26.05.2012 04:07 | Meine Presse Merkliste 0

Die Apokalypse des Spießers

30.12.2011 | 18:17 |  Von Matthias Horx (Die Presse)

Wenn Zukunftsangst sich zur kollektiven Hysterie aufschaukelt, wird sie zur sich selbst erfüllen- den Prophezeiung. Ich meine: Raus aus dem Untergangsdiskurs! Wir haben noch andere Talente als das Talent zur Angst.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wovor müssen wir uns imnächsten Jahr fürchten? Vor Wohlstandsverlust, Inflation, Nationalismus, Eurokalypse, vor kollabierenden Banken und Werteverfall, zu schweigen von Terrorismus, Burn-out, Killerviren! Rechtzeitig zum Maya-Untergangsjahr 2012 scheinen sich diekollektiven Ängste zu einem nie da gewesenen Crescendo zu steigern. Was passiert da eigentlich mit uns? Steht „die Welt“ wirklich am Rand des Abgrunds? Oder könnte es sein, dass unsere mentalen Systeme mit den Informations- und Reflexionssystemen, die uns umgeben, nicht mehr kompatibel sind?

Mein Freund K. macht dieser Tage eine konsequente Mediendiät. 2011 hat er alle seine Abonnements gekündigt: Magazine, Zeitungen, Fachmagazine. Seine zwei Fernseher hat er der Caritas gespendet, ebenso „diverse schwarze elektronische Kästen ohneSinn und Verstand, mit denen man sich die Pixel-Pest ins Haus holt“. Er habe „konsequent alle passiven Medien abgeschafft“, sagt K., der immerhin noch über ein altes Handy verfügt, eines mit Tasten! „Langsam geht es mir wieder besser. Ich entdecke die Wirklichkeit wieder.“

Die Wirklichkeit? Ist mein Freund K. ein Aussteiger mit Tendenz zur Weltfremdheit? Im Gegenteil. Ich kenne kaum einen Menschen, der sich so sehr für die Welt und ihren Wandel interessiert. Seine Medienverweigerung siehter als pure Notwehr. „In diesem Herbst, irgendwann zwischen EHECund ESM und EFSF, ist ein Rubikon überschritten worden. Der mediale Wahnsinn ist ein Dämon, der uns auffrisst. Die großen Themen nehme ich ab jetzt nur noch wahr, wenn ich einen Garanten habe. Einen Autor, dem ich vertraue. Einen Freund, der sich wirklich auskennt. Seit ich das ganze Getöse konsequent ignoriere, fühle ich mich wieder in der Welt!“

Lassen wir einmal folgende Schlagzeilen auf uns wirken: Immer weniger Obdachlose auf den Straßen. – Kinder werden selbstsicherer. – Computerspiele machen intelligent. –Verkehrsstaus gehen kontinuierlich zurück. – Scheidungsraten haben Zenit überschritten. – Immer höheres Bildungsniveau auf allen Kontinenten. – China produziert demnächst ein Viertel seiner Energie aus erneuerbaren Energien. – Immer weniger Menschen sterbendurch Gewalt, Krieg und Verbrechen.

Alle diese Meldungen sind wahr und auf vielfältige Weise belegbar. Einige waren sogar in den Medien zu lesen, klein gedruckt auf den hinteren Seiten. Doch wer auch nur eine dieser Wahrheiten in einem öffentlichenDiskurs vertreten würde, etwa in einer typischen Talkshow mit dem Titel Burn-out – wieuns die Arbeitswelt fertigmacht! oder Keine Hoffnung für die Wirtschaft – Eurokalypse now! oder Jugendgewalt – schlagen, treten, kaputt machen!, der würde entweder als Verharmloser, als Bankenknecht oder einfach als Langweiler denunziert. Oder, was wahrscheinlicher ist, gar nicht erst eingeladen. Positive Entwicklungen passen nicht in aktuelle Deutungsmuster der Wirklichkeit. Dassalles unwiderruflich immer schlimmer wird, gehört zu den Mantras, den unverrückbaren Dogmen unserer Zeit.

