22.05.2013 04:28 Merkliste 0

Literatur als Erbauung

22.06.2012 | 18:35 |  Von Michael Scharang (Die Presse)

Schlechte Literatur ist dann bemerkenswert, wenn sie exemplarisch schlecht ist. Insofern lohnt die Beschäftigung mit den Texten von Paulus Hochgatterer

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Schlechte Literatur ist dann bemerkenswert, wenn sie exemplarisch schlecht ist. Insofern lohnt die Beschäftigung mit den Texten von Paulus Hochgatterer (siehe „Spectrum“ vom 9. Juni).

Gewöhnlich schreiben Autoren Geschichten. Hochgatterer aber schreibt Ge schichte. Er degradiert Literatur zur Erbauung und bringt sie so auf einen neuenTiefstand. Die Hoffnung, der Einmarsch der Kabarettisten in die österreichische Literatur sei der Gipfel literarischer Primitivität, wurde enttäuscht.

Die Qualität eines Textes erweist sich an seiner Sprachgestalt. Die sprachliche Arbeit des Schriftstellers ist nicht nur einekünstlerische Leistung. An dieser Arbeit, und nur an ihr, ist auch seine Menschlichkeit erkennbar. Hochgatterer demonstriert, dass es auch anders geht. Sein Ziel ist nicht Kunst, sondern deren Gegenteil, Kommunikation. Er tritt einem gegenüberals Vertreter, der sein literarisches Glumpert loswerden will. Hochgatterer stellt der Geschichte, die er noch nicht erzählt hat, Werbung voran, Eigenwerbung, und interpretiert die Erzählung, ehe man sie gelesen hat. Der Autor zwingt einem ein Urteil über eine Sache auf, die man noch nicht kennt. Das ist unverfroren.

Zudem setzt er auf den billigsten Effekt, die Erbauung: auf Rührseligkeit statt Rührung, auf Gefühlskitsch statt Empfindung. Der Einwand, er sei nur Nebenerwerbsschriftsteller, von Beruf aber Kinderpsychiater, zählt nicht, da Hochgatterer das Vermischen der beiden Sphären, das Literarisieren der Psychiatrie und die Psychiatrierung der Literatur, zu seinem Geschäft macht und irrtümlich meint, auf diese Art gegen Kritik von beiden Seiten gewappnet zu sein. Das Gegenteil ist der Fall. Mit dem Verramschen von psychiatrischen Fallstudien zu literarischem Schund stellt Hochgatterer sich als Psychiater und als Schriftsteller in Frage. Die Fallstudie ist ein Fallstrick. Die wahre Begebenheit, mit welcher der Autor auftrumpft, ist eine Kategorie der Klatschpresse, nicht der Literatur.

Kunst ist bekanntlich frei von der Lüge,wahr zu sein. Das Pochen darauf, eine Begebenheit sei wahr, ist in der Kunst immer ein Indiz für Verlogenheit. Bei Hochgatterer kommt hinzu, dass er von Berufs wegen Menschen zu helfen trachtet. Ein Schriftsteller hätte über diese Menschen etwas zu erzählen. Ein Hochgatterer verstümmelt das Erzählen über diese Menschen zur launigen Anekdote. Außerdem redet er unter dem Vorwand, über anderezu sprechen, in geradezu pathologischer Geschwätzigkeit über sich selbst.

Kitsch ist die Kunst, Menschen vonder Kunst fernzuhalten. Er ist das Vehikel der Gegenaufklärung. Und die ist das geistige Rüstzeug des Neuen Dreißigjährigen Kriegs, der über Europa hereingebrochen ist. Damit die Kapitallogik noch einmal triumphiert, muss die Vernunft zerstört und die Bevölkerung ausgeplündert werden. Bleiern liegt der Nebel der Erbauung über dem Desaster, damit man es nicht sieht. So ist der Erbauungsliterat doch für etwas gut. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

13 Kommentare
Gast: Anton Reiter
04.07.2012 15:12
0 0

Nachsatz

Ich möchte betonen, dass die Kritik allein der Kritik, nicht per se dessen Autor oder der von ihm vertretenen Denkrichtung gilt. Kritische Theorie wird hier leider als Denkschablone an einem Gegenstand erprobt, der durchaus im Stande wäre das Unrecht und die Schäden einer entfesselten Kapitallogik aufzuzeigen. Die dunkle Seite der Medizin, Kinderpornographie, Menschenhandel, Prostitution, Gewalt und Missbrauch in Familien, die Entfremdung und Verstörung Jugendlicher: Kaum ein Gegenwartsautor zeigt heute besser auf, was eine kapitalistische Gesellschaft so unheimlich macht.

