Wir wollen über unser Leben selbst bestimmen. Das sind Worte, die leidenschaftlicheZustimmung finden, und wir haben den Eindruck, dass sie von den beiden wichtigsten Dingen handeln,die wir kennen: von unserer Würde und unserem Glück. Doch was bedeuten die vertrauten Worte eigentlich? In welchem Sinn kann ich über mein Leben bestimmen? Was ist das für eine Idee von Bestimmen und von Selbstständigkeit? Wie kann man die Idee entfalten, und was kommt da alles zum Vorschein?
Keine äußere Tyrannei. – Nach einerersten Lesart ist etwas Einfaches, Geradliniges gemeint: Wir wollen in Einklang mit unseren eigenen Gedanken, Gefühlen und Wünschen leben. Wir möchten nicht, dass uns jemand vorschreibt, was wir zu denken, zu sagen und zu tun haben. Keine Bevormundung durch die Eltern, keine verschwiegene Tyrannei durch Lebensgefährten, keine Drohungen von Arbeitgebern und Vermietern, keine politische Unterdrückung. Niemand, der uns zu tun nötigt, was wir von uns aus nicht möchten. Keine äußere Tyrannei also und keine Erpressung, aber auch nicht Krankheit und Armut, die uns verbauen, was wir erleben und tun möchten. Das ist nicht mit dem Wunsch zuverwechseln, ohne Rücksicht auf andere die eigenen Interessen durchzusetzen. Zwar kann man – ganz formal betrachtet – Selbstbestimmung auch so lesen. Doch dann istsie nicht das, was diemeisten von uns im Augehaben: ein selbstständiges Leben in einer Gemeinschaft, die durch rechtliche und moralische Regeln bestimmt ist – Regeln, die soziale Identitäten definieren, ohne die es ebenfalls keine Würde und kein Glück gibt. Was wir nach dieser ersten Lesart der Idee meinen, ist ein Leben, das im Rahmen dieser Regeln frei von äußeren Zwängen wäre, und ein Leben, in dem wir mit darüber bestimmen können, welche Regeln gelten sollen.
Innere Selbstständigkeit. – Wie gesagt: Das ist eine relativ einfache, transparenteIdee, die keine grundsätzlichen gedanklichen Probleme aufwirft. Viel komplizierter und undurchsichtiger wird die Idee der Selbstbestimmung, wenn wir sie unter einer zweiten Lesart betrachten. Danach geht es nichtmehr um die Unabhängigkeit den anderen gegenüber, sondern um die Fähigkeit, über sich selbst zu bestimmen. Nun ist nicht mehrdie Rede davon, über mein Leben Regie zu führen, indem ich mich gegen die Tyrannei der Außenwelt wehre. Jetzt geht es darum, in einem noch ganz anderen Sinne der Autor und das Subjekt meines Lebens zu werden: indem ich Einfluss auf meine Innenweltnehme, auf die Dimension meines Denkens, Wollens und Erlebens, aus der heraus sich meine Handlungen ergeben. Wie kann man sich diesen Einfluss, diese innere Lebensregie, vorstellen?
