Vielleicht existiert Europa als Einheit wirklich nicht. Natürlich gibt es Versuche, es zu schaffen – vor allem in kultureller Hinsicht. Aberdiese Versuche sind bis heute kaum von Erfolg gekrönt. Falls das Wort „Erfolg“ hier überhaupt anwendbar ist. Einmal abgesehen vom globalen Pop-Trash und einigen Beispielen allgemein verpflichtender Klassik, müssen wir konstatieren, dass ein Ireund ein Albaner sich in völlig unterschiedlichen Kulturräumen aufhalten und auch nicht beabsichtigen, diese Räume zu vereinen. Und das gilt nicht nur für dieses geografisch weit entfernte Paar, sondern auch fürdie sich bedeutend näheren und dem Augenschein nach kulturell viel aktiveren Franzosen und Deutschen. Auch wenn bei ihnen mehr Gemeinsames zu spüren ist, überlappen sich ihre Kulturräume nur wenig.
Wobei sich die Frage aufdrängt: Was soll daran schlecht sein? Marginalisiert diese Vielzahl an kulturellen Räumen und Orientierungen Europa in der angenommenen kulturellen Konkurrenz mit dem Rest der Welt wirklich? Sind Komplexität und Vielseitigkeit dem Unifizierten und Vereinfachten in der kulturellen Dimension wirklich unterlegen? Und wie ist „unterlegen sein“ zu verstehen? Wer schießt, und wer lässt die Bälle ins Tor? Auf welcher Ebe-ne konkurrieren kulturel le Phänomene miteinander? Und wie drückt sich das in der Kultur selbst aus – als Sieg der Massen- über die Hochkultur? Wie kann es denn einen Sieg geben, wennkein Krieg war? Die Gegner sind doch überhauptnicht zusammengetroffen, weil sie in ganz unterschiedlichen Ligen spielen – überhaupt lässt sich der Verdacht nicht abschütteln, dass sie (um die sportliche Wettkampfanalogie zur Vollendung zu bringen) völlig unterschiedliche Sportarten treiben. – Ohne auch nur eine Antwort gefunden zu haben, erlaube ich mir noch eine Frage: Woher kommt diese Vielseitigkeit und kulturelle Kleinteiligkeit Europas? Darauf aufbauend die nächste: Inwiefern unterliegt sie dem Wandel? Inwiefern kann man Europa „nivellieren“ und homogenisieren? Das Schreckliche dieses letzten Wortes verdeutlicht ja die Absurdität des Prozesses, der dahintersteckt.
Vor vielen Jahren (genau 19, fast zweiJahrzehnten also) lebte ich zum ersten Mal sozusagen im Herzen des Alten Europa, wodurch ich der Liste meiner intimen Städte München, Innsbruck, Venedig, Ravenna undFlorenz hinzufügte. Als Folge meines dreimonatigen Aufenthaltes in dieser Weltgegendentstand die Idee, die ich später in meinem Essay „Einführung in die Geografie“ darlegte: Der europäische Mensch wurde von Bergen und Wald geformt. Ich dachte wohl an das Abgegrenzte und Konkrete jedes einzelnen Ortes, an seine Zugehörigkeit zu einer in ihrer Ausdehnung größeren Komposition. Davon, so glaubte ich, würde das Gefühl für die Form in seiner europäischen Ausprägung in hohem Maße beeinflusst.
Die Frage der Nivellierung Europas wird also zur Frage der Nivellierung der Berge? Oder nach der Rodung seiner Wälder? Wie kann Europa plattgemacht werden? Mit welchem Plätteisen muss man darübergehen? Die Geografie selbst stellt sich dieser Idee entgegen: der Idee eines „einzigen“ – unifizierten, vereinfachten – Europa. Neben der Geografie hat aber auch die Geschichte hart an Europa gearbeitet. Sie war es, die Europa in mindestens drei Teile geteilt hat – in West-,Ost- und Mittelosteuro- pa. Was die Lage Mittelosteuropas angeht, soexistieren mehrere Definitionen, von denen mir die folgende am überzeugendsten erscheint.Zwischen dem Osten(Russland, postsowjetischer Raum) und dem Westen (sogenanntes Altes Europa) liegt etwas, was für den Westen Osten und für den Osten Westen ist. Genau in diesem Streifen befinden sich die Länder, deren Bevölkerung mittelosteuropäische Sprachen spricht und deren Schriftsteller in diesen Sprachen schreiben.