Gast: Anton Reiter
04.07.2012 15:11
0 0

Wider Michael Scharang. Kritik als Verbauung

Schlechte Kritik ist oft ein gutes Beispiel für bemerkenswerte Unkenntnis. Scharangs Thesen sind von Beginn an haarsträubend: Nur (!) an der sprachlichen Arbeit lässt sich Menschlichkeit bzw. literarische Qualität erkennen. Mit solchen Ideen sollte man es nicht einmal ins literarische Anfängerproseminar schaffen weil bereits der Deutschlehrer solchem Unsinn die Reife absprechen muss.
Menschlichkeit lässt sich zum Beispiel am aktiven Tun eines Menschen zeigen. Wer sich professionell mit psychischem Leid von Kindern befasst ist wohl bis zum Beweis des Gegenteils kein Unmensch. Scharang versucht diesen Beweisantritt mit perfiden Anschuldigungen, die lediglich den Blick auf ein herausragendes literarisches Werk verbauen. Als erwiesen darf daher nur Scharangs mangelnde Sachkenntnis gelten.
Nach der nächsten wirren These (Kunst sei das Gegenteil von Kommunikation) geht es los mit wüstem Geröll aus haltlosen Beschimpfungen: literarisches Glumpert, Eigenwerbung, unverfroren, billigste Effekte, pathologisches Geschwätz, Rührseligkeit, Gefühlskitsch und Klatschpresse.
Wer Hochgatterers Werk näher kennt schätzt die Bescheidenheit des Autors, weiß, dass speziell in den Frühwerken menschliche Abgründe geradezu kalt und analytisch beschrieben werden. An keiner Stelle beruft sich der Autor auf wahre Begebenheiten bzw. Einzelfälle, wobei völlig klar ist, dass Literatur immer auch aus Erfahrung schöpft. Billig und unverfroren ist deshalb allein die misslungene Kritik.

Das Problem

Hochgatterer hat 2010 den Österreichischen Kunstpreis für Literatur erhalten. Zu seinen Vorgängern zählen Leute wie zB 2007 Köhlmeier.

Wäre Hochgatterer nur ein netter kleiner Erzähler, man könnte über literarische Aussetzer hinwegsehen. Scharang hat aber insofern Recht, als die Literaturszene im deutschen Raum, aber insbesondere in Österreich (besser nach wie vor: die Schweiz), im Niedergang begriffen ist.

Wohin geht die Reise hin, wenn Hochgatterer - nach den Auszeichnungen zu schließen - von der Szene zur literarischen Elite gerechnet wird?

Re: Das Problem

Immer diese peinliche Krisenstimmung. Was solls. Wen interessiert denn als Literaturbegeisterten ernsthaft, die Nationalität oder das "internationale Ranking" einer Erzählergemeinschaft (so es sowas überhaupt gibt). Dauernd muss irgendwer über notwendige Kulturförderung oder Hebung irgendeines Niveaus sprechen. Wenn die Österreich gerade keinen Ihnen genehmen oder ihrem Stilempfinden angemessenen Weltklasseautoren haben, dann ist das halt so... vielleicht hat eben gerade keiner was zu erzählen. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann letztes Mal irgendeine Kulturintervention irgendwas gebracht hätte in diesem Bereich. Ebensowenig kann ich mich aber erinnern, dass jemals eine Heulsusenklage über fehlendes Niveau wirklich der Wahrheit entsprochen hätte. Vielleicht sind die Schweizer einfach begabter oder schöner, besser oder können besser schreiben...

Das glauben Sie aber doch selbst nicht. Vielleicht schreiben Sie ja selbst etwas und heben das Niveau... das wiederum glaube ich nicht.

