Mitten in der Welt

28.10.2011 | 18:35 |  Von Erich Hackl (Die Presse)

„Ich meine, Autobiografie hat die Funktion einer Zeugenaussage, und von den Zeugen eines Unfalls erwartet die Polizei, dass sie Gesehenes und Imaginiertes auseinanderhalten können.“ Die Kunst der Ruth Klüger: zum 80. Geburtstag.

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Die Entscheidung, Ruth Klüger mit dem Donauland-Sachbuchpreis auszuzeichnen, ist mir im ersten Moment paradox, im zweiten fragwürdig und im dritten völlig angemessen erschienen. Paradox, weil das Wort Sachbuch eine Literaturferne signalisiert, die an Nachschlagewerke, Schauspieler- und Feldherrenbiografien, völkerkundliche Studien, Reiseführer oder Anleitungen zum effizienten Kennenlernen, Kaloriensparen oder Geldvermehren denken lässt (an jene Art Bücher vielleicht, mit denen Ruth Klüger in ihrer Zeit als „bookmobile lady“ in kalifornischen Vorortesiedlungen unterwegs war), und in diese Kategorien fällt keines ihrer Werke. Aber sie sind natürlich non fiction,keine Belletristik also, auch nicht die berühmtesten unter ihnen, „weiter leben“ und „unterwegs verloren“, die man – in der ebenso kunstvollen wie scharfsinnigen Verschränkung erzählerischer und essayistischer Elemente – ungern als Sachbücher bezeichnen möchte, als blitzschnelles Genre für Leute vorzugsweise männlichen Geschlechts und mittlerer Reife, die andere Möglichkeiten des Daseins als die überlieferten, für gewinnträchtig oder sonst wie nützlich erachteten eher selten in Betracht ziehen.

Klüger hat beide Bücher zu verschiedenen Anlässen unterschiedslos sowohl als Autobiografien als auch als Erinnerungen bezeichnet und sich damit über eine Abmachung hinweggesetzt, die der spanische Schriftsteller José Manuel Caballero Bonald folgendermaßen begründet hat: Erinnerungen bestehen aus einer selektiven Darstellung von Vorfällen, die sich zur Lebensbeschreibung ihres Verfassers verdichten, während die Autobiografie um ein möglichst lückenloses Bild der erfahrenen Geschehnisse bemüht ist. Erinnerungen wären demnach als literarische Werke zu lesen, Autobiografien in erster Linie als Quellen der Geschichtsforschung anzusehen. Implizit ist bei dieser Trennung eine Sanktion ausgesprochen, der Klüger einigermaßen vehement widerspricht: dass die eine Art selbstbiografischen Schreibens sich Freiheiten herausnehmen darf, auf die die andere verzichten muss. Klüger hält dagegen, dass es im einen wie im andern Fall unredlich wäre, die Leser mit Erfindungen zu konfrontieren, die als real erlebt ausgegeben werden. „Ich meine, Autobiografie hat die Funktion einer Zeugenaussage, und von den Zeugen eines Unfalls erwartet die Polizei, dass sie Gesehenes und Imaginiertes auseinanderhalten können.“ Zwar räumt sie ein, dass Zeugen oft unverlässlich sind und im Übrigen auch die Geschichtsschreibung längst nicht mehr den Anspruch auf Objektivität erhebt. Auch wenn Historiker bescheiden geworden seien: so doch „nicht so bescheiden, dass sie die Lust am Fabulieren als gleichwertig mit ihrem Wissen erachten“.

Von daher rührt Klügers Einladung, sich die Literatur und die Historiografie als „unabhängige Länder“ vorzustellen, „Nachbarländer, gewiss, mit verschiedenen Sprachen, die zwar besonders im Grenzgebiet leicht zu erlernen, sogar leicht zu verwechseln sind, die aber doch ihren eigenen Regeln folgen“. Und hart an der Grenze, aber doch auf der Seite der Geschichtsschreibung, wenngleich als ihre subjektivste Form, befinde sich die Autobiografie selbst dann, wenn sie sich, bei aller Zurückhaltung, mit der Gattungsbezeichnung Erinnerungen abfindet. „Auf der anderen Seite liegen der autobiografische Roman sowie der historische Roman und das historische Drama. Man kann zu Fuß von einem Dorf ins andere spazieren, sehr weit ist es nicht, und doch geht man von einem Land ins andere, und die Bewohner haben unterschiedliche Ausweise.“ So gesehen war es also ganz in Ordnung, Ruth Klüger gerade diesen Preis anzutragen, und dass sie ihn angenommen hat, gereicht nicht nur denjenigen, die ihn vergeben, sondern auch allen bisher mit ihm Ausgezeichneten zur Ehre.

