Werte nach dem Tsunami

30.12.2011 | 18:18 |  Von Judith Brandner (Die Presse)

Japan: Der Tsunami kam durch die einzigen zwei Öffnungen der geschützten Bucht. Der Wiederaufbau geht schleppend voran, selbst der Bürgermeister lebt in einem Container-Provisorium. Ein Besuch im ehemaligen Fischerort Yamada.

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Mehrmals täglich kommen schwarz gekleidete Menschen zum Ryushoji Tempel in Yamada. Der oshosan, Priester Seisho Shimizu, hält eine buddhistische Trauerfeier ab und rezitiert die Sutren, um die Seelen der Verstorbenen zu trösten. Mitte November waren die Taucher der Polizei zum letzten Mal im Einsatz und haben nach Leichen gesucht. Dann wurde die Suche eingestellt. Der Tsunami hat in Yamada rund 1500 Opfer gefordert. Etwa 700 bleiben für immer im Meer.

Die schwarze Welle, die die Überlebenden wie eine Wand beschreiben, kam bis an die ersten Stufen des am Fuße eines Hügels gelegenen Tempels. Dort verlor sie ihre Kraft. So war der Ryushoji für viele Menschen der erste Fluchtort nach der Katastrophe. Einige blieben bis September. Der Priester hat ein offenes Herz und ein offenes Haus. In herzlicher Gastfreundschaft nimmt er auch mich auf. Für die Angehörigen und viele andere, die Rat und Trost suchen, ist der Ryushoji Tempel eine Anlaufstelle. Die Stimmung sinke, die Menschen würden zunehmend angespannter, sagt der Priester, weil der Wiederaufbau nicht weitergehe. DerÄrger ist ihm anzumerken: „Warum nichts weitergeht? Das liegt an der Politik, und es ist auch ein finanzielles Problem. Wenn nicht endlich etwas beschlossen wird, bewegt sich nichts hier!“

Der Fischerort mit seinen einst 20.000 Einwohnern an der japanischen Pazifikküste liegt in einer geschützten Bucht, die nur an zwei Seiten hin zum Meer offen ist. Genau durch diese beiden Öffnungen kam der Tsunami. Die Wellen prallten aufeinander, durchbrachen die meterhohen Schutzwälle am Ufer und rissen das Zentrum der Stadt nieder. 3400 Häuser wurden beschädigt oder zerstört. Früher lebte der Ort hauptsächlich von der Fischerei und der Austernzucht; Letztere ist auch zusammengebrochen.

Mehr als acht Monate sind seit dem 11. März vergangen, und das Zentrum der Stadt liegt nach wie vor brach. Zu sehen sind nur mehr die Fundamente der Häuser, die einst hier standen, und einige stark beschädigte Gebäude, in dem Zustand, wie sie der Tsunami zurückgelassen hat. Bagger und Baufahrzeuge sind unterwegs und reißen die letzten Ruinen ab. Mittlerweile gibt es inmitten der Trümmer einen Supermarkt, ein paar kleine Lokale und eine provisorische Halle, in der fangfrischer Fisch verkauft wird. Ein wenig abseits des Zentrums, am Strand, meterhohe Berge von Schutt, riesige Haufen mit Eisen, Holz, alten Autos. Wiederverwertbares Material, das auf Abholung wartet. 1940 provisorische Häuser hat die Präfektur Iwate für die Menschen errichtet, die ihre Häuser im Tsunami verloren haben. Beigefarbene Container, Baracken aus Blech. Sie stehen in engen Siedlungen, an abgelegenen Orten, weitab vom ehemaligen Zentrum der Stadt am Meer. Infrastruktur – Geschäfte oder Banken – ist nicht vorhanden an diesen Orten, die als sicher vor künftigen Tsunami gelten.