Menschen, so formulierte es der Soziologe Karl Otto Hondrich, wollen nicht wissen, was wahr ist, sondern woher etwas stammt. Im Zeichen des Untergangs werden Verschwörungstheorien beklatscht, bei denen einkomplexes Phänomenauf klare Feindbilder reduziert wird. Der Staatist schuld! Die Politikersind unfähig!Der Markt stürzt uns ins Elend! Die Banken, die Ackermänner! – Was speist diesen Drang, die Welt als„Yin ohne Yang“ zu deuten, wie es der Statistikprofessor Gerd Bosbach in seinem Buch „Lügen mit Zahlen“ ausdrückt? Wie kommt es, dass unser Hirn so verliebt in die Angst ist? Es ist schlichtweg unsere Natur. Der menschliche Kognitionsapparat ist in einer lebensgefährlichen Umwelt vor einer knappen halben Million Jahren geformt worden. Ein feindlicher Stamm, ein bedrohliches Naturereignis erforderte sofortige drastische Reaktionen. In der prekären Umwelt unserer Vorfahren ging es deshalb nicht um Feinheiten. Lieber ein Alarm zu viel als einer zu wenig! In der nächsten Phase der Evolution des Menschen übernahmen die „Meme“ die zentrale Funktion der Überlebenskompetenz. DerBegriff „Mem“ stammt vom Evolutionspsychologen Richard Dawkins und benennt die Art und Weise, in der sich kulturelle Muster in Menschengruppen regelrecht fortpflanzen. Hunderttausende von Jahren lebtenMenschen in überschaubaren Sippen von rund 80 Individuen, von denen die meisten miteinander verwandt waren. Diese Gruppenwaren dann am besten überlebensfähig – „evolutionär fit“ –, wenn sie ihre Interpretationsmuster schnell synchronisieren konnten. Kulte, Mythen, Dämonisierungen spielten bei diesem Koordinationsprozess eine entscheidende Rolle. Gruppen mit einem starken Wir-Gefühl konnten effizienter und koordinierter handeln.

Bis heute gilt: Wir glauben spontan gerne, was andere glauben. Wir lassen uns gerne mit Meinungen und Gefühlen anstecken. Anders als in archaischen Zeiten leben wir jedoch in einem Schnellkopiersystem von Informationen, das immer schneller Adrenaline, Dopamine und Endorphine, die chemischen Produkte von Angsterregungen, durch unsere Hirne pumpt. Eigentlich sollen uns diese Reaktionen zu Kampf, Flucht oder Sieg befähigen. Eigentlich.

Gab es im deutschsprachigen Raum vor 20 Jahren etwa 15 Tageszeitungen und 50 Illustrierte an jedem Kiosk, sind es heute 50 Zeitungen und 500 Illustrierte. Konnte man im TV vor 20 Jahren ein Dutzend Senderempfangen, sind es heute 300. Jede Meldungist bei ihrem Erscheinen schon überholt. Eine Steigerung jagt die andere. Und hierbei ist das Internet mit seinen milliardenfachen Verknüpfungen und Verschaltungen, seinen Gerüchten und Spam-Trivialitäten noch gar nicht gezählt. In diesem gewaltigen Dschungel zählt nur eine Nährlösung, nur ein Überlebenselixier: Aufmerksamkeit. Und wie lässtsich diese superknappe Ressource leichter erschließen als durch Angst, Schrecken und Furcht?

Seit einiger Zeit gehen die audiovisuellenMedien nun dazu über, Realität nicht nur abzubilden, sondern gnadenlos zu produzieren.Jüngstes Beispiel: jene Wirklichkeitsshows, die die Grenzen des Doku-Dramas konsequent überschreiten. Schwule Bauern küssen sich auf Partnersuche vor dem laufenden Traktor. Ein Hippielehrer zieht mit einer Schlampenschülerin in den Wald. Die Gesellschaft zur Förderung des internationalen Jugend- und Bildungsfernsehens befragte 861 junge Menschen zu ihrer Interpretation dieser Formate. Knapp die Hälfte der Zuschauer glaubt, in dem RTL-Format „Familien im Brennpunkt“ würden echte Fälle nachgespielt. Fast jeder Dritte war der Ansicht, dass das Kamerateam die tatsächlichenErlebnisse dokumentiere.