Vor vier Jahren bin ich aus dem gleichen Anlass wie dem heutigen, allerdings in anderer Funktion, auf das Spannungsverhältnis von Fakten und Fiktionen in der Literatur zu sprechen gekommen, mit dem Ruth Klüger sich immer wieder befasst hat, und so liegt es nahe, dort fortzusetzen, wo ich damals geendet habe, nämlich mit einem Zitat der polnisch-jüdischen Schriftstellerin und Journalistin Hanna Krall. Krall hatte über die große Verantwortung räsoniert, die das Schreiben über reale Begebenheiten einem Menschen aufzwingt und zugleich dessen Freiheit einschränkt. „Der Belletristikautor hat diese Sorgen nicht. Er erschafft seine Helden selbst, ruft sie ins Leben, tut mit ihnen, was er will, und schildert sie, wie er will. Aber wenn ich ein authentisches Leben beschreibe, steht es mir nicht zu, einzugreifen. Ich bin zur dienenden Rolle verpflichtet. Die Form hat die allerschlichteste zu sein, aber auch in der allerschlichtesten Form muss mindestens der Rhythmus erhalten bleiben. Jedes Mal, wenn ich diesen Szenen Rhythmus gebe, habe ich ein Gefühl von Ungebührlichkeit. Natürlich kann ich mich freisprechen. Ich kann mir sagen, ich müsse so schreiben, damit die Leser das Buch zur Hand nehmen. Aber das ist eine von den Fragen, die ich mir stelle und auf die ich keine Antwort weiß: Wo ist die zulässige Grenze?“

Nicht als Schreibende, die sie doch auch ist, sondern als Leserin hat Ruth Klüger diese Frage aufgenommen, speziell in ihren Aufsatzsammlungen „Katastrophen. Über deutsche Literatur“ und „Gelesene Wirklichkeit. Fakten und Fiktionen in der Literatur“, in denen sie sich wiederholt mit der Schnittstelle auseinandersetzt, an der „Geschichte zu Literatur verarbeitet wird“. Erstaunlich an diesen Essays sind nicht nur die Einsichten, zu denen sie gelangt, sowie die schnörkellose, abwägende, in ihrer Präzision selten schöne Sprache, sondern auch der Mut, gegen allerlei Konventionen und Vorurteile anzugehen – sich von ihnen und ihren Autoritäten jedenfalls nicht blenden zu lassen. Es ist bezeichnend für Klüger und ihr lauteres Verfahren, dass sie die von Krall aufgeworfene Frage zwar eindeutig, aber nicht ein für alle Mal, nur von Fall zu Fall zu beantworten weiß. „Das Gefährliche, heutzutage, sind die verschwimmenden Grenzlinien.“ Das Mittel, mit dem sie diese Gefahr zu bannen sucht, ist die Erkenntnis, ob und wann ein Text Gefahr läuft, die Realität mittels Dichtung nicht zu transzendieren, sondern zum Kitsch und zur Lüge zu verrühren.

In einem gesellschaftlichen Umfeld, in dem alle Erinnerung frei verfügbar zu sein scheint (frei von moralischen Erwägungen, meine ich, insofern sie wie alles andere auch als Ware gehandelt wird), ist die Essayistin Ruth Klüger ein Glücksfall: auch deshalb, weil sie als Zeitzeugin – ein Begriff, den sie wie ich als unzulänglich, wenn nicht entwürdigend empfindet –, also kraft ihrer Erfahrung als Verfolgte und Überlebende des Naziterrors misstrauisch ist gegenüber dem hegemonialen Übereinkommen, Leben und Sterben im KZ für Projekte jedweder Art freizugeben, samt Lizenz, die Fakten zugunsten kompositorischer Erfordernisse und ideologischer Absichten zu vernachlässigen und Kritik daran mit dem Argument der pädagogischen Nutzwirkung oder der Freiheit der Kunst zu parieren. Hier erhebt Klüger Einspruch, egal ob es sich um Soazig Aarons als hochliterarisch bejubelten Roman „Klaras Nein“ oder, Jahre davor, um die populäre Fernsehserie „Holocaust“ handelt, die ein breites Publikum angeblich erst auf die jüdische Katastrophe aufmerksam gemacht habe und deshalb trotz der darin betriebenen Geschichtsklitterung historisch vertretbar sei. „Da sind es dann die Literaturkritiker wie ich, die meinen, lieber weniger über den Holocaust wissen, als ihn in dieser Verhunzung aufgetischt zu bekommen.“

