Du findest mich im Eisenwarengeschäft“, sagt Jorgos am Telefon. „Aber bitte erst später, jetzt bin ich müde.“ Es ist nicht einfach, Jorgos zu finden. In Kyparissia, einer Kleinstadt in Messenien am Westpeloponnes, ist jedes dritte Geschäft ein Eisenwarengeschäft. Hier gibt es Nägel und Glühbirnen, Toaster, Taschenlampen und Motorsägen. Man kann Schlüssel nachmachen und sich alles Mögliche zurechtbiegen lassen.
Es ist früher Abend, die Geschäfte sperren gerade wieder auf. Jorgos Padasopulos, 50 Jahre alt, drei Kinder, 250.000 Euro Schulden, will reden. Über sein Leben und über Griechenland, und warum die eine Verzweiflung mit der anderen zu tun hat. Er war24 Jahre alt, als er 1986 von Kyparissia nach Deutschland auswanderte. „Ich habe zu meinem Vater gesagt, ich will nach Deutschland gehen. Er hatte 30.000 Drachmen, das waren damals ungefähr 170 D-Mark, die hat er mir geliehen.“ Seine Familie hat nicht viel, sie lebt von dem, was das Kafenion einbringt, das alte Kaffeehaus an der Ecke, in der hauptsächlich griechischer Kaffee getrunken wird und manchmal ein Bier. Frauen sieht man dort selten.
Jorgos geht nach München, weil es, vom Mittelmeer aus gesehen, die nächste große deutsche Stadt ist. „Ich musste nur 400 Kilometer fahren und war am Meer.“ Drei Jahre lang schläft Jorgos in einem Auto, ein weiteres Jahr in einer Garage. Er hilft in einem griechischen Restaurant aus. Er transportiert Autos nach Griechenland. „Du bist fremd in einem Land, du kennst keinen, und du versuchst, etwas aufzubauen. Du weißt nichts, du hast nichts gelernt, aber du wartest auf eine Gelegenheit, um aufzusteigen, irgendwann.“ Die Gelegenheit kommt. Ein Autohändler gibt Jorgos eine Chance. Wenige Jahre später macht sich der Grieche selbstständig. Jorgos lernt Konstantina kennen, sie ist Griechin, aber in Deutschland geboren. „Die große Liebe, und dann kamen die Kinder.“ Stethis, Vivi und Evangelina sind heute 14, zwölf und zehn Jahre alt.
Die Familie fährt jeden Sommer nach Griechenland, auch zu Ostern und zu Weihnachten gibt es lange Urlaube in der Heimat. Jorgos baut ein Haus in Kyparissia. „Die ersten 15 Jahre wollte ich nicht zurück, aber dann war das Heimweh größer. Ich habe gesagt, ich kann nicht mehr, ich muss zurück.“ Konstantina will in München bleiben. „Am 17. Dezember 2005 habe ich zu ihr gesagt, Konstantina, zu Weihnachten fahren wir für immer runter. Das war ein Schock für sie. Wir haben alles gepackt und die Wohnung so zurückgelassen, wie sie war.“ In Griechenland treffen Männer die Entscheidungen.
Die ersten Jahre zurück in der Heimat sind nicht einfach. „Wir hatten Geld, ein Haus, ein Grundstück, ein tolles Auto. Aber bis du dich wieder eingelebt hast, wieder dazugehörst, das dauert. Nach 19 Jahren in Deutschland lebst du anders, denkst du anders. Du bist ein Fremder. In Griechenland war ich Jorgos, der Deutsche. In Deutschland war ich Jorgos, der Grieche.“ Sieben Jahre später steht Griechenland vor dem Staatsbankrott. Und der Familienvater hat 250.000 Euro Schulden.
„Zuerst habe ich dies und das versucht, ich wollte Fuß fassen.“ Zwei Jahre lang geht das so. Jorgos will an seine Erfolge im Autogeschäft anknüpfen und scheitert. Er macht ein Immobilienbüro auf und scheitert. Das Eisenwarengeschäft scheint die Rettung in letzter Minute zu sein. Jorgos kauft es mit einer Hypothek auf sein Haus. Konstantina arbeitet als Kellnerin, zuletzt im Kaffeehaus, das Jorgos' Bruder von denEltern übernommen hat. Es läuft schlecht, auch der Bruder ist mittlerweile hoch verschuldet. Griechenland ist ein Land der Freiberufler und Kleinunternehmer. Rund 60.000 Geschäfte dürften in diesem Jahr noch pleitegehen. Selbstständige haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld und müssen sich privat versichern.
