Leb wohl!

23.03.2012 | 19:19 |  Von Josef Winkler (Die Presse)

Winnetous Mord und Winnetous Tod. Im Karl-May-Jahr: paraphrasiert nach der Reiseerzählung „Winnetou III“.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Durch das Fernrohr sah OldShatterhand, dass die Gesichter der Indianer rot und blau bemalt waren, die Lanzenspitzen blank geschliffen, in ihren Köchern vergiftete Pfeile steckten. Es waren Comanchen vom Stamme der Racurroh, die sich auf Kriegspfad gegen die Apachen befanden und die immer näher kamen. Old Shatterhand und Sam Hawkins hielten ihren Pferden die Nüstern zu, denn die Pferde beginnen laut zu schnauben, sobald Indianer in die Nähe kommen. Old Shatterhand sprangvon seiner Hatatitla und band sie an einen Strauch. In dem Moment, als er tief in den Busch eindringen wollte, stand mit erhobenem Tomahawk ein Indianerhäuptling mit schulterlangem, schwarzem Haar vor ihm. „Winnetou?!“, schrie Old Shatterhand, „will der große Häuptling der Apachen seinen Bruder töten?“ Winnetou, der schon zum tödlichen Schlag ausgeholt hatte, ließ erleichtert seinen Arm sinken, steckte den Tomahawk in seinen Gürtel, rief „Schar-lih!“ und umarmte Old Shatterhand.

„Was tut mein Bruder am Rio Pecos?“, fragte Old Shatterhand. „Die Flöhe der Comanchen haben ihr Lager verlassen, um dem Apachen ihr Blut zu geben. Der große Geist sagt, dass Winnetou ihre Skalps nehmen wird. Sagte mein Bruder nicht vor vielen Monden, dass er wieder über das große Wasser nach Europa ziehen werde zum Wigwam seines Vaters und seiner Schwestern? Wollte er dann nicht hinüber in die große Wüste, die fürchterlicher ist als die Mapimi und der Estacado?“ Old Shatterhandantwortete, dass er beim Wigwam seines Vatersundin der Sahara gewesen sei, ihn aber im Lichte des Tages und in den Träumen der Nacht der Geist der Savanne gerufen habe.Winnetou berichtete, dass er im Norden am großen See gewesen sei, um nach dem heiligen Ton für das Calumet des Friedens zu graben, und dass sein Bruder Schar-lih der Erste sei, mit dem er nun diesen frischen Ton rauchen werde.

Winnetou stopfte seine Pfeife und steckte sie in Brand. Nachdem er den Rauch dreimal zum Himmel und dreimal auf die Erde geblasen hatte, stieß er ihn nach allen vier Himmelsrichtungen aus und gab das Calumet an Old Shatterhand weiter. Nachdem auch Sam Hawkins, Walker und ihre Begleiter geraucht hatten, ging das Calumet in Winnetous Hände zurück. Sam Hawkins erkundigte sich bei Winnetou: „Mein roter Bruder hat viele Apachenkrieger in der Nähe?“ „Uff! Mein weißer Bruder mag mir sagen, wie viele Bären man braucht, um tausend Ameisen zu zertreten?“ – „Nur einen!“ – „Und wie viele Krokodile braucht man, um hundert Kröten zu verschlingen?“ – „Nur eines!“ – „Und wie viele Häuptlinge der Apachen braucht man, um diese Mücken von Racurroh-Comanchen zu töten? Wenn Winnetou das Kriegsbeil ausgräbt, dann nimmt er nicht seine Männer mit, dann geht er alleine. Winnetou mag da und dort nur die Hand ausstrecken, schon eilen tausend Krieger herbei, um seine Befehle auszuführen. Er hat viele Zungen, die ihm erzählen, was die Söhne der Comanchen tun, und er hat viele Messer und Tomahawks, um seine Feinde von der Erde zu vertilgen, howgh!“ Den letzten Rauch aus der Friedenspfeife blasend, erhob er sich undsteckte das Calumet in seine Tasche.

