Mitten in der Welt

„Ich meine, Autobiografie hat die Funktion einer Zeugenaussage, und von den Zeugen eines Unfalls erwartet die Polizei, dass sie Gesehenes und Imaginiertes auseinanderhalten können.“ Die Kunst der Ruth Klüger: zum 80. Geburtstag.

Die Entscheidung, Ruth Klüger mit dem Donauland-Sachbuchpreis auszuzeichnen, ist mir im ersten Moment paradox, im zweiten fragwürdig und im dritten völlig angemessen erschienen. Paradox, weil das Wort Sachbuch eine Literaturferne signalisiert, die an Nachschlagewerke, Schauspieler- und Feldherrenbiografien, völkerkundliche Studien, Reiseführer oder Anleitungen zum effizienten Kennenlernen, Kaloriensparen oder Geldvermehren denken lässt (an jene Art Bücher vielleicht, mit denen Ruth Klüger in ihrer Zeit als „bookmobile lady“ in kalifornischen Vorortesiedlungen unterwegs war), und in diese Kategorien fällt keines ihrer Werke. Aber sie sind natürlich non fiction,keine Belletristik also, auch nicht die berühmtesten unter ihnen, „weiter leben“ und „unterwegs verloren“, die man – in der ebenso kunstvollen wie scharfsinnigen Verschränkung erzählerischer und essayistischer Elemente – ungern als Sachbücher bezeichnen möchte, als blitzschnelles Genre für Leute vorzugsweise männlichen Geschlechts und mittlerer Reife, die andere Möglichkeiten des Daseins als die überlieferten, für gewinnträchtig oder sonst wie nützlich erachteten eher selten in Betracht ziehen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2011)

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