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Wischerln im Walzertakt

24.09.2010 | 21:12 |  Von Otto Brusatti (Die Presse)

Es soll jemand verrückt geworden sein, weil er es nicht mehr ertrug, dass in der Toiletteanlage der Wiener Opernpassage ununterbrochen der Donauwalzer gespielt wird. Über das E und U in der Musik – und ihren rauschenden Widerhall im Wiener Untergrund.

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Es soll jemand verrückt geworden sein, weil er es nicht mehr ertrug, dass im Wiener Opernklo und naturgemäß aus diesem scharf herausdringend ununterbrochen der Donauwalzer des Johann Strauss, Junior, gespielt wird.
Musik teilt man seit erklecklicher Zeit ein in E und U; das ist weder zutreffend noch erhellend; praktisch ist es aber allemal.
Der Mann trug auch noch einen die Sache bezeichnenden Namen (Sorger oder Sieger oder so ähnlich), und er besaß in der Wiener Innenstadt ein kleines Geschäft, wo vor allem solche Kleidungsstücke feilgeboten werden, die zwar in ihrer täppisch nachgemachten Art die alten österreichischen Trachten verhöhnen, die aber vor allem von den vielen Japanern, Deutschen, Italienern und USA-Bürgerinnen und -Bürgern gern gekauft werden.
U-Musik gibt es seit je, auch wenn das die selbstgefällige bürgerliche Musikwissenschaft Jahrzehnte hindurch nicht glauben wollte.
Sein Geschäft florierte, doch das nur deshalb, weil er sich sieben Tage in der Woche jeweils mindestens 14 Stunden lang um den Umsatz kümmerte.
In der Antike und im Mittelalter war U-Musik wahrscheinlich überhaupt die klangliche Hauptsache, denn alles sonst hatte ein Geheimnis der Gebildeten oder der angeblich wahren Gläubigen zu bleiben, und dann stagnierte sie als adelig-kirchliches Divertissement und als ein Machtmittel, von welchen sie sich erst seit 200 Jahren emanzipiert und auf allen Strecken und in allen Bereichen siegt.

Doch weil solche Läden, Handlungen oder Ramschbuden untereinander heimlich verkettet sind, musste der Mann mehrmals am Tag von einem Geschäft zum anderen rennen und dabei die sogenannte Opernkreuzung mittels Rolltreppen und Unterführung passieren.
Dann, nachdem es zu Beginn des 19. Jahrhunderts vor allem durch die Kriege und den Wiener Kongress einen bisher vergleichslosen Musikaustausch in Europa gegeben hatte, dann aufgrund des wachsenden Reichtums der Bürgerschichten, dann gefördert durch Bühnen, Film und Jazz, schließlich vermittelt durch die Elektronik, dann also wuchs die auf der Welt vorhandene U-Musik bis nach 2000 um Abertausende an Prozenten.
Der Mann war also täglich beruflich damit konfrontiert, dass er von einer irgendwo gerade im Musikfluss sich befindenden Donauwalzerwelle irgendwo im Körper und Geist erfasst und dann vom romantischen, protzigen Riesenorchester wieder ausgespuckt wurde.
Über der sogenannten Opernpassage, der Kreuzung von Ringstraße und Kärntner Straße zu Wien, dort wo unten der Donauwalzer aus dem Scheißhäusel kommt und wo oben die musikalisch erstarrte Staatsoper täglich mehr Subventionen verprasst als alle innovativen Verlage Österreichs zusammengenommen, huschen und hudeln auch jede Menge an seltsam kostümierten Gestalten, welche mit Plastikperücken und in Scheinrokoko-Röcken und Kniebundhosen den Touristinnen und Touristen sogenannte Mozart-und-Strauss-Konzerte, die Musiker und Musikerinnen dabei selbstverständlich auch skandalös kostümiert, überteuert anbieten.
Musik ist Scheinwelt ist Talmi ist Prostitution, besonders das, was noch immer gerne gewinnbringendste U-Musik heißt.

