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Vorwärts in die 1930er!

03.02.2012 | 18:23 |  Von Stephan Schulmeister (Die Presse)

Warum wir jene Fehler wiederholen werden, welche Anfang der 1930er-Jahre in die Weltwirtschaftskrise führten. Die Depression der 2010er: ein Rückblick aus der Zukunft.

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Die Aufarbeitung der großen Kriseder 2010er-Jahre hatte folgendes Haupträtsel zu lösen: Warum wiederholten die europäischenEliten am Beginn des Jahrzehntsjene Fehler, welche Anfang der 1930er-Jahre in die Weltwirtschaftskrise geführt hatten?

In den 1920er-Jahren hatte eine Spekulationswelle die Aktienkurse zuerst boomen und 1929 zusammenbrechen lassen. Dies führte in eine Rezession, die Staatsfinanzen verschlechterten sich. Die Politik navigierte mit marktliberaler Karte, diese empfahl striktes Sparen. Besonders konsequent wurde die Sparpolitik vom US-Präsidenten Hoover und dem deutschen Reichskanzler Brüning umgesetzt.

Indem der Staat seine Ausgaben senkte, reduzierte er die Einkommen von Unternehmen und Haushalten, die darauf ihre Nachfrage senkten. Das Gleiche taten die Länder im Verhältnis zueinander: Durch protektionistische Maßnahmen sparten sie sich wechselseitig Nachfrage und Einkommen weg. Fazit: Der Versuch, die eigene Lage nach „schwäbischer Hausfrauenart“ zu verbessern,führte das Gesamtsystem in die Katastrophe.

In den 1990er-Jahren hatte ein Aktienboom das Potenzial für den Crash zwischen 2000 und 2003 aufgebaut (Vorbeben I), danach setzte ein Spekulationsboom auf breiterFront ein, er erfasste Aktien, Immobilien sowieRohstoffe. Die gleichzeitige Entwertung dieserdrei Vermögensarten im Crash 2007/2008 (Vorbeben II) verursachte einenmassiven Wirtschaftseinbruch. Die Politik reagierte mit teuren Symptomkuren in Gestalt von Banken- und Konjunkturpaketen.

Die Systembedingungen des „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten“ blieben hingegen gleich. Also erweiterten die Finanzakteure ihren Spielraum um die Spekulation gegen Staaten. Die Finanzkrise hatte ja ihre Schulden enorm steigen lassen. Die Spekulation richtete sich zunächst gegen Griechenland. Danach weitete sie sich auf Irland, Portugal, Spanien und Italien aus. In allen Fällen stiegen die Zinsen für Staatsanleihen in unfinanzierbare Höhen. – Ökonomen, Journalistenund Politiker navigierten in Europa auch damals nach der neoliberalen Karte: Märkte können nicht systematisch irren, schon gar nicht die freiesten Märkte, die Finanzmärkte. Für den Staat aber galt die generelle„Schuldsvermutung“, er irrt im Zweifelsfallimmer (in den USA und in Großbritannien praktizierte die Politik allerdings einen pragmatischen Staatsinterventionismus).

Als Bannerträger der Marktreligiosität fungierte Deutschland. Die Wirtschaftswissenschaft war dort schon lange „gleichgeschaltet“. Ein – zunächst unbemerkter – protektionistischer Schachzug stärkte überdies die Kampfkraft der Realwirtschaft: Zwischen 2000 und 2007 stagnierten die Reallöhne in Deutschland, während sie in den anderen Euroländern stiegen. Dieser Kostenvorteilhalf Deutschland in und nach der Krise 2009 erheblich. Freilich: Die deutschen Elitenschrieben den Erfolg der Erfüllung der neoliberalen Hausaufgaben zu (Senkung des Arbeitslosengeldes et cetera).

Auf Basis der Marktreligiosität wurde die Finanzmarktkrise rasch in eine Staatsschuldenkrise umgedeutet. Um sich das Wohlwollen „der Märkte“ und damit niedrige Zinsen zu verdienen, beschlossen 26 Staatenlenker der EU auf deutsche Initiative im Dezember 2011 (nur die Briten verweigerten sich): DerVorsatz, keine (nennenswerten) Schulden mehrzu machen, kommt als„Schuldenbremse“ in die nationalen Verfassungen.

Wie 1930/31 befandsich die Wirtschaft in Europa 2011 auf Talfahrt, die Investitionen der Unternehmen sanken, die Exportdynamikschwächte sich ab, die Arbeitslosigkeit stieg. Die Ankündigung, der Staat würde erstmals seit den 1930er-Jahren die Rezession nicht bekämpfen, beschleunigte die Talfahrt: Die Unternehmen verschoben Investitionsprojek-te, die Haushalte begannen nach einem kurzen Konsumboom wieder mehr zu sparen.

In Südeuropa verschlechterte sich die Lage dramatisch: Die Sparpakete in Italien und Spanien ließen die Wirtschaft einbrechen, die Arbeitslosigkeit stieg, die Konsolidierungsziele wurden verfehlt, die Zinsen stiegen weiter. Der Prozess entfaltete sich nach der gleichen Logik wie zuvor in Griechenland (allerdings langsamer, weil die Sparpolitik weniger radikal ausfiel).

Die Europäische Kommission, die EZB und der IWF („Troika“) forderten von Griechenland eine Senkung der Nominallöhne (wir erinnern uns an 1930/31) und der Pensionen sowie die Entlassung von 100.000 Beamten. Diese Forderung konnte wegen der Not der Bevölkerung innenpolitisch nicht mehr durchgesetzt werden. Griechenlandmusste 2012 den Staatsbankrott erklären und schied aus der Währungsunion aus.