In so einer Containerwohnung lebt seit Mai 2011 auch die 48-jährige Tomoko Kamehama mit ihrer Mutter Ina, auf geschätzten 20 Quadratmetern. Ihre über 80-jährige Mutter ist seit gut 30 Jahren bettlägrig. Im Sommer sei es kaum auszuhalten gewesen, wegen der Hitze. Und nun mache ihnen die Kälte zu schaffen, sagt Tochter Tomoko. Es ist Mitte November, und es kühlt in der Nacht auf etwa minus vier Grad ab. Der lange Winter steht noch bevor. Die Wände der Baracke sind dünn, durch die Fenster zieht es herein, der Boden ist eiskalt. Das provisorische Haus ist nicht isoliert. In ihrem Zimmerchen, das gleichzeitigWohn-, Ess-, Arbeits- und Schlafzimmer ist,hat sie Tatami legen lassen, Strohmatten, so ist es ein wenig wärmer,wenn sie auf dem Boden sitzt und isst oder arbeitet, oder wenn sie hier schläft. Da sie ihre Mutter kaum alleine lassen kann, macht sie jetzt in Heimarbeit die Buchhaltung und diverse Büroarbeiten für ein Architektenbüro. Das Haus verlässt sie kaum. Internetanschluss hat sie nicht, nur ihr Mobiltelefon. Nein, sie sei nicht einsam, sagt sie rasch. Sie habe oft Besuch. Was das Härteste für sie derzeit sei, abgesehen von der Kälte? Tomoko muss lange nachdenken. Dann sagt sie mit leiser Stimme: dass meine Mutter oft in der Nacht laut schreit. Wegen der Nachbarn, die doch so nahe sind. Tomoko hat kein Auto. Zwei-, dreimal die Woche kommt ein mobiler Supermarkt in die Siedlung. Wenn sie weg muss, fährt sie mit dem Fahrrad. Was wird sie machen, wenn Schnee liegt? Zu Fuß gehen. Wünsche? Nein, Wünsche fallen ihr keine ein. Was sollte sich jemand wünschen, dem gerade das Leben neu geschenkt worden ist?

Sie sei, sagt sie wieder ganz leise, so dankbar, dass ihr und ihrer Mutter geholfen worden sei. Ihren Verwandten habe sie es zu verdanken, dass sie beide am Leben seien. Es liegt ein Schmerz in ihren Augen. Was Tomoko nicht erzählen kann, ist das Ereignis, das eine tiefe Wunde hinterlassen hat: Die Verwandten, die ihr und ihrer Mutter das Überleben gesichert haben, wurden selbst vom Tsunami erfasst und mitgerissen. Sie waren knapp hinter ihr, und Tomoko musste alles mit ansehen. Diese Information reicht der Arzt Sen Hiraizumi nach, der Tomoko und ihre Mutter von seinen Hausbesuchen gut kennt. Er sei sehr zufrieden, sagt er später, heute sei es ihr erstaunlich gut gegangen, sie habe sogar gelacht! Und meint die Tochter, nicht die Mutter.

Es ist Montagnachmittag, und Dr. Sen Hiraizumi muss zwölf Hausbesuche machen. Auch die von der Präfektur Iwate betriebene Klinik, deren stellvertretender Leiter er ist, wurde beschädigt. Einige Monate nach der Katastrophe wurde die Klinik geschlossen und durch eine provisorische Containerklinik an einem höher gelegenen Ort ersetzt, die sicher vor künftigen Tsunamis ist. In der neuen Klinik gibt es keine Bettenstation, nur ambulanten Betrieb. Die Stadt betreibt zwar einen Bus, doch viele der alten Menschen schaffen den Arztbesuch nicht mehr. Und so ist Dr. Hiraizumi täglich viele Stunden mit seinen Krankenschwestern unterwegs. Wann, ob und wo sein Spital wiederaufgebaut wird, darauf gibt es keine Antwort. Sen Hiraizumi, eigentlich Chirurg und Krebsspezialist, ist seit Monaten wieder Allgemeinmediziner.

Drei Jahre lang war der heute 52-Jährige an einer Klinik in Boston. Dort hatte er eine glänzende Karriere vor sich. Doch dann ging er lieber wieder zurück in die Heimat. Es seien familiäre Gründe gewesen, sagt er knapp. Das war noch vor dem Tsunami. Das Kapitel Boston ist für ihn jedenfalls abgeschlossen: „Hier werde ich gebraucht. Seit dem Tsunami weiß ich, weshalb ich auf Erden bin. Mein Auftrag ist es, in dieser kleinen Stadt am Meer zu bleiben, den Menschen zu helfen, die gelitten haben. Und so bewältige ich auch meine Trauer.“ Damit gibt er schon sehr viel preis, denn eigentlich redet er nicht gerne über sich. Persönlichen Fragen weicht er mit Scherzen aus oder antwortet etwa so: „Was gestern war, ist vorbei. Was morgen sein wird, wissen wir noch nicht. Wir haben nur das Hier und Heute.“ Er ist eng befreundet mit dem Priester des Zen-buddhistischen Ryushoji Tempels. Die Stadt habe der Bevölkerung im September einen Plan zum Wiederaufbau vorgelegt, der nun diskutiert werde, sagt Bürgermeister Kiichi Numazaki. Das sei ein langwieriger Prozess, denn die Stadt könne den Leuten ja nicht vorschreiben, wo sie sich neu ansiedeln sollten.

