Seit den Tagen des Zweiten Vatikanischen Konzils ist der Priesterzölibat der römisch-katholischen Kirche nicht mehr aus der Diskussion gekommen. Schon damals umstritten und als Entscheidung dem Papst vorbehalten, seither unter den Betroffenen und im Kirchenvolk häufig kritisiert, zunehmend öffentlich missachtet durch Pfarrer in Lebensgemeinschaften und solidarischen Gemeinden, zugespitzt durch den beinahe versiegenden Priesternachwuchs, zuletzt international dramatisiert durch zahlreiche Vorfälle klerikaler Pädophilie: Insgesamt signalisiert der Zölibat eine katholische Kirchenkatastrophe. Während sämtliche Untersuchungen belegen, dass immer mehr Gläubige den Geistlichen Ehe und Familie zugestehen, ja auch Frauen und Mütter im Pfarrerberuf akzeptieren würden, stellt sich die Hierarchie in dieser brennenden Frage tot. Biblisch ist der Pflichtzölibat nicht zu begründen, in den Anfängen und über mehrere Jahrhunderte waren sogar die Päpste verheiratet. Welche Selbstschädigungsneurose, möchte man fragen, treibt die katholische Kirche in eine derartige Megakrise?
Zuerst die notorisch vorgebrachte Falschmeldung, die Evangelischen hätten ohneZölibat einen ähnlichen Pfarrermangel: Das Gegenteil ist der Fall. Die Protestanten in Deutschland haben ein Überangebot an Seelsorgern – männlich und weiblich. Jobsharing ist keine Seltenheit mehr, arbeitslose Pfarramtsanwärter weichen in verwandte Berufe aus. Die kleine evangelische Kirche in Österreich holt sich einen Teil des Personals aus den Nachbarländern. Die altkatholische Kirche rekrutiert ihr Personal zu guten Teilen aus verheirateten, vormals katholischen Geistlichen – so auch die beiden österreichischen Bischöfe der jüngeren Zeit. Ganz anders die katholische Bilanz: Nach der Zölibatsenzyklika von 1967 – zwei Jahre nach Konzilsende – hat ein Fünftel der Priester das Amt verlassen, um zu heiraten, weltweit etwa 100.000 (in Worten: hunderttausend), allein in Österreich fast 1000. Seither stagniert bei uns der Nachwuchs auf niedrigstem Niveau. Unter den verbleibenden Geistlichen wirddas Zölibatsgesetz in steigender Quote übertreten – inzwischen keineswegs mehr heimlich. Die Gläubigen zeigen in vielen Fällen Verständnis und Solidarität.
Die Diskussion bringt nichts Neues, die Argumente sind gesagt und publiziert. Was den Priesternachwuchs betrifft, besteht vor allem in Europa und Nordamerika extremer Notstand. Hier ist es ja auch kein sozialer Aufstieg mehr, Priester zu werden. Es entstehen Monsterpfarren im städtischen Bereich, auf dem Land ist der Mehrfachpfarrer die Regel. Seelsorge gelingt den überlasteten Seelsorgern nur mehr selten – eine neue Umfrage spricht von 15 Prozent der Arbeitszeit. Der Adventspruch des Pfarrers „Ich hetze von Stille zu Stille“ lautet wohl im realen Alltag: Er hetzt von Termin zu Termin.
