In der Zeit, wo das Wünschen noch geholfen hat, also zu jener fiktiven Zeit, in der Märchen spielen, gab es immer wieder Paare, die sich nichts sehnlicher als ein Kind wünschten, jedoch vergeblich. Die Kinderlosigkeit quälte sie so sehr, dass sie am Ende bereit waren, alles in Kauf zu nehmen, um doch noch ihren Kinderwunsch erfüllt zu sehen.
Es war zum Beispiel einmal ein armer Bauer, der saß abends beim Herd und schürte das Feuer, während seine Frau saß und spann. Da sprach der Bauersmann: „Wie traurig ist es doch, dass wir keine Kinder haben! Es ist so still bei uns, und in den anderen Häusern um uns herum ist es so laut und lustig.“ – „Ja“, antwortete seine Frau undseufzte, „wenn's nur ein einziges wäre, und wäre es auch ganz klein, nicht größer als der Daumen, so wollte ich schon zufrieden sein und hätte das Kind von Herzen lieb.“ Auf wundersame Weise ging der Wunsch in Erfüllung. Die Frau gebar nach sieben Monaten ein Kind, zwar an allen Gliedern vollkommen, aber nicht länger als ein Daumen. Die Eltern grämten sich nicht, sondern waren dankbar. „Das Kind ist, wie wir es gewünschthaben, und wir wollen es lieb haben“, sprachen sie. Und weil es so klein war, nannten es die Eltern „Daumesdick“. Sie umsorgten ihr Kind und sparten nicht am Essen. Aber dasKind wurde nicht größer, sondern es blieb so klein wie bei seiner Geburt. Es hatte aber ei-
nen klugen Verstand undentwickelte sich zu ei- nem Menschen, dem alles glückte, was er anfing.
Es gab auch einmal einen reichen Bauern, dem bei allem Wohlstand doch eines zu seinem Glück fehlte. Er und seine Frau bekamen keine Kinder. Nachdem er deswegen schon oftmals von anderen Bauern verspottet worden war, kam er eines Tages nach Hause und sprach im Zorn: „Ich will ein Kind haben, und sollte es auch ein Igel sein!“ Kaum hatte er das gesagt, wurde seine Frau schwanger und brachte einen Knaben zur Welt, der oben ein Igel und unten ein Junge war. Die Frau war verzweifelt und jammerte, ihr Mann habe sie verwünscht. Doch das Kind wurde christlich getauft und erhielt den Namen „Hans mein Igel“.
Schließlich gab es im Märchenland auch noch ein Königspaar, das reich und mächtig, aber kinderlos war. Tag und Nacht haderte die Königin mit ihrem Schicksal. „Ich bin wie ein Acker“, klagte sie, „auf dem nichts wächst.“ Am Ende erfüllt Gott ihren Wunsch,doch als ihr Kind zur Welt kam, sah es nicht wie ein Menschenkind, sondern wie ein Eselchen aus. Nun jammerte und schrie die Mutter, sie hätte doch lieber gar kein Kind gehabt als einen Esel. Man solle das Kind ertränken und den Fischen zum Fraß vorwerfen. Doch der König sprach: „Nein, hat Gott uns dieses Kind geschenkt, so soll es auch mein Sohn und Erbe sein und mir nach meinem Tod auf dem Thron folgen.“
Was aus Daumesdick, Hans mein Igel unddem Eselskind geworden ist, soll hier nicht weiter erzählt werden. Wenn Sie es nicht ohnehin wissen, können Sie es bei den Gebrüdern Grimm nachlesen. Was uns interessiert, sind der unerfüllte Kinderwunsch und die Wunschkinder, die nicht nur im Märchen, sondern auch im wirklichen Leben vorkommen. Und wie im wirklichen Leben ist es mit den Wunschkindern auch im Märchen so eine Sache. Nicht immer geraten sie so, wie es sich die Eltern erträumen. Dann doch lieber gar kein Kindals solch einen Esel, wie der eigene Sohn ist.
