Aus meiner Werkstatt

11.02.2011 | 18:43 |  Von Robert Schindel (Die Presse)

Schreiben, das ist auch Handwerk und Technik. Das ist auch Säge, Axt und Wasserwaage. Über den Werkzeugkasten des literarischen Schreibens.

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1. – Wenn einem nur etwas einfällt! Jeden Morgen aufs Neue hebt ein Wortsturm an, verstärkt sich und fegt über die Kontinente. Aus allen Lautkästen heraus kommen die zu Würsten gefertigten Wörter, zumeist als Meinungen, als Verlautbarungen, als Warnmelder, als Beschwichtigungsgenuschel, alsKommandos; unentwegt verschwinden siein unseren Ohren, um hernach ihre Wirkungen zu entfalten, den Lebensgeistern Striegel zu sein und Harke. Man lebt. Und es fällt einem nichts ein. In der Morgenfrüh scheinen dem sein Tagwerk beginnen wollenden Autor die auf Halde liegenden Wörter dortselbst zu vergammeln, da er sich nicht zu entscheiden vermag, welche der zur Verfügung stehenden aus der Garage gefahren werden können, welche überhaupt zu Gebot stehen, um was für einen Gedanken zu bilden, was für eine Idee zu verfolgen. Mitten im Wortsturm sitzt der Mensch wie einSchweigepfropfen in seiner Küche, im Kaffeehaus, hinterm Schreibtisch. Wohl hat er womöglich die Lautkästen seiner nahenUmgebung, soweit es ihm möglich ist, außer Betrieb gesetzt, doch längst hat sich das Gequatsche der Welt als Partikel bis in die Atemluft ausgebreitet, es besiedelt zunehmend die Auren, die jeweils jeden Menschen umschmiegen. Wir können uns den Autor als grundelnden Karpfen vorstellen, der imWortwasser steht, seinMaul auf- und zumacht und den Schweigeblasen nachschaut, dieseinem automatischenMundwerk entweichen.

Dieser Zustand istunergiebig und einemSchriftsteller nicht angemessen. Er würde gerne das gefrorene Meer in sich aufhacken, aber wie hält man eine Axt, wenn man bloß Flossen zur Verfügung hat? Wie trifft man das Zauberwort, wenn man verschallt ist, sodass man das Lied in den Dingen der Welt gar nimmer vernehmen kann.

Aber, aber. Es fällt uns ohnedies dauerndetwas ein. Die eben aufgebaute Angstfigur verschwindet, sobald man sich den Schlaf aus den Augen gerieben, die erste Zigarette geraucht, den ersten Kaffee getrunken. Und wenn der erste Einfall kein anderer ist, als wiederzugeben, was an Wortsturm in dich eingedrungen ist: Zur Nachahmung kannst du jederzeit die entsprechenden Wörter von der Halde fahren; schließlich lagern längst schon die Sachverhaltsdingerchen in dir, sodass du sie ausfahren kannst, nachdem du sie vernommen und zunehmend noch bevor sie dir von außen in den Sinn kommen werden. Erfahrung als Erfahrung. Lass uns halt den Müll wiedergeben, lass uns der Welt den Spiegel vorhalten. Getöse durch Getöse, Langeweile durch Langeweile, Werbung durch Werbung. Lass uns eine Liebesbeziehung aus Gesäusel formen und aus Annoncen eine Daseinsästhetik.

Eine Autorin sitzt in einer Ecke des Kaffeehauses und schaut in die andere und beginnt exakt das aufzuschreiben, was sie dort sieht. Wie der Ober auf dem Tablett was wem bringt; wie er sich vorbeugt, wie der Gast aufschaut, wie er nickt und dankt. Wie der Ober dem Gast den Rücken zukehrt, weil er von ihm irgendwann weggehen muss, denn er holt ja etwas, um es wem andern zu bringen. Die Autorin lenkt den Blick auf eine Frau, die Zeitung liest, bis der Ober erscheint und der Lesenden etwas hinstellt, sodass die Zeitung wie eine Raschelwand zwischen dem Gesicht der Dame und ihrer Konsumation aufragt. Die Autorin beschreibt, dass der Frau die Zeitung, welche ineinem Halter steckt,wegkippt und sie aufdie Konsumation blickt,zum Ober hochschautund ebenfalls dankend nickt. Und schon wieder dreht auf das hinauf der Ober der Frau den Rücken zu. Die Autorin nimmt auch davon Notiz.