Winnetou nahm sein Pferd am Zügel, führte es aus dem Gebüsch und schwang sich auf. Old Shatterhand und seine Kumpanen folgten. Sie ritten wohl eine Stunde lang, hielten bei jeder Wegbiegung an, um das Terrain überblicken zu können. Als sie an eine Ecke des Waldes gekommen waren und den Wald umreiten wollten, riss der Apache sein Pferd an den Zügeln zurück. Winnetou hing seine Büchse an den Sattelknopf, zog sein Bowiemesser und verschwand, ohne ein Wort zu verlieren, zwischen den Bäumen. Kurze Zeit später erscholl der Lockruf eines Spottvogels. Jeder andere hätte diese Töne für die Stimme des Wipp-por-will gehalten, aber Old Shatterhand wusste, dass sie aus dem Mund des Apachen kamen. Old Shatterhand folgte dem Ruf. Zu Winnetous Füßen lag ein leise stöhnender junger Mann, festgebunden mit seinem eigenen Gürtel. Es war Holfert, ein Verbrecher und Diamantendieb. „Ein Weißer, ein Yankee!“, rief der unwissende Sam Hawkins beruhigt, „warum behandelt ihn mein roter Bruder als Feind?“ „Böses Auge!“, antwortete Winnetou knapp. Nachdem beim Verhör von Old Shatterhand im Ton der Stimme des Verbrechers nicht viel von Reue zu hören war, löste Winnetou den Gürtel an Holferts Händen, deutete auf die blutige Hand des Mannes und fragte: „Hat der weiße Mann gewaschen seine Handvom Blut des Ermordeten?“ „Ja!“, antwortete der Gefangene. „So ist also Blut gewesen an dieser Hand, und Blut wird nicht gewaschen mit Wasser, sondern wieder mit Blut. So will es Manitou, und so will es der große Geist der Savanne. Sieht der weiße Mann dort den Zweig am Flussufer?“ – „Ja.“ – „Er gehe hin und hole den Zweig. Wenn er ihn abzubrechen vermag, so soll er am Leben bleiben, denn der Zweig ist das Zeichen des Friedens und der Gnade.“

Holfert ging aufs vierhundert Schritte entfernte Flussufer zu und streckte seine Hand nach dem Zweig aus. In diesem Augenblick hob Winnetou seine Silberbüchse und gab ihm einen Kopfschuss. Vornüber stürzte Holfert in die Fluten. Ohne mit der Wimper zu zucken, lud Winnetou den Lauf seines Gewehres und sagte: „Der weiße Mann hat den Zweig nicht gebracht, er musste sterben! Der Geist der Savanne ist gerecht und barmherzig, er gibt nicht Gnade, die ins Verderben führt. Der weiße Mörder wäre ohnehin von den Comanchen getötet worden!“ Ohne sich nach den anderen umzuschauen, bestieg Winnetou sein Pferd und ritt davon, die anderen folgten ihm.

Ohne dass ein Wort gesprochen wurde, folgten sie der Fährte der Ogellallah-Comanchen. Am Abend erreichten sie den Rio Pecos und schlugen einNachtlager auf. Als sieam nächsten Abend dieHöhe eines langgestreckten Bergrückens erreichten und bereits auf der anderen Seite abwärtsbiegen wollten, hielt der voranreitende Apachesein Pferd an und rief mit gedämpfter Stimme: „Uff!“ Zu ihrer rechtenHand breitete sich tief unten eine kleine, mit Gras bewachsene Ebene aus, in der Indianerzelte standen und wo reges Leben herrschte. Die Indianerpferde weideten auf den Wiesen, Indianerfrauen hängten auf Schnüren, die zwischen Stangen angebracht waren, dünne Stücke Büffelfleisch zum Trocknen auf. Das große Häuptlingszelt, an dessen Spitze mehrere Adlerfedern angebracht waren, stand etwas abseits von den übrigen. Es waren Ogellallahs. „Zweiunddreißig Zelte“, sagte Winnetou, „Naki gutesnontin nagoiya – zweihundert Krieger!“ Ein paar Weiße waren darunter, unter ihnen auch Rollins, der eine Narbe auf der Stirn hatte, die er sich beim Überfall auf eine Farm zugezogen hatte.

„Was sagt mein Bruder Schar-lih? Werden diese Kröten von Ogellallah noch lange hier bleiben?“, fragte Winnetou. Für einen Jagdzug hatten sie zu wenig Fleisch, Büffel waren in der Umgebung auch zu wenig, die sie schießen konnten. Die Ogellallahs waren also auf dem Kriegspfad. Die Rothäute würden bald wieder aufbrechen. Winnetou griff in seine Tasche und zog ein Fernrohr heraus. Er schob die Glieder des Rohres auseinander und betrachtete einen Indianer, der gerade aus dem Häuptlingszelt trat. „Ko-itse, der Lügner und Verräter!“, zürnte Winnetou. „Winnetou wird den Tomahawk mit einem Schlag in seinen Schädel einpflanzen!“ Old Shatterhand nahm das Bowiemesser zwischen die Zähne, legte sich ins Gras und schob sich wohl eine Stunde lang vorwärts, aufs abseits gelegene Büffelhautzelt des Häuptlings zu, um die Ogellallahs belauschen zu können. Nachdem er erfahren hatte, dass die Indianer gemeinsam mit den Weißen, unter ihnen auch der gefürchtete Rollins, die Bau- und Verwaltungskasse der Eisenbahn überfallen wollten, legte er die Hände muschelförmig an den Mund und ließ den Ruf der großen grünen Unke ertönen. Das war ein zwischen Old Shatterhand und Winnetou verabredetes Rückzugszeichen. Sie beschlossen, die Bahngesellschaft vor dem Überfall zu warnen.

