Das Paar

11.09.2010 | 14:40 |  Von Walter Kappacher (Die Presse)

Bildbetrachtung II: Stilles Entsetzen, gutbürgerlich.

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Ein rätselhaftes Bild, ich werde damit nicht fertig. Bei jedem Besuch des Kunsthistorischen Museums betrachte ich es, lasse es auf mich wirken; je älter ich werde, desto mehr erschrecke ich darüber, dass dieses Bild auch mit mir selber zu tun hat.

Der Augsburger Maler Lukas Furtenagel (1505 bis 1546) malt seinen älteren Kollegen und Meister Hans Burgkmair und dessen Frau im Jahre 1527. Beide sind – für jene Zeit – in einem fortgeschrittenen Alter, Mitte 50, aber noch lange nicht im Greisenalter.

Was war der Anlass für den 24-jährigen Furtenagel, dieses Bild zu malen? DerAnstoß kann ja wohl nur von Burgkmair selber gekommen sein. Vielleicht bestand ein Vertrauensverhältnis zwischen den beiden Künstlern, die sich – beide Augsburger – sicherlich gut gekannt haben; wahrscheinlich war Furtenagel eine Zeit lang ein Schüler Burgkmairs. Wenn man das Bild betrachtet, vermutet man, dass etwas Schreckliches sich ereignet hat. Könnte es eine schwere, überstandene Krankheit der Frau des Künstlers gewesen sein, welcher neben Hans Holbein der bedeutendste Augsburger Maler war?

Eher wohl eine sich abzeichnende gravierende Krankheit Burgkmairs, verbunden mit einer drohenden Verarmung der Witwe. (Bevor die fast unsichtbare kleine Signatur am oberen Bildrand entdecktworden war, vermutete man, Hans Burgk-mair selbst habe das Bild gemalt.)

Das Ehepaar ist gutbürgerlich, in der Mode der Zeit gekleidet. Die massige Frausitzt im Vordergrund des Bildes auf einer Bank, einen Spiegel in der Hand haltend, in den sie möglicherweise gerade geschaut hat; ihr Mann dicht seitlich hinter ihr stehend mit ausgestrecktem rechtem Arm, mit einem Finger wie fürsorglich ihren Oberarm berührend, scheint mit der Hand etwas anzudeuten, vielleicht: „Ja, wir wissen beide, so ist es, und wir können es nicht vergessen.“ Vielleicht ist Burgk- mair aber gerade im Begriff, seine Hand vom Oberarm der Frau zu entfernen, als wollte er ausdrücken: „Ich werde dich dann nicht mehr schützen können.“ Mein Eindruck war manchmal, dass hier etwas inszeniert wird. Aber wer hat inszeniert? Furtenagel? Burgkmair?

Burgkmair und seine Frau schauennicht in den Spiegel, sondern zum Maler hin, sie sind abgewandt von dem, was sichin dem Spiegel zeigt oder vor einem Augenblick noch gezeigt hat: zwei winzige Totenschädel, wobei die konvexe Oberfläche des Spiegels so stark nach außen gewölbt erscheint, dass die beiden verhutzelten Schädelchen sich schier obszönaus dem Spiegel herauszudrängen scheinen. Das Ehepaar ist dem Maler zugewandt, als sähe es in der Gestalt Furtenagels den leibhaftigen Tod, oder in uns, den Betrachtern, oder als wollte es uns einen nicht änderbaren Tatbestand mitteilen. Jedenfalls scheint es so, als wollten die beiden uns teilhaben lassen an ihrem Schrecken. Der Gesichtsausdruck der Frau mit ihrem wallenden roten Haar und den auffällig geröteten Wangen zeigt ein stilles Entsetzen, gleichzeitig eine unheilbare Traurigkeit. Ihr Mann scheint sich mit dieser – oder mit einer unheimlichen Prognose – beinahe schon abgefunden zu haben.

Jedenfalls hält die Frau in dem Moment, den das Bild ausdrückt, uns, den Betrachtern, den Spiegel hin, aus dem die beiden Totenköpfe hervorsehen, welche empört um Beachtung gieren, als könnte die Frau durch ein Niederlegen des Spiegels sie aus dem Bild vertreiben; als seien sie nicht damit einverstanden, dass die Frau den Spiegel von sich und ihrem Mann abwendet. Oder war es Furtenagel, der seinem ohnehin gepeinigten Freund den schrecklichen Anblick nur für einen kurzen Augenblick lang zumuten wollte? Ich fragte mich einmal, für wen Furtenagel die Totenköpfe gemalt hat. Sie sind ja für mich zweifellos das Merkwürdigste an diesem Gemälde. So wie Furtenagel sie darstellt, scheinen sie weit mehr zu bedeuten, als die gewöhnliche Mahnung an uns. Einmal dachte ich: Diese Köpfe wirken auf mich wie ein Stromstoß... Vielleicht wollte der Maler ein resolutes Carpe diem ausdrücken, pflücke den Tag! Ihm wende dich zu, nicht dem Morgen oder Übermorgen, es könnte zu spät sein...

Ich las dann einmal, dass Hans Burgk- mair zu diesem Zeitpunkt nur noch vier Jahre zu leben hatte und also 58 Jahre alt geworden ist. Nach anderen Angaben hat Furtenagel das Bild erst im Jahr 1529 gemalt, und so hätte Burgkmair also nach der Anfertigung dieses Bildes nur noch zwei Jahre zu leben gehabt!

Schon der Vater Hans Burgkmairs war Maler; der Sohn (1473 bis 1531) studierte mit 15 Jahren bei ihm und später bei Martin Schongauer in Colmar. Ab 1498 begannen seine Wanderjahre in Italien. Er war mit Albrecht Dürer befreundet und gilt als einer der ersten deutschen Maler, deren Werke italienische Einflüsse aufweisen. Er arbeitete unter anderem für den deutschen König und späteren Kaiser Maximilian I. Auch sein Sohn (1500bis 1562) wurde Maler, allerdings kein erfolgreicher.

Lukas Furtenagel kam zehnjährig bei dem Augsburger Meister Lienhart Hamer in die Lehre. Später verließ er Augsburg und arbeitete möglicherweise in der Cranach-Werkstatt. 1546 fertigte er ein Porträt Luthers auf dem Totenbett an. Im gleichen Jahr kehrte er nach Augsburg zurück und erhielt das Meisterrecht. Nachdem er das Doppelbildnis gemalt hatte, lebte er noch 22 Jahre, wurde also bloß 41 Jahre alt.

Alle diese Gedanken um ein Bild verfliegen. Bleiben wird, was dem Bild eingeschrieben ist: Erken dich selbs (auf der runden Spiegelfassung), das heißt, erkenne, begreife die unausweichliche Endlichkeit, den körperlichen und geistigen Zerfall; der Widerstand gegen die Zeit ist zwecklos.

Und der Satz Sollche Gestalt unser baider was, im Spiegel aber nix dan das (am oberen Bildrand) sagt ja das Gleiche: Seht her, wir sind von stattlicher Gestalt noch, und doch zeigt uns der Spiegel, was wirklich Sache ist... ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2010)

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