Die Argumentation ist erschöpft, dieüberwältigende Mehrheit des Kirchenvolks wünscht dringend Änderung. Der Pflichtzölibat der Weltpriester, den es ja in den katholischen Ostkirchen gar nicht gibt, hat weitgehend seine Glaubwürdigkeit verloren. (Das ehelose Leben in Ordensgemeinschaften hat andere Gründe, ist eigentlich kein Zölibat, sondern als Gelübde in der „Ordensfamilie“ begründet und daher von dieser Argumentation nicht direkt betroffen.) Die Erkenntnis mag überraschend sein: Der Weltpriesterzölibat in der römisch-katholischen Kirche als innerlich verpflichtende Ehelosigkeit und sexuelle Enthaltsamkeit ist seit Jahrzehnten am Erlöschen. Er besteht noch im geltenden Kirchenrecht, jedoch immer weniger im Gewissen der Betroffenen. Er teilt dieses Schicksal mit etlichen anderen verblassenden Kirchenregeln: der vorehelichen Enthaltsamkeit, der Unmöglichkeit der Ehescheidung, der verpönten Homosexualität, den Regeln der Empfängnisverhütung, der Sonntagspflicht, dem hierarchischen Gehorsam...
Kein Bischof würde es wagen, alle Priester, die den Zölibat nicht mehr einhalten, zu kündigen. Das hat auch theologische Gründe. Wenn nämlich das gebildete und geprüfte Gewissen ein Gebot als unrecht und unbegründet erkannt hat, verpflichtet es nicht mehr. In der Lebenswirklichkeit vieler katholischer Geistlicher hat das Zölibatsgesetz seine Gültigkeit verloren. Eine rigorose und nicht biblisch begründete Sondermoral für Priester wird negiert. Immer mehr Priester wissen, dass Freiheit nicht gewährt werden muss – man nimmt sie sich. Sie fühlen sich nicht mehr sündig, wenn sie mit einer Partnerin – ja, auch mit einem Partner – in einer Liebesbeziehung oder einer Lebensgemeinschaft verbunden sind. Und sie sehen es als Gewissenspflicht, mit dem Menschen, den sie lieben, verantwortungsbewusst und rücksichtsvoll umzugehen. Um es auf eine Maxime zuzuspitzen: Ein Christ soll sein Lebensglück nicht mit dem Unglück anderer Menschen erkaufen – vor allem nicht mit dem Wohlbefinden und dem inneren Frieden derer, die man liebt.
Hier setzt ein Exkurs über Priesterfrauen und Priesterkinder an: Die Gemeinden sind vielfach damit einverstanden, wenn ihre Geistlichen in einer Beziehung leben. Siewollen lieber einen ausgeglichenen undfröhlichen Seelsorger als einen von Einsamkeit und Depression gezeichneten. Deshalb können sie auch akzeptieren, wenn sich Nachwuchs einstellt. Die Bedingungen solchhalb öffentlichen „Familienlebens“ sind nicht problemlos. Bischöfe mischen sichkaum mehr ein – außer sie werden dazu gedrängt. Aber auch dann nicht konsequent oder gar strafend. Die schrumpfende und überalterte Priesterschaft pflegt eine verschämte Toleranz – samt all den Unehrlichkeiten solcher Arrangements. Dazu das unausrottbare Gerücht, die Diözese würde für Priesterkinder Alimente zahlen. (Das stimmtin gewisser Analogie nur bei Ordenspriestern, die ja durch das Armutsgelübde über kein Eigentum verfügen.)
So fügt sich auch die konkrete Realität des Priesterzölibats in die bereits erwähnte Reihe verblassender Kirchenregeln. Die gesammelten „Lebenslügen der Kirche“, allesamt abgefedert durch freundliche Toleranz der Gläubigen angesichts der allgemeinen Priesternot, fördern nicht gerade die Glaubwürdigkeit einer Kirche, deren Grundkapital der Glaube und das Engagement ihrer Mitglieder sind. Diese bröckelnde Glaub-würdigkeit wird bei der nachwachsenden Generation – vielleicht auch nur intuitiv – erkannt: Sie bleibt weg. Man fragt sich manchmal, welche Verantwortung jene auf sich laden, die den derzeitigen Zustand des katholischen Klerus durch die verweigerte Reform verursachen. Denn sämtliche Umfragen unter den – noch immer zahlreichen – Theologie Studierenden zeigen hohe Bereitschaft, das Priesteramt anzustreben: allerdings ohne Zölibat, und natürlich auch unter Frauen.