Jorgos zahlt keine Steuern für sein Geschäft. „Wie soll ich Steuern zahlen, wenn ich nichts einnehme?“ Am Vortag waren abends 180 Euro in der Kassa. „Wenn ich Steuern zahle, habe ich kein Geld, um den Strom zu bezahlen, um meine Kinder zu ernähren, um die Versicherungen und die Kreditraten zu zahlen. Wenn es nächstes Monat besser wird, werde ich alles zurückzahlen.“ Dem griechischen Staat entgehen jährlich rund 15 Milliarden Euro Steuern. Der Handel scheint in Kyparissia fast zum Erliegen gekommen sein. Betritt ein Fremder ein Geschäft, wird er fast demütig umworben. Das gewünschte T-Shirt gibt es nicht in der richtigen Größe? „Wir machen ein neues, maßgeschneidert, gib uns eine halbe Stunde. Bitte.“ Das T-Shirt kostet zwölf Euro. Aber so lange will die Touristin aus den USA nicht warten. Sie geht. Die drei Frauen im dem winzigen Kindermodengeschäft schauen ihr fassungslos nach.
Am Rande von Kyparissia hat die französische Supermarktkette Carrefour eine riesige Filiale aufgemacht. Carrefour ist der größte Einzelhandelskonzern Europas. Nur zwei Parkplätze sind besetzt. Die Regale sind hauptsächlich mit Eigenmarken gefüllt, die Gänge ausgestorben. „Die Einheimischen gehen nicht zu Carrefour“, erklärt Jorgos. Sie kaufen in den kleinen Supermärkten ein, auch wenn die teurer sind. „Die Leute sagen, heute gehe ich zu Jorgos, morgen kommt er in mein Geschäft. Wir helfen zusammen.“ Richtig Geschäft macht Carrefour erst in den Ferienwochen. „Ostern, Weihnachten und im Sommer kommen die Athener.“ Sie bevorzugen es, in großen Supermärkten einzukaufen. „Carrefour macht dann an einem Tag mehr Umsatz als die anderen im ganzen Jahr zusammen.“ Wenn heuer bloß noch die Athener kommen.
Am Strand von Kyparissia treibt der Wind leere Plastiksäcke über den Sand, die Wellen sind aufgewühlt. Das Wetter ist für Ende Mai zu stürmisch und zu kalt. Von der Hauptstraße weg haben Schilder zum „Sunny Paradise“ direkt am Strand gelockt. „Open Bar!“ Am Ende der Staubstraße findet sich eine großzügige Bar- und Restaurantanlage. Die Holztische sind zersplittert, die Palmen abgeknickt. Ein Kübel mit frischer Farbe steht herum, leere Colaflaschen liegen im Sand. Hier wird offenbar gearbeitet. Irgendwann, zwischendurch. Es ist niemand zu sehen. Anfang Juni wird neu aufgesperrt,heißt es in der Stadt.Denn dann kommt der innergriechische Tourismus ins Rollen.
Zwei österreichische Urlauber haben sich bereits Ende Mai an den Strand von Kalo Nero, rund 20 Minuten Richtung Norden, verirrt. Sie suchen ein Zimmer für das Wochenende, für zwei Nächte. Der Geschäftsführer will 90 Euro für die Nacht. Kein einziges Zimmer ist belegt. Das Paar winkt ab, als der Hotelmanager nicht über den Preis reden will. „Vielleicht werden wir über das Wochenende noch voll“, meint er. Die Buchungen für die Region liegen fast 40 Prozent unter denen des vorigen Jahres. Und das war schon ein schlechtes Jahr.
Auf die Griechen aus der Hauptstadt warten auch die Wirte der Tavernen. Der Blick vom Hügel auf Stadt und Meer ist atemberaubend. Drei Tavernen, Tür an Tür, haben ihre Tische entlang der Mauer mit Blick gen Horizont aufgestellt. Jeden Nachmittag werden die bunten Tischtücher mit Klammern befestigt, die Tische zurechtgerückt. Wirt und Familie sitzen vor dem Eingang, mit dem Rücken zur Wand, und warten auf Gäste. Spätabends werden die Tischtücher unbenützt wieder abgenommen.
