Kommt Ihnen folgendes Szenario vielleicht bekannt vor? Die Stadt, oder allgemein: der Ort, an dem wir leben, ist uns meist fremder als ein Ort, an den wir auf Urlaub fahren. Die Museen, die bekanntesten Straßen und deren Geschichten sind uns oft sogar noch vor der Ankunft dort sehr geläufig. Die Museen, die bekanntesten Straßen und deren Geschichten bei uns daheim kennen wir aber vielfach nicht. Manchmal begeht man jahrelang Straßen oder passiert Schilder, die einem einen kurzen Einblick in deren jeweilige Geschichte gewähren – allein, man schaut einfach nicht hin. „Nichts ist so unsichtbar wie ein Denkmal“ – oftmals zitiert, trotzdem nichts aus Herrn Robert Musils Aussage gelernt.
Und doch gibt es immer wieder engagierte, man könnte sagen: couragierte, Zeitgenossen und Zeitgenossinnen, die sich diesem allgemeinen Verhalten entgegenstellen und selbst etwas initiieren, etwa themenspezifische Stadtspaziergänge. Allerdings: Diese Spaziergänge sind nicht jene im ersten Bezirk, die von Touristen aus Übersee gestürmt werden.
Ende des vorigen Jahres wurde das Projekt „Echte Wiener?! Ein nicht alltäglicher Wiener Alltag“ von Christa Bauer und Barbara Rosenegger-Bernard vorgestellt. Der Fokus liegt auf der Vermittlung der Geschichte und Gegenwart des Viertels um den Hannovermarkt im 20. Wiener Gemeindebezirk, der Brigittenau. Die ist ein verhältnismäßig junger Bezirk, der erst durch die Abspaltung von der Leopoldstadt um 1900 entstanden ist. Bereits zu dieser Zeit gab es dort sehr viele Zuwanderer, und heute nennen Immigranten aus 70 Nationen die Brigittenau ihre Heimat.
Die Zielpersonen des Projekts sind in erster Linie Kinder und Jugendliche aus Schulen aus ebendiesem Bezirk. Als Anlass nennen die beiden Initiatorinnen insbesondere den „gegenwärtig zu beobachtenden Rechtsruck“, dem mit diesem Projekt, wo möglich, entgegengesteuert werden soll. Zudem sollen die Jugendlichen erkennen, wie wichtig Respekt den Mitmenschen und anderen Kulturen gegenüber sowie gegenseitige Wertschätzung sind.
Der Titel des Projekts ist zugleich als Frage zu verstehen, die mithilfe von Rundgängen und Workshops untersucht wird: Was oder wer sind denn eigentlich „echte Wiener“? In den Workshops beschäftigen sich die Jugendlichen mit sozialen und politischen Themen, etwa mit dem grundsätzlichen Miteinander und Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen. Die jeweiligen Workshops ein paar Tage nach den Rundgängen dienen zur Nachbereitung: Das neu Erfahrene soll sich erst einmal setzen, damit es weitergenutzt werden kann. Die Jugendlichen sollen erkennen, dass jeder Mensch verschiedenen Gruppen angehört und verschiedene Identitäten hat und nicht nur jeweils eine.
„Immer sauber bleiben“
Frau Bauer und Frau Rosenegger-Bernard luden im vergangenen Jahr Experten und Expertinnen aus den verschiedensten Bereichen ein, sich an den Rundgängen und Workshops aktiv zu beteiligen und sich sowie ihr Wissen und ihre Arbeit dabei einzubringen: Architekten, Historiker, Kommunikationsfachleute, Kunsthistoriker, Antirassismusexperten. Es entstanden Interaktionen, da die Experten nicht nur erzählten, sondern die Schüler auch zu Fragen ermunterten. Heuer werden wieder einige Experten dabei sein, um ihr Wissen mit den Jugendlichen zu teilen.
Beim Rundgang „Shopping“ etwa wurden im Herbst Geschäfte besucht, deren Besitzer oftmals Österreicher mit Migrationshintergrund sind. Dabei ergab sich ein Austausch zwischen den Jugendlichen und den Händlern, und viele Geschäftsleute berichteten auch über ihr Leben. Ein Mann aus Pakistan, der in seinem Geschäft Lebensmittel aus Afrika, Kosmetika oder Henna anbietet, erzählte den Jugendlichen beispielsweise, dass er in der Schule immer viel gelernt habe, „aber manchmal habe ich doch einen Fünfer bekommen“. Allerdings besitze er mittlerweile drei Geschäfte: „Fleiß lohnt sich!“ Ein anderer Händler, aus Ägypten stammend, meinte ebenfalls ganz simpel: „Bleibt immer sauber und ehrlich!“
Die Jugendlichen stellten Fragen, spannen Gedanken weiter und besprachen miteinander einiges von dem, was sie neu gehört hatten. Weil die „Shopping“-Rundgänge bereits aufgefallen waren, bereiteten manche Händler nach einigen Rundgängen Geschenke für die Schüler vor; andere Menschen auf dem Markt grüßten die Gruppen schon herzlich. Und ein paar Jugendliche deklarierten vor einem Imbissstand einstimmig: „Da gibt's das beste Kebap!“
Bei den Spaziergängen standen und stehen auch in diesem Jahr immer wieder Gedenktafeln im Mittelpunkt. Dinge, die im Alltag oft unbemerkt bleiben, werden auf diese Art sichtbar und lebendig gemacht und ins Heute geholt. So besuchen die Jugendlichen Orte wie das Haus in der Kluckygasse, an dessen Stelle bis zum Jahr 1938 die größte Synagoge Brigittenaus stand, oder das Brigittenauer Gymnasium in der Karajangasse, wo ein Gestapo-Gefängnis untergebracht war, um einen realen Bezug zu geschichtlichen Ereignissen herzustellen.