Die Gefühlsmischung aus Demütigung und Verzweiflung ließ in Griechenland eine Anti-EU-Bewegung immer stärker werden, genährt vom wiederbelebten Hass auf „die Deutschen“. Zwar fand die große Mehrheit der Griechen, dass die eigenen Politiker enorme Fehler gemacht hätten, aber das sei nichtsim Vergleich zu den Verbrechen der Deutschen (und Österreicher) vor 70 Jahren (gegenüber Israel sei Deutschland ja auch immer großzügig gewesen). Deutschland empörte sich: Endlich war man wieder wer in Europa, die Gnade der späten Geburt wollte man sich von niemandem versauen lassen.

Schon gar nicht von „den Griechen“: Mit dem Bankrott ihres Staates verloren die Gläubigerbanken (einschließlich der EZB) fast400 Milliarden Euro, gleichzeitig wurden die Credit-Default-Swap-Wetten auf eine griechische Staatspleite schlagend. Eine Kettenreaktion samt Bankenkrach konnte zwar durch „Geldflutung“ der EZB verhindert werden, für eine nachhaltige Stützung des Finanzsystems brauchte es aber den Staat. Dadurch stiegen seine Schulden, was „die Märkte“ mit weiteren Zinserhöhungen quittierten. Dies entwertete wiederum die Finanzaktiva der Banken...

In Frühjahr 2012 verschlechterte sich die Lage auch in Frankreich massiv: Die Anleihezinsen stiegen weiter, die Arbeitslosigkeit stieg. Damit stand Sarkozy im Wahlkampfauf verlorenem Posten. Er war ja eben erst auf den Kurs der deutschen Kanzlerin umgeschwenkt: keine Eurobonds, keine Zinsstabilisierung, dafür mehr Sparen. Sarkozy hatte gehofft, sich dadurch ähnlich niedrige Zinsen wie in Deutschland zu erkaufen. Der „sozialistische“ Kandidat Hollande nützte diese Fehlkalkulation aus. Er verspottete Sarkozy als „Schoßhündchen“ der deutschen Kanzlerin, mit seinem Opportunismus hätte er französische Interessen verraten. Eine wachsende „Anti-les-boches-Stimmung“machte den Wahlkampf zu einem Wettbewerb: „Wer ist der bessere Franzose?“ Wirklich gemocht hatten die (meisten) Franzosen die (meisten) Deutschen ja nie, ihre wirtschaftliche Vormachtstellung und das belehrende Gehabe ihrer Kanzlerin stärkten die Antipathie.

„Deutschland, Deutschland über alles...“ weckte auch in anderen Teilen Europas Erinnerungen an das „Herrenvolk“, insbesondere in Italien. Nach dem Intermezzo der Expertenregierung unter Mario Monti wurde nämlich wieder ein Kämpfer für die „Forza Italia“ Regierungschef. Generell nahmen die Spannungen innerhalb der EU massiv zu. Allerdings vertiefte sich die Depression der 2010er-Jahre langsamer als die Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre:

▷Der nach der Weltwirtschaftskrise ausgebaute Sozialstaat dämpfte die Kaufkraftverluste.

▷Der Krieg gegen den Iran stimulierte die Produktion in den Industrieländern (dieser Effekt wurde aber durch die höheren Ölpreise konterkariert).

▷In den „realkapitalistischen“ Schwellenländern wie China, Indien oder Brasilien entwickelte sich die Wirtschaft weiterhin günstiger als in der EU.

▷Die Verteidigung der Partikularinteressen von Regionen, Berufsgruppen, Verbänden verzögerte die Durchsetzung der Sparpolitik erheblich.

▷Die (echten) „schwäbischen Hausfrauen“ hatten das Gefühl, die Regierenden seien auf einem falschen Weg, weil man/frau einen Staat gerade nicht wie einen Privathaushalt führen dürfe. Wo sie konnten, leisteten BürgerInnen Widerstand gegen dieSparpolitik.

Der Weg in die Depression hatte Jahrzehnte gedauert, er wurde seit Anfang der 1970er-Jahre in mehreren Etappen absolviert: Aufgabe fester Wechselkurse 1971, zwei Dollarabwertungen 1971/73 und1976/79 lösten zwei Ölpreisschocks samt nachfolgenden Rezessionen aus. Die Hochzinspolitik zur Inflationsbekämpfung ließ Anfang der 1980er-Jahre den Zinssatz über die Wachstumsrate steigen, die Schaffung unzähliger Finanzderivate förderte Finanzalchemie aller Art, Realinvestition und Wirtschaftswachstum sanken, Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung stiegen. Die Sparpolitik der 1990er-Jahre und das Leitmotiv „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten“ dämpften das Wirtschaftswachstum weiter. Es folgten zwei Spekulationsbooms samt zwei Crashes (Vorbeben).

Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt sank das Wirtschaftswachstum im (späteren) Euroraum: 5,1 Prozent in den 1960er-Jahren, nur mehr 1,1 Prozent in den 2000ern. In den 2010er-Jahren schrumpfte die Wirtschaft.

Die schleichende Vertiefung der Krise gabihr den Charakter eines Sachzwangs. Dies erschwerte das (Ver-)Lernen durch die Eliten. Während in der Weltwirtschaftskrise schonnach drei Jahren mit Roosevelt ein Politiker die Macht erkämpfte,der die Wirtschaft mitseinem „New Deal“ auf einen neuen Weg führte, prägte das „There is no alternative“ von Margaret Thatcher auch noch die Politik der deutschen Kanzlerin: Sie nannte ihre Politik immer „alternativlos“.

