William Kamkwamba trinkt auffällig viel Wasser. Warum er das macht? „,Wenn ihr einen Bissen Fladenbrot nehmt‘, wies meine Mutter uns immer an, ,nehmt einen Schluck Wasser dazu. Damit könnt ihr euren Magen austricksen‘“, antwortet der 23-Jährige, der jünger aussieht,aber älter wirkt. Er kommt aus dem südostafrikanischen Malawi, einem der ärmsten und korruptesten Länder der Welt. Dass er jetzt täglich etwas essen kann, sogar zwischen den Speisen auswählen darf, daran hat er sich bis heute nicht gewöhnen können. Deswegen trinkt William immer noch sehr viel Wasser, er traut den neuen Möglichkeiten in seinem Leben nicht ganz.
William besuchte nur wenige Jahre eine Schule, irgendwann konnten seine Eltern die umgerechnet 80 US-Dollar Schulgebühren nicht mehr zahlen. Er wollte aber lernen und ging deswegen jeden Tag in die Dorfbibliothek, um sich weiterzubilden. Und dann schaffte er es auf die African Leadership Academy in Johannesburg, saß in einer Klasse mit insgesamt 13 Buben und Mädchen. Sie stammten aus ganz Afrika.
Elite hat vor allem mit Auswahl zu tun, dem Herauspflücken der Besten, und deshalb herrschte in Williams Klasse eine Atmosphäre ehrlicher Neugier, sie wollten alle weiterkommen, denn die meisten kamen von ganz unten. Paul Lorem überlebte den Krieg im Sudan und wuchs ohne Eltern in einem Flüchtlingslager auf. Joseph Munyambanza musste mitseiner Familie aus dem Kongo nach Uganda fliehen. Drei Schüler, drei junge Leben. Auch wenn William, Paul und Joseph aus unterschiedlichen Ländern sind, eine Gemeinsamkeit haben sie: Alle drei mussten hungern, alle drei sind ehrgeizig, und sie sollen jetzt eine Mission erfüllen. Denn wer an der Academy aufgenommen wird, der soll gegen Willkür und Korruption und Elend kämpfen, der soll Ordnung in das Chaos bringen. Kurz: Der soll Afrika retten.
William war nur der Sohn eines Bauern, ein Junge aus dem Dorf. Als Kind hatte er Vögel gejagt, um an Fleisch zu kommen. Manchmal gab es monatelang nur Kürbisblätter zu essen. Als Jugendlicher musste er auf der Farm seines Vaters mitarbeiten. „Ich habe mich auf dem Feld zu Tode gerackert. Dünn und schmutzig, die Hände rauh wie Leder, niemals Schuhe an den Füßen. Aber ich hatte keine Wahl. Meistens hatten wir kein Geld und verbrachten unsere Zeit mit Hungern und Träumen.“
„Genau solche Leute brauchen wir hier“,sagt Fred Swaniker. Der 33-Jährige hat das Internat gegründet. Äußerlich ist an ihm alles guter Durchschnitt, Allerweltsanzug, unauffällige Krawatte, sehr kurzes Haar und ein breites Lächeln. Doch der Mann hatte eine Idee und setzte alles daran, sie auch umzusetzen. Er ist einer dieser Typen, die man sich in jedem Amt und jedem Job der Welt vorstellen kann, weil sie so flink, so leidenschaftlich sind. Geboren in Ghana, aufgewachsen als Sohn eines Richters und ei- ner Schulleiterin, studierte er in Minnesota und fing bei McKinsey in Johannesburg an. Er war so erfolgreich in seinem Job, dass sein Arbeitgeber die 125.000 Dollar für sein Zweitstudium an der kalifornischen Stanford Business School übernahm. Während eines Praktikums in Nigeria lernte er Kollegen kennen, die ihre Kinder für Tausende Dollar zum Studieren ins Ausland schickten. „Ichhabe mich damals gefragt, warum wir dasmachen“, sagt er. „Warum bilden wir unseren Nachwuchs nicht zuHause aus?