Das wirre Weltbild eines Massenmörders

Breivik sieht sich im Kampf für das norwegische »Urvolk«, al-Qaida diente ihm als Vorbild.

In Norwegen und Europa gibt es seit der Zwischenkriegszeit keine reelle Demokratie. Stattdessen herrscht eine liberalistische, kulturmarxistische Diktatur, die die Meinungsfreiheit abschaffte, die Bevölkerung indoktriniert und in ihrem Faible für den Multikulturalismus die Schleusen für islamische Masseneinwanderung öffnete, die im Lauf von zehn Jahren zu einer muslimischen Bevölkerungsmehrheit führen wird.

Das ist das Fundament des Weltbilds des norwegischen Massenmörders Anders Breivik, der sich ermächtigt sieht, dieser Entwicklung mit der Waffe entgegenzutreten. Seine Taten mögen barbarisch wirken, aber „die Verbrechen gegen mich und mein Land sind millionenfach barbarischer“, sagte Breivik vor Gericht.

Breivik vergleicht den Kampf des norwegischen „Urvolks“, das seit 12.000 Jahren das Land bevölkert habe, mit jenem der Indianer gegen die weißen Eroberer. Er übersieht dabei geflissentlich, dass es dieses Urvolk nicht gibt und auch die Norweger, wie alle anderen Europäer, Produkt zahlreicher Einwanderungsströme sind. Hauptschuld an der Entwicklung in Richtung einer multikulturellen Gesellschaft seien die Sozialdemokraten und die Medien, behauptet Breivik. Marxisten hätten nach dem Krieg Medien und Schulen unterwandert, Liberalisten die Wirtschaft erobert. Für „Nationalkonservative“ wie ihn habe es keinen Platz gegeben. Breivik war bis 2004 Mitglied der rechten Fortschrittspartei, weil er gemeint habe, die Gesellschaft demokratisch verändern zu können, habe dann aber den Glauben daran verloren.

Er habe versucht, mit seinem „Kompendium“ – dem 1800-seitigen Pamphlet mit dem Titel „Eine europäische Unabhängigkeitserklärung“ – eine Brücke zwischen Nationalsozialisten, Nationalkonservativen und gläubigen Christen zu bauen. Diese Gruppen repräsentierten in Europa die „militanten Nationalisten“, denen in den Medien das Wort entzogen sei.

Jörg Haiders „ausgegrenzte Gruppe“.Er bezeichnet Japan und Südkorea als Vorbilder für monokulturelle Gesellschaften, in denen Ehrbegriff und der Stolz auf die eigene Herkunft noch etwas bedeuteten, im Gegensatz zur „kulturellen Selbstverachtung“, die in Norwegen herrsche. Sein Ideal einer hierarchischen, patriarchalischen Gesellschaft trägt klar faschistische Züge, er verabscheut Feminismus und die „sexuelle Revolution“ und zeigt offene Faszination für die islamische Terrorbewegung al-Qaida, die er als „erfolgreichste revolutionäre Gruppe“ preist. Seine Erklärungen strotzen von faktischen Fehlern, so nennt er Jörg Haiders Partei ÖVP, die er als er Beispiele für „ausgegrenzte“ Gruppen erwähnt.

Sein wirres Geschichtsbild sieht ihn und seinesgleichen in einer „Kreuzfahrer“-Tradition. Seine Behauptungen, dass er im Auftrag der „Knight Templar“, eines 2002 gegründeten Tempelritterordens, agiere, relativierte er vor Gericht: Dies sei eine „pompöse“ Darstellung gewesen. Er hält jedoch daran fest, dass es außer ihm andere Einzelzellen gebe, die die gleichen Ziele verfolgten und zu den gleichen Methoden fähig seien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2012)

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