Diese Behauptung kaschierte das prägende Merkmal der 2010er-Jahre: die umfassende Orientierungslosigkeit der Eliten.

Die konservativen (vormals auch christlich orientierten) Parteien vertraten eine strikte Sparpolitik durch Senkung der Staatsausgaben. Maßnahmen zur Verbesserung des Bildungswesens, der Umweltbedingungen, der Infrastruktur für die Unternehmen oder der Betreuung pflegebedürftiger Menschen mussten unterbleiben. Diese im neoliberalen Zeitalter vernachlässigten Staatsaufgaben hätten zusätzliche Steuereinnahmen erfordert. Die Konservierungsparteien glaubten, mit ihrem Sparprogramm den Interessen der Unternehmer zu dienen, tatsächlich dienten sie den Interessen des Finanzkapitals – die Unternehmen wären ja von einer Vermögensbesteuerung ausgenommen gewesen.

Die Sozialdemokraten akzeptierten das Konzept der Schuldenbremse und damit die neoliberale Vorstellung, dass der Staat selbst an seinen Schulden schuld sei. Damit hatten sie sich den Vorschlägen der Konservativen zum Abbau des Sozialstaats ausgeliefert. Hauptziel der Sozialdemokraten war die Stärkung des Wirtschaftswachstums („Geht's der Wirtschaft gut, geht's uns allen gut“): Ihre Vorschläge dienten daher in erster Linie den Unternehmern, denn nur auf diesem indirekten Weg könne man für die Arbeitnehmer etwas tun. Der Identitätsverlust der Sozialdemokraten hatte schonin den 1990er-Jahrenbegonnen, sie verirrtensich zwischen den vielen „Sachzwängen“ und hofften, als „Reformer“ Anschluss an den Trend zu finden. Allein, dassder Trend selbst dasProblem war, haben die Blairs, Schröders undCo. nicht begriffen. Auch sie navigierten mit falscher Karte.

Um die Verlierer der großen Krise kümmerten sich die Rechtspopulisten. Ihre Führer wie Marine Le Pen oder H. C. Strache hoben sich von den „Altparteien“ nicht durch strammeren Konservativismus ab, sondern durch jugendlichen Schick. Gleichzeitig sprachen sie spezifisch die zu kurz Gekommenen an, von den Alten mit Mindestpension, den Arbeitslosen, den atypisch Beschäftigten, den Jungen, die nicht „flügge“ werden konnten, bis zu den integrationswilligen Mitbürgern mit Migrationshintergrund. Die wichtigsten Feinde waren illegale Immigranten, die soziale Kälte der EU und ihre Spardiktate, das internationale Finanzkapital und die jeweiligen „Erbfeinde“ in Europa (bei bestimmten Matches in der Champions League gab es zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen). Die jungen „Volksbewegungen“ predigten jene Werte, welche die (vormals) christlichen und sozialdemokratischen Parteien vernachlässigt hatten: soziale Gerechtigkeit, saubere Umwelt, nationale Identität und volksgemeinschaftliche Solidarität.

Den größten Zulauf erhielten diese Bewegungen von den Jungen. Schon am Beginn der Depression war die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch gewesen, sie stieg in der Folge weiter an: Die sinkende Zahl an Arbeitsplätzen war von den Älteren besetzt, da diese erst später in Pension gehen durften (kurzfristig konnte so das Budget entlastet werden, ein junger Arbeitsloser kostet ja den Staat viel weniger als ein Pensionist).

Je länger die Depression dauerte, desto stärker wurde der Zweifel am Sparkurs der EU, die höher verschuldeten USA und Großbritannien entwickelten sich besser. Überdies kamen die etablierten Parteien durch den Erfolg der „Volksbewegungen“ unter Druck. Schließlich gingen auch die Unternehmerverbände auf Distanz zur neoliberalen Ideologie. Deren Dominanz hatte eine Regulierung der Finanzmärkte verhindert, und die Instabilität von Wechselkursen, Rohstoffpreisen und Zinssätzen beeinträchtigte unternehmerisches Handeln massiv.

Eine Prüfung dertheoretischen Grundlagerespektive der Navigationskarte, aus der dieneoliberalen Empfehlungen abgeleitet worden waren, ergab folgenden Befund: All diese Modelle waren zu logisch, nämlich tautologisch. – Einige Beispiele für diesen Denkstil: Der Staat kann die Wirtschaft durch ein zusätzliches Defizit nicht stimulieren, wenn die Privaten ihre Nachfrage um den gleichen Betrag senken, um so für die künftige Steuerbelastung vorzusorgen. Dieses Theorem der „Ricardianischen Äquivalenz“ war nur ein Spezialfall des „Theorems der Politikineffizienz“: Wenn alle Akteure die Effekte der Wirtschaftspolitik antizipieren, ist Letztere wirkungslos. Auf der gleichen Tautologik beruhte das „Theorem der Markteffizienz“: Wenn alle Akteure ihre Erwartungen nach dem „wahren Modell“ bilden, kann es keine destabilisierende Spekulation geben. Das „wahre Modell“ ist dabei immer jenes des Gleichgewichtsökonomen selbst (dazu Sigmund Freud: „Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen“). Auch die „Allgemeine Gleichgewichtstheorie“ wurde (wieder) als tautologisches Gesamtkunstwerk begriffen. Ihr Informationsgehalt geht über folgendes einfache Modell nicht hinaus. Definitionsgleichung: Was vier Radeln hat, ist ein Omnibus. Dann gilt: Wenn meine Oma vier Radeln hat, ist sie ein Omnibus.

