Lange Schatten auf roter Erde

18.05.2012 | 18:33 |  Von Regina Strassegger (Die Presse)

Das Hochplateau von Wollo liegt bronzefarben da. Ankunft in Lalibela. Nichts deutet in dieser von Wellblech- und Rundhütten übersäten Siedlung im Nordosten Äthiopiens auf das achte Weltwunder hin, nichts auf Spuren des „Neuen Jerusalems“. Eine Visite.

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Die Staubfontäne senkt sich. Der schrottreife Bus verschwindet hinter einem mit wilden Olivenbäumen und Agaven bewachsenen Hügel. Das von 3000 Meter hohen Bergen umsäumte Hochplateau von Wollo liegt bronzefarben da: Ankunft in Lalibela. Weltvergessen und abgeschirmt – ein idealer Zufluchtsort. Nichts deutet in dieser von Wellblech- und Rundhütten übersäten Siedlung im Nordosten Äthiopiens auf das achte Weltwunder hin, nichts auf Spuren des vor etwa 760 Jahren erbauten „Neuen Jerusalems“.

Meine erste Begegnung in der steinernen Monumentallandschaft Lalibelas ist sanft. Eine Kinderhand berührt die meine. Wortlos reckt sich ein Bubenkopf zu mir herauf. Es ist Telake. Der zwölfjährige Galan im gelbroten Laufmaschenpullover und in zerfranster Trainingshose bietet mir für zehn Dollar plus meine E-Mail-Adresse seine Dienste als Fremdenführer an. Charmant pragmatisch sagt er in gutem Englisch: „Ich helfe dir, und du hilfst mir.“ Abgemacht.

Der erste Weg führt zum Kiosk aus Holz, Lehm und Stroh. Dort gibt es das Ticket, Mineralwasser, Coca-Cola und Chips aus Djibouti. Auf den vergilbten Reisebroschüren prangen zwei Bilder. Eines zeigt die in Kreuzform aus rotem Tuffgestein gemeißelte Georgskirche, das zweite die eher grimmige Steinfigur des heiligen Lalibela, des mittelalterlichen äthiopischen Königs und Schöpfers dieser Felsmonumente.

Der Begleittext zitiert ein lokales Manuskript aus dem 19. Jahrhundert. Demnach folgte Lalibela – Jahrzehnte nachdem die Christen Jerusalem an Tataren und an moslemische Herrscher verloren hatten – einer göttlichen Vision: Der christliche König begann im geschützten Hinterland, im Schatten des Berges Abune, mit dem Bau unterirdischer, in Fels gehauener Kirchen und Paläste. Lalibela wollte Jerusalem, den Schrein der drei Weltreligionen, in Äthiopien neu erschaffen. Wusste der König nicht, dass die heilige Stadt als einzige bereits zweimal existierte? Im Himmel und auf Erden. Der Legende nach sollen Engel nachts das Tagwerk des kühnen Königs fortgeführt haben.

Was hält mein pfiffiger Begleiter von der wundersamen Version? Was hört er in der Schule eines Landes, das nur 5,8 Prozent seines Bruttonationalprodukts für Bildung ausgibt, jedoch noch vor gar nicht so langer Zeit doppelt so viel für Waffen? Telake wischt sich zufrieden die Cola- und Chipsreste von den Lippen und antwortet: „Engel wohnen im Himmel. Sie können alles! In der Schule lernen wir die Namen unserer Kirchen: Beta Medhane Alem, Beta Maryam, Beta Amanuel, Beta Georgis, Beta Golgotha und so weiter. Unser Lehrer weiß auch, dass der König als Prinz Roha geboren worden ist. Als ein Bienenschwarm über seine Wiege geflogen ist, hat seine Mutter ausgerufen: ,Lalibela, Lalibela!‘ Das heißt: Die göttlichen Tiere erkennen seine Größe!“

In den Büchern von Afrikanisten ist zur historischen Figur Lalibela auch Realpolitisches zu lesen: Der König aus der Dynastie der Zagwe kämpfte bei seinem äthiopischen Volk, das bereits seit dem vierten Jahrhundert dem Christentum als Staatsreligion gefolgt war, mit Imageproblemen. Seine Vorfahren hatten der heiligen Dynastie der Salomoniden, der Nachfahren König Salomons, die Macht entrissen und hatten zudem das Land heruntergewirtschaftet. König Lalibela erlitt im Konzert der Mächtigen herbe Verluste: Islamische Widersacher jagten dem christlichen Herrscher die äußerst einträglichen Küstengebiete am Horn von Afrika ab. Mit ihnen warendie Reichtümer aus dem Orienthandel – Weihrauch, Gold, Elfenbein und Gewürze – dahin. All das, und vielleicht der göttliche Traum sollen den äthiopischenKönig bewogen haben, sein Reich zu verlagern und mit dem Bau einer neuen, prächtigen christlichen Hauptstadt Gott und den Untertanen zu gefallen. Der Zeitpunkt dieses radikalen Rückzugs fiel in eine historisch entscheidende Epoche: Osman I. festigte im ausgehenden 13. Jahrhundert sein Weltreich.