“ Swanikerwirkt eigentlich immernoch wie ein Mensch aus der Business-Class, ein dynamischer mit einer glänzenden Glatze,und der Witz ist, sagt er, dass er ja wirklich noch immer ein Business-Mensch ist, „nur eben mit einem ganz anderen Business-Plan“. Er redet schnell, viel, er ist ein jungenhafter Typ in eng anliegendem Hemd. Für Unternehmer wie ihn sei der Kontinent „ein wahres Paradies“. Denn nirgendwo anders gebe es noch so viel zu tun wie hier. Er sagt, dass eine andere Welt möglich ist, wenn jeder Einzelne sie täglich erschafft. Wegen solcher Sätze wird er in Talkshows eingeladen oder zu Radiodiskussionen, das passiert ständig, seit er im Jahr 2008 die Academy eröffnete. Er redet über die Armut und Korruption in Afrika. Er sagt, diese seien ein globales Problem, welche lokale Aktionen verlange, und hält eine Rede mit erhobenem Zeigefinger, auch wenn seine Hände in den Hosentaschen stecken. Er sagt, dass er das ändern wolle, „darum mache ich das hier“. Und er sagt: „Wir können das ändern, es ist gar nicht so schwer.“
Aber ganz so einfach, wie er das sagt, ist es dann doch nicht: Denn der Kontinent ist das Schlusslicht der Weltwirtschaft. In den vergangenen 50 Jahren waren die meisten afrikanischen Staaten in kriegerische Konflikte verwickelt. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist auf 48 Jahre gesunken. In dem aufstrebenden Ruanda haben 94 Prozent keinen direkten Stromzugang. In Swasiland ist ein Drittel der 15- bis 49-Jährigen HIV-infiziert. Und auch wenn keine Hinrichtungen stattfinden, ist in Ghana die Todesstrafe gesetzlich verankert – in dem Land, aus dem Fred Swaniker kommt. Pessimistenprophezeien, die nächste Generation werde noch kränker, ärmer und schlechter ausgebildet sein. Die Kapitalflucht ist enorm, ebenso der „Brain drain“, die Abwanderung der wenigen qualifizierten Fachkräfte. Jedes Jahr verlassen 20.000 gut ausgebildete Afrikaner den Kontinent. Sie ziehen von der Peripherie in die Metropolen, von Nairobi nach England, vom Sudan in die USA. Gründe für Emigration gibt es neben politischen Motiven viele: geringer Lohn, Arbeit in unsicheren Gegenden, schlechte Weiterbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen. Die Lücke, die von den Auswanderern hinterlassen wird, schließen etwa 100.000 ausländische Fachkräfte.
Es waren solche Zahlen, die Swaniker dasGefühl gaben, sich für Afrika engagieren zu müssen. Er war 27 Jahre alt, machte Schulden bei seiner Mutter, zahlte McKinsey die 125.000 Dollar zurück und kündigte. Dann sammelte er 14 Millionen Euro an Spenden und gründete die African Leadership Academy. Ein Internat für einen ganzen Kontinent. „Uns mangelt es nicht an Ressourcen“, beschreibt Swaniker seine Motivation, „was uns fehlt, sind gut ausgebildete, selbstlose Führer. Der nächste Nelson Mandela wird bei uns ausgebildet, oder die nächste Wangari Maathai.“ Beide sind Nobelpreisträger – begrenzter Ehrgeiz verträgt sich nicht mit dem Image, das die Academy sich gibt. Denn in Honeydew, am Stadtrand von Johannesburg, geht es darum, Afrika zu retten. Nicht von oben, sondern von unten. Die Absolventen des Internats sollen Armut und Krankheiten bekämpfen, Korruption und Kriege verhindern, Demokratie und Aufschwung fördern. „Hätte Afrika 6000 gut ausgebildete Experten, die statt für sich selbst vor allem fürs Gemeinwohl sorgten, hätten wir viel weniger Probleme“, doziert Swaniker. „Diese 6000 Leute werden in den nächsten 50 Jahren aus unserer Schule kommen.“ Und so wie er das sagt, klingt es nicht nach einem Plan, es hört sich an wie ein Befehl.