Endzeitstimmungen haben zwar auch ihren Platz in der Literaturgeschichte, sowas sollte man aber nur mit Talent bedienen und von literarischen Exzellenzerwartungen oder Qualitätsranking war noch nie was zu erwarten. Schauen Sie sich den Bachmannpreis an... da sieht mans... die hippsten deutschsprachigen Autoren sind unterste Schublade... Das ist übelstes Literaturcasting, das mit Literatur nichts und aber auch garnichts zu tun hat. Wenn ein guter Autor raus muss, dann kommt er auch raus.

Re: Re: Das Problem

So ganz verstehe ich Ihren Kommentar nicht...ich bin inhaltlich doch eigentlich Ihrer Meinung.

Das Problem - das vergessen Sie hier offenbar: Sie betrachten das ganze nur aus Ihrer eigenen, individuellen Perspektive und vergessen dabei die Autoren. Die Autoren leben gezwungenermaßen von der öffentlichen Anerkennung. So bekommen Sie Geld und großzügige Verlagszusagen (hinsichtlich Fristen, Publikationen, usw.) Mit anderen Worten: Leute, die Preise gewinnen, bleiben uns sehr, sehr lange erhalten, während andere in der Versenkung verschwinden, weil sie sich das Schreiben nicht mehr leisten können.

Sie haben auch insofern Recht, als WIRKLICH gute Autoren es schaffen. Gegen jeden Widerstand. Nur: die kann man wirklich an einer Hand abzählen. Wie viele gute Autoren schreiben ein Leben lang gute Werke, ohne jemals öffentliche Anerkennung erfahren zu haben? Eben. Irgendwann schmeißen die meisten das Handtuch. Aus Frust oder des Geldes wegen.

Die Bachmannpreisgewinner dagegen, ja die werden auch noch in ein paar Jahrzehnten von ihrem künstlich erzeugten Ruhm leben können. Das war eigentlich der Kern meiner Kritik. Rein persönlich wären mir Preisträger natürlich völlig wurscht.


Re: Re: Re: Das Problem

Sie haben natürlich nicht ganz Unrecht, dass über solche Preisverleihungen künstliche Güte und Qualität projeziert werden, mit deren Hilfe dann der Buchmarkt stark beeinflusst wird. Das war aber doch nie anders. Alleine wenn man sich geschichtlich mit der deutschen Literatur auseinandersetzt, sieht man, dass die heutigen "Klassiker" garnicht immer an der Oberfläche geschwommen sind. Wohingegen andere Leute verschwunden sind, denen man künftigen Weltruhm usw. schon zu Lebzeiten nachgesagt hat. Ich würde da meine Erwartungen etwas herunterschrauben. Es geht eben nicht anders. Die Zahl der wirklich halbwegs ungelenkt und unbeeinflusst Literaturinteressierten ist nicht sehr groß. Darin sehe ich keinen Nachteil sondern die Regel. Wer z.B. kannte Marianne Fritz bis zu dem Tag, an dem man von ihrem Tod erfuhr? Und wer liest ihre Bücher seither? Ich sehe das ziemlich locker. Sollen sich die paar Halbtalente eben an den Lorbeeren erfreuen. Wann war denn Kunstschaffen schon einmal eine dankbare Tätigkeit? So gesehen hat ein Herr Hochgatterer mit Literaturpommes durchaus seine Daseins- und Preisberechtigung. Ich sehe ja solche Literaturpreise sogar schon als Bojen, denen man sich nicht nähert. Der Büchnerpreis ist da vielleicht noch eine halbwegs verlässliche Ausnahme, aber auch das kann man nicht für immer sagen.

Gast: hschmid
27.06.2012 10:56
0 0

ärgerlich

ich finde es ärgerlich, daß Sie Herrn Scharang Gelegenheit geben, sich als Literaturpolizist aufzuspielen. Herr Scharang ist kein bedeutender Schriftsteller. Bitte lesen Sie einmal laut und deutlich Scharangs letzten Satz "bleiern liegt der Nebel der Erbauung...."und machen Sie dabei keinen blöden Witz.

ich bitte darum, meinen Kommentar zu drucken!!