Statt sich mit Gleichgewichtsmodellen zubeschäftigen, suchten immer mehr Ökonomen nach den konkreten Ursachen für das „große Ungleichgewicht“, die Depression. Es ging nicht mehr um die Tautologik des „Wenn, wenn, dann, dann...“, sondern darum, wie sich die Akteure tatsächlich verhalten und welche systemischen Konsequenzen dies hat. – Um die Entwicklung der Staatsverschuldung zu verstehen, analysierte man zuerstjene Periode zwischen1950 und 1973, in der sie trotz Ausbau des Sozialstaats stetig gesunkenwar. Das Nachlernen ergab: Die Entwicklung desBudgetsaldos kann nur aus der Interaktion der Finanzierungssalden aller Sektoren begriffen werden. Die Schlüsselrolle fällt dabei den Anreizen für unternehmerische Investitionen zu. In der Prosperitätsphase lenkten feste Wechselkurse, stabile Rohstoffpreise, niedrige Zinssätze und „schlummernde“ Aktienmärkte das Gewinnstreben systematisch auf die Realwirtschaft.

Unter diesen Bedingungen übernahm derUnternehmenssektor die Überschüsse derHaushalte (ihr Sparen) in Form von Investitionskrediten und verwandelte sie in Realkapital und Arbeitsplätze. Bei stabilem Wirtschaftswachstum hatte der Staat einen ausgeglichenen Haushalt (die Salden der beiden verbleibenden Sektoren – Ausland und Finanzsektor – waren ausgeglichen, und die Summe aller Salden ist ja null). Gleichzeitig lag der Zinssatz permanent unter der Wachstumsrate, bei ausgeglichenem Budget sank die Staatsschuldenquote.

Diese Bedingungen änderten sich seit den 1970er-Jahren: Instabile Wechselkurse und Rohstoffpreise, über der Wachstumsrate liegende Zinsen, Finanzderivate als Spekulationsvehikel und manisch-depressiv schwankende Aktienkurse verlagerten das Gewinnstreben zur Finanzspekulation, die Investitionsdynamik ging zurück und daher auch das Defizit des Unternehmenssektors. Als Folge steigender Arbeitslosigkeit und unzureichender Steuereinnahmen erlitt der Staat permanent Defizite und damit einen stetigenAnstieg seiner Verschuldung. Die Versuche, diesen bei unveränderten Systembedingungen zu bremsen (ab 1992 durch die Maastricht-Regeln, ab 2012 durch Schuldenbremsen), führten in die Depression. Grund: Unterfinanzkapitalistischen Bedingungen waren die Unternehmen weder in der Lage noch bereit, sich permanent zu verschulden.

Um zu verstehen, warum ausgerechnet die „freiesten“ Märkten manisch-depressive Schwankungen von Wechselkursen, Rohstoffpreisen, Zinssätzen, Aktienkursen produzierten, versuchten Ökonomen einen neuen Ansatz, die Feldforschung. Die Beobachtungen in „trading rooms“ samt exploratorischen Interviews zeigten: Das Verhalten der Trader widerspricht den Grundannahmen der Gleichgewichtstheorie. So verwendeten sie schon seit Jahrzehnten computergestützte Systeme,welche lediglich aufgrund der vergangenen Kursentwicklung Kauf- und Verkaufssignale produzieren. Dies bedeutet: Die Finanzmärkte sind nicht einmal schwach effizient.

Diese Ergebnisse machten verständlich, warum der ökonomische Mainstream selbst nach dem Finanzcrash 2008/09 konkrete Untersuchungen der Praktiken auf den Finanzmärkten gescheut und lieber Schuldenbremsen empfohlen hatte. Denn hätte man zugeben müssen, dass die „freiesten“ Märkte systematisch falsche Preise generieren, wäre die neoliberale Karte zu entsorgen gewesen, also jene Theorie, die man in 40 Jahren mit großer Mühe restauriert hatte.

Die Aufarbeitung der Depression der 2010er-Jahre kam schließlich zu folgendem Befund: Nicht das Fehlverhalten einzelner Akteure – seien es Politiker, Banker, Gewerkschafter, Unternehmer(vertreter) – war für das Desaster hauptverantwortlich, sondern die Tatsache, dass sie alle auf Basis einer falschen Karte navigierten. Es war in den 1930er-Jahren nicht anders gewesen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.02.2012)

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18 Kommentare
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Joseph Huber beantwortet die Frage

Joseph Huber aber hilft da weiter, wenn er meint: „Die Wurzel der aktuellen Banken- und Staatsschuldenkrise liegt im Geldsystem. Die finanziellen Gründe der Krise haben eine gemeinsame monetäre Ursache: die sog. multiple Giralgeldschöpfung durch die Ban¬ken. Sie dient heute vor allem der Aufhebelung von Geldanlagen und fördert damit Speku¬lationsblasen eben¬so wie Inflation und die Überschuldung vieler Beteiligter, nicht zuletzt die des Staates und der Banken selbst. Alle benutzen Geld, aber die Funktionsweise des Geldsystems bleibt weithin so nebulös wie die Begriffe ‘fraktionales Reservesystem’ oder ‘multiple Geldschöpfung’. Dies liegt im Interesse der Banken. Sie haben die Geldschöpfung den staatlichen Zentralbanken aus der Hand genommen.“ Und weiter: „Zuletzt diente der Großteil der Geldschöpfung nurmehr bloßen Finanzgeschäften, die keinen Nutzen mehr für die Realwirtschaft, aber umso größeren Schaden für sie mit sich brachten. Börsen- und Konjunkturzyklen werden durch die verselbständigte Bankengeldschöpfung verantwortungslos in Extreme getrieben ... Geraten die Banken dabei selbst in Schieflage, stehen die Guthaben der Kunden auf dem Spiel. Verbürgt sich der Staat für bedrohte Guthaben und Banken, werden damit die Verluste der Banken auf die Allgemeinheit abgewälzt, während die Profite privat angeeignet werden.“(http://www.monetative.de/?page_id=61)