Wir sind nicht die unbewegten Beweger unseres Wollens und Denkens. Wir sitzen nicht als stille Regisseure im Dunkeln und ziehen die Fäden in unserem inneren Drama. Und wir können nicht nach Belieben, ohne Vorbedingungen und aus dem Nichts heraus, darüber bestimmen, was wir denken, fühlen und wollen. Selbstbestimmung in dieser zweiten Lesart bedeutet weder eine innere Verdoppelung der Person durch ei-nen stillen Homunkulus noch eine Wahl von einem imaginären Nullpunkt aus. Bevor wir so weit sind, uns zu fragen, wie wir leben möchten, sind tausendfach Dinge auf uns eingestürzt und haben uns geprägt. Diese Prägungen bilden den Sockel für alles Weitere, und über diesen Sockel können wir nicht bestimmen. Doch das macht nichts, denn das Gegenteil wäre ohnehin nicht denkbar: Derjenige, der am Nullpunkt stünde, könnte sich nicht selbst bestimmen, denn er hätte noch keinen Maßstab. Damit unser Wille und unser Erleben die unseren sind als Teil der persönlichen Identität, müssen sie in eine Lebensgeschichte eingebettet und durch sie bedingt sein, und wenn es da Selbstbestimmung gibt, dann nur als Einflussnahme im Rahmen einer solchen Geschichte, die auch eine kausale Geschichte ist, eine Geschichte von Vorbedingungen. – Ist diese Einsichtnicht gefährlich? Unser Erleben ist mit dem Rest der Person kausal – durch Beziehungen der Bedingtheit – verflochten. Doch die Dinge in uns, aus denen es sich ergibt, werden ihrerseits kausal von der Welt draußen bestimmt. Werden mein Denken, Wollen und Fühlen damit nicht zum bloßen Spielball des Weltgeschehens, sodass es ein Hohn ist, davon zu sprechen, dass ich über sie bestimmen kann? Macht uns das als Denkende und Wollende nicht zu bloßem Treibsand? Vieles, was ich will, geht darauf zurück, dass andere mir etwas gesagt und auf diese Weise dafür gesorgt haben, dass ich bestimmte Dinge glaube, fühle und will. Die anderen setzen Kausalketten in Gang, an deren Ende sich mein Erleben und dann mein Tun verändern. Werde ich dadurch nicht zum bloßen Instrument und Spielzeug der anderen, zu einer Art Marionette? Wenn ich mich in jedem Moment in einem kausalen Kräftefeld von eigener Vergangenheit und fremdem Einfluss befinde: Wie kann da im Ernst noch von Selbstbestimmung die Rede sein? Ist das nicht bloß ein rhetorisches Manöver des Selbstbetrugs?
Doch so ist es nicht. Auch wenn meine Innenwelt aufs Engste verflochten ist mit dem Rest der Welt, so gibt es doch einen gewaltigen Unterschied zwischen einem Leben, in dem jemand sich so um sein Denken, Fühlen und Wollen kümmert, dass er in einem emphatischen Sinne sein Autor und sein Subjekt ist, und einem anderen Leben, das der Person nur zustößt und von dessen Erleben sie wehrlos überwältigt wird, so dassstatt von einem Subjekt nur von einemSchauplatz des Erlebens die Rede sein kann. Selbstbestimmung zu verstehen heißt: diesenUnterschied auf den Begriff zu bringen.
Sich selbst zum Thema werden. – Am Anfang steht eine Beobachtung von großer Tragweite: Es kennzeichnet uns Menschen, dass wir, was unsere Meinungen, Wünsche und Emotionen anlangt, nicht nur blind vor uns hinleben und uns treiben lassen müssen,sondern dass wir uns in unserem Erleben zum Thema werden und uns um uns selbst kümmern können. Das ist die Fähigkeit, ei- nen Schritt hinter sich selbst zurückzutreten und einen inneren Abstand zum eigenen Erleben aufzubauen. Diese Distanz zu sich selbst gibt es in zwei Varianten.
Die eine ist eine Distanz des Erkennensund Verstehens: Was ist es eigentlich, was ich denke, fühle und will? Und wie ist es zu diesen Gedanken, Gefühlen und Wünschen gekommen? Zu dieser reflektierenden Einstellung gehört implizit ein wichtiger Gedanke: Es wäre auch möglich, etwas andereszu denken, zu fühlen und zu wollen. Für Wesen wie uns, denen es um Selbstbestimmung gehen kann, ist die Kategorie des Möglichenvon großer Bedeutung: der Gedanke, dass es nicht nur die eine, die eigene Weise gibt, ein menschliches Leben zu führen, sondern viele und ganz verschiedene. Selbstbestimmung verlangt einen Sinn für das Mögliche, also Einbildungskraft, Fantasie.
Noch deutlicher zeigt sich das bei der zweiten Variante der inneren Distanz, wo es um die Bewertung des eigenen Erlebens geht: Bin ich eigentlich zufrieden mit meiner gewohnten gedanklichen Sicht auf die Dinge, oder überzeugt sie mich nicht mehr? Finde ich meine Angst, meinen Neid und meinen Hass angemessen? Möchte ich wirklich einer sein, der diesen überkommenen Hass weiterträgt und diese Angst meiner Eltern weiterschreibt? Oder würde ich mich lieber als einen erleben, der der Versöhnung und Gelassenheit fähig ist? Und entsprechende Fragen können meinen Wünschen und meinem Willen gelten: Ist mir eigentlichwohl mit meinem Willen, der immer noch mehr Geld und Macht anstrebt? Möchte ich wirklich einer sein, der stets das Rampenlicht und den Lärm des Erfolgs sucht? Oder möchte ich lieber einer sein, der in der Stille von Klostergärten zu Hause ist?
