McDoc macht Medizin

23.12.2011 | 15:22 |  Von Marcus Franz (Die Presse)

Es soll alles rasch und effizient gehen, Patienten werden im Schnelldurchlauf abgefertigt. Die Ärzte, die wie am Fließband arbeiten sollen, erweisen sich sodann als Dienstleister. Ist das die Zukunft der medizinischen Versorgung?

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Aerzte werden immer öfter als Angehörige des Dienstleistungssektors betrachtet und sollen nach dieser Logik ihren Beruf zunächst und vor allem als Job in einer serviceorientierten Branche namens Gesundheitswirtschaft ausüben. Diese Sichtweise entspricht im Zeitalter der allumfassenden Service-Einrichtungen einem neuen gesellschaftlichen Grundverständnis. Allerdings greift sie zu kurz und führt die Medizin unmittelbar ins Profane und Triviale, denn sie entzieht dem Arzt einen essenziellen, jenseits der handfesten Dienstleistung verorteten Teil seines Aufgabenbereiches. Überdies konterkariert sie grundsätzlich seine Stellung und Verantwortung gegenüber dem Patienten. Freilich sind Ärzte neben ihren anderen, hier noch zu besprechenden Funktionen auch Dienstleister, sie verrichten ja buchstäblich ihren Dienst etwa im Spital oder bei der Rettung. Die Mediziner aber deswegen in der Dienstleistungsbranche einzuordnen, wie es vor allem unter Ökonomen und Politikern zunehmend Usus wird, schafft spezielle Probleme, die außerhalb desMessbaren, jedoch im Zentrum des Spürbaren liegen.

Gesundheitsökonomen messen in der Krankenversorgung gerne Input und Output,sie vergleichen Leistungskennzahlen und wirtschaftliche Ziffern. Aus diesen Vergleichen ziehen sie ihre Schlüsse und treffen ihre Urteile über Effizienz, Qualität und Erfolg von medizinischen Interventionen. Dazubraucht es natürlich vor allem möglichst viele messbare medizinische Daten, welche valide Aussagen über Sinn und Unsinn ärztlicher Behandlungen ermöglichen. Das ist zweifellos bis zu einem gewissen Grad wichtig und notwendig, und kein ernst zu nehmender Arzt wird das bestreiten.

Letztlich hängt jedes Gesundheitssystem von den gegebenen Ressourcen ab, weshalb diese so optimal wie nur möglich eingesetzt werden müssen. Und um diese Ressourcen bestmöglich zu nutzen, brauchen wir Leute mit ökonomischem Wissen und Können. Vernünftigerweise sollten die Posten mit der höchsten Verantwortung im Gesundheitssystem mit wirtschaftlich ausgebildeten Ärzten besetzt werden, damit das allzu nüchterne und zahlenorientierte ökonomische Denken nicht dem Interesse des Patienten zuwiderläuft. In den USA erzielen übrigens jene Spitäler die besten Ergebnisse, die von Ärzten und nicht von Ökonomen gemanagt werden.

Die Medizin ist der einzig wesentliche kostentreibende Faktor im Gesundheitswesen, von ihr hängen alle anderen Kosten ab. Daher dreht sich aus Sicht der Finanzierungsverantwortlichen und der Gesundheitsökonomen alles um die Kosten der ärztlichen Versorgung. Der aktuelle Trend, Ärzte als Dienstleister zu betrachten, zielt genau dorthin, dieseKosten zuerst sicht- und danach begrenzbar zu machen: Klar definierte Dienstleistungen können nämlich exakt berechnet und Einsparungspotenziale gnadenlos gehoben werden.

Da aber der Arzt seinem Wesen nach keinreiner Dienstleister ist,sondern deutlich mehr zu bieten hat alssimple Serviceangebote, kollidieren die Berechnungsmethoden der Dienstleistungsspezialisten recht bald mit den ärztlichen Grundsätzen und Zielen. Bei klassischen Dienstleistungsbetrieben wie etwa McDonald's lassen sich aufgrund standardisierter Abläufe die Kosten vom Filialbau bis hin zum Verkauf des fertigen Produkts auf den Cent genau feststellen. Dasselbe soll nach der Logik von ökonomisch orientierten Managern auch mit der Medizin geschehen.

Messen, Standardisieren, Vereinheitlichen, Arbeitsteilung und Automatisation sind die Bausteine eines möglichst günstig wirtschaftenden Dienstleistungsbetriebs. Und messen kann man natürlich auch in der Medizin recht viel. Von Patientendaten und Laborbefunden bis hin zu den Kosten von OP-Besteck und technischem Personal, von der Geräteinvestition bis zur Dauer eines Eingriffs, all das ist berechenbar, und es ist für alle vorteilhaft, darüber Bescheid zu wissen. Standards kann man ebenfalls verordnen, man kann auch Behandlungen vereinheitlichen und automatische Prozeduren etablieren. Das ist in etlichen Bereichen der Medizin längst geschehen, man denke nur an die Labormedizin oder an fixe Chemotherapie-Regimes. Nicht zu berechnen und nicht zu standardisieren sind aber die zentralen und überlebenswichtigen Topoi einer guten und patientenzentrierten Medizin: Zuwendung, Zeit für Gespräche, Anteilnahme, Patientenführung und -motivation, Beratung und nicht zuletzt Trost und Zuspruch. Der Kern der Medizin wird nicht durch ökonomisch erfassbare technische Leistungen oder dienstleistende Handgriffe gebildet, sondern von diesen unersetzbaren und daher nicht zur Disposition stehenden Bestandteilen des ärztlichen Handelns.