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Keine Antwort von Schulmeister

"Die Systembedingungen des „Lassen Sie Ihr Geld arbeiten“ blieben hingegen gleich. Also erweiterten die Finanzakteure ihren Spielraum um die Spekulation gegen Staaten...In der Prosperitätsphase lenkten feste Wechselkurse, stabile Rohstoffpreise, niedrige Zinssätze und „schlummernde“ Aktienmärkte das Gewinnstreben systematisch auf die Realwirtschaft. Unter diesen Bedingungen übernahm der Unternehmenssektor die Überschüsse der Haushalte (ihr Sparen) in Form von Investitionskrediten und verwandelte sie in Realkapital und Arbeitsplätze.“
Sch. spricht immer wieder von der Spekulation, ohne festzumachen, womit von wem überhaupt spekuliert wird. (tautologisch: die Spekulanten!) Er geht davon aus, dass ein bestimmtes Finanzierungs-Gesamtvolumen vorhanden ist, und wenn das, was nicht konsumiert wird, in Investionen fließt, dann ist ein stabiles Wirtschaftswachstum gewährleistet. Wenn nicht, dann wird mit dem Überschuss spekuliert.
In der Tat werden aber nicht nur die Überschüsse der Haushalte investiert, sondern dieses ganze Finanzierungsvolumen, auf das sich nun auch die Gesamtgewinne beziehen. Wie aber diese Gewinne nun auch in Form eines monetären Mehrwertes realisiert werden können, wenn schon alles investiert wurde, danach wird nicht einmal gefragt. Wo kommt das Geld her, um den Mehrwert zu versilbern? (Marx) Diese Frage berührt aber auch die Spekulation.
Hierfür finden wir aber keine Antwort bei Schulmeister

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Wo ist die Logik?

"Indem der Staat seine Ausgaben senkte, reduzierte er die Einkommen von Unternehmen und Haushalten, die darauf ihre Nachfrage senkten....Durch protektionistische Maßnahmen sparten sie sich wechselseitig Nachfrage und Einkommen weg. Fazit: Der Versuch, die eigene Lage nach „schwäbischer Hausfrauenart“ zu verbessern,führte das Gesamtsystem in die Katastrophe.
...Zwischen 2000 und 2007 stagnierten die Reallöhne in Deutschland, während sie in den anderen Euroländern stiegen. Dieser Kostenvorteil half Deutschland in und nach der Krise 2009 erheblich."
Also was jetzt: Wenn man die Einkommen reduziert schadet das der Wirtschaft, denn die Leute können nichts kaufen (sagt auch die Arbeiterkammer)?
Oder wenn die Leute weniger Lohn bekommen hilft das in der Krise, weil die Produktivität steigt?
Sorry. Ich bin nur ein einfacher Arzt, der von Wirtschaft sicher viel weniger versteht als der Herr Schulmeister, aber irgendetwas ist hier nicht logisch...

Antworten Gast: Furian Sturmlöffel
10.02.2012 12:40
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Re: Wo ist die Logik?

Wenn "die Leute" weniger Lohn bekommen, steigert das die Produktivität, weil Lohnkosten Teil der Produktivitätsrechnung sind. Allerdings sinkt auch das Produktionsvolumen, da es ja nun auf einen weniger potenten Markt trifft. "Die Leute" sind ja nicht nur Arbeiter sondern auch Kunden. Eine Verkleinerung des Marktes bedeutet aber immer weniger "Geschäft". Weniger Geschäft bedeutet Schrumpfung des Wirtschaftsvolumens, eben die "Krise". Versucht man aber nun diese Krise wieder mit Lohnkostensenkung zu beantworten, schrumpft der Markt noch mehr. Daraus folgt: Einseitige Lohnkostensenkung heisst nichts weiter als den Einstieg in die Abwärtsspirale. Eine wirkliche Produktivitätssteigerung kann nur durch Effizienzerhöhung erfolgen.
Da diese Vorgänge aber mit einer gewissen Verzögerung ablaufen, kann man leicht dazu verführt werden in der Lohnkostenreduktion einen probaten Lösungsansatz zu sehen. Das ist aber falsch, weil es am Ende immer die Potenz des Marktes beschneidet, mit den eben erklärten Wirkungen.
Die Lösung die Deutschland gefunden hat, war die quasireligiöse Exportfixierung. Das missachtet den Grundsatz das die Summe aller Salden immer NULL ist. Das Ende ist absehbar.
Die einzige Lösung kann nur in der Vermehrung des "Geschäfts" bestehen und nicht in seiner Verringerung, denn am Ende aller wirtschtl. Strukturen steht immer ein Konsumprodukt das von einem Endverbraucher gekauft und nicht weiterverkauft wird.

Antworten Antworten Gast: Peter L
11.02.2012 21:47
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Re: Re: Wo ist die Logik?

Ganz verstehe ich das nicht. Die ( Arbeits- ) Produktivität ist doch definiert als Y/L. Oder? Wo sind denn da die Löhne drin?
Können Sie mir das vielleicht erklären?