Die Erfüllung des Kinderwunsches gehört heute freilich nicht mehr ins Reich der Märchen und der Fantasie, sondern erscheint technisch machbar dank der Fortschritte der modernen Reproduktionsmedizin. Die reichen Bauersleute und das Königspaar könnten heute ihr Geld nehmen und es mit In-Vitro-Fertilisation versuchen. Und auch der arme Bauer und seine Frau würden immerhin einige Versuche mit extrakorporaler Befruchtung teilweise von der Krankenkasse erstattet bekommen.
Ungewollte Kinderlosigkeit muss nicht länger Schicksal sein. Wie man sich auch sonst eigene Wünsche selbst erfüllen kann, vorausgesetzt man hat das nötige Geld, so auch den Wunsch nach einem leiblichen Kind. Die Reproduktionsmedizin ist ein wachsender Markt, der offen und massiv beworben wird. Kritiker halten ihr vor, sie habe sich von der ärztlichen Hilfe zur wunscherfüllenden Dienstleistung gewandelt. Vorbei die Zeiten, als – wenn überhaupt! – das Wünschen oder auch das Beten noch geholfen hat. Medizinische Technik macht's möglich. Und dass das Wunschkind nicht als Däumling, Esel oder Igel zur Welt kommt, dafür sorgen pränatale Diagnostik oder Präimplantationsdiagnostik, also die genetischeUntersuchung des Ungeborenen im Mutterleib oder des im Reagenzglas gezeugten Embryos vor seiner Einbringung in die Gebärmutter. Den technischen Möglichkeiten, ungewollt Kinderlosen zu leiblichen Nachkommen zu verhelfen, scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Die – in Deutschland allerdings verbotene – Eizellspende macht es möglich, dass selbst Frauen jenseits des Klimakteriums noch schwanger werden, auch wenn ihr Kind biologisch betrachtet das Kindeiner anderen Frau ist. Frauen, die eigene Kinder wollen, aber die Beschwernisse einer Schwangerschaft meiden möchten, können in Ländern wie den USA auf Leihmütter zurückgreifen, die gegen Bezahlung die Kinder anderer Leute austragen.
Wie weit darf der Kinderwunsch gehen? Stößt er lediglich an technische Grenzen, oder gibt es auch ethische Grenzen, die durchentsprechende Gesetze zu schützen sind? Schließt das Recht auf Fortpflanzung das Recht ein, das Geschlecht des Kindes zu bestimmen, seine Hautfarbe, seine kognitiven und körperlichen Eigenschaften? Gibt es ein Recht auf ein gesundes Kind?
Die ethische Kernfrage, welche die moderne Reproduktionsmedizin aufwirft, ist ei- ne zweigeteilte: Wie ist ungewollte Kinderlosigkeit medizinisch zu bewerten, und lässt sich die extrakorporale Befruchtung grundsätzlich als Methode zur Behandlung ungewollter Kinderlosigkeit ethisch gutheißen? Erst in zweiter Linie stellt sich die Frage, wie wir es mit der Präimplantationsdiagnostik halten wollen, ob die In-Vitro-Fertilisation auch in Fällen, bei denen die natürliche Fortpflanzungsfähigkeit grundsätzlich besteht, alsMittel der Wahl freigestellt werden darf, etwafür homosexuelle Paare oder für Frauen, die selbst keine Schwangerschaft durchleben möchten. All das aber sind zwar ethisch gewichtige, jedoch nachgeordnete Fragen.
Ich möchte auf die zweigeteilte Ausgangsfrage zurückkommen, und zwar aus theologischem Blickwinkel. Die Theologie führt uns nicht in das Reich der Märchen, sondern zunächst in die Welt der Bibel. In ihr begegnet uns das Thema Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit auf Schritt und Tritt. Der biblische Gott ist daran höchst interessiert. „Seid fruchtbar und mehret euch“, lautet seine Anweisung an die von ihm erschaffenen Menschen in der Genesis (1,28). Es handelt sich nicht etwa um einen Befehl, sondern um ein Segenswort. Abraham soll zum Stammvater eines großen Volkes werden und seine Frau Sarah einen Sohn gebären, obwohl sie doch längst die Menopause hinter sich hat. Ähnliches wird später Zacharias und Elisabeth, den Eltern Johannes des Täufers, widerfahren. Auch Rebekka, die FrauIsaaks, ist zunächst unfruchtbar, bevor sie mit Gottes Hilfe schwanger wird und die Zwillinge Jakob und Esau zur Welt bringt. Jakob wiederum ist später mit den Schwestern Lea und Rahel verheiratet. Lea, die Ungeliebte, bekommt mehrere Kinder, während Jakobs große Liebe, Rahel, zunächst kinderlos bleibt. Die biblische Erzählung deutet dies als ausgleichende Gerechtigkeit Gottes. Ein ähnliches Schicksal teilen Hanna und Pennina, die Frauen eines gewissen Elkana. Während Pennina Kinder bekommt, ist Hanna, die Elkana über alles liebt, unfruchtbar.