Es scheppert unten ununterbrochen, solange die Passage mit den Billig-Reisebüros, den stinkenden Großbäckereien, den Fixern, den Kinderhuren und Dealern eben geöffnet ist, aus dem bordellähnlichen Eingangsloch zum teuren Opernklo Wiens, es kriecht beweglich die am bekanntesten gewordene Musik dieser Welt heraus. Es führte zu Schweißausbrüchen an dem Mann, schon beim Nähern, oberhalb der Passage, sobald neben der Mischung aus Klo- und Kipferlaufback-Dunst auch schon die ersten Musikfetzen des Donauwalzers aufzusteigen begannen.
Nichts hat sich im Vermittlungsbereich, künstlerisch wie zum bloßen Zeittotschlagen oder im Sicheinhüllen mit Klängen vor der bösen Welt, so verändert, verschoben wie die Musik, die langsam unaufhörliche.
Er merkte eines Tages, dass er diese schon so wahnsinnig oft gehörte Musik nicht mehr nachvollziehen konnte, weder die einzelnen, bereits bis zum Erbrechen auswendig gekannten Phrasen noch die Folge der Themen, ja der einzelnen, ganz einfach aneinandergereihten Töne. Schließlich war es ihm, als läge ein riesiger Teppich rund um seinen Kopf, einer aus allen Donauwalzer-Noten, -Rhythmen und -Dynamiken gleichzeitig.
Mit U-Musik, mit der Beschallung und der Ideologie-Lieferung von U-Musik für soziale Gruppen, Altersschichten, Reiche und Arme, wird eines der riesigsten Geschäfte weltweit überhaupt gemacht. Wir spielen noch allemal die ersten großen Hits aus der Zeit der U-Musik-Geburt, von Mozart bis über die Sträusse und die Franzosen und Wiener und die Fin-de-siècle-Typen bis in die Cabaret- und Show-Äras.
Es war im März, an einem schon milden und trockenen Tag, einem Dienstag, am späteren Vormittag, so nach elf Uhr. Er war sogar langsamer als sonst unterwegs gewesen, denn es sollten bloß ein paar Wien- T-Shirts mit aufgedruckten Fiakern, Stephanskirchen und Riesenrädern ausgetauscht werden.

Beim Hinuntergleiten mittels der Rolltreppe aus der Höhe des Operncafés in die Tiefe des feurig ausgeleuchteten Eingangs zum Donauwalzerklo erblickte er diesmal und gegenüber noch eine frisch drapierte Auslage mit Postern und CDs der Wiener Sängerknaben – in putzigen Uniformen und so sauber wie die Milchschnittenwerbung.
sDer Donauwalzer ist damals, als antiphonales Gesangsstück komponiert zum Zweck des Seelestreichelns der Wiener nach dem ziemlich katastrophal ausgegangenen Königgrätz, bei seiner Faschingspräsentation erstmals in der Musikhistorie mit dem Wort Schlager bezeichnet worden. Dann war „An der schönen, blauen Donau“ ein Verkaufshit in der Gestalt des teuer gemachten, ausgezierten, gedruckten Klavierauszuges, gleichsam eines Vorläufers von Mini-CDs, DVDs, Computerabspeicherungen oder -distributionen und sonstigen weltweiten -angeboten.

Er setzte sich nieder, auf den Steinboden neben dem Opernklo. Sitzend hörte er den abgedroschenen Walzerfolgen sogar wieder zu, vermochte die Töne zu unterscheiden, die Phrasen nachzuvollziehen.
ss-3;0Drei verschiedene Texte wurden zunächst und noch im 19. Jahrhundert dieser am berühmtesten gewordenen Musik der Welt sukzessive unterlegt, alle mit zutiefst politischem Hintergrund. Es geht in diesen Texten, wohl typisch wienerisch, um das Saufen, um Ängste, ein Aufbegehren, um den Anspruch, die Welt aus dem kleinen Blickwinkel der Stadt zu verstehen, daneben um Fremdenhass, um kleine Selbstgenügsamkeit als böser Lebenshintergrund, um Jenseitssehnsüchte und um Antisemitismus.
Er saß etwa eine halbe Stunde lang unbehelligt unter den Kitschwerbebildern neben dem Eingang, diesen gemeinen Wien-Topoi, nur gelegentlich quasi kollegialiter von vorbeiziehenden Trinkerinnen und Trinkern während der nächsten Kompositionsteile begrüßt. Schließlich zerrte ihn ein Polizei-Sanitäter-Ärztinnen-Team auf, das voll ausgelastet seinem täglichen Tagewerk in diesem Wien-Hades nachkam, während die rollenden Schlussthemen der Musik aus den tiefen Streichern emporzusteigen begannen.
Dieses Opus 314 wird zur Beschallung der Hotelhallen von Nobelherbergen in Entwicklungsländern gegeben. Man spielt es gern zur Beruhigung der Passagiere in chinesischen Binnenland-Fluglinien, vor allem bei der Landung in Wüstendestinationen.
Man untersuchte während der Coda und der dort genial auskomponierten Orchester-Soli vergeblich seine Adern in den Armgelenken oder die Bauchdecke auf Einstiche oder Hämatome.
Man verwendet den aufsteigenden D-Dur-Dreiklang als Kennung im Funk der chilenischen Küstenwache. Man setzt diese Dreiklangsbasis sogar seit Jahrzehnten im österreichischen Staatsfernsehen und im sogenannten Kultursender als Kennung für die großen Nachrichtenverkündigungen ein.
Man führte ihn sachte, nachdem abermals aus der Endlos-CD die schimmernd-schwimmende Introduktion angehoben hatte, zu einem Rettungswagen, setzte ihn hinein, schnallte ihn fest, es geschah dann außer Handytelefonaten lange nichts, man transportierte ihn schließlich in das eben gerade zuständige Spital.

