Das Licht, die Liab, die Treu

29.07.2011 | 15:49 |  Von Christina Höfferer und Andreas Kloner (Die Presse)

Fast sei er „eines Abends während der Vorstellung auf der Bühne“ geboren worden, erzählte Richard Tauber gern. Aber wie war das wirklich, damals, 1891, am „Landschaftlichen Theater“ in Linz? Zur Vorgeschichte eines Jahrhunderttenors.

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In Interviews erzählte Richard Tauber launig, wie er unter spektakulären Umständen zur Welt kam: „Es hätte nicht viel gefehlt, dass ich eines Abends während der Vorstellung auf der Bühne mitten im Lied von der Liab und der Treu und der Falschheit das Rampenlicht erblickt hätte.“ An jenem Abend des 16.Mai 1891 habe Richard Taubers hochschwangere Mutter, Setty Seyfferth, gerade noch auf den Brettern des Linzer Landestheaters ihre Partie zu Ende gebracht, bevor sie mit einer Kutsche in ihr 150 Meter entferntes Quartier, den Gasthof „Zum schwarzen Bären“ in der Herrengasse, geführt worden sei, wo sie wenige Minuten vor Mitternacht ihr Kind gebar.

Die Niederkunft gleich nach einer Vorstellung ist gut erfunden, bringt aber doch die enge Verbindung des gefeierten Tenors und seiner Familie mit dem Linzer Theater zum Ausdruck. Tatsächlich hat das „Landschaftliche Theater Linz“ Mitte Mai 1891 schon längst seine Pforten geschlossen. In den Provinztheatern der österreichisch-ungarischen Monarchie dauert die Wintersaison in der Regel bis zur Karwoche. Zu Ostern wechselt das Schauspielerpersonal in seine Sommerspielorte, wo es bis Ende September auftritt. Der Sommerspielort des Linzer Ensembles ist der Kurort Marienbad in Böhmen. Dort wird jenes Programm, welches in der oberösterreichischen Hauptstadt in der Wintersaision erarbeitet wurde, den Sommerfrischlern und Kurgästen gezeigt.

Die Stadt Linz kann sich ein Ensemble leisten, das sämtliche dramatische Genres beherrscht. Die Theaterkritiker der Linzer Tageszeitungen werden noch „Referenten“ genannt und sind jeden Abend im Theater zu finden. Von Richard Taubers Mutter sind die Kritiker durchwegs begeistert. Zwar hat die Schauspielerin eine dünne Stimme und lispelt ein wenig, doch der kleine Sprachfehler tut ihrer Beliebtheit bei Publikum und Kritik keinen Abbruch. „Was Frau Seyfferth insbesonders auszeichnet“, vermeldet die Linzer „Tages-Post“, „ist ihre Grazie und ihr echt künstlerischer Takt, Eigenschaften, welche selbst das Unschöne, Unfeine, die Ausgelassenheit und die Zote erträglich machen, selbst das Gemeine mit dem Zauber des Humors vergolden.“

Für eine dauerhafte Theaterkarriere ist auch im 19. Jahrhundert höchste Professionalität gefragt. Setty Seyfferth vermag eine völlig neue Rolle in kürzester Zeit einzustudieren. Dieselbe Professionalität legt später auch ihr Sohn an den Tag. In seinen ersten Engagements gilt er als der „SOS-Tauber“, weil er stets bereit ist, für indisponierte und kranke Kollegen einzuspringen. Am Höhepunkt seiner Karriere in Deutschland, Anfang der 1930er, wird Tauber dann „Der König von Berlin“ genannt. Für Radiowerbungen kassiert er Höchstgagen, auch in den ersten Tonfilmen ist Tauber einer der größten Stars, er muss nicht lange proben, Tauber tritt auf und singt. Beim Sechs-Tage-Rennen jubelt das Volk im Berliner Sportpalast seinem „König Richard“ zu. Tauber tritt aus seiner Loge, um zu singen, ein Mikrofon wird ihm gereicht, auf dass er die 10.000 Zuschauer fassende Veranstaltungshalle mit seiner Stimme fülle. Kein Auge bleibt trocken, als Richard Tauber feststellt: „Ein Tauber braucht kein Mikrofon.“