Gast: Der Lange
25.06.2012 21:30
0 0

Ein Dilemma

Es ist ein Problem. Man kennt es. Da erzählt einer der "Psychoexperten", Psychiater oder Psychotherapeut oder Klinischer Psychologe, etc. seine Geschichte und verpackt darin seine Thesen. Man will ihm widersprechen. Man weiß, dass diesen hinterlistige Kerlen ihre - manchmal raffinierten, manchmal allzu plumpen - Fallen stets so bauen, dass man zumindest ohne ein wissendes, hämisches Grinsen von ihnen und ihren Anhängern nicht davonkommen wird. Was tut man dann? Man entsinnt sich: Der beansprucht doch für sich Literat zu sein oder zumindest ein Schriftsteller. Aber hallo! Da bin ich doch der Experte. In seine Psychofalle tappe ich ihm nicht. Da freut er sich zu früh, der Schurke! Den Inhalt, der mich eigentlich empört, den lass ich mal ganz unerwähnt. Seine literarische Qualität ist mir ein Graus. Nur auf eines hat man vergessen: Seine verräterische Aggression zu verbergen. Jetzt hat man wieder den Scherm auf...

Gast: judith kirchmayr
25.06.2012 13:41
1 1

überflüssig

Literatur kann nach unterschiedlichen Kriterien bewertet weden. In diesem Fall würde ich folgende Unterscheidung vornehmen:
Der Beitrag von Hrn. Hochgatterer war notwendig, der von Hrn Scharang überflüssig.

Sg. Herr Scharang!

Natürlich haben Sie recht. Allerdings nur in der von Ihnen überblickbaren Welt. Und die ist natürlich begrenzt, wie die Welt aller Menschen. Und es hat sich mir unwiderstehlich die Frage aufgedrängt, ob Sie vielleicht ein ungelöstes Problem mit Ihrem Vater haben (hatten). Anders kann ich die Agressivität der Entgegnung nicht verstehen. Denn Herr Hochgatterer hat nur einige Dinge aus seiner therapeutischen Praxis zum Besten gegeben, deren Position man ja nicht teilen muss. Agressivität hat andere Wurzeln.

Re: Sg. Herr Scharang!

Dem kann man eigentlich nichts hinzufügen. Man mag über die literarische Qualität von Hochgatterers Beitrag, oder auch seiner Bücher, geteilter Meinung sein. Ich persönlich kenne kein Buch von ihm, habe nur den Text vom 9. Juni gelesen und ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich bei Hochgatterer kein allzu großes Talent vermute. Aber was Scharang da macht ist, auch wenn man den banalen Text Hochgatterers und seine fade Vermengung von psychologischer Theorie und Kitschgeschichte nicht mag, mehr als unfair und unseriös.

Es gibt eine Leserschaft für derartige Texte und man wird über die literarische Vermittlungen von theoretischen Inhalten (seien sie noch so banal) etwas länger ausholen müssen, als Scharang da einfach so mal draufhaut. Die Brutalität Scharangs in seinen Äußerungen und das offensichtlich Hochschaukeln seiner Argumente erinnern an allzu große Gefühlsausbrüche eines Pubertären.

Er mag mit seiner Einschätzung richtig liegen, sympathisch wirkt der Herr damit aber doch nicht und mir scheint, man kommt als Leser auf ein ähnliches Urteil wie Scharang, bloß mit anderen Voraussetzungen. Wo Scharang beleidigend ist, muss man als seriöser Mensch vor der Fülle an Durchschnitt in der Literatur nur das Buch zuklappen.

Gast: Herta Klein
23.06.2012 18:02
0 0

Scharang vor

Super, Scharang. Endlich einer, der diesen aufgeblasenen Tuttler entlarvt.
Ich fordere: Scharang vor, noch ein Tor. Oder wie der Lateiner sagt: Paulus, der Kleine.

Gast: Auch ein Gast
23.06.2012 15:41
0 0

Scharang versus Hochgatterer

Na na na, also, wenn hier jemnad unverfroren ist, eher plump untergriffig, dann Sie in Ihrer Ausdrucksform, Herr Scharang. Wenn schon Kritik, dann bitte in sachlicher Form. Ihren unflätigen Worten nach zu schließen scheint eher Neid und Missgunst Sie zu treiben. Einen netten Aufsatz zu "Auch-Vätern" derart zu verreissen und daran höchste Literaturmaßstäbe anzulegen klingt nur aufgeblasen und spießig.

Ein Gast und Leser Paulus Hochgatterers

Top-News