Solange Fritz lebte

20.04.2012 | 18:28 |  Von Erich Hackl (Die Presse)

Er war als zentrale Gestalt des antifaschistischen Exils gefragt, aber geschätzt und geliebt wurde er um seiner selbst willen. Fritz Kalmar, 1911 bis 2008: Erinnerungen aus Anlass einer filmischen Freundschaftsgabe.

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Von seiner Existenz in Uruguay wusste ich lange, bevor ich Fritz Kalmar persönlich kennenlernte. Freunde und Bekannte schilderten ihn mir als einen Menschen, der so gar nicht dem Bild entspricht, das man sich von einem österreichischen Konsul in Südamerika macht: wegen seiner Verlässlichkeit, wegen seiner Hilfsbereitschaft, wegen seines gütigen Wesens. Und natürlich wegen seiner Fluchtgeschichte, die es paradox erschienen ließ, dass einer, den die Nazis aus Wien vertrieben hatten, in seiner Liebe zu Österreich nie zu erschüttern war. Sein tätiger Humanismus führte ihn dazu, sich für linke Oppositionelle einzusetzen, die während der Zeit der Militärdiktatur, von 1973 bis 1985, in Uruguay verfolgt, verhaftet und gefoltert wurden. Politisch stand er ihnen fern, aber das hinderte ihn nicht daran, sich um sie und ihre Angehörigen zu kümmern. Er fiel den Behörden lästig, indem er sich auf Bitten von Amnesty International nach ihrem Schicksal erkundigte, er suchte sie im Gefängnis auf und sorgte dafür, dass sie nach ihrer Entlassung Arbeit fanden.

Leibhaftig ist er mir zum ersten Mal in Wien begegnet, bei einer Lesung der Lyrikerin Idea Vilariño, von der ich einen Auswahlband auf Deutsch veröffentlicht hatte. Das war im Herbst 1994, als Fritz wie fast jedes Jahr seinen jüngeren Bruder Heinz und seine Schwägerin Mia besuchte. Das nächste Mal trafen wir uns im uruguayischen Winter 1996. Die Sympathie, die wir füreinander empfanden, mündete in eine Freundschaft, die sich nicht zuletzt seinem Vermögen verdankte, über die gemeinsamen Leidenschaften hinaus Anteil zu nehmen an den Freuden und Sorgen des andern.

In zweierlei Hinsicht verhielten wir uns gleichsam komplementär: Sein Wohnsitz war Montevideo, aber er sehnte sich nach Wien zurück, während ich, an der Donau zu Hause, wenigstens zeitweise den Río de la Plata bevorzugt hätte; und er hatte, was mich zeit meines Erwachsenenlebens beschäftigte, selbst erlebt und erlitten: denAufschwung und Niedergang der Ersten Republik, die austrofaschistische Diktatur, die Annexion Österreichs, die Verfolgung durch das Naziregime, Flucht und Verbannung in Bolivien, wo er die Federación de Austriacos Libres,die Vereinigung der Freien Österreicher, mitbegründet, dann geleitet hatte.

Internet und E-Mail erwiesen sich für uns als wahrer Segen, sie vereinfachten den Gedankenaustausch in den Monaten zwischen seinen Reisen nach Wien und meinen nach Montevideo; ich flog für gewöhnlich aus dem österreichischen Winter in den dortigen Sommer, Fritz kam im Frühsommer und blieb so lange, bis ihm die ersten rauen Herbsttage den Aufenthalt in Wien verleideten.

Das Klima nannte er auch als Grund dafür, dass er nach dem Tod seiner Frau, Erna Terrel – der Witwe des Autors und Regisseurs Georg Terramare –, nicht nach Österreich zurückgekehrt war; einen hiesigen Winter, so meinte er, würde er wahrscheinlich nicht überleben. Außerdem hatte er in Uruguay mit Ana Pelufo, ihrem Mann, ihren Kindern eine Wahlfamilie gefunden, die ihn vor der Vereinsamung bewahrte.

In Montevideo hatten wir mehr Zeit füreinander. In Wien dagegen gab es eine Vielzahl von Freunden und Bekannten, die er treffen wollte und musste, ganz abgesehen von den Theateraufführungen, die ihn brennend interessierten. Das Café Landtmann war sein ambulantes Empfangszimmer, günstig gelegen, nahe der Straßenbahnlinie 44, die es mit der Wohnung seines Bruders und seiner Schwägerin verband. Er ging am Stock, er klagte über arge Rückenschmerzen, aber er genoss die Wochen in Österreich in vollen Zügen.