Wenn die Medizin nun der totalen Vermessung anheimfallen soll und damit also zwangsläufig jener beschriebenen und nichtmessbaren Kernzonen entkleidet wird, stehen wir vor dem endgültigen Sieg der Technokratie. Und das in einem Bereich, der genuin und ausschließlich dem körperlichen und seelischen Wohl des Einzelnen dienen soll. Dieser Sieg wird auf der anderen Seite die finale Niederlage und das Verschwinden aller beschriebenen inkommensurablenWerte und Ideale in der Medizin bedeuten. Wem das allzu pathetisch klingt, dem sei die folgende Frage gestellt: Wollen Sie sich von einem Mediziner, der auftreten muss wie einMcDoc, oder vielleichtdoch lieber von einemtraditionellen Arzt behandelt wissen?

Die Vision des bereits ablaufenden technokratischen Paradigmenwechsels lässt sich noch weiterführen. Am Ende dieses Prozesses werden nämlich Diagnosecomputer und elektronisch gesteuerte Therapieautomaten den Arzt nahezu gänzlich ersetzen. Wir haben dann zwar ein kostengünstiges und nach ökonomischen Kriterien hoch effizientes System, aber ärztliches Einfühlungsvermögen hat darin keinen Platz mehr.

Freilich darf man auch nicht verschweigen, dass mit der verordneten und boomenden Dienstleistungsphilosophie eine wachsende Begehrlichkeit bei einem Teil des Publikums erzeugt wird, welche den Fast-Food-Trend in der Medizin noch verstärkt. Die vor ungeduldigen Menschen überquellenden Ambulanzen in den großen Spitälern beweisen das. Banale Leiden sollen dort im Quick-Lunch-Verfahren schnellstmöglich behoben werden, und wenn die Warteschlange zu lange ist, dann müssen eben mehr McDocs im weißen Kittel her.

Im Zusammenspiel zwischen dieser oft gar nicht bewussten Sehnsucht nach McDonaldisierung des Medizinbetriebs einerseits und der hier geschilderten gezielten Degradierung des Arztes zum Dienstleister andererseits wird so eine neue dysfunktionale Medizinkultur geschaffen, die mittelfristig wohl kaum den Ansprüchen und Nöten der wirklich Kranken gerecht werden kann. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2011)

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11 Kommentare
Gast: Cui bono
02.01.2012 12:04
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Medizin als Motor des Wirtschaftswachstums

Der Fetisch, dass nur Wirtschaftswachstum Wohlstand garantiert, wird in der modernen Medizin ad absurdum geführt: Mehr Leistungen werden vermarktet, führen zum Bankrott des Sozialssystems- durch Leistungen, die nicht mehr dem Wohl des Pat dienen: Gutschein für Schönheitschirurgie zu Weihnachten- wenn das Silikon schädlich ist, zahlt die öffentliche Hand!Das Geschäft mit der Angst in der Krebstherapie: Viel Geld für einige Lebensmonate, oft mit schlechter Lebensqualität. Teure Apparatemedizin rechnet sich -Zuwendung nicht.
Cui Bono: Pharmaindustrie,Siemens,.....

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Ich sehe das nicht so!

Die menschliche Seite ist in jedem Beruf von Nöten. Auch eine Schuhverkäuferin wird gut daran tun, ihre Kunden entsprechend menschlich zu behandeln. Keine Frage, dass im Gesundheitsbereich Zuwendung mehr als anderswo vielleicht hilfreich ist. Aber dieser Umstand wird von Marcus Franz in geschickter Art und Weise dazu benützt, um die Medizin vor allen externen Kontrollen fern zu halten. Er immunisert die Medizin gegen Kritik! Gut ist nur, was Mediziner unter sich ausmachen. Jede Kontrolle, je Vorgabe von "außen", ist den Damen und Herren grundsätzlich suspekt und führt, wie wie nachlesen können, zu schlechterer medizinischer Versorgung. Als ultimatives Argument wird dann mit dem Leichentuch gewachelt.

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Re: Ich sehe das nicht so!

Dass Marcus Franz gegen Kontrollen wäre, habe ich nicht gelesen. Zuwendung ist kraftraubend, schwer messbar und wird von Kontrolleuren nicht in die Waagschale geworfen.

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Re: Ich sehe das nicht so!