Im Jahr 2011 wurden im öffentlich-rechtlichen deutschen TV zunehmend „Scripted Talkshows“ veranstaltet. Das reißerisch aufgemachte Diskussionsthema wurde von einem direkt vorher gesendeten Spielfilm eingeleitet. Und auch hier war nur einem Teil der Zuschauer klar, dass es sich um reine Fiktionen handelte.

Marshall McLuhan sah all dies in den 1960er-Jahren voraus. In McLuhans Sicht würde die „elektrische Verschaltung den Westen orientalisieren“. Alle Informationenwürden zu Meinungen, alle Wahrheiten zu Gerüchten, alle Gewissheiten zu frei handelbaren Waren. „Das Begrenzte, das Entfernte, das Separierte – unser westliches Vermächtnis – wird ersetzt durch das Fließende, Vereinte, Fusionierte.“ Die Rede vom „Globalen Dorf“ bedeutete für den katholischen Skeptiker keine Utopie, sondern einen Horror: Die Diskrepanz zwischen unserem inneren Wesen als atavistische Dorfbewohner und der modernen Medienwelt müsste uns früher oder später einfach verrückt machen!

Angst wurde von der Evolution erfunden, damit wir unsere Kräfte mobilisieren: flüchten, kämpfen oder auch palavern, also verhandeln. Angst kann sich nur durch (erfolgreiche) Handlungen abbauen, durch das sogenannte „coping“. Wie aber sollen wir Spannung abbauen, wenn wir es nur noch mit Repräsentationen der Wirklichkeit zu tunhaben? Wie weit geht der Radius unserer Verantwortung in einer hyperglobalen Welt? Wofür sind wir zuständig? Worum müssen „wir“ kämpfen?

In dieser Unsicherheit wird Angst zum einzig attraktiven Wertschöpfungsmodell. Niemand brachte dies unlängst besser auf den Punkt als der dämonische Dr. Hoffmannin Robert Harris' neuem Roman, „Angst“. In einer Schlüsselszene erklärt der geniale Mathematiker steinreichen Investoren das Geschäftsmodell seines Hedgefonds, dessen exorbitante Profite allein auf der Messung von Angst und Panik in den weltweiten Mediennetzen beruhen: „Wir sind zur Überzeugung gelangt, dass die Digitalisierung selbst eine Epidemie der Angst erzeugt. Der Anstieg der Markt-Volatilität ist nichts anderes als das Resultat einer beispiellosen Verbreitung von Informationen, die zu einer extremen Verstärkung der kollektiven Stimmungsschwankungen führt. Und wir werdenmit dieser Tatsache Geld verdienen – sehr viel Geld!“

Die Kognitionspsychologie hat in den vergangenen Jahren entschlüsselt, wie Menschen ticken, wenn sie über das Kommende nachdenken. Hier eine kleine Übersicht über die wichtigsten Verzerrungen unserer Zukunftswahrnehmung:

>Der Kontext- oder Linearitätsirrtum.Unser Hirn ist nicht besonders gut darin, prozessuale Komplexität abzubilden. Wir neigen dazu, einmal festgestellte Entwicklungen – Trends – gradlinig in die Zukunft weiterzuzeichnen, ohne dabei die Kontexte in ihren Veränderungen mitzudenken. Wir neigen zum „Tunneln“: Zukunft erscheint als ein (schwarzer oder weißer) Fleck, der genau gerade vor uns liegt. Ein typisches Beispiel ist die kommende „Rohstoffkrise“. Wir gehen davon aus, dass Rohstoffe ein finites Volumen haben, sich der Verbrauch immer weiter erhöht – mit der logischen Konsequenz des Zusammenbruchs der Wirtschaft. Wir ignorieren technologische Innovationen,neue Verfahren und die Tatsache, dass die Steinzeit nicht am Mangel an Steinen zu Ende gegangen ist, sondern weil neue Techniken neue Ressourcen erschlossen haben. Beim Negativbild der „demografischen Katastrophe“ übertragen wir die alten Kulturbilder des Alterns, wie sie in der Industriegesellschaft geformt wurden, einfach auf die Zukunft. Wir ignorieren, dass heute schon 60-Jährige so fit sind wie früher 45-Jährige, dass immer mehr Menschen gar keinen klassischenErwerbsarbeitsentwurf mehr haben. Auf die Idee, dass Menschen in einer veränderten Arbeitswelt der Zukunft bis 70 arbeiten wollen, dass eine längere Lebensspanne bessere Vermögensbildungen erlaubt, kommen wir nicht. Deshalb wird Alterung automatisch als gesellschaftlicher Niedergang interpretiert.