Worauf kommt es denn nun an? Was sieht die Autorin? Sie sieht, was wir auch sehen. Warum beschreibt sie, was jeder beschreiben kann? Ich lösche die Autorin und setze mich statt ihr auf den Kaffeehausplatz. Ich beginne exakt das aufzuschreiben, was ich dort sehe. Wie der Ober auf dem Tablett was wem bringt; wie er sich vorbeugt und so fort. Ich lege alsobald mein Geschriebenes neben das der Autorin und wundere mich. Warum sind die beiden Beschreibungen so unterschiedlich? Liegt es daran, dass die Autorin mit der Hand geschrieben hat, ich aber mit einer Flosse? Ich hab doch bloß die Wörter von der Halde gefahren, die man braucht,um einem Ober abzuschildern, was er halt tut. Die Autorin beschreibt auch nichts anderes, aber ich lese darin eine ganze Geschichte. Der Gast dankt so, dass sich mein Herz zusammenkrampft, die Frau sitzt hinter der Zeitung, als wäre sie von Meldungsübersichten begraben. Der Ober erinnert mich an etwas, was ich nicht zu denken wage. Kommt das daher, weil ich bloß einen Karpfenkopf besitze und schreibend bloß die Ohren hinhalte, die Augen hinhalte und den Mund auf- und zumache, indes die Autorin ihren Blick so eingestellt hat, dass nur jene Wörter aus der Halde kommen, die mit der Beschreibung ein Etwas mittransportieren, welches zwar der Beschreibung inhärent wird, aber ihr auch dieses Etwas zugesetzt hat von dem, was nicht sichtbar ist.

Dem allgemein Sichtbaren etwas zusetzen, Unsichtbares sichtbar machen. Aha. Aber ist die Autorin nicht wie wir alle bloß dieser Schweigepfropfen im Wörtersturm,der Karpfen im Wortgewässer? Wieso kann sie eine Axt halten und das gefrorene Meer in sich aufhacken und wir nicht?

Es bleibt nichts anderes übrig: Wir müssen den Werkzeugkasten des literarischen Schreibens herausnehmen, aufsperren und das Wie herausnehmen. Das Wie und nicht das Was. Das Was umtost uns ohnedies.


2. – Wie schaut dieses Wie aus. Doch wohl nicht wie eine Axt, auch nicht wie ein geschweifter Hammer. Ein maultrommelartiger Wunschwürfel? Schon eher. Wie wollen wir das Wie aus dem Werkzeugkasten herausnehmen, wenn wir gar nicht wissen, wie das Wie aussieht? Wir müssen hineingreifen und irgendwie irgendwas herausnehmen. Wir müssen uns einfach etwas herausnehmen.


3. – Dem Werkzeugkasten entnehme ich nunWerkzeuge für eine Sorte literarischenSchreibens, die man die narrative und postnarrative nennen kann. Für andere Sorten wird wohl noch ein andermal zu berichten sein. Hier geht es um ein Wie, das, wenn manes herausgenommen hat und nun in den Händen birgt, sich in verschiedene Stücke, in brüchige Derivate des großen maultrommeligen Wunschwürfels herunterbrechen lässt. Die einzelnen Stücke, teils einfache Werkzeuge, teils Lupen und Spiegel, teils Kompasse, teils kleine Äxte, mittlere Sägen, Gewichte, aber auch Kaffeearten, alkoholische Mixturen und anderes mehr, haben allesamt eine diskrete Maserung. Viele müssen sowohl für sich als auch in Kombination angewandt werden, alle übersetzen wir im metaphorischen Grundverständnis in adäquate Begriffe. Die Figur etwa baue ich technisch mit einem dem Gesamtprozess angemessenen Gewicht, in das eine Bussole eingebaut wird. Die Erzählperspektive wird auf einer Drehbank eingestellt, in welche Atemkapseln, Scheuklappen, Bewegungsmelder und Lackmus eingearbeitet sind. Die erzählerische Gerechtigkeit benötigt eine Menge glasige Luft, Lote, Wasserwaagen, Salben fürs Fingerspitzengefühl und eine nicht zu kleine Prise Innenschau mithilfe stimulierender Ingredienzien. Der Erzählrhythmus allerdings muss von der Autorin, dem Autor beim ersten Lautlesen des Textes mit dem ganzen Oberkörper adjustiert werden.

Dem Werkzeugkasten liegt in aller Regel eine Gebrauchsanweisung bei, die allerdings notorisch missverständlich aufgefasst und daher dilettantisch angewendet wird. Diese Anwendung grenzt an nichtnarrative Textsorten und zielt sogar gelegentlich ins Zentrum derselben. Denn eigentlich benötigen wir für lyrische, für transmediale und für supradynamische Texte einen je eigenen Werkzeugkasten, der allerdings von jedermann aus dem Internet heruntergeladen werden kann und dessen Gebrauch distinkt ist.


4. – Erzählperspektive, Gerechtigkeit, Figurenführung, das Verhältnis von Bauplan und automatischem Schreiben, entpsychologisiertes Fantasieren, Sturz des Kronos und Wiedereinsetzung, Wortarbeit inklusive Selbstlautkomposition, die Tücken der Mann'schen Satzfolge und deren kontrapunktische Verarbeitung mittels Textskelettierung, all das muss durch die Kombinationen aus dem Werkzeugkasten des literarischen Schreibens an der Basis verankert werden, damit sich das freie Spiel zwischen der Verfertigung der Gedanken beim Schreiben und den Schreibvektoren entfalten kann. Immer wieder muss nachgebessert werden, stets muss man das Ganze in den individuellen und allgemeinen Erfahrungslaugen prozessieren lassen, abschrecken, abhängen, sintern lassen, um in neuerlichen Durchpflügungen wiederum voranzutreiben, bis am Ende ein literarischer Sachverhalt vorliegt.