Nur einmal, im Jahr 1998 oder 1999, zog er sich gleich nach seiner Ankunft ins Helenental zurück. Um mit sich selbst ins Klare zu kommen, wie er mir zuvor mitgeteilt hatte. Nachher bedauerte er es, dass ich ihn nicht aus seinen trüben Gedanken geholt hatte. Er habe die Tage damit zugebracht, mit sich selbst und seinem Schicksal zu hadern, das ihn die längste Zeit dazu verurteilt hatte, ungeliebte Berufe auszuüben.

Es begann mit der falschen Studienwahl: Nach der Matura 1930 hätte er liebend gern Philosophie studiert, aber der Familienrat legte ihm nahe, ein Fach zu wählen, mit dem er, als ältester von drei Brüdern, seine Mutter (der Vater war früh verstorben) finanziell unterstützen konnte.

Als Doktor der Jurisprudenz fand er fünf Jahre später zwar eine Anstellung bei einem Rechtsanwalt, aber eine Laufbahn als Richter – die ihm gefallen hätte und für die er Talent zeigte – war einem Juden schon im christlichen Ständestaat verwehrt. Und im Exil nützte ihm die Ausbildung erst recht nichts; mit einem abgeschlossenem Philosophiestudium hätte er eher etwas anfangen können.

Dann die der Verfolgung, der Flucht, dem Neuanfang in der Fremde geschuldeten Tätigkeiten: als Schmierer auf einem Frachtschiff, als Zimmermaler, als Lampenschirmerzeuger (in der Kleinstmanufaktur seines Bruders Ernst), als Geschäftsführer eines Schmuckladens, das dem Ehepaar Terramare gehörte. Als absoluten Tiefpunkt seiner Karriere betrachtete er die Zumutung, Annoncen für eine bolivianische Tageszeitung zu akquirieren – Fritz litt lange Jahre unter einer ausgeprägten Schüchternheit, Folge eines traumatischen Kindheitserlebnisses, die er freilich verlor, sobald er auf der Bühne stand.

Zwei Berufe warenihm besonders verleidet:der Journalismus undder Textilhandel. Letzterer, seit ihn der Schulweg zweimal täglichüber den Rudolfsplatzgeführt hatte, das damalige Zentrum des Wiener Textilviertels, wo er die Angestellten mit Tuchbahnen und Stoffballen hantieren sah. Den Journalismus wiederum verachtete er als glühender Anhänger von Karl Kraus. Aber in Uruguay, wo er sich 1953 gemeinsam mit Erna Terrel niederließ (auch seine Brüder mit ihren jeweiligen Familien wurden hier heimisch, allerdings nur für zwei Jahrzehnte), sah er sich gezwungen, als Mitarbeiter eines Textilunternehmens, dann als freier Journalist, unter anderem für „Die Presse“, seinen Unterhalt zu verdienen. So sehr Fritz das Amt des Honorarkonsuls der Republik Österreich, das er fast 40 Jahre lang bekleidete, auch zusagte – es erschien ihm im Rückblick doch nur als Surrogat einer Diplomatenkarriere, die ihm aufgrund der Zeitumstände versagt geblieben war.

Auch seinen künstlerischen Neigungen hätte er gern nachgegeben. Aber die Hoffnung auf ein Engagement als Schauspieler – als professioneller; auf und hinter der Bühne war er sowohl in La Paz als auch in Montevideo tätig – zerschlug sich, als Terramare nach Kriegsende nicht, wie erhofft, mit der Leitung des Burgtheaters betraut wurde. Und die Anerkennung als Schriftsteller kam spät, 1997, mit dem Erzählband „Das Herz europaschwer“. Da war Fritz immerhin 85 Jahre alt. Mit dem Roman „Das Wunder von Büttelsburg“ (1999), der ihm besonders viel bedeutete, konnte er nicht an den Erfolg seiner berührenden Heimwehgeschichten anschließen. Das kränkte ihn, auch wenn er es sich selten anmerken ließ.

Seinen späten Selbstzweifeln zum Trotz behaupte ich, dass Fritz im hohen Alter vergolten wurde, was er zeitlebens anderen Gutes getan hat. Ihm flogen viele neue Freundschaften zu – in Wien vor allem, aber auch in Paris und La Paz (wo Anne Saint Sauveur-Henn und Claudia Heckl sein künstlerisches Schaffen würdigten). Er war als zentrale Gestalt des antifaschistischen Exils gefragt, aber geschätzt und geliebt wurde er um seiner selbst willen. Sein Ansehen als Schriftsteller ist nicht zuletzt das Verdienst Ursula Seebers, die die Heimwehgeschichten im Picus Verlag veröffentlicht hatte. 2004 übergab er ihr seinen Vorlass für die Österreichische Exilbibliothek, der, mehrfach ergänzt, eine der bedeutendsten Sammlungen des österreichischen Exils darstellt. Seebers Initiative ist es auch zu verdanken, dass „Der Heimwehträger“ nun in einer DVD-Edition erscheint.