Die kleinen Schulgebäude aus rotem Backstein sehen aus wie aus einem Kitschfilm. Alles ist ganz neu und unglaublich sauber, Putzfrauen sind auf dem gesamten Gelände ständig unterwegs. Weggeworfene Kaugummis oder Kippen sucht man vergebens, Graffiti oder Aufkleber an den Wänden auch. Schauen die Schüler aus den Fenstern, sehen sie einen grünen Campus mit manikürten Rasenkanten, ein Fußballfeld und riesige Bäume. Unzählige Pfauen stolzieren über das Gelände, das von Sicherheitsmännern bewacht wird. Fast wirken die Räume so ordentlich, als sei das Leben woanders geblieben. Keiner der Schüler dreht hier die Musik auf, schmeißt mit Nüssen herum, verflucht lauthals die Geschichtslehrerin. Es ist ein Ort der Höflichkeit, für Ausbrüche nicht vorgesehen.
Die Schüler halten sich gegenseitig die Tür zum Speisesaal auf, Lehrer werden sehr höflich gegrüßt. Sehr viel ernster, erwachsener wirken die Schüler hier als andere Gleichaltrige. Fragt man William nach seinen Hobbys, antwortet er: „Windmühlen, Windenergieund Solarenergie.“ Hier dürfen sie wenig: Rauchen und Alkohol sind verboten, Drogen natürlich auch. Partys werden nicht gefeiert. Sie sind nicht zum Spaß hier, sie sollen Teil einer afrikanischen Erfolgsstory werden.
Ein Bekannter von William erzählte ihm von der Schule in Johannesburg. Er bewarb sich für ein Stipendium und gehörte zu der ersten Klasse, die 2008 an der Academy anfing. Wer ein Stipendium erhält, bekommt die 40.000 US-Dollar an Schulgebühren erlassen. Die Schüler können mit ihrem Abschluss auf der ganzen Welt studieren. Wer es schafft, kann nach Yale, nach Princeton oder Oxford. Aber das Stipendium verpflichtet sie dazu, spätestens fünf Jahre nach Beendigung des Studiums nach Afrika zurückzukehren und dann mindestens zehn Jahre auf dem Kontinent zu arbeiten. Die Eliten müssen heimkehren und Afrika aufbauen. Wer dennoch wegbleibt, der muss die 40.000 Dollar zurückzahlen.
Ausgewählt wird zwischen 5000 Bewerbern aus ganz Afrika, 200 Schüler im Alter zwischen 15 und 20 Jahren leben momentan im Internat. Nur in Ausnahmefällen werden Ältere – wie William – angenommen. Wer an der Academy anfängt, bleibt zwei Jahre – falls er so lange durchhält. Manchmal fällt jemand aus der Reihe. Als eine Schülerin beim Diebstahl eines T-Shirts erwischt wurde, musste sie gehen. Diebe können Afrika nicht voranbringen. Finanziert wird die Academy größtenteils durch Spenden von Privatpersonen und Firmen und durch einige wenige Schüler, deren Eltern die Gebühren zahlen können. Der krasse Unterschied zwischen Reich und Arm, sät der nicht Zwietracht zwischen den Jugendlichen? „Nein“, antwortet die Direktorin Jenny Ketley, „für so etwas haben unsere Schüler keine Zeit.“ Wann auch? Die Schüler müssen morgens um halb sieben aufstehen, der Unterricht endet abends gegen sieben.
Wer ein Stipendium will, der muss nicht nur wissbegierig sein, der muss soziales Engagement zeigen. Wie die 18-jährige Lovetta,die mit ihrer Familie vor dem Kugelhagel des liberianischen Bürgerkriegs floh. Heute entwirft sie Schmuck aus Patronenhülsen, den etwa die US-Oscarpreisträgerin Halle Berry trägt. Neben der Ausbildung an der Academy beschäftigt Lovetta drei Angestellte in Texas sowie einen liberianischen Kriegsveteranen, der die Patronenhülsen sammelt. Mit dem Gewinn finanziert sie ein Haus für Kriegsopfer nahe Liberias Hauptstadt Monrovia. William aus Malawi baute ein Windrad aus Müll und einem Fahrradreifen. Auf die Idee kam er, als er ein Buch mit dem Titel „Using Energy“ las. Die dort gezeigten Windräder mit ihren weißen Türmen und den Riesenventilatoren beeindruckten den damals 14-Jährigen so sehr, dass er einen kühnen Entschluss fasste: Er wollte die Kerosinlampen im Dorf durch – mit Windenergie angetriebenen – Elektrobirnen ersetzen. Mit den väterlichen Fahrradteilen, Abflussrohren, Müll vom Schrottplatz und einem Traktorgebläse baute er 2002 ein Windrad, das aussah, als würde es jeden Moment in sich zusammenkrachen.
