Visit Banda Aceh! Relax your mind!“ Besänftigend sind sie, die Lockrufe auf den riesigen Transparenten über den pulsierenden Boulevards der Stadt im äußersten Norden Sumatras. Die erscheint mit ihren bunten Fassaden, Shops, Büros und Restaurants mondän. Auslagen und Werbeposter quellen über von elektronischen Tools. Aber das dominante Reinweiß der zahlreichen neuen Moscheen und Koranschulen signalisiert ihre muslimische Identität. Das malerisch an einer Bucht gelegene Banda Aceh ist aus den Trümmern des verheerenden Tsunami vom Dezember 2004 wiedererstanden. Doch erst vor wenigen Tagen hat ein Seebeben der Stärke 8,5 vor der Nordwestküste der Provinz die 220.000 Einwohner wieder in Angst und Schrecken versetzt.
Am Unglückstag des 26. Dezember 2004 verwandelten sich innerhalb von 20 Minuten die West- und Nordküsten der Provinz Aceh in eine Todeszone: 130.000 Menschen waren fortgerissen. 70.000 galten als vermisst. Diesmal ist die Katastrophe ausgeblieben. Im Herzen des pazifischen Feuerrings, wo Vulkanausbrüche, Sturzfluten, See- und Erdbeben häufiger geschehen als sonst wo auf der Welt, grenzt ein entspanntes Gemüt an Lebenskunst. Den Rikschafahrer stört es nicht, dass Autos, Motorräder am windschiefen Verdeck seines Gefährts knapp vorbeischrammen. Er deutet lächelnd auf einen Truck vor uns, der im dichten Verkehr in abenteuerlicher Manier eine Kuppel transportiert. Inschalla – wenn Gott will, ist alles gut. Und wenn nicht – so steht es im Koran –, ist alles Leid auf Erden ein Schritt näher in das Paradies.
Wir warten auf ein Treffen mit dem Interimsgouverneur Karim Tarmizi. Österreich ist bei den lokalen Regierungsbehörden nicht vergessen, weil „Nachbar in Not“ mit dem Österreichischen Hilfswerk und weiteren Partnern in der Region um 2,65 Millionen Euro das erste Spital wiedererrichtet hat. Das modern ausgestattete Meuraxa bietet neben den allgemeinmedizinischen Einrichtungen eine Kinder- sowie Entbindungsklinik. „Ihre Hilfe hat unsere Menschen in ihren finstersten Zeiten erreicht“, sagt der Gouverneur in sonorem Ton. Die Frage nach den staatlichen Kontrollmechanismen für die zig Millionen an internationalen Spendengeldern beantwortet der oberste Provinzpolitiker mit geschmeidigen Floskeln. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Korruption, Verschwendung und Vetternwirtschaft in Aceh bis heute ein virulentes Problem sind. Bei den österreichischen Geldgebern von „Nachbar in Not“ galt diesbezüglich ein Credo: „Ohne eigene Controller kein Geld!“
Szenenwechsel. Die Gestalten im rotschwarzen Disco-Look schnellen auf und ab, hin und her, folgen den Verrenkungen einer Animateurin. Ihr Zopf schwingt wie eine Kobra, und ihre eng anliegenden Hosen lassen kurzfristig vergessen, dass in der Provinz Aceh die Scharia Gesetz ist. An diesem Montag feiert die nationalistisch-islamistische Aceh-Partei bereits vor Bekanntgabe des offiziellen Wahlergebnisses ihren Sieg. Fortan stellt sie den Gouverneur – und sie will ihren Los-von-Indonesien-Kurs forcieren. Das alarmiert die Konkurrenten, aber vor allem die Machthaber in Jakarta. Ein fast 30-jähriger Bürgerkrieg war erst nach der Tsunami-Katastrophe in einem Friedensvertrag beigelegt worden. Der garantiert der Provinz Aceh die politische Teilautonomie, Entscheidungsfreiheit in religiösen Angelegenheiten sowie 70 Prozent der lokalen Gas- und Öleinnahmen.