Doch das steht nicht auf der römischen Agenda. Wie gelähmt blicken die Bischöfe auf den Papst und sein unbeirrtes Festhalten am Zölibat – und verteidigen es oft auch gegen besseres Wissen. Wer mit Bischöfen privat ins Gespräch kommt, weiß davon. Den Bischöfen ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – der Vorwurf zu machen, dass sie einseitig den Papst beim Kirchenvolk vertreten, jedoch nicht umgekehrt: Hier gilt die Feigheit vor dem Freund. Der geradezu sakrale Nimbus des Papstamtes verbietet jeden Widerspruch. Würden alle Bischöfe sich freimütig und öffentlich zu einer Reform des Priesterzölibats bekennen, diedas privat und in einem kleinen Kreis für spätere Zeiten in Aussicht stellen, würde sich die mutlose Kirchenszene gewaltig ändern. Dem Kirchenvolks-Begehren von1995 könnte ein Bischofs-Begehren folgen, der Pfarrer-Initiative eine Bischofs-Initiative. Doch Zivilcourage ist keine katholische Tugend. „Mut zeiget auch der Mameluck, Gehorsam ist des Christen Schmuck.“ (Schillers Wort als bischöfliche Maxime.)
Kardinal Schönborns beharrliches Insistieren auf dem Gehorsam mag ein versöhnliches Ende gefunden haben, seit er selbst einen hoch engagierten jungen Mann, mit höchster Stimmenzahl gewählt – trotz eingetragener gleichgeschlechtlicher Partnerschaft –, zum Pfarrgemeinderat zugelassen hat. Manche haben darin ein Zeichen des Aufbruchs aus der tristen Kirchenszene gesehen. Doch die ist gegenwärtig durchwegs depressiv, hoffnungsarm und ohne Perspektive. Dasstärkste Symptom: Den Kirchenleuten ist das Lachen vergangen. Humor war vorgestern. Die Anekdoten des fröhlichen Konzilspapstes sind Kirchengeschichte. Der Spruch von der „ecclesia semper reformanda“ verstaubt im Depot verflossener Kirchenrhetorik.
Die Kluft zwischen der Mehrheit der Gläubigen, der Priester und der vorherrschenden Lehre an theologischen Fakultäten einerseits und der römischen Kurie andrerseits wird immer größer. In dieser „horizontalen Kirchenspaltung“ werden die Dissonanzen vertuscht, indem man den wachsenden Ungehorsam weithin toleriert. Kein Schisma im kirchenrechtlichen Sinn, jedoch eine zunehmende Kluft zwischen den römischen Hierarchen und der Weltkirche – wenn man mit Kirche die Gläubigen meint. Und eine weitere Kluft zwischen dem, was gelehrt, und dem, was gelebt wird. Eine kollektive Gewissenserforschung ist angebracht, wieweit eine Kirche noch Glaubwürdigkeit beanspruchen kann, die sich von ihren eigenen Maximen stillschweigend verabschiedet.
Einer Lebens- und Liebesbeziehung für katholische Priester steht theologisch nichts im Weg. Das Menschenrecht der freien Eheschließung kann dem Klerus nicht mehr verweigert werden. Beobachter wundern sich gelegentlich, warum eine so alte und große, seit zwei Jahrtausenden erfolgreiche und durch vielerlei Metamorphosen gewandelte und international bestens vernetzte Glaubensgemeinschaft sich an einem unwesentlichenDetail derart festbeißen und in ihrer Glaubwürdigkeit beschädigen kann. ■
Geboren 1942 in Wien. 1966 Priesterweihe.Kirchenrektor der Ursulinenkirche in Linz. Organist und Cembalist. Akademiker- und Künstlerseelsorger der Diözese Linz. Mitglied des Vorstands der Pfarrer-Initiative. Mitautor des „Aufrufs zum Ungehorsam“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2012)















