Zu wenig Laternen

20.04.2012 | 18:27 |  Von Gerhard Drekonja-Kornat (Die Presse)

Von den Alchemisten zur Occupy-Bewegung oder: Was Ezra Pound mit Wörgl zu schaffen hatte. Alchemisten wollten einst unedle Metalle in Gold verwandeln.

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Alchemisten wollten einst unedle Metalle in Gold verwandeln. Leider mussten sie aufgeben, weil eine viel mächtigere Zauberei zu wirken begann: auf ein Stück Papier eine Zahl stempeln! Das Papiergeld trat seinen Siegeszug durch die Welt an. Sobald die römischen Zahlen durch die arabischen ersetzt waren, bemächtigten sich die Banker des Geldgewerbes, das gemäß dem Matthäus unmissverständlich predigt: „Denn war hat, dem wird gegeben, und er wird Überfluss haben.“ So versöhnte sich das Christentum mit dem in der italienischen Renaissance entstehenden Kapitalismus, der heute die globale Welt überzieht.

Aber so wie ein Spartakus regelmäßig gegen die Sklaverei antrat, meldeten sich auch immer wieder Dissidenten gegen das in den Banken verankerte Finanzkapital. Franz von Assisi war ein Vorreiter. Die Occupy-Wall-Street-Bewegung, mit ihren myzelischen Verästelungen allerorts, stellt aktuell die Speerspitze gegen das Establishment. Denn dort sitzen „Plutokraten“, denen alles Übel angelastet werden kann.

Dieser denunziatorische Kampfbegriff entspringt nicht etwa dem Marxschen Gedankengut, sondern brütet bei diffusen populistischen Bewegungen. Früher immer auch schroff antisemitisch, heute duldsamer. Sogar Nobelpreisträger Paul Krugman verwendete ihn in einer seiner periodischen Kolumnen („Panic of the Plutocrats“, „International Herald Tribune“, 11. Oktober 2011). Greg Smith, Vorstandsmitglied des Giganten „Goldman Sachs“, hieb mit seiner öffentlich vorgetragenen Kündigung im März 2012 in dieselbe Kerbe.

 

Wirre Geldtheorie

Müssen die „Plutokraten“ Angst haben? Die Französische Revolution hat Aristokraten geköpft und Priester an Laternen geknüpft. Dass wir mit Börsianern nicht so verfahren können, ist evident, allein schon deshalb, weil wir nicht genug Straßenlaternen haben. Auch brauchen wir anstatt der Guillotine scharfes Denken für Alternativen. Geldanarchie hilft nicht.

Der falsche Kronzeuge dafür heißt Ezra Pound, der vulkanisch kreativeDichterfürst, der mit wüsten antisemitischen Ausfällen („The yidd is a stimulant, and the goyim are cattle“) und einer wirren Geldtheorie die Welt aus den Angeln zu heben versuchte. Dafür ging er eine Allianz mit dem italienischen Faschismus ein, lästerte während des Zweiten Weltkriegs im italienischen Radio gegen Präsident Roosevelt und die „amerikanische Plutokratie“, wofür er 1945 in Oberitalien von der siegreichen US-Armee in einen Käfig gesperrt wurde.

Ezra Pound war jedoch kein Irrer. Nur verrannte er sich bei Theoretikern, die Geld aus etablierten Banken und deren Vorständen („usocracy“) befreien wollten. Orientierung fand er bei den in den 1920ern nicht seltenen Verfechtern eines alternativen, von privaten Bürgern ausgegebenen „Schwundgeldes“. Wörgl in Tirol ließ sich davon in der Krise der 1930er leiten. Worüber Ezra Pound frohlockend berichtete, die Banker verspottend, weil darob „der Geldklüngel Europas aus dem Häuschen geriet“.

In der heutigen Unsicherheit wird ohne viel Aufsehen an einigen Orten damit experimentiert, zum Beispiel in Heidenreichstein mit dem „Waldviertler“. Brasilien, von dieser Idee besonders angetan, schuf sogar ein Ministerium für Solidarökonomie, dem der aus Österreich gebürtige Paul Singer vorsteht. Ja, bitte mehr davon! ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2012)

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