Ungewollte Kinderlosigkeit galt in alttestamentlicher Zeit nicht nur als von Gott verhängtes Schicksal, sondern auch als gesellschaftlicher Makel. Um doch noch eigene Kinder zu bekommen, vertrauen Menschen in der Bibel keineswegs nur auf das Gebet. In alttestamentlicher Zeit war die Polygamie eine selbstverständliche Institution. Zudem gab es die Einrichtung der Nebenfrauen, deren Kinder rechtlich als leibliche Kinder der Hauptfrauen galten. Bevor die betagte Sara doch noch schwanger wird, zeugt Abraham mit der Sklavin Hagar einen Sohn, Ismael. Auch die unfruchtbare Rahel wird auf solche Weise Mutter, indem Rahels Leibmagd, Bilha, zwei Söhne von Jakob bekommt. Dass Rahel schließlich selbst noch schwanger wird, verdankt sie einem Liebeszauber, dessen sie sich bedient. Hanna wird schwanger, nachdem sie ein Gelübde abgelegt hat, ihr Sohn solle Gott geweiht und im Tempel aufgezogen werden. Das Gleiche spielt sich bei Simsons Geburt ab, Ähnliches auch bei der Geburt Johannes des Täufers. Verwitwete Frauen wurden vom Bruder des Verstorbenen als Ehegattin übernommen, die mit ihr gezeugten Kinder galten als Nachkommen des Verstorbenen.
Selbstverständlich sind diese biblischen Reminiszenzen nicht als Plädoyer für die Einführung der Polygamie oder sonstiger Praktiken einer fernen Kulturepoche gemeint. Wohl aber lassen sie sich als Hinweis verstehen, wie ernst der unerfüllte Kinderwunsch in der biblischen Tradition genommen wird. Außerdem wird deutlich, dass die strikte Bindung von leiblicher Elternschaft an den natürlichen Geschlechtsakt zwischen den Ehepartnern, wie sie heute vor allem vom römisch-katholischen Lehramt gefordert wird, in der Bibel keinen Anhalt hat.
Peter Dabrock, evangelischer Ethiker an der Universität Erlangen, stellt zutreffend fest, es könne „liebloser Sex ohne Hightech dem Zuspruch der Kommunikation widersprechen, wie ein intensiver, mit technischer Assistenz erfolgreich erfüllter Kinderwunsch ihr entsprechen kann. Technik als unnatürlich, einen (vermeintlich) natürlichen Liebesakt als einzig authentische Form des Kinderwunsches zu bestimmen, das ist eine vormoderne Unterscheidung, die der Komplexität heutiger Lebensformen nicht mehr gerecht wird.“
Allerdings ist die Frage des Kindeswohls stärker als in der Vergangenheit in den Blick der ethischen Diskussion und die Bewertung des Einzelfalls zu rücken. An ihr findet die reproduktive Autonomie potenzieller Eltern ihre Grenzen. Der an sich berechtigte Kinderwunsch kann zu einem ethisch bedenklichen Wunsch werden. Seine Erfüllung, so der Medizinethiker Hartmut Kreß, „kannschwerlich um den Preis erfolgen, dass für das Kind von vornherein gesundheitliche Schäden hingenommen werden, die unverhältnismäßig sind“.