Sollte es in kulturellen Prozessen wirklich Loser und Outsider geben, dann sind vor allem sie es. Sollte es in der Kultur Kriege geben, dann sind sie fast immer die Verlierer. Wenn man vom Kulturprodukt in denKategorien von Import und Export sprechen möchte, dann übersteigt auf den Gebieten Mittelosteuropas der Import den Export bei Weitem. So sehr, dass sich ganz ungewollt ein rettender Verdacht einschleicht – vielleicht ist das Outsidertum in Wirklichkeit heimliche Leadership?
Selbst in ihrem weitesten Sinne ist und bleibt die Kultur sprachzentriert. Sprache, Sprache und nochmals Sprache geben der Kultur ihren Sinn und ihre Dauerhaftigkeit. Selbst wenn die Sprache vor unseren Augen verarmt, sich zurückzieht und immer weniger Worte umfasst. Wir alle werden heutzutage Zeugen einer solchen Verminderung der Sprache. Aber obwohl das Visuelle (Piktorielle) in den kulturellen Botschaften immer präsenter ist, bleibt das Verbale doch Hauptträger des Sinns. Schon wenn wir auf dem iPhone auf „like“ oder „repost“ drücken, stellen wir dabei nur unsere Abhängigkeit vom Verbalen unter Beweis. Wir wollen etwas sagen, wir wollen aussagen.
Literarische Messages behalten ihre althergebrachte Exklusivität, und der Grund ist verständlich: Von allen Möglichkeiten des Ausdrucks sind gerade sie den Gedanken am nächsten. Auf sie, die Literatur (Outsider und gleichzeitig geheimer Leader des kulturellen Raums) und auf ihre besondere Situation in Mittelosteuropa möchte ich mich also konzentrieren.
Existiert eigentlich eine eigene mittelosteuropäische Literatur? Wo ist sie? Wer verkörpert sie heute? Klar, die EU hat sich erweitert, was geschehen ist, ist geschehen. Doch die Schriftsteller in Mittelosteuropa schreiben deswegen nicht anders. In einer anderen Sprache etwa. Die mittelosteuropäische Literatur besteht heute aus denselben Sprachen wie im 20. Jahrhundert – Polnisch, Tschechisch, Slowakisch, Ungarisch, Ukrainisch, Belarussisch, Serbisch, Slowenisch, Litauisch und so weiter. Im gesamten mittelosteuropäischen Gebiet von Estland bis Albanien zähle ich 16 Sprachen. Im gerade umrissenen Gebiet gibt es außerdem noch die Sprachen der Minderheiten:Deutsch, Russisch, Ruthenisch, Roma, ein paar Jiddisch-Reste und einige Noch-nicht-Sprachen, Untersprachen, nicht anerkannte Kinder: Kaschubisch, Preußisch, Mährisch, die Sprache der Asow-Griechen, Karaimen, Lausitz-Sorben. Karl-Markus Gauß könnte eine weit längere Liste erstellen.
Nun denn. Die Autoren, die in den genannten und den anderen mittelosteuropäischen Sprachen schreiben, und ihre Werke: Das ist sie, die mittelosteuropäische Literatur. Wenn es aber in ihr so viele Sprachen gibt, was ist dann das Gemeinsame? Was erlaubt es uns, von einem Phänomen zu sprechen? Vor allem die historisch-soziale Gemeinschaft der Schicksale und Erfahrungen! Die Revolutionen des 20. Jahrhunderts, die diktatorischen Regime, die nazistische Okkupation, die kommunistische Epoche, Gewalt und Unterdrückung als Grundkonstanten, das Gefühl, Objekt, nicht Subjekt des historischen Spiels zwischen Russland und dem Westen zu sein. Es genügt, sich einer der einfachsten Definitionen von Mittelosteuropa zu erinnern, derjenigen vom Territorium „zwischen den Deutschen und den Russen“. Nichts Gutes konnte diese Lage zwischen zwei Imperialismen bedeuten. „Die mittelosteuropäische Angst schwankt historisch zwischen zwei Sorgen hin und her: Die Deutschen kommen, die Russen kommen“, schrieb ich einmal in einem meiner Essays über den „wundersamsten Teil der Welt“.