Klügers Kritik ist nicht mit einem modernen Bilderverbot gleichzusetzen. Eine Tabuisierung des Holocaust hinsichtlich künstlerischer Gestaltung lehnt sie schon deshalb ab, weil sie „so etwas wie eine weitere Ghettoisierung“ bedeuten würde. „Der Holocaust wird sozusagen zum Baum der Erkenntnis, als ob wir sagen wollten: Aus allen anderen Geschichten dürft ihr Kunst und Literatur machen, nur aus diesem nicht. Das ist erstens undurchführbar, zweitens ist es auch nicht gerechtfertigt. Man muss bei der künstlerischen Verarbeitung wie immer zwischen Kunst und Kitsch unterscheiden und womöglich die Entrüstung ganz beiseite lassen.“ Beiseite lassen sollte man auch, meint sie, die Reduktion eines Menschen auf das erfahrene Leid und dessen Ort. „Ohne Auschwitz“, meinte sie einmal, „hätte ich sehr, sehr gut auskommen können und wäre noch dieselbe.“ Und die Journalistin Renata Schmidtkunz, der sie dies mitgeteilt hat, schreibt: „Ihr Satz ,Ich komm nicht von Auschwitz her, ich stamm aus Wien‘, der sagt ja noch mehr. Er sagt etwas darüber aus, wie Menschen, die den Holocaust oder die Schoah erlebt haben, bis heute in erster Linie damit identifiziert werden. Man nimmt ihnen ein Stück Identität, etwas von dem, was vorher war.“ Und was nachher kam und wovon Ruth Klüger in ihren Autobiografien erzählt, worüber sie in Vorlesungen und Aufsätzen nachgedacht hat.

Es ist nicht Thema dieser Würdigung, muss aber zumindest erwähnt werden: wie lebensnotwendig literarische Werke, insbesondere Gedichte, für Ruth Klüger waren und weiterhin sind. Vom Halt, den ihr Schillers „Appellballaden“ im Lager gegeben haben, hat sie wiederholt berichtet. Dann sind da ihre eigenen Gedichte, die ihre Erinnerungen an das, was unterwegs verloren gegangen ist, bewahren und verbinden und die gefälligst einmal in einem eigenen Band erscheinen sollten. Die Texte anderer, von Frauen und Männern wie Aichinger, Bachmann, Goethe, Herta Müller, Shakespeare, Stifter und immer wieder Lessing, die den Empfindungen, Wahrnehmungen der oder des Lesenden einen Resonanzkörper verschaffen, ohne den man an der eigenen Existenz und Haltung irrewerden könnte. Verse, Romane, Dramen, die nicht der Weltflucht dienlich sind, sondern eine, einen mitten in die Welt stellen. Jean Amérys Äußerung, derzufolge der lebenslange Umgang mit Büchern wesentlich ein Umgang mit Menschen sei, hat Ruth Klüger vor neun Jahren, anlässlich der Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises, bestätigt und vertieft: Alleinsein als Thema der Literatur interessiere sie weniger als die Frage, wie Menschen miteinander auskommen. So frage sie sich beim Lesen ständig, ob „ihre Meinungen an dieser oder jener Stelle eine Rolle spielen oder ob ich mich getrost für den Augenblick nicht mit ihnen streiten muss. Man könnte sagen, das ist eine politische Art, ein Buch zu lesen, denn sie lässt die Welt nicht außer Acht, die außerhalb des Werkes liegt.“

Die Welt außerhalb. Dazu der Drang, sie zu verändern, für mehr Gerechtigkeit und Brot. Ich halte Ruth Klüger nicht gerade für eine Parteigängerin oder Sympathisantin radikaler, revolutionärer, antikapitalistischer Bewegungen. Ihr Feminismus ist karrierekompatibel, demnach abgekoppelt von der Lebenssituation proletarischer und mittelloser Frauen. Aber in der unerbittlichen Genauigkeit ihrer Literaturbetrachtung ist sie weit davon entfernt, sozialrevolutionäre, egalitäre Bestrebungen aus Ressentiment oder Klassendünkel zurückzuweisen oder zu verlachen. Sie warnt zwar davor, Moral und Ästhetik zu verwechseln, weiß jedoch, „dass die beiden miteinander verstrickt sind und sich nicht so leicht auseinanderdividieren lassen“.