Antworten Antworten Antworten Gast: VanDerMonde
13.02.2012 10:47
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Re: Re: Re: Wo ist die Logik?

aus http://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsproduktivit%C3%A4t

"Da sich die Arbeitsproduktivität nur
auf den Einsatzfaktor Arbeit bezieht, werden andere Faktoren, die zur Produktion notwendig sind, vernachlässigt. Das Ergebnis der Kennzahl ist demzufolge kritisch zu hinterfragen. Es gilt: je geringer die eingesetzte Arbeit, desto höher die Arbeitsproduktivität. Doch bei der Interpretation muss beachtet werden, dass eine Änderung der Ausbringungsmenge nicht unbedingt auf einer Änderung der Arbeitsleistung beruht"

Antworten WM
06.02.2012 20:38
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Re: Wo ist die Logik?

Zwischen 2000 und 2007 sank relativ das Lohnniveau ein Deutschland UND die Binnennachfrage ging auch zurück. Allerdings wurde dies durch den Export mehr als wettgemacht. Wenn allerdings jetzt (so wie in den 30-er Jahren alle sparen, dann wird in Deutschland auch der Export einbrechen.

Gast: Novator
06.02.2012 06:15
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Ideologischer Konstruktivismus erzeugt Scheinlösungen Teil 5

Haftung der Parlamentarier und über das Verbandsverantwortlichkeitsgesetz auch der Parteien für Beschlüsse zum „ungedeckten Stimmenkauf“ („Wahlzuckerl auf Kredit“)
Ausweitung der Compliance-Regelungen auf alle Unternehmen und freie Berufe
Ausweitung des Wettbewerbsrechtes insbesondere hinsichtlich Missbrauch der Marktmacht auch auf regionale und lokale Strukturen und Situationen
Umgestaltung der Sozial- und Gesundheitssysteme in sich selbst erhaltende Strukturen
Bei Pflichtmitgliedschaften bzw. Zunftsystemen Verpflichtung der Interessensvertretung für die autonome soziale Sicherung der Vertretenen zu sorgen (wie z.B. bei den Ärzten)
Verbesserung der Chancengleichheit durch Weiterentwicklung des Schulsystems sowohl in der Ausbildung (bei intrinsischer Motivation) und Training (bei niedriger intrinsischer Motivation).
Diese Gedankenanstöße können nur Blitzlichter im Universum möglicher Verbesserungsalternativen sein. Strukturelle Reformen sind notwendig, weil wir im Euroraum aus Angst vor einzelnen Staatspleiten vielleicht in 10 Jahren in eine Währungsreform (z.B. 1N€uro für 2 Alt-Euros) schlittern, weil auch die protestantischen Euroländer die Sanierung der übrigen Länder nicht mehr stemmen können.

Gast: Novator
06.02.2012 06:13
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Ideologischer Konstruktivismus erzeugt Scheinlösungen Teil 4

Die aktuelle politische Entwicklung zeigt, dass aus den gegebenen politischen Positionen bzw. Ideologien keine Lösungen sondern eher Brandbeschleunigung zu erwarten ist.
So ist das aktuelle Programm der fanzösischen Sozialisten unter Hollande ein demokratischer Totentanz (siehe dazu auch Guehenno, Paris 1993). Die Ausländerfeindlichkeit nationalistischer Parteien in Zentraleuropa gefährdet die Wohlfahrt der Völker, weil sie die Auswirkungen der demografischen Entwicklung und verkrusteten Schulsysteme ausblendet. Dabei gäbe es genug strukturelle Best Practice-Reformalternativen wie z.B.:
Umgestaltung des Staates in ein wettbewerbsförderalistisches System a la Schweiz u.a. mit Finanzreferenden
Einführung der Trennung von Politik und Verwaltung, wie es die vom schwedischen Reichskanzler Oxenstierna im 16. Jhdt eingeleitete Entwicklung der ostnordischen Verwaltungsform in Schweden und Finnland zeigt
Lösung der Justiz aus der Umklammerung durch die Politik und Unterstellung unter einen Richterrat unter Vorsitz des Bundespräsidenten (wie z.B. in Italien)
Einführung einer Kridaverantwortung für Politiker, soferne EU-Gemeinschaftshilfen oder IWF-Mittel zur Budgetsanierung benötigt werden
Einführung einer Kridaverantwortung für Manager „unsinkbarer Schiffe“ auch im Nichtinsolvenzfall, soferne öffentliche Mittel zu Sanierung der Unternehmen eingesetzt werden müssen
Einführung einer Intergenerationen-Treuhänderhaftung des Bundespräsidenten zum Schutz des Wohlfahrtsstaates ( siehe Pigou 1920, Welfare State)

Gast: Novator
06.02.2012 05:14
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Ideologischer Konstruktivismus erzeugt Scheinlösungen (Teil 1 Wh)

Auch wenn die „Austrians“ in der Systemdynamik vielleicht Recht haben, so zeigen die sozialen Verwerfungen einer solchen Politik in den 1930-er Jahren, dass deren Auswirkungen die Völker nicht tragen können bzw. wollen. Andererseits ist der New Deal Roosevelt’scher Prägung auch keine Lösung wie die verzweifelte Ansprache des US- Finanzministers Henry Morgenthau vom 9. Mai 1939 zeigt (Burton Folsom). Defensiv hatte das massive Deficit Spending der USA durchaus einen tieferen sozialen und wirtschaftlichen Absturz verhindert. Ein tragfähiger Wirtschaftsaufschwung konnte aber nicht erzielt werden. Erst der 2. Weltkrieg hat die Massen an Arbeitslosen von den Straßen geholt. Nach der Menschenvernichtung und weitgehenden Zerstörung der Volkswirtschaften in Zentraleuropa existierte zwar ein hohes Nachfragepotential, welches erst nach Entschuldung der Staaten durch eine Währungsreform und dem Marshallplan in Wachstum umgesetzt werden konnte. Die von Stephan Schulmeister gelobten Jahre 1950 bis 1973 basierten wesentlich auf der Vernichtung von Gläubigergeld und der amerikanischen Wiederaufbauhilfe.