Erst 22-jährig vom Vater adoptiert

Doch zurück zu Taubers Geburtsdrama in Oberösterreich. Während das Linzer Ensemble in Marienbad die Operette „Der Mikado“ von Gilbert & Sullivan zum Besten gibt, bringt also Setty Seyfferth ihren Sohn Richard zur Welt. Im Linzer Taufregister ist er mit dem Namen „Richard Denemy“ eingetragen. „Denemy“ lautet der Mädchenname von Setty Seyfferth, und so heißt auch Richards Großvater, der Schauspieler und Theaterdirektor Gottfried Denemy, der nur wenige Monate vor der Geburt seines Enkels gestorben ist. Viel später, als 22-Jähriger, wird der Tenor von seinem leiblichen Vater, dem Schauspieler Richard Anton Tauber, adoptiert und darf sich offiziell Richard Denemy-Tauber nennen. Mit der Geburt ihres Sohnes endet Setty Seyfferths für damalige Verhältnisse ungewöhnlich langes Engagement in Linz, das – abgesehen von einer Innsbrucker Spielsaison – insgesamt 14 Jahre lang gedauert hat. Setty Seyfferth geht zuerst nach Reichenberg, wo sie lediglich ihres Geburtsdatums wegen in das nicht gerade beliebte Rollenfach der „Mütter und komischen Alten“ gedrängt wird. In den folgenden Jahren steht die Schauspielerin und Sängerin beinahe täglich in kleineren und größeren Rollen auf der Bühne. Unterbrochen wird dieser Bühnenmarathon lediglich, als im Februar 1894 Setty Seyfferths Mutter, die Sängerin Caroline Denemy-Ney, in Olmütz stirbt. Beim Begräbnis ist es Johanna Berghof, die Frau des Olmützer Theaterdirektors, die die trauernde Tochter als nächste Angehörige stützt. Ihren Sohn muss Setty Seyfferth indessen in Linz-Urfahr bei Pflegeeltern zurücklassen.

Nach Olmütz, Reichenau, Teplitz und einem weiteren Jahr in Linz wechselt sie ab der Saison 1898/99 nach Salzburg, wohin sie auch ihr siebenjähriger Sohn begleitet. In Salzburg steht sie noch weitere zehn Jahre auf der Bühne, bevor sie sich endgültig aus dem Künstlerleben zurückzieht. Dort wird sie später immer wieder von ihrem inzwischen berühmten Sohn Richard besucht. Auch Postkarten an seine Mutter sind erhalten, wie etwa jene von einer Reise mit seinem Stiefbruder Otto Hasé: „Liebste Mami! Also mein Badener Aufenthalt ist morgen zu Ende, und mein Bruder und ich reisen über Bodensee und München nach Salzburg, wo wir am Dienstag oder Mittwoch nächste Woche eintreffen!!! Freue mich schon unbändig dich wiederzusehen!!! Hoffentlich wohlauf!!!!“

Adressiert ist die Postkarte an „Elise Seyfferth“. In den späteren Jahren ihrer Karriere hatte Setty Seyfferth ihren Künstlernamen auf den offensichtlich seriöser klingenden Namen „Elise“ geändert. Die Änderung des Künstlernamens war bei ihr keine Seltenheit. Als Kind stand sie als „Kleine Denemy“ auf der Bühne, nannte sich als schauspielernder Backfisch „Frl. Setty“ und später, um sich von ihren Eltern zu unterscheiden, „Frl. Berger“. Vornamen kannten im 19. Jahrhundert weder die Theaterzettel noch die Theateralmanache. Einzig bei Benefizveranstaltungen, bei denen der Großteil der Reinerträge an den jeweiligen Schauspieler ging, wurde ab und zu der Vorname des Künstlers verraten.

Nachdem die Sängerin 1869 den Schauspieler Carl Seyfferth geheiratet hatte, musste sie – vermutlich wegen Vertragsbrüchigkeit ihres Ehemannes – in Hermannstadt unter dem Namen „Lisette Julius“ auftreten. Der mäßig schauspielerisch talentierte Carl Seyfferth, dessen Theateragent nicht so recht wusste, wohin er ihn vermitteln sollte, hatte mit seiner jungen Ehefrau einen künstlerischen Volltreffer gelandet. Gerade in dieser Zeit erreichte ihre Popularität einen ersten Höhepunkt. Die Zeitungskritiker überschlugen sich regelrecht in Lobeshymnen an die Schauspielerin: „Was uns Frau Julius bot, war ein frischer Strauß duftiger Waldblumen; und wie ein solcher länger sich zu halten pflegt als das schönste Bouquet eines Kunstgärtners, so wird die Erinnerung an Fr. Julius' schöne Leistung gewiss länger im Gedächtnisse frisch bleiben als das Andenken an manche andere gute, aber im Treibhause berechnender Reflexion gezogene Bühnenleistung.“