Die Hoffnung auf deutsche Besucher, die zweitstärkste Gruppe nach den griechischen Touristen, hat man vorerst aufgegeben, sagt Jorgos. Nicht einmal seine eigenen Freunde aus München wollen diesen Sommer kommen. „Die rufen mich an und sagen, kann man überhaupt noch nach Griechenland reisen? Ich sage, warum, was ist denn los?“ Klar, es habe Unruhen gegeben, und Streiks, und angeblich seien deutsche Fahnen in Athen angezündet worden, aber hier? „Die Leute freuen sich, wenn Fremde kommen.“
Kyparissia mit seinen rund 7000 Einwohnern hat früher als Wirtschafts- und Verwaltungszentrum der Region gute Einnahmen gehabt. Die Menschen seien als Beamte, Bauern oder im Tourismus tätig, erzählt Jorgos. Gewesen. Viele Beamten wurden gekündigt, sie leben nun von 700 statt bisher 3000 Euro im Monat. Die Landwirtschaft hat zuletzt schwere Einbußen hinnehmen müssen. Im vergangenen Jahr sank der Preis für einen Liter Olivenöl von rund drei auf 1,6 Euro. Jorgos' Cousin, einst ein reicher Bauer mit rund 200 Hektar Olivenbäumen und Wein, kann seine Kosten nicht mehr decken. „Meine Mutter hat gestern geweint, als ich ihr gesagt habe, ihr Neffe hat nicht einmal mehr 70 Euro. Er hat drei Kinder und weiß nicht, wie er sie ernähren soll. Meine Mutter hat geweint, weil sie sich so schämt.“ Das Olivenöl war über lange Jahre gut verkauft worden. „Die Großhändler in Messenien machen aber jetzt Geschäfte mit den Italienern. Das italienische Öl ist billiger.“ Für einen Liter Benzin zahlt man in Kyparissia derzeit 1,8 Euro.
Die Schuld an der verzweifelten Situation, in der sich Griechenland nun befindet, tragen Großhändler, Konzerne, antigriechische europäische Medien, die Deutschen gar? „Nein“, sagt Jorgos. „Wir waren ein hundertprozentiges Beamtenland. Das war falsch. Jeder Grieche weiß das.“ Wenn ein Politiker gesagt hätte, er mache sauber, „diesen ganzen Dreck, keiner hätte etwas dagegen gehabt“. Alle hätten das System gehasst, seien aber gleichzeitig tief darin verstrickt gewesen. Man nennt es Klientelpolitik: ein Posten für den Sohn, eine Bewilligung für einen Betrieb, eine Empfehlung für einen Auftrag. Gegenleistung für Wählerstimmen. „Wenn mein Kind seinen Job einem Politiker verdankt, dann bin ich ihm verpflichtet, wir verdanken ihm unser Brot.“ Ganz Griechenland habe so funktioniert.
Die von der EU verlangten Maßnahmen seien daher grundsätzlich gut. „Kein griechischer Politiker hätte das je durchsetzen können.“ Er selber habe früher immer Nea Dimokratia, die Konservativen, gewählt, sagt Jorgos. Bei der jüngsten Wahl habe er sich für das Linksbündnis von Alexis Tsipras entschieden, so wie alle seine Bekannten und Freunde. „Wir waren außer uns vor Zorn auf die alten Parteien.“ Aber nun, bei der Wahl am 17. Juni, gehe es um alles. „Die Leute haben Angst. Tsipras hat alles noch schlimmer gemacht.“ Jorgos wird nun wieder Nea Dimokratia wählen. Seine Freunde auch.
Wie soll es mit seiner Familie weitergehen? „Ich verkaufe das Geschäft und gehe zurück nach Deutschland.“ Die zwölfjährige Vivi, die ihrem Vater bisher still zugehört hat, reißt die Augen auf. „Bist du verrückt, Papa? Wir gehen nicht weg.“ „Ich habe alles durchkalkuliert, es geht nicht mehr“, sagt Jorgos. In Deutschland könnte alles wieder gut werden. Er klingt unentschlossen.
Am späten Abend fährt ein schwarzer BMW-Geländewagen an der kleinen Taverne vorbei. Die Tische sind wieder leer geblieben. Das Auto hat ein Münchner Kennzeichen. Eine Seitenscheibe ist eingeschlagen. Am Steuer sitzt Jorgos, der Deutsche. ■
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)