5. – Jetzt wissen Sie, wertes Publikum, grad so viel wie vorher? Sie wollen mehr über die technischen Bedingungen erfahren, aus welchen sich das literarische Schreiben nebst anderen Bedingungen entwickeln kann?

In unser Institut für Sprachkunst treten einmal im Jahr eine gewisse Anzahl von Autorinnen und Autoren ein. Kaum sind sie da und haben eine Zulassungsprüfung bestanden, ganz ohne systematisch vom Werkzeugkasten des literarischen Schreibens Gebrauch gemacht zu haben, erwartet sie ein Laboratorium, das aus gar nichts besteht als den Köpfen der Lernenden und der Lehrenden. Anfangs hart getrennt, werden im Verlauf der Laboratoriumsarbeit die Lehrenden zu Lernenden. Denn das gemeinsame Ding, mit dem im Labor geübt wird, ist ein Worthaufen, der sich gut eignet, die Köpfe zu überwachsen, sodass Außenstehende gar nicht die Funktionen der einzelnen Köpfe unterscheiden können, und die Beteiligten sind stark mit der Strukturierung des Worthaufens beschäftigt und müssen Eigenes und Fremdes, Früheres und Jetziges, Banales und Geniales andauernd sortieren und auf der Basis des Werkzeugkastens in einen anderen Worthaufen überführen. Mehr undmehr werden die Lehrenden zu Laboratoriumsleitern, die vom Experimentieren der Studenten infiziert werden, weil es sich bei den Worthaufen um Stoffe handelt, denen eine literarische Energie innewohnt. Am Ende des drei Jahre dauernden Hantierens mit den Werkzeugen aus dem Zauberkasten der Literatur legen zwar die einen eine Abschlussprüfung ab, die anderen aber, die Lehrenden, haben ungeprüft auch ihren eigenen Worthaufen bewältigt, wenn sie Glück und gute Schüler hatten. Denn das Labor verschont keinen.


6. – Schließlich, wenn ein literarischer Sachverhalt vorliegt bei jedem, dann ist der Werkzeugkasten des literarischen Schreibens verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben.


7. – Die Autorin hat die Schilderung der Kaffeehausgäste abgeschlossen. Sie hat sie mit erfundenen Träumen durchsetzt, stilistisch gehärtet und mit kleinen Feilen dem gefrorenen Meer in sich beträchtlich zugesetzt, es beinahe zuzurichten begonnen: ein Buch, ein Buch, das Buch! Und sie fährt zu ihrem Verlag, lässt sich vom Lektor den Text abstriegeln, ob sie will oder nicht. Nachdem ihr Buch erschienen ist, wartet sie, ob sie auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis aufscheint.

Beim Warten beginnt sie aufs Neue mit der Herstellung von Unsichtbarem in der sichtbaren Welt, mitten in den Wortstürmen, die an den Türen und Fenstern der Plappersuppenküchen rütteln. Daran geht sie vorüber, vornübergebeugt gegen den Sturm. Oder sie wartet bloß, will nicht wie Thomas Mann am Nachmittag mit dem neuen Roman beginnen, weil sie am selben Vormittag den alten beendet hat. Sie will warten und für das Buch was tun. Lesereisen absolvieren, Rezensionen runterwürgen und lächeln. Dazu muss sie die Werkzeuge des literarischen Schreibens eine Zeit lang wieder in den Werkzeugkasten zurückschlichten, denn Ordnung muss sein. Sie muss aus den Teilen das Wie zusammenbauen zum maultrommeligen Wunschwürfel. Doch sie kann die Teile nicht mehr finden. Sie sind mit den Händen, die längst nichts Flossenartiges an sich haben, verwachsen und von dort über die Blutbahnen in Herz und Hirn gelangt, und zwar in einem Aggregatzustand, der Außenstehende verwundern muss.


8. – Als unsere Autorin nach einer längeren Zeit wieder auf Position geht, um eine Person dort drüben ins Leben zu bringen, stockt es und zittert, blockiert. Sie muss heimgehen, den Werkzeugkasten öffnen und aufs Neue einen Wie-Apparat herausnehmen, der sofort in seine Derivate sich herunterbricht. Ihr ist ganz bang, denn der Wie-Apparat sieht nicht aus wie ein Wunschwürfel. Er ist ein Zwangswürfel geworden. Und was immer sie herunterbricht, es sind Urteile.

Ein anderer, etwas kleinerer Werkzeugkasten des literarischen Schreibens muss her. Wie nehmen und nicht stehlen? ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.02.2011)

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