„Monatelang hatten sich manche über mich lustig gemacht“, schildert er diese Zeit. Als er seine Konstruktion in Betrieb nehmen wollte, kamen Hunderte von Menschen aus dem Dorf. „Ruhe da drüben!“, hörte er jemanden sagen. „Wir wollen jetzt sehen, wie verrückt dieser Junge wirklich ist.“ Doch dann begann das angeschlossene Radio plötzlich Reggaemusik zu spielen. William hatte seinem Dorf im südostafrikanischen Nichts Elektrizität geschenkt, die Menschen mussten nicht mehr dem Rhythmus des Tageslichts folgen. Er versuchte sich auch an der Konstruktion einer Wasserpumpe und experimentiert mit Biogas.
Seine Mitschülerin Belinda aus Zimbabwe half den Waisen aus ihrem Dorf beim Aufbau einer Hühnerfarm und zahlte von dem Gewinn ihr Schulgeld. Dann eröffnete sie einen Videoverleih, in dem sich Jugendliche kostenlos Lehrvideos ausleihen konnten. Damit wollte sie verhindern, dass andere Gleichaltrige ihre Freizeit verschwenden. Aber einfach nur ehrgeizig sein reicht nicht für die Academy. In der African Leadership Academy wird größer gedacht, konsequenter, härter. Deshalb stehen die Schüler unter enormem Druck, müssen sich einem strengen Stundenplan unterordnen, die Fächer „Führung“ und „Unternehmertum“ gehören ebenso zum Lehrplan wie Mathematik, Sprachen, Informatik, Gemeinschaftskunde. Außerdemwerden sie in „African Studies“ unterrichtet. „Unsere künftigen Führungskräfte müssen aus den Erfolgen und Misserfolgen der afrikanischen Vergangenheit lernen“, erklärt Swaniker den Sinn dieses Fachs. Denn immer wieder musste der Schuldirektor feststellen, dass die Afrikaner nicht genug miteinander kooperieren: Nur zehn Prozent des afrikanischen Handels geschieht zwischen den afrikanischen Ländern. In Europa hingegen bleiben 80 Prozent in der EU. „Wir stehen also da und beschweren uns über die Handelsbarrieren für unsere Waren in Übersee, dabei schöpfen wir nicht einmal die Möglichkeiten in Afrika aus.“ Jeder der Schüler kann sich einen Laptop ausleihen, viele haben so etwas vorher noch nie gesehen. William aus Malawi wusste bis vor seinem Studium nicht, was das Internet ist. In der Bibliothek steht groß an der Wand geschrieben, wer seinen Rechner noch nicht fristgemäß abgegeben hat.
Die Trennung von Arbeit und Freizeit gibt es hier nicht. Die Academy will den ganzen Menschen, und der soll sich engagieren, weil er sich nur dann inspirieren lässt und auf Dauer die besten Ideen hat. Deshalb müssen die Schüler jeden Mittwoch zum Sozialdienst aufbrechen. In den Townships der Umgebung helfen sie dann armen Kindern beim Lesenlernen oder unterstützen Aidswaisen in Heimen, um auf diese Weise eine ihrer wichtigsten Lektionen zu lernen: dass sie das Privileg der exzellenten Ausbildung nicht nur für sich selbst, sondern als Beitrag für das Gemeinwohl in Anspruch nehmen sollten.
William hat 2009 seine Biografie veröffentlicht, die voriges Jahr auch auf Deutsch erschien: „Der Junge, der den Wind einfing“ (Irisiana Verlag). Im Schlusswort dankt er derAcademy, weil „sie an mein Potenzial geglaubt hat“. Der junge Mann aus einem der ärmsten Länder der Welt studiert jetzt Ingenieurwissenschaft in den USA und sammelt auf seiner Homepage Spenden für den Bau einer Schule in Malawi und den Bau von Windrädern. William nimmt auch Kreditkarten an. Wie seine Pläne ausschauen? „Ich will Afrika mit Strom erleuchten“, sagt er. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.04.2011)