Während wir die steinigen Pfade entlanggehen, umfasst Telake fester meine Hand. Bleibt abrupt stehen. Vor uns klafft ein zwölf Meter tiefer Abbruch! In ihm eines der verborgenen Heiligtümer: eine aus einem Felsmonolithen gehauene Kirche. Beta Georgis. Fantastisch! Dieses Gebet in Stein wurde wie die anderen zehn architektonischen Kunstwerke in drei Etagen aus einem einzigen Felsquader aus dem sie umgebenden Berg gehauen. Faszinierend ist in diesem von außen unsichtbaren Steinlabyrinth, wie eine Kirche über ein Auf und Ab von Treppen und Gängen in die andere übergeht; wie die Innenräume Virtuosität und Präzision der Baumeister und Steinmetze bezeugen – der Tuffstein wurde langsam vom Ende des Mittelschiffs ausgehöhlt, dabei blieben die das Dach tragenden Säulen und Bögen stehen.

Meisterhaft, wie die Wände mit Reliefs, geometrischen Zeichnungen, Szenen aus der Bibel verziert wurden; wie sich in den Motiven der Fenster Kulturen der Menschheit und ihre religiösen Ideen widerspiegeln – Hakenkreuzmotive aus dem Fernen Osten, Spitzbögen aus der islamischen Welt, griechische Kreuze, romanische Bögen, Malteserkreuze wurden von Hunderten der besten Handwerker aus Alexandria, Byzanz und aus Jerusalem geformt.

Beeindruckend wie der Felsgrund wabenförmig von geheimnisvollen Passagen, Tunneln und Kellergewölben durchzogen ist. Da ist es also: das achte Weltwunder, das „afrikanische Jerusalem“! Dieses Heiligtum, das seit Jahrhunderten altchristliche Pilgerströme anzieht, bezeugt den Überlebensgeist dieses archaischen Glaubens, der eine Sonderform des koptischen Christentums ist. Die halbdunklen Wände, der nackte Stein, die Abbilder gemeißelter Anbetung, der Geruch von Weihrauch und Myrrhe nähren den religiösen Mythos. Auch den vom Fall und von der Erlösung der göttlichen Seele.

Dieses steinerne Labyrinth erinnert an die frühen existenziellen Wirrnisse derMenschen, an ihre polarisierenden Denkkategorien. In diesem mittelalterlichen Weltbild, in dem es kein Leben außerhalb der Kirche gab, herrschten widerstrebende Mächte: Licht und Finsternis, Gut und Böse, Gott und Materie. Ein Sonnenstrahl lässt die Silhouette einer auf einen Gebetsstab gestützten Gestalt erkennen. Der Faltenwurf seines weißen Umhangs erinnert an biblische Landschaften. Der alte Mann betet inständig. Klagt er – wie einst ein Nachfahre Lalibelas an den Patriarchen von Alexandria: „Über unserem Land liegt auch am Tage die Finsternis. Menschen, Tiere und Pflanzen sterben unter der glühenden Sonne. Gott hat den Himmel angewiesen, keinen Regen zu schicken.“

Telakes lässige Bubenhaftigkeit ist längst einer kindlichen Andacht gewichen. Er bekreuzigt sich, küsst das im Gees-Alphabet geschriebene Kidan, das Neue Testament, steckt mir ein winziges Lalibela-Kreuz aus Stein zu und flüstert: „Kannst du unseren Gott spüren?“ Unbekümmert und unschuldig stellt er sie, die Gottesfrage. Mit all meinem Zweifel nicke ich ihm zu.