Das Rathaus ist eines der höher gelegenen Gebäude, die vom Tsunami verschont blieben. Der Bürgermeister, dessen Privathaus ebenfalls weggespült wurde, hat einige Wochen in seinem Büro gewohnt. Jetzt lebt auch er in einem Containerwohnhaus. Weil private Wohnhäuser künftig nicht mehr in Meeresnähe gebaut werden dürfen, müssen die alten Grundstücke gegen andere, an sicheren Orten, eingetauscht werden. Aber: In den Bergen ist nicht so viel Platz, und für einen Grundstücktausch ist die Zustimmung jedes Grundstückbesitzers notwendig. Was den Bürgermeister besonders ärgert: Die Regierung in Tokio habe zwar in ihrer Untersuchung festgestellt, dass das bisherige Zentrum von Yamada in einem gefährdeten Gebiet liegt, doch wo die Grenze zwischen „gefährlich“ und „sicher“ verlaufe, habe sie nicht konkretisiert, geschweige denn in einem Gesetz festgelegt. Erst wenn entschieden ist, wo diese Grenze verläuft, könne ein neuer Bebauungsplan gemacht werden. Für den Einzelnen fangen dann die Probleme erst an. Wer sein Haus verloren hat, bekommt vom Staat drei Millionen Yen, weniger als 30.000 Euro. Das reicht nicht für einen Wiederaufbau. Der Bürgermeister weiß, was von der Ablöse der Grundstücke in der Gefahrenzone zu erwarten ist: „Die Regierung hat es abgelehnt, die Grundstücke zum Preis anzukaufen, den diese vor dem Tsunami hatten. Abgelöst wird zum Wert nach dem Tsunami!“

Der ökonomische Wiederaufbau der Stadt ist die eine Seite. Die andere ist die Versorgung der seelischen Wunden, die die Katastrophe vom März hinterlassen hat. 60 Selbstmorde hat es bereits in Yamada gegeben. Viele der alten Menschen haben niemanden, Nachbarschaften und Freundschaften wurden durch den Tsunami auseinandergerissen. Die Alten und die Kinder: Die Schwächsten der Gesellschaft sind von der Katastrophe am stärksten betroffen. Sen Hiraizumi war einer der Ersten, der dafür gesorgt hat, dass auch die Waisenkinder wieder zur Schule gehen können. Aus der Soforthilfe entstand eine Stiftung, mit dem Ziel, Waisenkindern aus dem Katastrophengebiet Stipendien zu geben und Zugang zu Bildung zu ermöglichen.

Die Informationen zur Bildungsstiftung für Waisenkinder hat der Arzt auf die Homepage des Ryushoji Tempels gestellt. Denn der Priester und der Arzt teilen ihre Sorge um die Kinder. Der Priester betreibt einen Kinderhort für die ganz Kleinen. Oberflächlich betrachtet seien die Kinder im Hort gesund und munter. Es ist aber nicht klar, wie das Leben der Kinder zu Hause verlaufe. In den Containerwohnungen gebe es oft Streit zwischen den Eltern, wegen des Geldes, der Arbeitslosigkeit, des eingeschränkten Lebensraumes: „Ich glaube, dass es Kinder gibt, die sehr leiden. Irgendwie muss es mir gelingen, ins Herz dieser Kinder zu blicken, um herauszufinden, wie es ihnen wirklich geht.“ Intensiv denkt er darüber nach, wie er das anstellen könnte, wie er die Eltern in seine Untersuchung einbeziehen könnte.

Das Wichtigste sei der Seelenzustand der Menschen, sagt der Priester. „Wenn wir die Seelen der Menschen nicht bald wieder gesund machen, kann der andere Wiederaufbau nicht gelingen.“ Und er erzählt eine Geschichte: In der Hölle sitzen viele Menschen vor vollen Schüsseln mit Essen. Sie haben jedoch nur zwei Meter lange Essstäbchen. Sie hungern, weil sie es nicht schaffen, die Stäbchen zum Mund zu führen. Im Himmel sitzen auch viele, ebenso mit vollen Schüsseln – und zwei Meter langen Essstäbchen. Doch ihnen geht es gut. Warum? Sie verwenden die überlangen Stäbchen, um einander zu füttern. Es säßen derzeit zu viele in der Hölle, in Japan, meint der oshosan. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2011)

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