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Ein Offizier namens Nadeschda

06.01.2012 | 18:20 | Von Erwin A. Schmidl (Die Presse)

Wer hat je behauptet, dass bei Kriegen und Kämpfen nur Männer unter den Rüstungen und Schutzanzügen stecken? Tatsächlich gibt es zuweilen Überraschungen, lüpft man so manchen Helm.

Im Jahr 2012 jährt sich zum 200. Mal der Russlandfeldzug Napoleons. Am 7. September fand an der Straße von Smolensk nach Moskau, bei Borodino, eine große Schlacht zwischen russischen und französischen Truppen statt, literarisch später von Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi in seinem Roman „Krieg und Frieden“ verewigt. Eine Viertelmillion Soldaten kämpfte gegeneinander, fast 100.000 von ihnen sollten diesen Tag nicht überleben. Der berühmte Schlachtenmaler Albrecht Adam (1786–1862) schrieb später, das Feld wäre mit Leichen bedeckt gewesen – an manchen Stellen türmten sie sich so hoch, dass man nicht darübersehen konnte. Napoleon blieb bei Borodino zwar siegreich, doch gestaltete sich sein Einzug in Moskau wenige Tage später bekanntlich zum Pyrrhussieg – der Feldzug der „Grande Armée“ in Russland wurde zum vernichtenden Debakel und leitete das Ende der Herrschaft des großen Korsen ein.

An diesem Tag in Borodino ritten Ordonnanzoffiziere mit Befehlen über das Schlachtfeld, darunter auch ein eleganter Husarenoffizier, der dem Stabe des russischen Befehlshabers Michail Illarionowitsch Kutusow (1745–1813) zugeteilt war. Das Ungewöhnliche in diesem Fall aber war: Dieser Husarenoffizier war eine Frau! Nadeschda Andrejewna Durowa wurde um 1783 in Kiew geboren (über das genaue Geburtsjahr gibt es unterschiedliche Angaben) und soll als junges Mädchen – als Mann verkleidet – freiwillig zur Armee des Zaren eingerückt sein, angeblich um dem freudlosen Dasein im Elternhaus zu entkommen. Als ihr Geschlecht entdeckt wurde, erlaubte ihr Zar Alexander I. auf ihre Bitte, weiterhin als Offizier zu dienen – sie machte die Napoleonischen Kriege bis zum Ende mit, zuletzt als Stabsrittmeister (Hauptmann) und ausgezeichnet mit dem St.-Georgs-Orden. Später zog sie zu ihrem Bruder nach Jelabuga, einer Kleinstadt nahe von Kasan, und schrieb ihre Memoiren, von keinem Geringerem als Alexander Sergejewitsch Puschkin (1799–1837) gefördert. Sie starb 1866.

Die Durowa ist natürlich kein Einzelfall – in „Wikipedia“ findet man eine Liste von über 20 Frauen, die, mehr oder weniger authentisch belegt, zu verschiedenen Zeiten und in unterschiedlichen Armeen als Männer verkleidet im Krieg gedient haben sollen, von „Gustav Adolfs Page“ angefangen. Für Österreich ist in diesem Zusammenhang die Mailänderin Francesca Scanagatta (1776–1865) zu nennen, die 1794 – anstelle ihres Bruders – in die Theresianische Militärakademie zu Wiener Neustadt eintrat und bis 1801 als Oberleutnant der Infanterie diente. Später heiratete sie einen einstigen Jahrgangskameraden aus Neustadt – und bezog nach dessen Tod sowohl die Witwenpension als Majorswitwe wie ihre eigene Pension als Oberleutnant. Allerdings – und hier ist ein wesentlicher Unterschied zu Rittmeister Durowa zu sehen – bezog sie aus kaiserlicher Gnade zwar ihre Pension als Oberleutnant, während in Russland Zar Alexander I. seiner Kavalleristin den aktiven Offiziersrang zuerkannte.

Auch dies war freilich eine Ausnahme – könnte immerhin aber auf gewisse Unterschiede zwischen den west- bzw. mitteleuropäischen Traditionen und jenen im orthodox geprägten östlichen Europa hindeuten. Denn auch in späterer Zeit war es dort leichter möglich, Frauen als Kombattanten zu akzeptieren – der Bogen reicht von den weiblichen Freiwilligen in den Ukrainischen Legionen auf österreichischer Seite im Ersten Weltkrieg bis zu einigen Frauen, die freiwillig in der russischen Armee dienten, bis hin zu den Soldatinnen der Roten Armee im Zweiten Weltkrieg. In Westeuropa hingegen war man weiblichen Kombattanten gegenüber stets skeptisch, wenn nicht völlig ablehnend eingestellt.

Als Vorbildfigur für Soldatinnen in heutigen Armeen wird man wohl weder Rittmeister Durowa noch Oberleutnant Scanagatta bemühen können, noch ihre vielen – echten oder vermeintlichen – Kameradinnen über die Jahrhunderte. Gerade durch ihre Verkleidung bestätigen sie vielmehr, wie sehr das Militär bis ins 20. Jahrhundert eine Domäne der Männer blieb. Allerdings war das Bild der Frau in Uniform stets eine Vorstellung, die (männliche und vielleicht auch weibliche) Fantasien beflügelte.

Die Stadt Jelabuga jedenfalls pflegt die Erinnerung an Nadeschda Durowa, hat ein Reiterstandbild errichtet und ein Museum gegründet. Dessen Leiterin, Farida Valitova, berichtete 2010 in mehreren Vorträgen – in Wien vor der Österreichischen Gesellschaft für Heereskunde, im Fachbereich Slawistik der Universität Wien und im Salzburger Wehrgeschichtlichen Museum – über diese außergewöhnliche Frau. Bruno Koppensteiner, der sich seit Längerem mit dem Schicksal Durowas beschäftigt hat, hatte diese Reise vermittelt. Der Vortrag in Salzburg bewog die Malerin und Schriftstellerin Marianne Figl, ein Libretto über dieses interessante Frauenschicksal zu schreiben, zu dem Jan Adriaan De Wit, Lehrer an der Universität Mozarteum in Salzburg, die Musik beitrug. Ende Juni 2011 wurden die Studenten des Mozarteums zu einem Vorsingen eingeladen und für die Rollen ausgewählt. Mit Semesterbeginn Oktober 2011 begannen die Probenarbeiten unter der Regie von Martha Sharp. Schließlich wird am 14. Jänner 2012 am Mozarteum Salzburg die Uraufführung der Oper „Die Kavalleristin“ stattfinden. ■


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