>DerVergleichsirrtum.Sie fahren auf einer Autobahn in moderatem Tempo auf der rechten Spur. Und ärgern sich, dass unentwegt jemand auf der linken Spur davonrast. Ist doch klar: Auf den Autobahnen herrscht nackter Darwinismus! – Niemand hält sich mehr an die Regeln!– Wir leben in einer unglaublich brutalen Überholgesellschaft! Ein klassischerVergleichsirrtum, der ausder Diskrepanz zwischen subjektiver Wahrnehmung und ganzem System beruht. Von den tausend Autos, die brav auf der rechten Spur fahren, sehen Sie nur zwei – ihren Vordermann und ihren Hintermann. Die wenigen Raser auf der linken Spur sind jedoch das signifikante andere,das in unserem Hirn eine starke Dissonanz markiert. Wir nehmen die Ausnahme als das Ganze. Warum ist der Euro ein Teuro? Weil Sie als Kunde selektiv vergleichen. Dass Sie den Riesen-Flachbildschirm für ein Drittel des Preises von vor drei Jahren bekommen haben, dass der italienische Wein nur noch halb so viel kostet wie vor zehn Jahren, selektieren Sie gegenüber der Wahrnehmung aus, dass die Melange nach einer Renovierung Ihres Kaffeehauses nun 50 Cent mehr kostet.

>Die Verfügbarkeitsverzerrung. Wennunser Hirn versucht, neue Ereignisse einzuordnen, greift es auf bekannte Bilder zurück. Ganz oben auf unserem Gedächtnisstapel – und damit leichter abrufbar – liegen die drastischen Eindrücke, die sich besonders stark ins Gedächtnis eingebrannt haben. Katastrophen, Erregungen, Störungen. Wir präferieren also Assoziationen mit hohen Gefahrenpotenzialen und stülpen sie einer vielleicht gar nicht so dramatischen Realität über. Der Kommunikationsberater Peter Metzinger beschreibt die Auswirkungen: „So überschätzen wir systematisch das Risiko, durch einen Flugzeugabsturz, ein Bombenattentat, einen Autounfall oder Mord umzukommen. Und wir unterschätzen das Risiko, durch weniger sensationelle Arten zu sterben wie Diabetes oder Herzinfarkt, also das, was wir beeinflussen können. Unser Hirn denkt dramatisch, nicht quantitativ.“

>Der Nostalgieirrtum. Die meisten unserer Vermutungen über die Zukunft entstehen aus einem Vergangenheits-Gegenwarts-Vergleich. Die daraus erkannten Trends verlängern wir in die Zukunft. Das Problem ist nur, dass wir nicht die „wahre Vergangenheit“ mit der realen Zukunft vergleichen, sondern ein idealisiertes Gestern mit einem ausgewählten Heute. Wir erinnern unskaum an den Zahnarzt, der vor 30 Jahren tief in den Zahnschmelz bohrte, ohne Betäubung und mit grimmigem Strafgesicht. Stattdessen erinnern wir uns gerne daran, wie schön und harmonisch damals Weihnachtsfeste verliefen. Niegab es Streit. Unentwegt lag Schnee. Auch diese Wahrnehmungsselektion hat einen evolutionären Sinn: Sie soll uns vor Traumatisierungen und Depressionen schützen, die aus negativen Erinnerungen stammen können. Umgekehrt stärken sie jedoch unentwegt die Immer-schlechter-These. Früher war alles besser! Die Ehe. Die Liebe. Die Werte. Die Moral. Die Solidarität. Das Wandern. In Wahrheit war natürlich keineswegs alles besser. Unsere Erinnerung sucht sich nur die Rosinen aus dem Vergangenheitskuchen.