Müssen sich Kriseninterventionsteams und Psychologen Erfolgskontrollen oder finanziellen Kriterien unterziehen ? Nein, denn die Gesunden und die Politiker sind froh, wenn die menschlich schwierigen Problemfälle verräumt sind. Geeigneter dazu wären aber Ärzte, denn sie erleben tagtäglich kleinere oder gößere Katastrophen. Der Trend geht leider dahin, dass Ärzte dazu gezwungen werden, zu Organingenieuren und Redakteuren zu mutieren, also nicht länger Ärzte zu bleiben, sondern Gesundheitsdienstleistungsanbieter zu werden. Das Menschliche soll geradezu aus deren Wirkungsbereich verbannt werden, denn angeblich behindert es Professionalität. Manche sogenannte Ärzte sehen das ja auch so. Ich finde aber, es tut gut, wenn hier jemand noch als Arzt aufschreit.

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Was heißt als "Arzt aufschreit"?

Das ist genau der Punkt! Wenn ein Arzt seine, die ärztlichen Interessen vertritt, dann stellt er sich immer als Vertreter der Patienten dar. Er ist aber Ärztevertreter und nicht Patientenvertreter! Was ist schlecht an einer Standardisierung und Beurteilung der Leistung. Ich will s ihnen sagen, es ist der Blick von außen, auf eine so als heilig dargestellte Tätigkeit. Wir alle arbeiten irgendwo für Mitmenschen, aber nur die Ärzteschaft nimmt es für sich heraus, daraus mehr Kapital zu schlagen! Dazu kommt noch die heimische Methode der Abrechnung. Die Patienten haben mehr oder weniger unbeschränkten und kostenlosen Zugang zu ärztlichen Leistungen, die dann eine Versicherung zahlt, die Mühe hat eine entsprechend nachvollziehbare Kostenrechnung zu bekommen. Und wenn sich Herr Prim. Marcus Franz so viel Sorgen um die Patienten macht, dann soll er sich doch mal umsehen, was so seine Kollegen auf dem Sektor der Paramedizin treiben! Hier feiert eine ärztliche Ethik, die nur auf "Nihil nocere" und absoluter Behandlungsfreiheit auf baut, ihre Höhepunkte.

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Re: Was heißt als "Arzt aufschreit"?

Natürlich arbeiten alle für Mitmenschen. Es ist richtig, dass Sie das Ärzten sagen, die zu sehr auf dem hohen Ross sitzen. Und die Beratung einer heiklen, pedantischen Person im Schuhgeschäft ist eine nervenaufreibende Dienstleistung, die , verglichen mit einem Doktor, der nur so auf Wolke 7 dahinschwebt, eine unbedankte und unterbezahlte Schwerarbeit ist. Menschen, die Angst oder Schmerzen oder belastende Diagnosen oder sehr chronisch verlaufende Erkrankungen haben und einsam damit sind, werden aber irgendwen, und das ist traditioneller Weise der Arzt (auch, weil der Zugang nahezu kostenlos ist), aufsuchen, oder anlässlich der Kontake ihn (oder sie) in Gespräche verwickeln. -- Und es ist gut so. Hoffentlich wird das nicht wegrationalisiert.

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Re: Re: Was heißt als "Arzt aufschreit"?

Keine Frage, dass ihre Argumentation schlüssig ist. Dennoch bleibt der Vorwurf bestehen, dass ärztliche Interessen grundsätzlich als Patienteninteressen kommuniziert werden. Außerdem ist es so, dass die Ätzteschaft dazu neigt, alles zu ihrem Problem zu machen. Wenn Sie sich z. B. in eine praktische Ordination begeben, so kann geschätzt werden, dass bis zu 30 % der Wartenden eigentlich keinen Arzt benötigten. Aber weil es gratis ist, kann und wird es konsumiert. Auf diese Punkte, die ich angedeutet haben sind Sie nicht eingegeangen.

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Danke für diesen schon längst fälligen Beitrag.

Naturwissenschaft und Ökonomie sind natürlich wichtig, aber lassen wir uns noch einmal auf der Zunge zergehen, was genauso wichtig ist:
"Zuwendung, Zeit für Gespräche, Anteilnahme, Patientenführung und -motivation, Beratung, Trost, Zuspruch".
Ökonomen und Mac-Docs ins Stammbuch.

Re: Danke für diesen schon längst fälligen Beitrag.

der Weg zum Mc Doc ist gepflastert mit ELGA: siehe http://initiative-elga.com/2011/12/26/ich-gehe-gerne-zu-mcdoc/

Gast: Dr.Gerhard Hochmaier
25.12.2011 12:32
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Auf den Punkt gebracht

Hat der Artikel die Denkfehler, die von vielen, auch von im Gesundheitssystem Verantwortlichen gemacht werden. Man sollte Politiker verpflichten, im Krankheitsfall das ihrem Wohnort nächste, öffentliche Spital aufsuchen zu müssen. Dort würde er von den Diensthabenden betreut werden. Allein die Diskussion unter den Betroffenen über einen solchen Vorschlag wäre interessant.

Gratuliere !

genau diesen Artikel wollte ich schon lange schreiben, Marcus Franz ist mir zuvorgekommen:

Er beschreibt alles was unsere "Gesundheitsexperten" an UN-Wissen auszeichnet !

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