Eine der Aufgaben im Workshop „Wir WienerInnen“ im Herbst war das Malen einer Postkarte aus der Heimat mit folgender thematischer Überlegung: Was bedeutet Heimat, und wo ist diese eigentlich? Für viele Jugendliche mit Migrationshintergrund stellte sich eine solche Frage allerdings erst gar nicht: Sie malten gleich einen Ausschnitt aus der Brigittenau – eben dieser, ihrer Heimat. In einem anderen Workshop wurden die Themen Vorurteile und Parolen, auch im Zusammenhang mit Slogans parteipolitischer Plakate, besprochen. Eine den meisten Jugendlichen bekannte Parole – „Ausländer raus“ – wurde von einigen aufgegriffen: „Das bedeutet ja, dass wir raus sollen!“ Auf diesem Gedanken aufbauend, wurde überlegt, wie Parolen funktionieren, wie sie entstehen, und wie sie vor allem zur Bildung von Vorurteilen beitragen.
Im Workshop „Story Factory“ standen Geschichten im Vordergrund. Aus selbst Erlebtem wurden miteinander ganz andere, gemeinsame Geschichten erarbeitet. Am Schluss wurden Videos gedreht, um die Gemeinsamkeiten der Jugendlichen zu veranschaulichen. Mithilfe von selbst moderierten Tanz-, Theater- oder Gesangseinlagen präsentierten die Schüler ihre Ergebnisse.
Seit dem Eröffnungsrundgang am 20. Oktober des Vorjahres – laut Veranstalterinnen „waren der Andrang und das Interesse überwältigend“ – wurden annähernd 40 Rundgänge und Workshops für etwa 700 Kinder und Jugendliche aus den umliegenden Schulen angeboten. Frau Bauer und Frau Rosenegger-Bernard erzählen stolz, dass die angestrebten Ziele der Informationsweitergabe und des Gewahrwerdens des persönlichen und örtlichen Umfelds erreicht wurden, weshalb eine Fortführung des Projekts bald feststand.
Die Termine im vergangenen Jahr waren im Nu ausgebucht, daher werden für heuer aufgrund des großen Interesses zwischen Mai und Juni sowie im Herbst weitere Rundgänge und Workshops angeboten; darunter auch einen Rundgang nur für Erwachsene, der gemeinsam mit dem Aktionsradius Wien durchgeführt wird. Neben der Ausweitung der Zielgruppe ist vor allem die Ausdehnung des Wirkungskreises angestrebt: Das Projekt soll nicht nur örtlich erweitert, sondern auch auf andere Wiener Gemeindebezirke übertragen werden, wobei ebenfalls Viertelrundgänge und Workshops wie bereits durchgeführt angedacht sind.
Ein wichtiger Punkt für die beiden Veranstalterinnen ist in diesem Zusammenhang natürlich die Finanzierung des Projekts. Fördergelder müssen für das heurige Jahr erneut beantragt werden, und erst danach kann genau festgelegt werden, wofür finanzielle Mittel vorhanden sind. Die Teilnahme für die Schüler soll kostenfrei bleiben, damit sich die Schulen weiterhin und möglichst unbürokratisch an dem Projekt beteiligen können. Ob ein so ambitioniertes und wertvolles Vorhaben der Wissens- und Wertevermittlung bestehen bleiben kann, hängt also leider wieder einmal von der Möglichkeit einer Unterstützung ab.
Verborgene Winkel in und um uns
Da Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen können und überlegt werden muss, wie nachhaltig eine Stadtbezirksführung oder Weiterbildung bei und für Jugendliche ist, wollte ich von den beiden Veranstalterinnen wissen, wie lange ihrer Meinung nach diese Wirkung anhält und wie sinnvoll es demnach ist, solche Rundgänge oder Workshops als Bildungsarbeit anzubieten. Unisono erwiderten Frau Bauer und Frau Rosenegger-Bernard: „Wenn man die Nachhaltigkeit von Rundgängen oder Spaziergängen, die Geschichte – eines Ortes, von Migration, der NS-Zeit und so weiter – vermitteln, oder von Workshops, die mit Übungen die Sensibilisierung der Kinder und Jugendlichen zeigen sollen, hinterfragt, könnte man genauso den Geschichtsunterricht, Antirassismusarbeit, Gedenkstättenpädagogik und andere Erziehungs- und Fortbildungsmethoden infrage stellen. Wir denken, dass Wissen in dieser Form auf jeden Fall eine nachhaltige Wirkung hat – bei manchen mehr, bei manchen weniger.“
Ein Ausflug in die Brigittenau ist für uns „echte Wiener?!“ zweifellos eine gute Möglichkeit, verborgene Winkel in und um uns herum zu entdecken. Worauf warten wir also noch? ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2012)