Es sind gar keine Originalnoten für diese Musik überliefert, nur Skizzen und Entwürfe, nicht mehr – für die am bekanntesten gewordene Musik der Welt. Wien, mit seinem unheimlichen Fundus an Musiktradition, dem größten der Welt wohl, schert sich nicht viel um diese Tradition und lässt eine geförderte Strauss-Forschung als Mittel zur Selbsterkenntnis nicht zu.
Man ließ ihn dort einige Stunden lang sitzen, brachte ihn zwischendurch liebevoll aufs Klo, versorgte ihn, ließ eine Neurologin kommen, versuchte Verwandte zu verständigen. Er blickte noch immer traurig und schweigend rund um sich und begann nach etwa fünf Stunden in der Ambulanz, ein wenig vor sich hin zu summen.
Der Donauwalzer wurde tausendmal paraphrasiert und zum Ausgangspunkt, Nukleus und Vorbild für das gemacht, was man U-Musik als Massenmusik nennt.
Schließlich lieferte man ihn nach Rücksprache mit seiner Verwandtschaft zur Beobachtung nach Steinhof ein. Weil er noch allemal summte, dann auch Sätze murmelte, welche in sich zwar einen Sinn trugen und mit Musik zu tun zu haben schienen, die dann aneinandergereiht aber wiederum keine Logik ergaben, begann man, ihm aus therapeutischen und diagnostischen Erwägungen Musikstücke vorzuspielen.
Die Massen-U-Musik hat dann doch zu einer qualitativen Veränderung ihrer Inhalte und der Hörgewohnheiten der Menschen geführt.
Er reagierte daraufhin kaum, wurde hingegen auch weder auffällig noch ausfällig, nicht aggressiv oder weinerlich. Ein wenig zu schweben schien er, begleitet vom Lärm aus dem Klo.
Der Donauwalzer ist die Musik im Scheintriumph des Willens zur Technik als Ergebnis des menschlichen Bewusstseins, alles im vielleicht besten je fabrizierten Film, der „Odyssee 2001“ des Stanley Kubrick.
Seine Mundwinkel sollen allerdings gezuckt haben, nicht bei Mozart oder Bach, den Rolling Stones oder sogenannter Weltmusik, im speziellen Falle einer Wiedergabe durch Wiener Sängerknaben und in deren Krähen von Strauss-Polkas allerdings schon.
Und so ist es gekommen, dass – und wir sind hier vor dem Opernklo im Hades unterhalb der Wiener Staatsoper ja im Umkreis von allem, was die unendliche Vielfalt von Musik ausmacht –, also dass Musik die Gesellschaft in die schnödesten Kasten aufgeteilt hat: Musikvereinstypen und Bühnenpöbel, Straßenmusikschmarrn und Pop-Undergroundkinder, Heurigenselige bis zu den professionellen Kampftrinkern, Kirchenmusikbefindliche, Hansihinterseeradoranten und Hip-Hop-Hascherln. Und wer ist schuld, die U-Musik und dort vor allem der Donauwalzer als Pars pro Toto – oder ganz überhaupt die geringe allgemeine Achtung vor den Gnadengeschenken der Musik, die wie ein Fluch zum Gebrauchs- und Wegwerfgegenstand mutierte?

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