Worte wie dürre Zweige

Ich sehe mich mit beiden Beinen in zwei Sprachen stehen, wobei ich zugeben muss, dass das slowenische Standbein dann und wann ein wenig wackelt. In Kärnten ist es schwer, die spielerische Balance zwischen den Sprachen zu halten. Geschichte eines Grenzgangs.

Berg-Orte üben auf mich eine geheimnisvolle Wirkung aus. Sie setzen in mir einen Erinnerungsmechanismus in Gang und wecken gleichzeitig meine Fluchtinstinkte. In jedem Bergdorf halte ich automatisch Ausschau nach Straßen und Wegen, die aus dem Ort ins Tal oder anderswohin führen. Bergdörfer machen mich unruhig, weil sie mich an meine Kindheit erinnern und daran, wie sehr ich in meinen Texten nach einer Verortung, nach einem Ausgangsort suchte, um ihn gleich darauf verlassen zu wollen, denn das Weggehen und das Zurückkommen vollzogen auf eine mir nicht immer bewusste Art die Bewegung meines Schreibens nach.
Ich weiß, dass es die von mir heraufbeschworenen Berg-Orte nur noch ganz vereinzelt gibt, dass sich mittlerweile viele Bergdörfer in Durchzugs- und Tourismussiedlungen verwandelt haben, dass sie ihre alten Geschichten und Erinnerungen abgelegt haben. Und doch sind es gerade die Berg-Orte mit ihrer exponierten Topografie, die das Gehen, das Überqueren von Pässen, Klüften und Übergängen, das Wandern in unwegsamem Gelände zwischen den Sprachen und Grenzen repräsentieren, das wiederum meine Existenz als Autorin bestimmt. Die Berg-Orte sind es auch, die mit ihren Verweisen auf die Tradition den Sinn für die Veränderung, für den Wandel, für den Charakter der Erinnerung schärfen.

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