Nach einem mehrtägigen Ritt über den Green-Fork und durch den Urwald kamen sie an den Seiteneingang eines größeren Talkessels mit einem kleinen See. Pferde, Rinder, Schafe und Ziegen weideten auf den Feldern zwischen mehreren Blockhäusern. Auf der höchsten Spitze des Talkessels stand eine kleine Kapelle. An der Spitze der Kapelle war ein Kreuz angebracht, in dem das Bildnis des Erlösers eingeschnitzt war. Old Shatterhand nahm den Hut herunter und betete, wurde aber von Winnetou unterbrochen. „Ti ti – was ist das?“, fragte er. „Eine Niederlassung“, antwortete Walker. „Uff! Winnetou sieht die Niederlassung; aber welcher Klang ist das?“ – „Das ist die Vesperglocke. Sie läutet das Ave Maria.“ „Uff!“, meinte der Apache erstaunt. „Was ist Vesperglocke? Was ist Ave Maria?“ Nach dem letzten Glockenton hörte man einen vierstimmigen Gesang: „Es will das Licht des Tages scheiden; / Nun bricht die stille Nacht herein. / Ach könnte doch des Herzens Leiden, / So wie der Tag vergangen sein! / Ich leg mein Flehen dir zu Füßen; / O trags empor zu Gottes Thron, / Und lass Madonna, lass dich grüßen / Mit des Gebetes frommem Ton: Ave, ave, Maria!“

Old Shatterhand wusste, dass ein Indianer ungern über die in den Bergen verborgenen Goldschätze spricht, und stellte, obwohl er überzeugt war, keine Auskunft zu erhalten, seine Frage an Winnetou in der Sprache der Mescalero-Apachen, um ihn vielleicht doch umstimmen zu können. „Will mein Bruder Schar-lih wirklich Gold suchen?“ Winnetou blickte lange wortlos vor sich hin, musterte mit seinen dunklen Augen die Anwesenden und fragte: „Werden diese Männer dem Häuptling der Apachen einen Wunsch erfüllen? Wenn sie mir noch einmal das Ave Maria vorsingen, dann werde ich ihnen sagen, wo die Nuggets liegen.“ Old Shatterhand war vollkommen überrascht. Hatte das Ave Maria auf den Indianerhäuptling einen so großen Eindruck gemacht, dass er dafür die Geheimnisse der Berge verriet?

„Es will das Licht des Tages scheiden; / Nun bricht die stille Nacht herein. / Ach könnte doch des Herzens Leiden / So wie der Tag vergangen sein.“ Als das Lied verklungen war, standen alle noch ganz still, Winnetou aber war verschwunden. Old Shatterhand warf seinen Bärentöter über die Schulter und begann ihn zu suchen. Der Richtung folgend, in der er ihn hatte verschwinden sehen, näherte sich Old Shatterhand dem See. Auf einer erhöhten Felsplatte, die ein paar Meter in den See hineinragte, saß Winnetou. Old Shatterhand näherte sich und setzte sich neben ihn. Nach langem Schweigen sagte Winnetou: „Mein Bruder Schar-lih ist ein großer Krieger und ein weiserMann. Meine Seele ist wie die seinige. Aber ich werde ihn nicht sehen, wenn ich einst in die ewigen Jagdgründe gelange! Winnetou hat keinen Menschen mehr geliebt als seinen Bruder Schar-lih. Winnetou hat keinem Menschen vertraut als nur seinem Freunde, der ein Bleichgesicht ist und ein Christ. Die roten Männer brüllen und schreien. Die weißen Männer haben eine Musik, die vom Himmel kommt und die im Herzen des Apachen weiterklingt. Mein Bruder mag mir verdolmetschen die Worte, welche diese Männer bei der Kapelle heute gesungen haben!“ Nachdem ihm Old Shatterhand das Ave Maria übersetzt hatte, antwortete er: „Winnetou wird nicht vergessen den großen, gütigen Manitou der Weißen, den Sohn des Schöpfers, der am Kreuz gestorben ist. Der Glaube der roten Männer lehrt Hass und Tod. Der Glaube der weißen Männer lehrt Liebe und Leben. Winnetou wird nachdenken, was er erwählen soll, den Tod oder das Leben, howgh!“ Danach verließen sie das Seeufer und kehrten in die Hütte zurück. Als sich die acht Sänger verabschiedeten, reichte Winnetou jedem die Hand und sagte: „Winnetou wird die Töne seiner weißen Freunde nie vergessen. Er hat geschworen, von jetzt an nie mehr einem Weißen den Skalp vom Schädel zu reißen, denn die Weißen sind die Söhne des guten Manitou, der auch die roten Männer liebt!“

