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Die Fenster im Leib des Wales

27.04.2012 | 19:12 |  Von Peter Rosei (Die Presse)

Diese ungeheure Vitalität der Stadt. Neue Viertel sind entstanden. Die Oude Zijd: eine einzige Vergnügungsmeile, ein Rotlichtkabuff neben dem anderen, dazwischen Coffeeshops. Wiedersehen mit Amsterdam.

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Was mich jetzt, bei meiner Wiederkehr, am meisten beeindruckt hat, ist die ungeheure Vitalität der Stadt, der niederländischen Städte überhaupt. Ganze neue Stadtviertel sind entstanden, zum IJ, dem ursprünglichen Meeresarm, hinaus, in den ehemaligen Dockanlagen, Richtung Nordosten nach Sloterdijk und Haarlem zu, überhaupt in jeder erdenklichen Windrichtung: Wohnanlagen, Bibliotheken, Konzerthallen, Museen, Industriebauten, Verwaltungszentren.

Ich sitze im Wohnzimmer, schaue durchdie großen Fenster zu den gegenüberliegenden Häusern hin, allesamt aus dem 17. Jahrhundert, Ziegelbauten, Fenster und Giebel mit weißem, schön bearbeitetem Haustein gerahmt, hoch aufragend. Von meinem Platz aus geht der Blick durch ein anderes Fenster in den Hinterhof, zu grün übersponnenen Mauern und anderen Giebeln: Darüber kann ich auch ein Stück Himmel sehen.

Wie ich seinerzeit, vor fast 30 Jahren, in Amsterdam ankam, erst nahe der Westerkerk, dann in der Leidsestraat und schließlich am Oudezijds Voorburgwal lebte. Das Zimmer in der Leidsestraat mit dem eleganten, offenen Kamin, der schrecklichen Unordnung meines Hausherrn, eines Malers, den ich nie malen sah. Ihm verdanke ich die Weisheit, eines Tages im Morgengrauen bei einem zufälligen Zusammentreffen in der gemeinsamen Küche geäußert: „It takes a lot of money to make the nightlife.“

Wie ich es mir nach getaner Arbeit im Oude Wetering oder bei Piper, Ecke Leidsegracht/Prinsengracht, gut sein ließ.

Wie einer meiner Wirte auf typisch holländische Art zu mir sagte: „Warum machst du's so teuer?“ Und damit meinte, ich hätte ohnehin schon mein Quantum.

Die Kraakers überall in der Stadt, die, war die Eingangstür des zu besetzenden Hauses vom Besitzer zugemauert, einfach einen Steg zu den Fenstern des ersten Stockwerks bauten.

Der Witte-Fiets-Plan. Die Sprayer.

Der damals noch bis an die Amstel reichende Markt am Waterloo Plein, wo man alles, überhaupt alles bekommen konnte. Heute steht dort die Stopera, diese fragwürdige Kombination von Oper und Rathaus.

Die Athenäum-Buchhandlung am Spuy, gestern wie heute eine Quelle der Inspiration, viele der Titel in Originalsprache, Entlegenes, Hochaktuelles, Brandneues neben dem überkommenen, ganz selbstverständlich gepflegten Kanon.

Wie ich im alten Filmmuseum „Ivan Groznyj“ von Eisenstein sah, die Fragmente des zweiten Teils, den Stalin unterschlagen ließ: Die Kader springen von Schwarz-Weiß plötzlich zu Rot-Weiß, und wie mich das packte.

Wie Wilfred, ein Kollege und Übersetzer, neulich wieder auf dem Rad vorbeikam und sich über meinen ohnehin schlecht bestückten Kühlschrank hermachte: Er hatte sein ganzes Geld bei den Huren vertan.

Seltsam, kommt mir heute vor, dieses Leben empfand ich einmal als das gewöhnliche, das selbstverständliche – und das war es auch.

