Harte Butter

15.06.2012 | 18:41 |  Von Kriszta Bódis (Die Presse)

Was ist pechschwarze Freiheit? Aus einem neuen Roman. Sei hart wie Butter. Links ist die Fabrik, drum herum die Stadt und unmittelbar neben der Fabrik beziehungsweise rechts die Siedlung.

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Sei hart wie Butter. Links ist die Fabrik, drum herum die Stadt und unmittelbar neben der Fabrik beziehungsweise rechts die Siedlung. Das ist das Zentrum. Wie man es nimmt. Weil die Fabrik und die Siedlung mitten in der Stadt sind. Von der Siedlung führt zur Halde und zu den Bergen eine Straße durch uns durch, aber hier kommt kaum jemand lang.

Die Stadt nebenan, den Wald nebenan, was braucht man mehr? Das ist Freiheit. Eine bittere Freiheit, sage ich da lieber, denn sie ist schwarz, pechschwarz. Die Schienen rausgerissen, die Schwellen auch, aber in dem parallelen Streifen wächst nicht mehr, was da sonst im Frühling wächst.

Wer in der Nacht Eisen holen geht, der schneidet auf der Fabrikseite das Eisennetz auf und schleicht sich durch den Sike-Kordon, wo die Sikes Leute mit Hunden und Schlagstöcken lauern, und mit Pistolen natürlich, mit richtigen Waffen, nicht mit so einem kleinen Messer, wie mein Vater es hat. Ich will ja nichts sagen, denn das ist ein gutes kleines Messer.

Der alte Tóni wirft mit dem Beil oder lässt die Hunde los, wenn sie den Handwagen nicht ziehen, sondern vor sich rollen lassen, soll ihn doch sein eigenes Gewicht hinunterziehen. Wie, schon wieder? Wie der brüllen kann!

Ein Scheißwetter ist es draußen,überall Nebel. Aber der Tóni sieht alles. Der lässt gleich die Hunde los, beschwert sich Oma Sári, der weiß wohl nicht, wohin mit sich, aber er ist eben stärker, sagt meine Mutter, Oma Sári regt sich auf, als wer soll denn der stärker sein, ach hör doch auf, Mutter, meine Mutter winkt ab. Aber der Tóni und dieses Wagenschieben! Ich weiß nicht, was er damit hat, er hat so einen Fimmel, überlegt Vater, aber ansonsten ist er der Klügste, der Tóni.

Den Teufel ist der klug, murrt Oma Sári, seit ihr klein seid, geht ihr ihm aus dem Weg, weil er schlägt, wenn ihm jemand in die Nähe kommt, schlägt und sticht ohne jeden Grund nach den Kindern, und jetzt verjagt er alle aus dem Lager, wo die Stämme liegen, zwanzig Meter lang, die gehören alle ihm, er steht sich gut mit denen vom Kommando, sie bekommen dies und jenes von ihm, und so kann er sein Gelände auch gleich bewaffnet bewachen lassen, und wenn trotzdem jemand schlauer ist als er, dann wird er in der Fabrik erwischt, der geht persönlich zum Sike.

Im Zimmer ist Rauch, draußen Nebel. Alles scheint noch ein bisschen grauer zu sein als normal. Die Luft ist dick, und viel ist auch nicht davon da. Die Fenster haben wir im Sommer, irgendwann im Juni, mit Brettern vernagelt. Glas zerbricht. So ist es wenigstens sicherer, und es kann nichts hereinfliegen, wenn Vater nicht bei uns ist, denn dann kommen sie und schleudern Zeugs herein.

Was würdest du essen, wenn es da wäre, Oma Sári umarmt mich, aber mir fällt nichts ein, was denn nun, ich weiß gar nicht, vielleicht Fleischbrühe, Brathühnchen, schlägt Mutter vor, ich erinnere mich nicht, wie das schmeckt, sie mag es am liebsten, man sagt, davon kann sie Unmengen essen, aber jetzt würde sie sogar das ausspucken, es geht ihr gerade nicht gut, wenn wir nichts haben, dann sollen sie doch wissen, was wir nicht haben, oder?

Da bekommt mein kleiner Bruder glänzende Augen. Na ja, er ist nicht ganz richtig im Kopf, hat nicht alle Tassen im Schrank. Du musst immer so hart sein wie Butter, sagt Vater immer, hart wie Butter. ■


In der Reihe „Kakanien. Neue Heimaten“ lädt Burgschauspieler Philipp Hauß am 19. Juni, 20 Uhr, die ungarische Autorin Kriszta Bódis und den Literaturwissenschaftler Klaus-Michael Bogdal ins Kasino am Schwarzenbergplatz, Wien I.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2012)

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