„Selkhi Ogellallah! Ntsagé sisi Winnetou natan Apaches! Shne ko – Tod den Ogellallah! Hier steht Winnetou, der Häuptling der Apachen! Gebt Feuer!“ Winnetou erhob seine silberbeschlagene Büchse. In kürzester Zeit fielen über zweihundert Schüsse. Eine Minute lang war es ganz still, dann brach ein furchtbares Geheul los. Die unverletzten Feinde flohen, die anderen lagen am Boden oder versuchten sich fortzuschleppen. Wer sich nicht ergab, wurde sofort erschossen. Ringsum lagen sterbende und tote Indianer. Als nach dem Kampf Old Shatterhand Winnetou wiedersah, fragte er: „Wo hat mein Bruder die Skalpe seiner Feinde, der Sioux-Ogellallah?“ „Winnetou wird keinen Skalp mehr nehmen“, antwortete er, „denn seit er das Ave Maria gehört hat, tötet er zwar den Feind, aber lässt ihm die Haarlocke seines Hauptes. Howgh!“ Auf seiner Stirn tauchten Falten auf, die Old Shatterhand vorher nie gesehen hatte.

Winnetou stand am Rande des Waldes an einen Baum gelehnt und schaute mit starrem Blick über den Horizont, in das Gebilde der rot und blau gefärbten Wolken hinein. Ohne sich nach Old Shatterhand umzusehen, sagte er: „Mein Bruder Schar-lih kommt, um nach seinem Freunde zu sehen. Er tut recht daran, denn bald wird er ihn nicht mehr sehen.“ Old Shatterhand legte die Hand auf die Schulter seines Freundes und antwortete: „Wenn Schatten auf dem Gemüt meines Bruders liegen, so mag er sie verjagen.“ – „Für den Hancock-Berg wird morgen ein neuer Tag beginnen, aber nicht für Winnetou. Seine Sonne wird erlöschen, wie diese dort am Horizont erloschen ist, und nimmer wieder aufgehen.“ – „Der heutige Abend wird ein sehr gefährlicher für uns werden, aber wie oft haben wir dem Tod schon ins Auge geschaut!“ – „Mein Gefühl sagt mir, dass ich mit einer Kugel in der Brust sterben werde, denn nur eine Kugel kann mich umwerfen. Ein Messer oder einen Tomahawk würde der Häuptling der Apachen leicht von sich wehren. Mein Bruder mag mir glauben, ich gehe heute in die ewigen Jagd...“ „In die ewigen Jagdgründe“ wollte er sagen, aber Winnetou war in seinem Inneren ein Christ geworden. „Die Zeit zum Angriff ist gekommen. Lass uns Abschied nehmen, mein lieber, lieber Schar-lih! Und wenn du dann nach meinem Tode zu den Menschen zurückkehrst, von denen keiner dich so lieben wird, wie ich dich liebe, so denke zuweilen an deinen Freund und Bruder Winnetou, der dich jetzt segnet, weil du ihm ein Segen warst!“ Winnetou legte seine Hände auf das Haupt seines Blutsbruders. Old Shatterhand umarmte Winnetou und sagte weinend: „Winnetou, mein Winnetou, du musst bei mir bleiben!“ „Ich gehe fort“, antwortete Winnetou leise und riss sich aus der Umarmung seines Freundes los.