Nehmen wir noch den beständigen Druck der Zensur und den Zwang der Schriftsteller zu kollaborieren. Ein ganz eigenes mittelosteuropäisches Gefühl der Unfreiheit und Abhängigkeit. Zu den äußeren Faktoren (Okkupanten und Aggressoren, „Russen“ und „Deutsche“) kommen noch innere: gegenseitige Phobien, offene Rechnungen und sprachlich-kulturelle Abgrenzungen (rumänisch-ungarische, polnisch-ukrainische, tschechisch-ungarische, serbisch-kroatische, ungarisch-slowakische und weiter so in der Paarung des Hasses). Manchmal scheint es, als sei Mittelosteuropa das Gebiet, wo das Ethnische immer über das Ethische triumphiert. Wir haben eine ellenlange Geschichte gegenseitiger kultureller Vernichtung. Und sie ist übrigens noch nicht ganz Geschichte. In hohem Maße ist sie Gegenwart, heutig.
Zu diesem, wie ich es mir zu nennen erlaube, Bukett kommt die jüdische Tragödie. Mittelosteuropa war der Hauptschauplatz des Holocaust. Welche Rolle dabei die Vertreter verschiedener mittelosteuropäischer Völker und ethnischer Gruppen spielten, ist und bleibt eine ungemein komplizierte und verworrene Frage, die direkt ihr weiteres Schicksal betrifft. Der Umstand, dass zum Beispiel die Ukrainer es nicht schaffen, den Weg der gesellschaftlichen Genesung einzuschlagen, erklärt sich meiner Meinung nach auch damit, dass bei uns das Thema unserer Kollaboration bis heute nicht aufgearbeitet ist – mit Hitler wie mit Stalin. Das frisst weiter an uns und wird uns, wenn wir uns nicht anstrengen, nie loslassen.
All diese Repressionen, Tabus, Skelette inden Schränken und noch immer nicht erzählten Geschichten stellen auch ein unerhörtes, bisher nicht ausgeschöpftes literarisches Potenzial dar. In ihren eigenen „nicht erfolgreichen“ Ländern sind die mittelosteuropäischen Schriftsteller mit Dingen konfrontiert, um derentwillenihre westlichen Kollegennach Somalia oder Bolivien reisen müssen. Die aufgezählten Symptome der historisch-sozialen Gemeinsamkeit sind jedoch nur die Voraussetzung für eine andere – die zutiefst ästhetische. Sie interessiert uns am meisten. – Was die Schriftsteller dieses „wundersamsten Teils der Erde“ charakterisiert, ist ein gemeinsames Bewusstsein von Sprache. Die Literaturen Mittelosteuropas bestehen aus „kleinen Sprachen“, die aufgrund ihres fehlenden Einflusses in der Welt, ihrer Marginalität und funktionalen Unfähigkeit gezwungen waren, tief in sich selbst zu dringen, sich zu intensivieren, da sie sich nicht extensivieren konnten, wobei sie eine eigene, von außen kaum zu erfassende und in keiner Übersetzung übertragbare Melancholie, Ironie und Raffinesse anhäuften. Sie – die Sprachen, und daher auch die aus ihnen geschaffene Literatur – wurden zur „Sache an sich“.
Der mittelosteuropäische Schriftstellererzählt seine Geschichte de facto nicht um der Geschichte willen, sondern um eineSprache zu verwenden, die der Welt so egal ist, dass man sie beständig retten und ihre Lebensfähigkeit unter Beweis stellen muss – und sei es nur sich selbst. Die Sprache ist nicht nur Material oder Instrument, also Mittel. Sie wird – entschuldigen Sie das plötzliche Pathos – Daseinszweck, brüchig und ewig bedroht. Je mehr und tiefer du sie benutzt, desto größer der Beweis, dass sie überleben wird. Ersetzen wir das Wort „Beweis“ mit dem Wort „Illusion“ – und wir kommen der Wahrheit noch näher.