Ringsum stehen im Schatten der neu errichteten Regierungsresidenz Polizisten stramm. Noch hören sie auf die Befehle des Interimgouverneurs. Vorsicht ist geboten – auch mir, da ich nach Visaproblemen ohne offizielle Papiere unterwegs bin. Meine kleine Videokamera ermöglicht ein paar Minuten unerkanntes Drehen, dann geraten meine lokalen Begleiter und ich ins Visier der Ordnungshüter. Aber mein Kameramann erkennt in einem der Polizisten seinen einstigen Kampfgefährten aus dem Untergrund. Im Nu werden aus finsteren Gesten Umarmungen; ich finde mich im uniformierten Tanzgewirr wieder.
So schrill die Szene zwischen Allah, McWorld und Politspektakel sein mag, sie signalisiert das Comeback der Normalität. Die Menschen hier wollen nicht daran erinnert werden, dass das Leben in Aceh bereits vor dem Tsunami 30 Jahre lang ein Inferno war. Im politischen Sperrgebiet forderte der Krieg zwischen der nationalen Befreiungsarmee und den indonesischen Einheiten 15.000 Opfer. Eine Studie der „Minortity Rights Group“ belegt, dass bereits vor der Flutkatastrophe mehr als die Hälfte der überlebenden Bevölkerung Acehs von Verschleppungen, Brandschatzungen, Folter, Vergewaltigungen schwer traumatisiert war.
Der Mann mit Pfeife und Schirmkappe gibt sich gemächlich. Abraham Hejboer ist Holländer, ehemaliger katholischer Priester und einer, der mit seinen 77 Jahren noch immer leidenschaftlich sein Kakaobohnenprojekt mit einheimischen Bauern vorantreibt. Diese Leidenschaft kostete ihn vor Jahren sein Eheglück, für das er einst sein Priesteramt geopfert hatte. Aber Hejboer scheint unverdrossen, appelliert an die Projektpartner in Europa: „Höfliche Lippenbekenntnisse werden zum Hohn, wenn gleichzeitig für nachhaltige und korrekt abgerechnete Projekte die Kooperationsgelder gestrichen werden. Sie gefährden damit die Existenz von 20 Kakaobauern, die nach mühevollen Aufbaujahren noch eine Überbrückungshilfe benötigen.“ Erst nach einer Weile erfahren wir, dass Hejboer kurz nach der Katastrophe Kardinal Schönborn beherbergte, der sich in Indonesien aufhielt. Diesem Zusammentreffen war es zu verdanken, dass Hejboers langjährige Kontakte an die Caritas Österreich sowie die Partner von „Nachbar in Not“ weitergegeben wurden. In einem modellhaften Fünfstufenplan errichteten Betroffene an gesicherten Orten 75.000 neue Häuser. Gleichzeitig versorgte ein Team des Österreichischen Roten Kreuzes 40.000 Menschen mit Trinkwasser.
Der Gottesmann außer Dienst zieht an seiner Pfeife. Eine junge Mitarbeiterin bringt Köstlichkeiten: Kuchen und frische Papaya. In der Nachbarschaft tollen Kinder im Schulhof. Der Schrecken scheint weit weg. Wie geht der gläubige Katholik, der im Herzen Priester geblieben ist, mit so apokalyptischen Ereignissen um? „Das uns geschenkte Leben ist eine Prüfung, die gilt es zu bestehen. Fest steht, dass die Katastrophe mit ihren immensen Opfern auch ein Gutes hatte: Jetzt haben wir Frieden! Die Menschen fühlen sich frei, die Jungen sind in Internet und Facebook vernarrt. Mit ihnen werden wir ein Teil der Welt.“ ■
Regina Strasseggers TV-Dokumentation aus Aceh ist am 5. Juni ab 22.30 Uhr in der Reihe „Kreuz und quer“ auf ORF2 zu sehen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2012)