Es ist nichts mysteriös an diesem erkennenden und bewertenden Abstand, den wir zu uns selbst aufbauen können. Er bedeutet keine heimliche Verdoppelung der Person. Er besteht einfach in der Fähigkeit, Gedanken, Emotionen und Wünsche zweiter Ordnung zu entwickeln, die sich auf diejenigen erster Ordnung richten. Aus dieser Fähigkeit heraus entsteht etwas, was für die Erfahrung von gelingender und scheiternder Selbstbestimmung von entscheidender Bedeutung ist: unser Selbstbild, unsere Vorstellung davon, wie wir sein möchten. Was wir jetzt sagen können, ist: Selbstbestimmt ist unser Leben, wenn es uns gelingt, es innen und außen in Einklang mit unserem Selbstbild zu leben –wenn es uns gelingt, im Handeln, im Denken, Fühlen und Wollen der zu sein, der wir sein möchten. Und umgekehrt: Die Selbstbestimmung gerät an ihre Grenzen oder scheitert ganz, wenn zwischen Selbstbild und Wirklichkeit eine Kluft bleibt.
Sich in sich auskennen. – Doch der Gedanke klingt einfacher, als er ist. Denn woherkommt das Selbstbild, und wie hat man sich den Prozess vorzustellen, durch den ich mit mir selbst zur Deckung kommen und mich mit dem Drama meiner Innenwelt identifizieren kann?
Der innere Umbau, in dem diese Art von Selbstbestimmung besteht, geschieht nicht von einem inneren Hochsitz aus, der den Fluss des seelischen Lebens hoch und unberührbar überragte. Der Standpunkt, von dem aus ich mich beurteile, istTeil dieses Flusses und beruht selbst wieder auf bestimmten Gedanken, Wünschen und Gefühlen. Und der Maßstab des Selbstbilds ist nichtunantastbar: Manchmalgeht es nicht darum, sich einem solchen Bild zubeugen, sondern eineversklavende Vorstellung von sich selbst über Bord zu werfen. Und auch die Einflussnahme darf man nicht falsch deuten: Die innere Umgestaltung kann nicht einfach beschlossen und durch seelische Alchemie verwirklicht werden. Viele äußere Umwege sind nötig: Kulissenwechsel, neue Erfahrungen, neue Beziehungen, die Arbeit mit Trainern und Therapeuten. Das Ganze ist ein Kampf gegen die innere Monotonie, gegen eine Starrheit des Erlebens und Wollens.
Die beste Chance, den Kampf zu gewinnen, liegt in der Selbsterkenntnis. Wenn wir eine hartnäckige Zerrissenheit erleben, weil wir so ganz anders sind, als wir gerne sein möchten, dann geht es darum, den Quellen nachzugehen, aus denen sich sowohl das Selbstbild als auch das widerspenstige Erleben und Wollen speisen. Es kommt darauf an, denjenigen Unterströmungen des Fühlens und Wünschens auf die Spur zu kommen, die uns lenken, ohne dass wir es wissen und verstehen. Selbstbestimmung hat sehr viel damit zu tun, dass wir uns selbst verstehen. Jedes Leben ist viel reicher an Gedanken, Gefühlen und Fantasien, als die äußere Biografie zeigt. Und auch, als die innere, bewusste Biografie zeigt. Wer zu einem realistischen Selbstbild gelangen und mit ihm zur Deckung kommen will, muss versuchen, die Logik seines weniger bewussten Lebens zu durchschauen. Nur so lassen sich innere Zwänge und diejenigen Selbsttäuschungen auflösen, die der Selbstbestimmung im Wege stehen. Selbsterkenntnis ist dasjenige, was dazu führt,dass wir eine transparente seelische Identität ausbilden und dadurch in einem emphatischen Sinne zum Autor undSubjekt unseres Lebenswerden können. Sie istalso kein frei schwebender Luxus und kein abstraktes philosophischesIdeal, sondern eine sehr konkrete Bedingung für ein selbstbestimmtes Leben und damit für Würde und Glück.