Erhellend ist in diesem Zusammenhang, wie Klüger Heinrich von Kleists Drama „Die Hermannsschlacht“ und seine Erzählung „Die Verlobung in St. Domingo“ liest und deutet. Als zentrales Problem in beiden Werken erscheint ihr „das Dilemma einer totalitären Notstandspolitik“, insofern es in ihnen um persönliche Selbstaufgabe für einen höheren Zweck, nämlich die Befreiung von Fremdherrschaft, geht. „Kleist zeigt mit außerordentlicher Klarheit, dass die Strategien eines Befreiungskampfes sich dem Bereich der persönlichen Ansprüche und Gefühle entgegensetzen und darüber hinaus auch die Moral abwürgen, die solchen Privatansprüchen einen hohen Wert beimisst.“

Sie zitiert aus Frantz Fanons gern vergessener Schrift „Die Verdammten dieser Erde“, die sich wie ein aktueller Kommentar zum Verhalten von Kleists haitianischem Aufrührer Congo Huango liest. Sie kritisiert Fanon auch nicht, wenn er die sogenannten bleibenden Werte des Menschengeschlechts ideologische Konstrukte nennt, die „die kolonialistische Bourgeoisie in die Köpfe der Kolonisierten verankert“ habe. Wo es um die Befreiung eines Volkes von Fremdherrschaft geht, meint sie, haben Menschenrechte keine Chance. Im Befund stimmt sie demnach mit Kleist, Fanon, auch Brecht und Guevara überein, entschlägt sich aber der Urteilsfindung. Den Glauben an einen dritten Weg zwischen Herrschaft und Befreiung – einen, der tugendsam ist, ohne Gewalt auskommt und Gerechtigkeit durch milde Überzeugungsarbeit oder Appelle an den guten Willen der Mächtigen herbeiführt – hält offenbar auch Klüger für illusorisch. So versetzt uns ihr Interpretationsvermögen von Werken, die sie klassisch nennt, „weil sie uns heute noch etwas zu sagen haben“, in Unruhe und vielleicht auch in Bewegung. Oder in Sehnsucht, eingedenk Heiner Müllers Worten: „Das Einzige, was Kunst kann, ist Sehnsucht wecken nach einem anderen Zustand der Welt. Und diese Sehnsucht ist revolutionär.“

Und wieder ein Blick auf die Welt, außerhalb auch der politischen Literatur und deren Deutung in Klügers Sachbüchern. Ich erinnere an eine Stelle aus dem zweiten Teil der Autobiografie, die sich ebenso in „Still Alive“ findet, der auf Englisch abgefassten, für US-amerikanische Leserinnen bestimmten Fassung von „weiter leben“. Klüger berichtet hier von der letzten Lebenszeit ihrer Mutter, unsentimental, wie es ihre Art ist, sachlich im Ton, scharf in der Beobachtung, verhalten in der Trauer und mit einem Schuss Übermut oder Zuversicht, befördert durch die Gegenwart der kleinen Isabela, Ruths Enkeltochter, der die Urgroßmutter Alma Hirschel gegen Ende ihres 97-jährigen Lebens „ein Mensch gewesen (ist), der in vieler Hinsicht so wie sie fühlte und dachte“. Leiser inniger Nachruf in der Beschreibung eines späten Fotos: „Auf der einen Seite das Kind, das noch das Denken lernt, auf der anderen die Frau, die einmal einen halbwüchsigen Sohn an anonyme Mörder, die man nicht zur Rechenschaft ziehen kann, verlor und die das Denken weitgehend verlernt hat. Mehr als 90 Jahre lagen zwischen ihnen, doch wann immer sie beisammen waren, kichernd und schwatzend, trafen sie sich in einer vermenschlichten Gegenwart, die stillstand für sie, wie in Bernstein bewahrt, von Zeit und Raum gelöst, vielleicht gar erlöst – wer weiß?“

Es gäbe noch vieles, es bleibt mir nichts mehr zu sagen über Ruth Klügers Sachbuchkunst. Nichts außer dem Wunsch, es möge ihr häufig noch so ergehen wie während oder nach der Lektüre eines Romans der Schweizer Autorin Gabrielle Alioth, „Der prüfende Blick“: Nichts Böses geschieht darin, hat sie geschrieben, „und die Menschen sind höchstens abwegig oder lächerlich. Die Welt glänzt, es lässt sich leben.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2011)

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