„Die Schornsteine sind rechteckig, haben einen in halber Höhe umlaufenden Sims; oben springt gleicherweise ein Fries vor. Ein paar der Schornsteine sehe ich in ihrer Länge, andere in ihrer Breite. Sie ragen aus dem Ziegeldach hervor. Tauben an den Dachrinnen. Wolken. Dort oben, bei den Vögeln und Wolken, sind die Schornsteine. Eigentlich wollte ich über die Schornsteine der Ewigkeit schreiben, aber wer hätte mich da verstanden?“

Die Warmoesstraat war einmal eine stille, verträumte Straße, gesäumt von Geschäften und Magazinen, darunter der alteingesessene Kaffee- und Kolonialwarenladen Geels, wo ich immer meinen Kaffee kaufte. Jetzt ist die Oude Zijd eine einzige Vergnügungsmeile, Gassen und Ufer Tag und Nacht voller Leute, Touristen, Gaffer und Kunden, ein Rotlichtkabuff neben dem anderen, dazwischen Coffeeshops. Viele hier sind eingeraucht oder benässt, hervorstechend britische Biertrinkerrunden, Gammlerartiges, aber auch gepflegte, ältere Herren, die in Breitspur und wie aufgezogen durch die Menge kreuzen. Da und dort sitzt einer noch, Mantelkragen hochgestellt, den kalten Joint im Mund, zusammengesackt auf einer Bank. –„Und doch war es mir einmal, als schwinge ein Fluss sich draußen vorbei, und seltsam, die Wasser liefen nicht plan, sondern hatten Abhänge und Sohle wie ein freundliches Tal: Da erklang Musik, Lichter geisterten durch die Dunkelheit dieses Tals, und dann erstummte alles: die Wasser, die Musik, die Lichter. Nur mehr ein großes Schwingen verblieb, als glitten Augen aus sanft leuchtendem Stoff über eine leise zitternde, ruhig hinströmende Fläche.“

Bei Besorgungen vermied ich, wenn möglich, immer den Achterburgwal mit seiner Fixer-Galerie, den eng stehenden, oben einander beinah berührenden Häusern, mir kam immer vor, als schwinde hier jede Helligkeit, der Tag wurde fahl.

De Doelen am Kloveniersburgwal und viele andere Lokale den Kloveniersburgwal hinunter.

Das biedere, alte Ehepaar, das furchtlos die ganze Nacht durch den Haschern und Junkies Schokolade und sonstige Näschereien verkaufte.

Rotes Licht macht eine schöne Haut und lässt Augen und Zähne glänzen.

Karl van Vliet, mein Greißler, er steht, stets unrasiert und mürrisch, eine Kippe im Mund, hinter der Budel und schneidet Wurst und Käse auf.

Es war schön zu leben am Oudezijds Voorburgwal, direkt gegenüber der Oude Kerk mit ihrem buckligen, gepflasterten Vorplatz und den Bäumen, die ihre rutenförmigen Kronen in einen bald sandpapierfarbenen, dann wieder blauen Himmel recken.


„Ich ging einmal in einer
mir nicht sonderlich vertrauten Hafenstadt spazieren. Unversehens kam ich in die Vorstadt hinaus, eine verfallene Bierbrauerei, an der ich vorbeiging, erinnere ich noch genau, wo die Häuser hoch, grau und wie zusammengeschwemmt im flachen Grund standen. In einer der Straßen war Markt, und anstelle der Stände lagen Walfischerechts und links des Weges. Die Händler, sie standen im Inneren der Walleiber, hatten Fenster aus der Wandung geschnitten, und immer, wenn jemand zu kaufen wünschte, vergrößertensie mit dem Messer einfach die Fenster: Denn auf dem Markt wurde nichts anderes als Walfleisch feilgehalten. An neuen Ständen waren die Öffnungen winzig, wie Schießscharten, der Kaufwillige musste sein Ohr an die Öffnung legen, um zu hören, was der Händler drinnen sagte. Dann streckte sich eine blutige Hand heraus. An Ständen, die schon länger betrieben wurden, stand der Händler meist nur mehr im luftigen Gerippe des Wals und schnitt die Ware in Brocken von der Hinterseite. Eine gute Stunde schritt ich über den Markt, der sich in gerader Zeile hinzog. Gegen sein Ende zu lagen verwesende Knochen und Flossen, in denen schon Kinder und Hunde spielten.“

Heute wirkt der Albert-Cuyp-Markt entzaubert, mit seinem Angebot völlig austauschbar: Ramsch, allerhand Kleidung, Lederwaren, Haushaltsgeräte, Fisch, Gemüse, Käse, Crepes und natürlich die unverzichtbaren Flämischen Pommes. Dasselbe auf dem Markt an der Norderkerk.