Die Geschichte dieser filmischenFreundschaftsgabe ist rasch erzählt: Beeindruckt von seinem scharfen Gedächtnis und von der schönen Sprache, in der er aus seinem Leben erzählte, wollte ich Fritz dazu bringen, seine Erinnerungen niederzuschreiben. Er sträubte sich, weil er seine Lebenszeit, die ihm knapp zu werden drohte, für andere Vorhaben nutzen wollte. Als Alternative entschieden wir uns für ein langes lebensgeschichtliches Interview, das ich im Jahr 2000 mit dem uruguayischen Filmstudenten Ariel Wolf in Fritz' Wohnung im Stadtteil Pocitos aufnahm und in den beiden darauf folgenden Jahren mit meiner Tochter Libertad in Wien fortsetzte. Dabei wollte ich es belassen; vielleicht, so meine Überlegung, könnten Teile des vielstündigen Materials zusammen mit Fotos aus den reichhaltigen Familienbeständen und mit Außenaufnahmen von den verschiedenen Lebensstationen einmal für einen Begleitfilm zu einer Ausstellung verwendet werden.

Solange Fritz lebte und sich für Fragen von Historikern und Germanistinnen zur Verfügung stellte, sah ich auch keine Eile, mit den Filmkassetten etwas anzufangen. Ich war, ehrlich gesagt, davon überzeugt, dass er seinen 100. Geburtstag erleben würde. Außerdem hatte Claudia Heckl, unabhängig von mir, mit ihm einen halbstündigen Film über das österreichische Exil in Bolivien gedreht („Einmal gab es ein Land“, 2003), und es gab die CD, auf der er Erzählungen aus dem Band „Das Herz europaschwer“ liest, sodass weder seine zarte Gestalt noch seine melodische Stimme in Vergessenheit geraten würde.

Erst nach seinem Tod im Juni 2008 nahm ich mir vor, das Projekt fortzuführen. Zu diesem Zweck filmten Libertad und ich acht Menschen, die ihm die längste Zeit oder in bestimmten Lebensphasen innig verbunden gewesen waren. Seine Schwägerin Mia, seinen Neffen Roberto, Ana Pelufo natürlich. Dann Hanny Hieger, die ebenfalls aus Wien geflüchtet und über England nach Montevideo gelangt war, wo ihre langjährige Freundschaft mit der Familie Kalmar begann. Die Schauspielerin Helma Gautier, die Fritz Jahrzehnte später über Hannys Vermittlung kennenlernte. Claudia Heckl, deren Interesse an ihm – und an Terramare – von Ursula Seeber geweckt wurde. Marta Barreto, die als politisch Verfolgte den umgekehrten Weg – von Südamerika nach Österreich – gegangen war und nie vergessen hat, was Fritz für ihre uruguayischen Landsleute geleistet hatte. Alexander Deutsch schließlich ist einer der letzten noch lebenden Ex-Bolivianos in Österreich. Er war in La Paz Mitglied der Jugendgruppe gewesen, die gegen den gemäßigten, um Ausgleich bemühten Kurs der Vereinigung um Fritz Kalmar opponiert hatte.

Was sie alles über Fritz, über sich, über ihre jeweilige Freundschaft und, im Fall Deutsch, über ihre Kontroversen zu erzählen wussten, und vor allem, wie sie davon erzählten, mit Vehemenz, Wehmut, Ironie und Humor – das hat uns ebenso erfreut wie die Wiederbegegnung mit dem abwesend anwesenden Protagonisten. So wird Libertad und mir der Sommer 2011, in dem wir den Film schnitten und fertigstellten, unvergessen bleiben: weil wir Tag für Tag mit Fritz Kalmar, seinen Angehörigen, Freundinnen und Gefährten zubrachten und uns an ihnen und an ihm nicht sattsehen und nicht satthören konnten. Wir möchten, dass es den Betrachtern nicht anders ergeht. ■

FRITZ KALMAR: Filmporträt

„Der Heimwehträger“ ist der Titel des Filmporträts, in dem Erich und Libertad Hackl den Erinnerungen Fritz Kalmars folgen. Zu sehen am 25. April um 18 Uhr
beim Filmfestival „Crossing Europe“ im Linzer Ursulinensaal, OK Platz 1, und tags darauf um 20 Uhr im Bildungszentrum der KPÖ Graz, Lagerstraße 98a.

Die DVD-Edition ist ab Anfang Mai
bei der Österreichischen Exilbibliothek im Literaturhaus Wien, Seidengasse 13, erhältlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2012)

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