Die mittelosteuropäische Literatur ist von ihrem Wesen her autistisch und autark, dabei (in der gesamteuropäischen Dimension, von der globalen ganz zu schweigen) verdammt zum Exotischen, Unverständlichen – und daher auch dazu, nicht kommerziell zu sein.Und wenn man dies mit Misserfolg gleichsetzt, sohaben wir die Antwort auf die Frage, wer der wirkliche Verlierer ist.
Mein spanischer Verlegerlebt in Barcelona, und sein Verlag führtzwei parallele Programme – eines auf Spanisch, eines auf Katalan. Es heißt, das zweite Programm sei in den vergangenen Jahren spürbar geschrumpft – wahrscheinlich aus ebenjenen kommerziellen Erwägungen. Der Verleger selbst aber ist ein katalanischer Intellektueller. „In welcher Sprache sollen wir dich herausgeben?“, fragte er mich, ganz am Anfang unserer Beziehung. Ich dachte nicht lange nach und platzte heraus: „Natürlich auf Spanisch.“ Zum Glück konnte ich mich beherrschen, um nicht auszusprechen, was ich gleich darauf dachte: „Wer braucht denn überhaupt Übersetzungen in irgend so ein Katalan?“ Der Verleger verstand mich und nickte zustimmend – aber irgendwie traurig. So traurig, dass ich begann mich zu schämen. Bis heute schäme ich mich dieses plötzlichen Impero-Chauvinismus. Nie mehr will ich eine Sprache dieser Welt beleidigen.
Ich habe diese Episode der Analogie wegen erzählt. In einer der mittelosteuropäischen Sprachen schreiben, das ist, als schriebe man Katalan. Oder Gälisch oder Rätoromanisch. Als schriebe man in einem der Dialekte des Schwyzerdütsch, zum Beispiel dem Berner. Das ist ganz und gar nicht unmöglich – in jeder der erwähnten Sprachen werden Hunderte von Büchern veröffentlicht. Europa lässt jeder dieser Nischen das Recht zu existieren. Und nicht nur das Recht – es sichert die Existenz auch mit Zuschüssen. Gott sei Dank hat Europa noch Geld dafür. Und selbst wenn es keins mehr hat, so erweckt es doch weiterhin den Eindruck, als hätte es welches.
In einer der Sprachen Mittelosteuropas schreiben, das ist, als hänge man von solchen Zuschüssen ab. Die Literatur Mittelosteuropas – vielleicht nicht die ganze, aber in ihren bedeutendsten Erscheinungsformen – ist durch und durch bezuschusst. Wie zeitgenössische Oper, Neue Musik oder Free-Jazz. „Was gibt es für einen Unterschied“, fragt mich Peter Conradin Zumthor, der geniale Schweizer Schlagzeuger, „zwischen einem Rockkonzert und einem Konzert zeitgenössischer Avantgarde?“ Ich zucke die Achseln. „Auf demRockkonzert“, sagt Peter, „kennt das Publikum jeden Musiker mit Namen. Auf dem Konzert zeitgenössischer Avantgarde kennen die Musiker jeden im Publikum mit Namen.“ Wirlachen, wenn auch vielleicht ein bisschen zu laut.
Genauso ist es mit der Literatur Mittelosteuropas. Ihre Autoren kennen all ihre Leser wenn nicht mit Namen, so doch vom Sehen. Es ist eine Literatur niedriger Auflagen und einiger Förderpreise (darunter der Nobelpreis). Es ist eine Literatur der Sinekuren und Stipendien. Aus all dem folgt, dass es die ideale Literatur ist. Sie existiert für die Sprache und glaubt, die Sprache existiere für sie. – So halten sie sich also eng beieinander und rechtfertigen gegenseitig ihre Existenz vor allen möglichen Bezuschussungsinstanzen, deren Gesamtheit man humoristisch auch Gott nennen könnte.