Wenn es gestattet ist, in Analogien zu denken, kommt mir vor, hier etwa muss das Revier anfangen, in denen Leute wie Wilders ihre Stimmen zusammenfangen, was natürlich nicht heißen soll, dass nicht auch in bürgerlichen Gegenden solche Wähler zu finden sind.

Bei allem Erstaunen über den Rechtsruck in der niederländischen Gesellschaft, darf man nicht vergessen, dass Holland von den Nazis zwar gegen jedes Völkerrecht angegriffen und besetzt worden ist, dass die Holländer aber, von erfreulichen Ausnahmen abgesehen, im Großen und Ganzen den Abtransport der Juden in Lager und Todeslager eher gleichgültig hingenommen haben.

Die postkoloniale Situation hat es zudem in sich: Surinamer und Antillianer, vereinfacht gesagt, durften bei der Entlassung ihrer Länder in die Unabhängigkeit optieren, in großer Zahl haben sie die Möglichkeit ergriffen und sind niederländische Staatsbürger geworden. Mit den Molukkern, ehemals Kolonialsoldaten, liegen die Dinge noch vertrackter.

Nebenher fällt auf, dass viele Straßennamen immer noch Bezug zu den einstigen Kolonien haben, es muss da eine Art Nostalgie geben, ein wohl eher unbewusstes, aber doch wirkmächtiges Festhalten an einstiger Größe.

Bijlmer, ein Fall für sich: Die Wohnblocks dort, Hunderte Meter lang und nach geometrischem Muster in die Gegend gestellt, haben mit ihrer von menschlichem Bedürfnis nach Geborgenheit und Identität absehenden Planung das erzeugt, was sie erzeugen mussten. Vom Elend hier einmal abgesehen: Die Landung Extraterrestrischer wird sich wohl einmal so ausnehmen.


Nachts sind die Straßen und Kais des westlichen Grachtengürtels fast leer. Kein Autoverkehr, keine Radfahrer, kaum Fußgänger. Es gibt zwei Sorten von Laternen hier: eine, die in ihrer Form an Diamanten erinnert, aus klarem Glas. Du kannst die Lichtstrahlen als goldene Fäden sich in den leeren, schwarzen Raum zwischen den stumm stehenden Häusern verlieren sehen. Die andere Sorte ist rund, eine Art Kolben, der gelbes Licht verströmt wie eine duftende Blume.

Noch romantischer kommt mir allerdings das neue Filmmuseum am IJ vor. Du siehst es vom Bahnhof, von der Fähre aus, die dich über den Wasserarm bringt. Innen dann begegnen dir die Menschen im vielfältig organisierten Raum bald als leibhaftige Personen, dann wieder als bloße Körper und zuletzt, von hoch oben, als die bunten Figuren von Breughel. Wie ein großes Papierschiffchen schwimmt das Gebäude zu dir her, aus einem Glanz, wie ihn nur weite Wasserflächen erzeugen können, du kannst deinem erwartungsvoll pochenden Herzen vertrauen, ein cool inszeniertes Märchenland erwartet dich, und du fragst dich nur: Unter welchem Titel spiele ich jetzt mit?

Eine Kneipe hat doch noch offen, vorn an der Keizersgracht, alles wie früher, denkst du, der biedere Wirt mit seiner Schürze, die hagere Schwarzhaarige mit ihrem Keith-Richards-Haarschnitt und der Lederweste, der kleine, pummelige Blonde im abgeschmuddelten Tweedsakko, ein versoffener, bärtiger Typ hängt weiter hinten auf einer Bank, aber es ist doch nur Remake, Madame Tussaud oder so was Ähnliches, ein Relikt bestenfalls.

Es beginnt zu regnen, und in der Früh regnet es immer noch.