Sich zur Sprache bringen. – Doch wie genau machen wir das: uns befragen, uns verstehen, uns verändern?
Es hat viel mit Sprache zu tun – mit dem Finden der richtigen Worte für das, was wir denken und erleben. Über sich selbst zu bestimmen, kann heißen, sich im eigenen Denken zu orientieren und seine Überzeugungen auf den Prüfstand zu stellen. Stimmt es eigentlich, was ich über dieses Land, diese Wirtschaftsentwicklung, diese Partei, diese Freundschaft und diese Ehe denke? Indem ich nach Belegen für oder gegen gewohnte Überzeugungen suche, eröffne ich einen inneren Prozess, in dessen Verlauf sich diese Überzeugungen ändern können. Und wenn dieser Prozess weitläufig genug ist, kann das zu einer Umgestaltung meines ganzen Meinungsprofils führen, zu einer Veränderung meiner gedanklichen Identität. Deshalb ist der Prozess der Aufklärung über eine wichtige Sache ein Akt der Selbstbestimmung. Jemand mag eine Partei gewählt, sich zu einer Religion bekannt und gegen Abtreibung demonstriert haben, weil das in der Familie seitGenerationen so war. Er war ein gedanklicher Mitläufer. Bis es ihm gelang, durch kritisches Nachfragen eine innere Distanz zu seinen Meinungsgewohnheiten aufzubauen und im Prozess des Nachprüfens selbst die Regie über sein Denken zu übernehmen.
Und das hat viel mit kritischer Distanz auch gegenüber den eigenen sprachlichen Gewohnheiten zu tun. Vieles, was wir zu denken und zu wissen meinen, ist dadurch entstanden, dass wir die Muttersprache nachgeplappert haben: Es sind Dinge, die man eben so sagt. Im Denken selbstständiger, mündiger zu werden, bedeutet auch, wacher zu werden gegenüber blinden sprachlichen Gewohnheiten, die uns nur vorgaukeln, dass wir etwas denken. – Diese Wachheit kommt in zwei Fragen zum Ausdruck: Was genau bedeutet das? Und: Woher eigentlich weiß ich das? Es gehört zu einem selbstbestimmten Leben, dass einem diese Fragen zur zweiten Natur werden,wenn von wichtigen Dingen die Rede ist wie et- wa: Freiheit, Gerechtigkeit, Patriotismus, Würde, Gut und Böse. Über sich selbst zu bestimmen heißt: unnachgiebig und leidenschaftlich zu sein in der Suche nach Klarheit und gedanklicher Übersicht. Diese Leidenschaft ist der platonischen, philosophischen Leidenschaft verwandt. Etwas kühn könnte man den methodischen Grundgedanken der platonischen Dialoge so formulieren: Man sollte sich hütenzu meinen, dass jeder grammatisch wohlgeformte Satz auch einen Gedanken ausdrückt; es gibt ungezählte Sätze, die an der Oberfläche in Ordnung sind, aber keinen echten gedanklichen Gehalt haben und eigentlich nur Geschwätz darstellen. Das ist es, was sich zeigt, wenn Sokrates die geläufigen Auskünfte über Gerechtigkeit, Bedeutung, Wahrheit und dergleichen auf den Prüfstand stellt und seine Gesprächspartner entdecken lässt, dass sie keine Ahnung hatten, wovon sie redeten. Die Gesprächspartner sind am Ende wacher als zuvor, wacher und misstrauischer gegenüber vertrauten, aber gedanklich leeren Redeweisen. Deshalbpflegte ich meinen Studenten zu sagen: Philosophie ist diejenige Disziplin, in der die Idee des Gedankens ernster genommen wird als in jeder anderen. Und damit eben auch die Idee der Selbstbestimmung.