Bei ihrem Abgang aus Hermannstadt wird aus ihrem Namen „Lisette Julius“ ein damals äußerst populäres Akrostichon gebildet. Das nachfolgende Engagement in Pressburg von Setty und Carl Seyfferth wird trotz günstiger Kritiken vom Theaterdirektor vorzeitig gekündigt, nachdem die Schwangerschaft der Schauspielerin nicht mehr zu verbergen ist. Als Richard Tauber zirka 20 Jahre später geboren wird, ist Setty Seyfferth längst Mutter zweier erwachsener Töchter, die ebenfalls als Schauspielerinnen tätig sind. Unter „Elisabeth“ und „Betty“ jedenfalls hat die Künstlerin nie gespielt noch sich so genannt, auch wenn diese beiden Vornamen von Richard Taubers Biografen und jenen, die von ihnen abschreiben, hartnäckig verbreitet werden. – In frühen Linzer Jahren beginnt die Bekanntschaft mit jenem Mann, der Settys Leben nachhaltig verändern wird: Richard Anton Tauber. Der talentierte Schauspieler ist 14 Jahre jünger als seine Kollegin. Richard Anton Taubers Biografie hat überhaupt keine Ähnlichkeiten mit jener Setty Seyfferths. Taubers Vater stammt aus einer Pressburger Weinhändlerfamilie. Ab den 1840ern ist die Familie in Wien nachzuweisen. Von seinen 13 Geschwistern – von denen einige im frühen Kindesalter gestorben sind – ist Richard Anton Tauber das schwarze Schaf. Er beschließt, Schauspieler zu werden, nimmt Unterricht und arbeitet sich in kleinen Provinztheatern bis in das bedeutendere „Landschaftliche Theater“ in Linz hoch. Zwei Saisonen bleibt er in Linz, wo er Bekanntschaft mit Setty Seyfferth schließt. Danach geht er nach Graz, kehrt aber für Gastspiele immer wieder nach Linz zurück.


Fatale Vertragsbrüchigkeit

In Graz entdeckt ihn der Berliner Theaterprinzipal Adolph L'Arronge, der ihn an das Deutsche Theater engagiert. Ein Jahr später wechselt er zu einem Schauspielerkollegen, mit dem er einige Jahre zuvor in Graz auf der Bühne gestanden ist: Ludwig Barnay, der gerade das „Berliner Theater“ neu übernommen hat. Der Wechsel zu Barnay soll für Richard Anton Tauber einige unfreiwillige Entscheidungen mit sich bringen. Da Tauber stets unter einer schwachen Stimme gelitten hat, gibt ihm Barnay den fatalen Rat, sich die Mandeln zwecks Stimmverbesserung herausoperieren zu lassen. Tauber lässt sich auf dieses Unterfangen ein, mit dem Ergebnis, dass seine Stimme noch mehr versagt, und wird daraufhin bei Barnay vertragsbrüchig – zu dieser Zeit eine äußerst fatale Entscheidung, da Vertragsbrüchigkeit in deutschen Theatern dazu führt, kein Engagement mehr zu bekommen. Richard Anton Tauber bleibt nichts anderes übrig, als für die Wintersaison 1890/91 nach New York an eine deutschsprachige Bühne zu gehen.

Bevor er diese Reise antritt, spielt er in Marienbad, wo das Linzer Ensemble die Sommersaison bestreitet, noch in einigen Gastrollen. Am 19. und 20. Juli 1890 ist er dort zum letzten Mal zu sehen, in zwei seiner Paraderollen: „Seine Darstellungsweise war an beiden Abenden eine vollendet künstlerische. Sein Spiel war bis in die kleinsten Details korrekt ausgearbeitet, eine einzige Bewegung ließ oft ein ganzes Register von Empfindungen verraten. Es ist nur sehr schade, dass sein Organ etwas heiser klingt.“ Am 20. Juli steht Richard Anton Tauber gemeinsam mit Setty Seyfferth auf der Bühne. Am 19. September 1890 gastiert Richard Anton Tauber bereits auf der deutschen Bühne des Theaterdirektors Amberg in New York. Wenige Wochen vorher, knapp vor seiner Abreise, verbringt er mit Setty Seyfferth noch eine Liebesnacht, die nicht ohne Folgen bleibt und der Musikwelt einen „Jahrhunderttenor“ beschert. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.07.2011)

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