>Der Fahrstuhleffekt.Mit dem Fahrstuhleffekt benennt man unsere Neigung, die Kriterien für Erfolg ständig nach oben anzupassen, wenn sich die Situation verbessert. Wenn das Wachstum in China zehn Prozent beträgt, schreiben die Zeitungen sofort von „tiefer Krise der chinesischen Wirtschaft“, sobald das Wachstum „nur“ noch acht Prozent beträgt. Wenn Frauen in der Ehe kaum noch geschlagen werden, werden solche Delikte zu Riesenschlagzeilen – auch wenn sie vor Jahrzehnten alltäglich waren. Damit wird jede Verbesserung in unserer emotionalen Wahrnehmung zu einem Verlust. Wenn weniger Morde geschehen, erscheinen die verbleibenden Morde grausamer. Aus dieser Beobachtung der „selektiven Normheraufsetzung“ formulierte Odo Marquard die „Restübelthese“: „Während der Fahrstuhl der Ansprüche nach oben fährt, fährt die Welt aus der Sicht der Fahrstuhlpassagiere nach unten. Je mehr Negatives aus der Welt verschwindet, desto ärgerlicher wird – gerade weil es sich vermindert – das Negative.“ Und nun der entscheidende Satz: „Knapper werdende Übel werden negativ kostbarer!“

Vor einem knappenJahrhundert – der ErsteWeltkrieg, der Europaauf lange Sicht verheeren sollte, war soeben zu Ende gegangen – schriebOswald Spengler sein Schlüsselwerk „Der Untergang des Abendlandes“. Große Reiche, so Spengler, unterliegen einem unausweichlichen tausendjährigen Zyklus von Aufstieg, Triumph und Zerfall. Mesopotamien, Ägypten, Rom – alle „wahrhaft heroischen Kulturen“ folgen diesem Gesetz. Alle Kulturen beginnen in einem Zustand von Reinheit, dem Ideal des Mythos. Dieser Mythos wird durch die profanen Kräfte der Rationalität, der Ökonomie, der „inneren Korruption“ zur Zivilisation. Und damit ist der Untergang programmiert.

Heute wimmelt es an allen Ecken, an allen Stammtischen, in allen Talkshows, in nicht wenigen wissenschaftlichen Fakultäten von verdeckten Spenglerianern. Unsere komplexe Zivilisation, so raunt es mal auf ökologische, mal kulturpessimistische, mal neosozialistische Weise, muss zu Ende gehen. Wir haben viel zu lange gut gelebt! Solche Deutungsmuster sind vor allem eines: eitel. Sie füttern Schuldgefühle. Sie entlasten durch Nichtverantwortung. Sie züchten ein apokalyptisches Spießertum, das alle Veränderung ablehnt, weil es nur noch das Übelste erwartet.

Die menschliche Fähigkeit,Bedrohungsmuster zu erkennen, macht uns verletzlich. Unser Angsttalent neigt zur Übersteuerung, und unter den Bedingungen der modernen Medialität droht es vollends aus dem Ruder zu laufen. Unsere Wahrnehmungs- undWeltdeutungssysteme benötigen im Zeitalterder völligen informellen Vernetzung ein Upgrade – einen Sprung in höhere mentale Intelligenz.