Gast: CK
04.02.2012 20:48
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Teil 3: Verdrehung ökonomischer Fakten

Die Schulden der "Olivenländer" sind übrigens nicht primär auf die Rettung maroder Banken zurückzuführen (die ist schon schlimm genug), sondern darauf, dass sich diese Länder seit Beginn der 90er Jahre aufgrund ihrer EURO-Mitgliedschaft weit günstiger verschulden können als zuvor. Ebenso ist ihre geringe Produktivität darauf zurückzuführen, dass sie nicht mehr inflationieren konnten, wohl aber massive Lohnsteigerungen zuließen. Alles Fakten, die von neoliberalen Ökonomen seit jeher scharf kritisiert wurden. Schulmeisters Milchmädchenrechnungen haben keine ökonomische Basis, sondern sind zurückzuführen auf eine Art psychische Besessenheit, die ihn dazu veranlasst historische wie ökonomische Fakten solange entweder zu ignorieren oder zu verdrehen, bis darauf sein eigenes seltsames Weltbild entsteht.

Gast: CK
04.02.2012 20:46
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Teil 2: Verdrehung ökonomischer Fakten

Nun zum heutigen Problem: Ich kann um ehrlich zu sein keine undifferenzierte Ausgabenkürzung in Europa feststellen. Weder in anderen Ländern noch in Österreich. Ich kann schlicht gar keine relevante Ausgabenkürzung feststellen. Nicht mal in Griechenland. Wenn jemand anderer Ansicht ist, bitte ich mir mitzuteilen, worin die drastischen Sparpläne, die bisher in Gesetze umgewandelt wurden genau bestehen. Ich weiß es nämlich tatsächlich nicht. Und schon gar nicht kann ich erkennen, dass irgendwo in Europa produktivitätssteigernde Maßnahmen gesetzt würden. Weiters ist für mich nicht nachvollziehbar, dass irgendwo in Europa Arbeitsmärkte auf brutal-neoliberale Art und Weise liberalisiert würden. Ich lese immer nur von neuen Steuerideen, von Transferzahlungen, von Solidarität mit Pleitestaaten, von Unterstützung maroder Banken, von expansiver Geldpolitik und jeder Menge absurder Privilegien. Wenn jemand auf die Idee kommt, das sei eine "Neoliberale Karte" kann das nur daran liegen, dass dieser jemand keine Ahnung hat, was neoliberal ist. Ich verstehe auch nicht, wie jemand die Politik der letzten 20 Jahre, die darin bestanden hat Wirtschaftswachstum durch Niedrigzinspolitik zu stimulieren, den Sozialstaat und Staatsausgaben kontinuierlich zu steigern, Arbeitsmärkte zu regulieren und Sozialtransfers in ungeahnte Höhen zu treiben als "neoliberal" bezeichnen kann.

Gast: CK
04.02.2012 20:40
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Teil 1: Verdrehung historischer Fakten

Schulmeisters Analyse der großen Depression in den 20er Jahren und ihrer Ursachen ist schon am Beginn des Artikels völlig falsch. Damals führte eine expansive Geldpolitik (Umstieg von Goldstandard zu Gold-Exchange-Standard) vor dem ersten Weltkrieg zum schleichenden Aufbau einer riesigen Kreditblase, die sich letztlich in den 20er Jahren entladen hat. Die Politik reagierte damals mit protektionistischen Maßnahmen und höheren Steuern und die starken Gewerkschaften hinderten Arbeiter, die für niedriger Löhne arbeiten wollten (um ihre Produktivität zu steigern) gewaltsam an der Arbeit. Daher kam es zu einer enormen Arbeitslosigkeit und infolge zu einem desaströsen Kaufkraftverlust. Der Urvater der Neoliberalen L.v. Mises hat genau dieses Problem bereits 1912 vorhergesehen und davor gewarnt ("The Theory of Money and Credit"). Er wurde leider nicht gehört.

Gast: Novator
04.02.2012 17:27
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Ideologischer Konstruktivismus erzeugt Scheinlösungen (Teil 3)

„Wenn der Einzelne nicht bankrott machen kann, dann geht das Kollektiv bankrott“. Diese alte Feststellung Walter Euckens hat sich mit dem Untergang des real existierenden Sozialismus in Europa eindrucksvoll bestätigt. Wenn in Europa Staaten nicht geordnet bankrott machen können, wird das Euro-System kollabieren. Der zunehmende Klientelismus in den katholisch oder orthodox sozialisierten Ländern (Ausnahme Polen) blockiert durch die Verschränkung von Macht und Klientel jede wirkliche Staatssanierung. Die Ausprägungen dieses Klientelismus gehen von räuberischen Formen (z.B. Griechenland) bis zu korporatistischen Formen (z.B. Österreich). Je nach Ausprägung führt Klientelismus mit unterschiedlichem Tempo zu Korruption, Unmündigkeit des Volkes, wissenschaftlicher Scholastik, Rückständigkeit, Armut sowie „Rent Seeking“ (Mancur Olson). Laut Wissenschaft (Douglass North, Mancur Olson, Ackermann etc.) kann so ein „Lock-in“-Zustand von innen kaum strukturell reformiert werden. Es braucht dazu in der Regel Revolutionen, Fremdherrschaft oder z.B. Expertenregierungen/Herrschaft der Besten.
Ich bin daher gespannt wie Österreich den „gordischen Knoten“ des Klientelismus durchschneiden wird. Ist vielleicht eine Neuauflage des Josephinismus ein Thema?