Er, der Zwölfjährige, klagt nicht an. Sein Vater ist vor Jahren in die Hauptstadt Addis Abeba gegangen – und nicht zurückgekehrt. Seine Mutter ist krank und kann das Feld nicht mehr bestellen. Telake versorgt sie und die zwei jüngeren Geschwister. Ab und zu fällt etwas aus den Haushalten von Tanten und Vettern ab. Glücklicherweise ist Telake ein kluger, aufgeweckter Kerl, der über ein erstaunliches Wissen für seine Ausflüge mit den Touristen verfügt. Seine leisen Worte ertönen in der Stille wie ein Psalm: „Zu den geheimen Plätzen tief unten bei Gott und den Heiligen dürfen nur die hohen Priester. Dort ist unser höchstes Heiligtum. Es sind nach unserem Glauben die Gräber von Vater Abraham, unserem Herrn Jesus Christus und von den vier Evangelisten.“ In diesem Gotteshaus ruhen an anderer Stelle auch König Lalibela und, wie Telake mit verkniffener Miene hinzufügt, „Adam, der Mann den die Schlange mit einem Apfel besiegte“. – Die Erkundungen auf den unterirdischen Pilgerpfaden haben die Zeit vergessen lassen. Als wir an die Oberfläche zurückkehren, ist es Nachmittag. Die umliegenden Berge und Schluchten stehen in leuchtendem Orange, korrespondieren mit den über den Hügeln und Hütten liegenden braungelben Farben.

Zwischen Kakteen, Wacholderbüschen und Feigenbäumen steht die Hütte von Salomon Ghebreiesus. Der zierliche, alte Mann in weißen Gewändern und mit dicker Brille, großväterlicher Freund Telakes, faltet zum Gruß seine verkrümmten Hände. Bittet mich, auf einer blank gefegten Grasmatte in der engen Rundhütte Platz zu nehmen, während Telake an der offenen Feuerstelle zu hantieren beginnt. Der 76-Jährige kam vor Jahren – als Zehntausende in einem wieder aufgeflammten Grenzkrieg zwischen Äthiopien und Eritrea auf den Schlachtfeldern starben – als Bußpilger nach Lalibela. Legte damals ein Gelübde ab.

Auf meine Frage, ob er, Salomon Ghebreiesus, ein Nachfahre des berühmten Geschlechts der Salomoniden sei, entgegnet der alte Mann, der außer Amhari auch Arabisch, Italienisch und Englisch spricht: „Für eine europäische Frau mag es seltsam klingen, wenn ein alter Äthiopier im 21. Jahrhundert behauptet, sein Volk stamme von der Königin von Saba aus Axum und von König Salomon aus Jerusalem ab. Aber diese Geschichte ist in den heiligen Büchern, im Talmud, im Neuen Testament und im Koran, nachzulesen.“

Aus dieser bittersüßen Verbindung zwischen der märchenhaft reichen äthiopischen Königin und dem jüdischen Heros soll um 920 vor Christus mit Menelik I. der Stammvater der Salomoniden entsprungen sein. Mehr noch: Dieser Nachkomme soll bei seiner Rückkehr in die nordäthiopische Königsstadt Axum aus der heiligen Stadt die Bundeslade entführt haben, das höchste Heiligtum der Juden. Die von Moses am Berg Tabor von Gott erhaltenen Gesetzestafeln sind bis heute unauffindbar. Bereits damals – 2000 Jahre vor der Gründung Lalibelas – soll Axum als zweites Zion bezeichnet worden sein.

Telake stellt getrocknete Feigen, warme Ziegenmilch und ungezuckerten Hirsebrei in die Mitte der Grasmatte. Der Gastgeber sagt: „Solange Gott diese Gaben gibt, sind wir gesegnet. Diese Nahrung hat mich in Zeiten größter Not am Leben erhalten.“ Nach und nach wird klar, wem ich gegenübersitze. Salomon Ghebreiesus war Übersetzer im Rang eines kaiserlichen Offiziers und Revolutionär, Lehrer und Mönch. Er stand im Dienste von Kaiser Haile Selassie und wechselte die Seite. Schloss sich Mitte der 1970er-Jahre unter Todesgefahr den konspirativen jungen Offizieren an, die nicht länger ansehen wollten, wie im Palast Korruption, Intrigen, Vetternwirtschaft, Raffgier und Verschwendung grassierten,während das Volk von einer der schwersten Hungerkatastrophen des 20.Jahrhundertsheimgesucht wurde. „Ich habe gesehen, wie Hofdiener den Lieblingslöwen des Kaisers ganze Antilopen zum Fraß vorgeworfen haben, während unter den Fenstern des Palastes die Gräber der Verhungerten übergequollen sind. Wie unser Regent in Galauniform den vielen Günstlingen im Thronsaal per Dekret Privilegien zuerkannt hat. Ein anderes Mal ist Haile Selassie in der Felduniform erschienen und hat plötzlich von notwendigen Reformen gesprochen.“

Wie nach ihm gestürzte Despoten versuchte auch der äthiopische Herrscher im Jänner 1974 mit Kabinettsumbildungen und einer Antikorruptionskampagne die Revolte zu entschärfen. Zu spät. Im Sommer desselben Jahres erlebte Salomon Ghebreiesus, wie Offiziere des Derg den 83-jährigen Monarchen im Palast von Addis Abeba in einem denkwürdigen Akt entmachteten.