Der erste Schritt wäre, sich vom historischen Determinismus zu befreien, nach dem komplexe Zivilisationen – Wohlstand, Friede – „untergehen“ müssen. Die Geschichte ist keinsimples Auf und Ab, aber auch keine gerade Linie. Krisen sind die Treiber des Fortschritts.Turbulenzen sind dazu da, dass Neues entsteht. Die Zukunft des Euro und Europas ist nicht gesichert, aber sie ist wahrscheinlich, wenn die Mehrheit der Menschen bereit ist, den Weg in einen neuen, klügeren europäischen Konsens mitzugehen. Europa ist auch kein „Imperium“, sondern ein immerwährender Prozess. Europa bietet ein soziales Laboratorium, in dem 50 verschiedene Wege, Fortschritt und Demokratie zu entwickeln, offenstehen. Österreich existierte einst als glorreiches Imperium. Aber gut gehen tut es den Österreichern eher als Rumpf- und Reststaat in der Mitte des Kontinents. Was wir brauchen, ist eine andere Art von Wohlstand,die sich nicht nur in Stückzahlen misst. Ein neues Sozialstaatsmodell, gerechter und intelligenter als das alte Umverteilungsmodell. Die Skandinavier machen uns das vor. Auch Schweden war vor 20 Jahren pleite, musste 18 Prozent für seine Staatskredite zahlen – und hat heute eines der effizientesten Sozialmodelle der Welt, plus fünf Prozent jährliches Wachstum.

Angst ist ein Treiber der Menschheitsgeschichte. Aber wenn Angst sich zur kollektiven Hysterie aufschaukelt, wird sie zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Wollen wir dies vermeiden, müssen wir aus dem Untergangsdiskurs aussteigen. Immer mehr Menschen tun das. Sie schalten ab und üben eine resistente Heiterkeit. Sie nutzen die „Krise“, um ihre Gleichgewichte, ihre Antennen neu zu justieren. Achtsam zu werden. Die Zukunft neu zu erkennen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

5 Kommentare
cuniculus
04.01.2012 11:27
0 0

Liebe Redaktion

Schade, dass dieser interessante Artikel so schlecht übernommen wurde. Viele Abstände sind verloren gegangen, weshalb es mühsam ist den Beitrag zu lesen.

Gast: sigi resnicek
04.01.2012 10:21
1 0

die apokalypse des spießers

.. herzlichen dank.. ein großartiger artikel...

Gast: Irgendwie
01.01.2012 10:06
1 1

erinnert mich dieser Beitrag an den

bekannten Klamaukfilm, wo der König von Atlantis bis zum Bauch im Wasser stehend, besorgte Untertanen als "Panikmacher" bezeichnet.

periskop
31.12.2011 18:02
0 0

Einer, der Oswald Spengler gelesen hat

Nicht mental und schon gar nicht nach meiner Ausbildung bin ich Philosoph, trotzdem meine ich, dass Oswald Spenglers Vorstellungen heute fast durchwegs missverstanden werden. Schuld daran hat meines Erachtens vorwiegend das irreführende Wort "Untergang" in seinem Hauptwerk. So hat er niemals behauptet, dass "eine Zivilisation zu Ende gehen" würde. Er sagt nur, dass eine Zivilisation, die nicht mehr "in Form" ist, keinen Führungsanspruch mehr erhebt oder gar durchsetzt und auch nichts wesentlich Neues mehr hervorbringt, weshalb sie in Bedeutungslosigkeit (Fellachentum) versinken muss. Die Zivilisation geht dabei keineswegs unter, allerdings ist die Kultur, die diese Zivilisation hervorgebracht hat, nicht mehr maßgebend für die Welt.
Europa ist heute genau in dieser Lage, alles Neue kommt aus den USA oder Ostasien, Europa ist längst nicht mehr das bestimmende Element und verliert fast von Tag zu Tag an Wichtigkeit. Genau das ist es, was man bei Spengler unter "Untergang" zu verstehen hat, alles, was er - nicht nach, sondern vor dem ersten Weltkrieg (nur die Herausgabe verzögerte sich) - vorhergesehen hat, trifft nicht buchstabengenau, aber sinngemäß erstaunlich genau zu!
Man macht Oswald Spengler heute zu Unrecht herunter, Europa hat seine führende Position in der Welt verloren und wird sie nie wieder erlangen, ist also "untergegangen", wie es Spengler vorhergesagt hat!

Gast: Peter Metzinger
31.12.2011 01:17
1 0

The Black Swan

Vielen Dank für das Zitat. Eigentlich hatte ich ja nur in meinem Blog über das Buch The Black Swan von Nassim Nicholas Taleb geschrieben. Aber natürlich entspricht dies in der Tat auch meinen eigenen Erfahrungen, wie auch den Ergebnissen der Risiko-Wahrnehmungsforschung.

Top-News