Nun betrachtet die moderne Reproduktionsmedizin ungewollte Kinderlosigkeit wie selbstverständlich als Krankheit. Freilich sindKrankheiten nicht zwangsläufig Naturgegebenheiten, sondern letztlich auch soziale Konstruktionen, freilich mit biologischen und psychischen Faktoren. Auch im Falle ungewollter Kinderlosigkeit kann man nicht automatisch von Krankheit sprechen. Zum einen kann die Kinderlosigkeit ganz unterschiedliche medizinische oder auch psychische Ursachen haben. Zum anderen hängt es von den Betroffenen selbst ab, wie sie die ungewollte Kinderlosigkeit erleben und deuten,ob als therapiebedürftige Krankheit, ob als eine Art von Behinderung oder Schicksal, das sie als Herausforderung begreifen, ein alternatives Lebenskonzept zu entwickeln. Ob man der ungewollten Kinderlosigkeit im konkreten Fall einen „Krankheitswert“ zuerkennt, ist, wie in anderen Bereichen der Medizin ebenso, Gegenstand eines komplexen Aushandlungsprozesses zwischen Arzt und Patientin beziehungsweise Klientin.
Weshalb soll der unerfüllte Kinderwunsch einer Frau Mitte 30 eine medizinische Indikation für die In-Vitro-Fertilisation sein, derjenige einer Frau jenseits des Klimakteriums aber nicht? Die Berufung auf die Natur als normativen Anhaltspunkt genügt nicht mehr als Argument, wenn doch die Manipulation der menschlichen Natur beständig im medizinischen Alltag stattfindet. Auch kann die Reproduktionsmedizin das Leiden am unerfüllten Kinderwunsch noch zusätzlich verstärken, so dass dieser selbst zur eigentlichen Krankheit wird. Der Versuch, das Leiden an ungewollter Kinderlosigkeit mit Hilfe moderner Reproduktionsmedizin zu beenden, kann so erst rechtzum Leidensweg werden. An seinem Ende steht nicht selten der schmerzvolle Abschied vom Traum vom eigenen Kind, die Trauer, die durchlebt werden muss, bevor überhaupt ein alternativer Lebensentwurf in Angriff genommen werden kann, sei es mit oder ohne Kinder. Nicht immer bietet eine Adoption eine Alternative, schon deshalb nicht, weil es für Adoptionswillige gesetzliche Altersgrenzen gibt.
Dass man nicht pauschal jeden Fall von ungewollter Kinderlosigkeit als Krankheit einstufen darf, rechtfertigt jedoch nicht, den Krankheitsbegriff in diesem Zusammenhanggenerell für abwegig zu halten. Man kann mit dem Medizinethiker Giovanni Maio allerdings fragen, ob nicht etwa die In-Vitro-Fertilisation für lesbische Paare oder die künstliche Befruchtung bei Frauen jenseits der Menopause als Life-Style-Medizin einzustufen ist. „Genauso anfechtbar wäre es aber, wollte man die gesamte Reproduktionsmedizin als Life-Style-Medizin begreifen, denn damit würde man das Leiden, das mit einer ungewollten Kinderlosigkeit einhergeht, bagatellisieren.“
Allerdings können Wünsche, und sei es auch der noch so verständliche Wunsch nach eigenen Kindern, nicht zum alleinigen Maßstab medizinischen Handelns gemacht werden. Wunschkinder, die nach dem Bilde geschaffen werden oder sich nach jenem Bilde entwickeln sollen, das sich die Eltern von ihren Kindern machen, vertragen sich nicht mit dem christlichen Verständnis von Menschsein und Liebe, aber auch nicht mit dem säkularen Verständnis von Menschenwürde. Es ist, wie Max Frisch in seinem Roman „Stiller“ schreibt, „das Zeichen der Nicht-Liebe, also Sünde, sich von seinem Nächsten oder überhaupt von einem Menschen ein fertiges Bild zu machen, zu sagen: So und so bist du, und fertig!“
Die Bauersleute in Grimms Märchen waren bereit, ihr Wunschkind zu nehmen, wie es kam, auch wenn es nicht größer war als ein Daumen und so gar nicht den Idealvorstellungen eines Kindes entsprach, das sich in der Welt behaupten und seinen Weg machen könnte. Daumesdick hat aber trotzdem seinen Platz in der Welt gefunden und sein Glück gemacht. Und wenn sie nicht gestorben sind... ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.02.2011)