Doch sprachliche Wachheit und Genauigkeit sind nicht nur dort entscheidend, wo es um unsere gedankliche Identität geht. Entscheidend sind sie auch, wenn wir nach unseren Wünschen und Affekten fragen und versuchen, sie zu verstehen und im Sinne der Selbstbestimmung zu beeinflussen. In den meisten Fällen beeinflusst das, was wir über eine Sache sagen, diese Sache nicht. Anders verhält es sich,wenn wir uns selbst zuerkennen und zu verstehen versuchen, indemwir das Erleben in Worte fassen. Wir haben gesehen: Wenn wir uns fragen, was wir über eineSache denken, und unsdazu die Belege für die vermeintliche Überzeugung ansehen, so kann sich diese Überzeugung gerade dadurch, dass sie untersucht und besprochen wird, verändern. Dann schafft das Erkennen das Erkannte. Dann formt das Besprechen das Besprochene. Auch im Fall von Empfindungen und Wünschen gibt es einen solchen Zusammenhang, aber dort ist er komplizierter, unübersichtlicher. Vieles, was wir fühlen und wünschen, ist für uns zunächst diffus. Der Prozess der Klärung, in dem wir uns die Situation und die Geschichte des Erlebens vor Augen führen, macht auch hier etwas mit dem Gegenstand: Indem wir die Gefühle und Wünsche identifizieren, beschreiben und von anderen unterscheiden lernen, wandeln sie sich zu etwas, das genauere Erlebniskonturen hat als vorher. Aus Gefühlschaos etwa kann durch sprachliche Artikulation emotionale Bestimmtheit werden. Und das kann man verallgemeinern: Wenn unsereSprache des Erlebens differenzierter wird, wird es auch das Erleben selbst. Das ist mit éducation sentimentale gemeint.
Über solche Prozesse, in denen das Beschreiben und Verstehen unserer selbst nichtin einer einflusslosen Bestandsaufnahme besteht, sondern auch eine innere Umgestaltung mit sich bringt, könnte man sagen: Wir arbeiten durch Selbstbeschreibung an unserer persönlichen Identität. Das tun wir auch, wenn wir Unbewusstes in Bewusstes überführen, indem wir es zur Sprache bringen. Wenn wir eine neue Beschreibung für ein Erleben finden und nun beispielsweise wissen, dass es nicht nur Neid ist, was wir jemandem gegenüber fühlen, sondern auch Missgunst, ist bei dieser Sache ein neuer Grad an Bewusstheit erreicht. Es kann dann, indem wir uns die fragliche Beziehung und ihre Geschichte ansehen, zu der Einsicht kommen, dass die missgünstige Empfindung in einer Kränkung begründet sein muss, die wir weggeschobenund in den Untergrund verbannt hatten – ei- ne Demütigung vielleicht, die einen verleugneten Hass hatte entstehen lassen. Und dannkann diese hypothetische Einsicht kausale Kraft entfalten, die Macht der Zensur brechenund uns helfen, das verleugnete Gefühl endlich in vollem Umfang und voller Klarheit zu erleben. So kann aus Unbewusstem durch sprachliche Artikulation Bewusstes werden.
Das also sind zwei Weisen, in denen wir durch sprachliche Artikulation Einfluss auf unsere Affekte nehmen und den Radius der Selbstbestimmung nach innen ausweiten können: Differenzierung von bewusstem Erleben auf der einen Seite, Erschließen von Unbewusstem auf der anderen. Beide Prozesse tragen dazu bei, ein realistischesSelbstbild zu entwickeln, von dem aus wir zu unseren Empfindungen stehen und sie in unsere affektive Identität integrieren können. Und eine solche Integration ist, wie mir scheint, das einzige, was Selbstbestimmung hier heißen kann. Denn Affekte können weder ein- und ausgeschaltet noch einfach abgeschafft werden, und gegen den Versuch, sie durch stoischen Gleichmut außer Kraft zu setzen, spricht einfach dieses: Wir wollen sie ja leben, die Affekte, nicht zuletzt deshalb, weil sie uns darüber belehren, was uns wichtig ist. Worauf es ankommt, ist: nicht ihr ohnmächtiger Spielball zu sein und sie nicht als Kräfte erleben zu müssen, die fremdin uns toben, sondern als bejahten Teil unserer seelischen Identität. ■