Zum Schluss möchte ich noch die Beziehungen der mittelosteuropäischen literarischen Peripherien zu den Metropolen betrachten. Inwiefern ist es korrekt, sie in einenpostkolonialen Kontext zu stellen? Jedenfalls handelt es sich um eine andere Postkolonialität. „Klassische“ postkoloniale literarische Werke (aus Indien, Indochina, Afrika oder Lateinamerika stammend) werden in Weltsprachen (in „großen“ Sprachen) geschaffen. Probleme der Übersetzung, des Verstehens, der Durchdringungen durch den Leser haben viel bessere Chancen, gelöst zu werden. Schriftstellerkarrieren gelingen meist durch den Umzug in die „eigene“ sprachliche koloniale Metropole. Also dadurch, dass man in London über Bangladesch und Kenia schreibt, in Lissabon über Moçambique. Die Migrantenautoren verlieren dabei kein bisschen von ihrer ursprünglichen Identität. Der französischsprachige Vietnamese ist und bleibt ein vietnamesischer Schriftsteller. Der Grund dafür ist vielleicht, dass die multikulturelle Offenheiteine Art Einbahnstraße ist: charakteristisch nur für Vertreter der westlichen Zivilisation. Die „Komponenten der Multikulturalität“ selbst, mit anderen Worten: die postkolonialen Migranten, legen meist keine besondere Offenheit für das Fremde an den Tag, sondern vergraben sich, wie es Exoten ziemt, im „Eigenen“. Deutsche (und nicht nur sie) finden großen Gefallen an thailändischen Restaurants, aber man kann sich schwer eine thailändische Familie in München vorstellen, die glücklich bei Würstchen und Sauerkraut sitzt.
Multikulturalität ist also ein Wert nur des westlichen Menschen. Vielleicht, weil der westliche Mensch wie ein Schwamm ist – er will alles aufnehmen, jede Erfahrung, jede Berührung mit der Vielfalt der Welt. Seine Multikulturalität ist der unbewusste Versuch, die Welt zu schlucken, die Größe der Imperien wiederaufzubauen, und sei es nur auf der Ebene des eigenen Ich.
Die mittelosteuropäischen Autoren haben nicht dieses Privileg, ihre Identität trotz eines Verzichts (oder, wenn Sie wollen, der Befreiung) von der eigenen „kleinen Sprache“ zu behalten. Die Sprache ist einer der Grundpfeiler dieser Identität. Tauschst du diese Sprache gegen eine „große“, zerstörst du einen sehr wichtigen Teil deiner selbst. Die „kleine“ gegen eine Weltsprache zu tauschen (wie das seinerzeit Milan Kundera getan hat) verbietet dir natürlich niemand, aber du musst dich wegen deines Überlaufens auf Attacken und Boykotte gefasst machen. Es ist nicht gesagt, dass du, wenn du aus der eigenen Sprache geflohen bist, in der fremden du selbst bleibst.
Jedenfalls kann man das Überlaufen in die andere Richtung – ins eigene postkoloniale Zentrum, nach Moskau – ausschließen. Unverstellbar, dass einer von uns – aus Litauen, Lettland, der Slowakei oder Polen – nach Moskau zieht, dort Russisch zu schreiben beginnt und dabei seine eigene kulturelle Identität bewahrt.
Aber wenn nicht Moskau, dann vielleicht Wien? Diese frühere Hauptstadt und große kulturelle Metropole, von der die meisten vonuns viel positivere Eindrücke behalten haben? Kann Wien heute Menschen aus seinenfrüheren Kolonien anziehen? Schließlich erlaubt es das besondere „österreichische Format“ der deutschen Sprache vielen Mittelosteuropäern bis heute, auf die österreichischen Autoren wie auf Brüder im sprachlichen Unglück zu blicken. Vielleicht könnte man das österreichische Deutsch als eine Art kommunikative Brücke betrachten? Also als besondere Sprache im Übergang zwischenden „kleinen“ und den „Weltsprachen“?
Die mittelosteuropäische Literatur wird noch lange halten, wobei sie weiterhin erfolglos, nicht nachgefragt, unübersetzt, unverständlich, unbekannt und – hermetisch-perfekt sein wird. Man könnte sagen, dass Scheitern eine wichtige Mission ist. Mit deiner marginalen Fortexistenz, deinem irgendwie krampfartigen Festkrallen an jedem Wort deiner einzig möglichen „kleinen Sprache“ zeigst du es allen kulturellen Siegern und beweist: Wenn nicht einmal dieser Verlierer aufgibt, dann wird die Literatur als solche nicht verschwinden – was auch immer über ihr unaufhaltsames Ende geredet werden mag. ■
Aus dem Ukrainischen von Sabine Stöhr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2011)