„Dieser Regentag dauerte nur zehn Minuten, und doch trug er alle Kennzeichen eines richtigen Regentags: Das Wasser trauftevon oben herunter, dick und pritschelnd und wiederum in hellen, einzelnenSchnüren, sodass ich das gegenüberliegende Haus genau sehen konnte: Eine Frau öffnete gerade ihr Fenster, eine kleine Frau vor der Dunkelheit ihres Zimmers. Jetzt regnet es nicht mehr. Kleine Rauchwolken steigen aus dem Asphalt. Über dem Dachsims ein Stück Himmel, ganz barock, mit Wolkengrau und Wolkenbraun und einer Bucht aus Blau.“


In den Jordaan ging ich seinerzeit nur ausnahmsweise, wenn ich die italienischeoder die Anarchisten-Buchhandlung besuchen wollte. Letztere findet sich nun in der Jodenbreestraat, gleich beim Rembrandt-Haus. Passende Platzwahl: Am Ende der Straße erhebt sich prachtvoll die alte portugiesische Synagoge, Mittelpunkt der sephardischen Kolonie, wo am 17. Juni 1656 der Bann gegen Baruch de Spinoza ausgesprochen, er also aus der Gemeinschaft seiner Mitbrüder ausgestoßen wurde.

Beim Anblick seines Porträts, beim Blick in dieses kluge, gefasste und selbstbewusste Gesicht eines iberischen Edelmannes, was denke ich da? Denken ist ein gefährliches Geschäft, immer und überall. Deshalb kommt's auch so selten vor.

Menschliche Sehnsucht nach einem Leben in Freiheit und Würde wird sich immer aufs Neue entzünden. Freilich, es bringt nichts, alte Ideen vom Speicher herunterzuholen, sie, ein anderes Bild zu gebrauchen, einfach aufzuwärmen.


Rauch und Qualm hängen schief
und in Fetzen zur vielköpfigen Menge herunter, die im Rund der Finsternis johlt: Lou Reed singt „What a perfect day“ und danach „Satellite of love“. Noch immer, abends, ergießt sich die Masse lavaartig den Damrak, den Dam und die enge Kalverstraat hinunter, unter Lichtern, sehnsuchtsvoll: Metropole, Wirbel, Straßenbahnen und hereinkreuzende Autos.

Wo ist jener Sommertag hingekommen, als Theo auf der Utrechtsestraat aus dem Plattenladen trat und mir „Radio Äthiopia“ hinhielt, wo jener andere, als ich auf irgendeinem verregneten Bahnsteig einem der Fliegenden Händler eine Schwarzpressung von „Pipes of Pan“ abkaufte?

Die übliche Ausflugsfahrt nach Haarlem, in den Haag, nach Scheveningen, nach Delft: Möven über den anrollenden Wellen, weiß schimmernd und flügelschlagend auf den Kämmen der dreckigenBrecher landend, immer die riesige Kubatur der Oude Kerk Haarlems, ihr eingehendes Glockenspiel, das keinen Stress, keine Schmerzen zu kennen scheint, Uhren, Säulenstummel und mächtige Tympanons, steinerne Früchtegirlanden am Rathaus zu Delft mit den krapplackroten Fensterläden.

De Cost gaet – immer noch – voor de Baet uyt, wie es ein alter Hausspruch besagt, wenngleich, wie man an den zahllosen Rechtsanwaltskanzleien und Maklerbüros im Zentrum leicht sehen kann, die Beute mittlerweile meist übers Spekulieren gemacht wird. Angst ist die hintere Folie, kommt mir vor, auf die man bald stößt, wenn man ein wenig kratzt.

Der Abendstern erscheint über dem Speicher, und mir fällt die Stelle ein, wo Anne uns erzählt, wie sie in jener Sommernacht durch die Dachluke schaut. Das Ringelspiel dreht sich weiter, es ist immer noch die gleiche Stadt, die Laternen springen wieder an, die Cafes, so sie noch nicht voll sind, beginnen sich zu rasch zu füllen.

Eine schwarz-weiße Elster wird über die steilen Zelte der Dächer, an Giebeln und Schornsteinen vorbei durch den reinen Morgen fliegen, die Landschaft mit ihren weiten Ausblicken wird von Himmelswänden umstellt sein, prächtige Blumenstücke sind zu sehen samt Eidechsen, Schmetterlingen und schon welken, heruntergefallenen Blättern, Industrien, Industrien, und zuletzt vielleicht der kleine, unglückliche Maler, der seinen Krempel eine lange, sandige Bahn hinunterschleppt, durch den ewigen Wind, vor sich nichts als den Schatten, den schwarzen Zaubersack, aus dem ihm zwar keine Antwort kommen wird, aber dochder gütige Erlass der Frage, wozu allesgut war. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2012)

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