„Es ist nun vollständig dunkel, wir wollen aufbrechen. Meine Brüder mögen mir folgen!“, sagte Winnetou mit gebrochener Stimme. Einer hinter dem anderen kletterten sie den Hancock-Berg hinauf, um den Krater zu erreichen. Oben angekommen, horchten undblickten sie gespannt in den Kessel hinunter. An einer Felsspalte erschien ein Indianer, der zu den anderen, auf dem Boden sitzenden ein paar Worte sagte. Sie erhoben sich und verschwanden in der Felsspalte. Beim Abstieg in den Krater rissen sie Steine und Geröll mit. Sofort tauchte der Kopf eines Indianers in der vom Feuer beleuchteten Spalte auf. „Vorwärts, Winnetou!“, rief Old Shatterhand, „sonst ist alles verloren!“ In diesem Augenblick blitzten ihnen aus der Spalte ein paar Schüsse entgegen. Winnetou stürzte zu Boden. Old Shatterhand rief: „Winnetou hat eine Kugel getroffen?“ „Winnetou wird sterben“, antwortete er. Old Shatterhand stürzte sich mit erhobenen Fäusten auf die fünf Indianer, die aus der Felsspalte gekommen waren. „Ko-itse, fahr nieder!“, rief Old Shatterhand und schlug dem Häuptling seine Faust an die Schläfe. Im Schein einer Fackel holten
mehrere Indianer mit ihren Tomahawks zum Schlag aus, riefen „Ká-ut-skamasti! Schmetterhand!“ und ließen erschrocken das Beil sinken. „Ja, hier ist Old Shatterhand. Fahre dahin!“

Danach wandte er sich Winnetou zu und kniete neben ihm nieder. „Wo ist mein Bruder getroffen?“ „Ntáge tche – hier in der Brust“, antwortete er leise. Old Shatterhand nahm sein Messer und zerschnitt die sich mehr und mehr vom Blut rötende Santillodecke. Die Kugel war in die Lunge gedrungen. „Mein Freund lege mich in seinen Schoß, damit ich den Kampf erkenne!“, bat Winnetou. Walker, der auch blutete, kam dazu und sagte: „Sie sind alle ausgelöscht!“ „Dieser wird auch auslöschen“, antwortete Old Shatterhand, „sie alle sind nichts gegen diesen einen!“ „Hat mein Bruder noch einen Wunsch?“, fragte Old Shatterhand. „Mein Bruder Schar-lih führe diese Männer in die Gros-Ventre-Berge. Am Metsur-Flüsschenliegen die Nuggets, die sie suchen. Sie haben es verdient!“ – „Was noch, Winnetou?“ – „Mein Bruder vergesse den Apachen nicht. Er bete für ihn zum großen, guten Manitou! Können diese Männer mit ihrenwunden Gliedern klettern?“ – „Ja!“ – „Winnetou bittet sie, ihm dortoben vom Berge das Lied von der Königin des Himmels zu singen!“

Nach der zweiten Strophe zog Winnetou die Hände von Old Shatterhand an seine blutige Brust und flüsterte: „Schar-lih, nicht wahr, nun kommen die Worte vom Sterben?“ Old Shatterhand nickte weinend. Die dritte Strophe begann: „Es will das Licht des Lebens scheiden; / Nun bricht des Todes Nacht herein. / Die Seele will die Schwingen breiten; / Es muss, es muss gestorben sein. / Madonna, ach, in deine Hände / Leg ich mein letztes, heißes Flehn: / Erbitte mir ein gläubig Ende / Und dann ein selig Auferstehn! Ave, ave Maria!“ Als der letzte Ton verklungen war, wollte Winnetou sprechen, aber es ging nicht mehr. Old Shatterhand legte sein Ohr ganz nahe an seinen Mund, und Winnetou flüsterte: „Schar-lih, ich glaube an den Heiland. Winnetou ist ein Christ. Leb wohl!“ Ein krampfhaftes Zittern ging durch seinen Körper, ein Blutstrom quoll aus seinem Mund. Der Häuptling der Apachen drückte noch einmal die Hände seines Freundes und streckte seine Glieder. Langsam lösten sich seine Finger aus der Hand Old Shatterhands. Winnetou war tot.

Old Shatterhand wachte die ganze Nacht hindurch, wortlos, mit heißen, trockenen Augen. Winnetou lag in seinem Schoß, so wie er gestorben war. Am frühen Morgen wurde der Leichnam des Apachen in Decken gehüllt und auf ein Pferd gebunden. Nach einem Zweitageritt zu den Gros-Ventre-Bergen erreichten sie den Metsur-Fluss. Seinem Wunsch entsprechend, wurde Winnetous Pferd Ilji erschossen. Mit seinen sämtlichen Waffen und mit seinem vollständigen Kriegsschmuck wurde Winnetou aufrecht sitzend, gestützt von den Erdmassen, auf seinem Pferd begraben. Auf dem hohen Grabhügel wehten nicht die Skalpe erschlagener Feinde. Drei Kreuze wurden darauf errichtet. Schweigend saß Old Shatterhand mehrere Tage lang am Grab seines Freundes und Blutsbruders. Danach zog er fort, zum Nugget-tsil, wo Intschu tschuna und dessen schöne Tochter Nscho-tschi begraben liegen, um nach Winnetous Testament zu suchen. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

Top-News

AnmeldenAnmelden