Haile Selassie dachte aber immer noch, er sei der Kaiser von Äthiopien. Selbst als seine kaiserlichen Würdenträger scharenweise verhaftet und viele von ihnen hingerichtet wurden. „Im Palast haben Chaos und Angst geherrscht“, sagt Ghebreiesus. „Die Diener und Günstlinge von Haile Selassie haben völlig verwirrt die Befehle unserer Offiziere entgegengenommen, während der gefangene Monarch ihnen immer noch versichert hat, sie alle würden von der kaiserlichen Armee beschützt werden.“

Salomon Ghebreiesus nimmt einen Schluck von der kalt gewordenen Ziegenmilch: „Selassie bedeutet Dreieinigkeit. Dieser Mann war 44 Jahre lang der von Gott gesalbte Herrscher des äthiopischen Reiches. Ja, so komisch es klingen mag, aber in unseren revolutionären Kreisen ist diskutiert worden, ob dieser göttlich Gesalbte, dieser 225. Kaiser der Salomonidischen Dynastie, aus dem Palast gejagt werden darf. Ja, wir haben uns gefragt, ob wir uns mit der Revolte nicht gegen Gott und das Vaterland versündigen. Deshalb haben wir den gestürzten Herrscher im Glauben seiner Macht belassen.“

Telake knetet unverdrossen den Hirsebrei zu Bällchen und steckt diese blitzschnell in den Mund. Der Alte schiebt ihm die Milchschale hin. In der Türöffnung lehnt ein Gebetsstock wie ein Relikt aus Moses' Zeiten. Wirft einen langen Schatten auf die rote Erde. „Und wie ist aus dem Revolutionär ein Mönch geworden?“, frage ich. „Aus Angst und Traurigkeit. Weil unsere Revolte vom kommunistischen Militärrat des Mengistu Haile Mariam betrogen worden ist“, antwortet der Greis, „weil dieses gottlose Regime gegen unsere Brüder und Schwestern blutige Kriege geführt hat. Weil sie den allmächtigen Gott für tot erklärt haben.“ Später erzählt er uns von seiner riskanten Flucht aus Addis Abeba vor den Schergen des Mengistu-Regimes. Von jahrelangem Umherirren, Zwischenstationen auf Dorfschulen. Und schließlich auch von den abgeschiedenen Jahren auf einer Klosterinsel im Tanasee. Dort, wo ein Hauptarm des Blauen Nils entspringt. Dieser Ort soll der irdische Blick auf eine himmlische Welt sein. Auch wegen seiner überwältigend schönen sakralen Fresken.

Salomon Ghebreiesus zieht aus seinem Gebetbuch einen abgegriffenen Druck heraus. Er gibt in Rot, Gelb, Ocker ein kämpfendes Reiterpaar mit Speeren wieder – und auf den Boden hingestreckte Opfer. „Das sind unsere heiligen Abadir und Abole im Kampf gegen Feinde des christlichen Glaubens. Es ist vor mehr als 500 Jahren in der Kirche Ura Kidane Mehret gemalt worden. Dieses Motiv hat mich begleitet.“ Der alte Mann legt den verblassten Farbdruck wie eine Reliquie auf die Grasmatte. Telake hebt wortlos den Blick zu seinem ehrwürdigen Lehrer und Beschützer – als könnte er so dessen Schmerz lindern. Nach einer stillen Weile seufzt der Leidgeprüfte leise und bekennt: „Gott ist gnädig. Er hat unserem Land und meinem Herzen den Frieden wiedergegeben. Er hat mich auf meiner Pilgerschaft nach Lalibela geleitet. Und hier hat er mir mit Telake ein Geschenk offenbart. So ist mein Gelübde, diesen Ort der heiligen Felsenkathedrale nicht mehr zu verlassen, ein leichtes geworden.“ ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2012)

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