Gast: Novator
04.02.2012 17:25
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Ideologischer Konstruktivismus erzeugt Scheinlösungen (Teil 2)

Bekanntlich tat Österreich nach dem 2. Weltkrieg leider wenig, um jüdische Mitbürger aus der Diaspora nach Österreich zurückzuholen. Eine Reihe von Unternehmen wurde von den staatstragenden Parteien usurpiert oder dem „Königreich Waldbrunner“ einverleibt, welches in der Folge die „Verstaatlichte“ dann sukzessive an die Wand rollte. Dennoch hatten wir Glück im Unglück. Die aus dem Balkan, der Tschechoslowakei und Polen kommenden, vor allem protestantischen Flüchtlinge trugen mit ihrem Unternehmergeist entscheidend zum Wiederaufbau der österreichischen Wirtschaft bei. Die „Austro-Porsche“-Ersatzpolitik von Bundeskanzler Kreisky und die strikte DM-Bindung des österreichischen Schilling durch Finanzminister Androsch gaben unserer Industrie zusätzliche Wachstumspotentiale und hohe Wettbewerbsfähigkeit. Der EU-Beitritt und die sich entwickelnden CEE-Länder haben unserer Wirtschaft einen weiteren starken Wachstumsschub gegeben.
Die bereits vor der Krise vorhandene hohe und zunehmende Überschuldung unserer Staaten wurde durch die amerikanische und europäische Niedrigzinspolitik in den staatlichen Budgets nur unterproportional liquiditätswirksam. Seitdem die Märkte entdeckt haben, dass eine Reihe von EU-Staaten pleitegefährdet ist, gibt es kurzfristig zur Flutung der Märkte mit niedrig verzinstem Geld durch die EZB keine wirkliche Alternative. Vereinfacht gesagt schöpft die EZB Geld aus Luft und gibt dieses den Banken, welche damit Staatsanleihen kaufen oder Kredit geben. Somit können die Staaten nicht wirklich gegen Banken vorgehen, weil sie sonst mangels Anleihekäufer Pleite gehen würden. Andererseits ist aber das Überleben der Banken auch vom Überleben der Staaten abhängig. Unabhängig davon ist völlig klar, dass auch Österreich bei den Staatsfonds de facto kein „investment-grade“ mehr hat. Die Kreditmärkte geben uns laut Spiegel vom 12.12.2011 bestenfalls ein Triple B.

Collector
04.02.2012 14:10
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Auch Schulmeister navigiert falsch! (Teil 1)

Natürlich hat Schulmeister mit seinem Vorwurf an die EU-Politik recht, sie verstärke die Krise statt sie zu mildern, Aber auch Sch. navigiert falsch. Den eigentlichen Grund der Krise spricht Sch. nicht an, nämlich die durch die Schaffung des EURO verursachten Blasen und Diskrepanzen, welche zu den bei 16 Gipfeln immer wieder neu erfundenen und aufgespannten Rettungsschirmen führten (dzt. Umfang laut Ifo bereits 2.000.000.000.000.000 (2 Billionen! Anteil Ö ca. 50 Milliarden) EURO führten, welch allesamt keinen Erfolg brachten.
Bereits Schäuble und Frau Merkel geben jetzt ausdrücklich zu, dass der EURO eine „Fehlkonstruktion“ ist. Er verstößt gegen das Grundprinzip jeder Währung, das da heißt: "One State – One Money" (Prof. Breuss).Die Währungsunion leidet an einem "Geburtsfehler" (Botschafter Scheich), ihr ging keine Politische Union voraus und sie wird von ihr auch nicht begleitet. Die EU ist kein Staat und wird auch nie einer werden. Kein Volk stimmt mehrheitlich der Herausbildung von „Vereinigten Staaten von Europa“ zu und damit einer Schulden-, Haftungs, Transfer- und Fiskalunion. Viel wichtiger als eine unbegrenzte Geldschwemme via EZB und das Drehen an der Zinsschraube nach den Rezepten Sch.´s ist die Rückkehr zur eigenen Währung, zu eigener Notenbank in Staatshand, eigener Währungs- und Kreditpolitik, Abbau der Auslandsschulden, strenge Aufsicht über das gesamte Banken- und Kreditsystem des Landes, sowie Devisen- und kapitalverkehrskontrolle.

Kurinsk
04.02.2012 14:03
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Resultante

Zwar ist die Aufstellung der gesellschaftlichen Kräfte ähnlich wie in der 1930ern, aber die Bewusstseinslage ist doch anders, differenzierter. Jetzt kommt es auf die Resultante
der Kräfte an. Für Deutschland (und Österreich) ist es wichtig, dass seine politischen Eliten nicht wieder den Schwanz einziehen.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/16-wege-aus-der-krise-sorge-um-deutschland-und-europa-11552994.html

Gast: wolfi48
04.02.2012 11:10
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Sparwahn ohne Ideen und Alternativen

Das schätze ich an der Presse - dass immer wieder auch für "Schulmeister's Meinungen" und ähnliche Autoren Platz vorhanden ist!
Endlich einmal andere Einsichten und Ansichten im Gegensatz zu den sturen, einfallslosen Einsparungsideen, bei der jede schon nur wenig abweichende Ansicht von konservativ "liberalen" Kreisen, gegen notwendige Einsparungen , gegen notwendige Reformen gerichtet, bewusst und mit Absicht "missinterpretiert" wird.
Ich hoffe, dass die "Schellhorn's" und "Fleischhacker's" diesen Artikel ebenfalls lesen!?


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