch sich trotzss-2;-14 ss-12;-14allen Bemühens nicht wachhalten kann, wä-ss-2;-14 re vom menschlichen Standpunkt aus verzeihlich. (Es war am Ölberg, wo Jesus sagte: „Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach“, Mk 14,38.) Dienstlich aber handelt es sich um eine der schwersten Verfehlungen überhaupt. Im Wachdienst ss-9;-14einzuschlafen ist ein kapitales Vergehen, dasss-2;-14 verss-7;-14heerende Folgen haben kann: im schlimmsss-3;-4ten Fall – siehe Jerusalem, um das Jahr 30 nach unserer Zeitrechnung – eine Kreuzigung und eine neue Weltreligion.
Noch einmal Ilse Aichinger: „Wir haben die Wahl zwischen Petrus und Judas: zu verleugnen oder zu verraten.“ Das stimmt freilich nicht ganz. Die dritte Möglichkeit wäre: zu verschlafen.
Das Camptor ist geschlossen, im Wachgebäude hängen Monitore, auf denen flimmert, was die Kamera erfasst. Gefreiter G. behält die Screens im Auge, während er unausgesetzt auf dich einredet, obwohl du kaum noch ein Stichwort einstreust. In deiner Verzweiflung kramst du in der Lade des Schreibtischs nach Material, das sich durchblätterns ließe, und findest Motorzeitschriften und Waffenmagazine, darunter eines, das für dich untrennbar mit der Anekdote eines slowenischen Freundes verbunden ist: Er sei, so erzählte der Freund, in Ljubljana in eine Buchhandlung gegangen, die für ihr breites Zeitschriftensortiment bekannt ist, und habe dort nach dem Schwulenmagazin „Revolver“ gefragt. Die Verkäuferin sagte, sie müsse im Lager nachsehen. Eine Minute später kam sie mit einem Heft zurück: „,Revolver‘ führen wir leider nicht, aber wir haben ,Kaliber‘.“ Dem verheißungsvollen Titel zum Trotz war dies allerdings kein Gay-Magazin, sondern eine Zeitschrift für Waffennarren – jenes „Kaliber“, von dem du nun erstmals eine Ausgabe in Händen hältst.
Ist die dunkle Nacht vorbei und ist auch Ewald wieder da, ist fast schon der ganze Wachdienst geschafft. Zu Mittag kommt die neue Mannschaft. Man gibt die Pistole zurück und steckt sich wieder sein eigenes Namensschild an die Brust. Als du G. am frühenAbend im Speisesaal wiedersiehst, meint er: „Na, das war lässig heute, oder?“


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