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Wovon träumt ein Admiral?

22.06.2012 | 18:35 |  Von Wolfgang Greber (Die Presse)

Sir John Forster „Sandy“ Woodward führte jene Schlachtflotte der Royal Navy an, die 1982 die Falklandinseln nach der argentinischen Besetzung zurückeroberte. Ein Besuch bei dem heute 80-Jährigen.

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„Zucker?“ fragt er mich. „Nein“, antworte ich, „ich bin kein Süßer, aber bitte etwas Milch.“

Also steht er da in seiner schmucken, weißgetünchten Küche, die etwas unaufgeräumt wirkt. Da sind Körbe mit Orangen und Ananas, Blechdosen, eine Flasche französischen Rotweins, Emaillekochtöpfe, Krüge mit Kochlöffeln und Bratenwendern drin, von hinten scheint Licht grell durch das ebenerdige Fenster zur Gasse auf der Nordseite und umfließt ihn, wie er mit zwei dampfenden Tassen näherkommt. Es ist, als steige er aus einem Lichtschein, und ich finde seine Frage irgendwie seltsam. Früher befahl er über U-Boote und Zerstörer, Fregatten und Flugzeugträger. Er war Admiral der Royal Navy, führte 1982 eine Flotte in eine der größten Militäraktionen Großbritanniens seit dem Zweiten Weltkrieg. Und jetzt ist er 80 und fragt, ob ich Zucker im Kaffee will.

Der Admiral setzt sich an den großen Esstisch mit dem ziegelroten Plastiktischtuch und nestelt mit altersfleckigen Händen eine Zigarette aus der Packung. Marlboro, die roten. Er raucht viel, schon seit dem frühen Vormittag, als ich bei ihm auftauchte, etwa drei pro Stunde. Angeblich ließ er das Rauchen Anfang der 1980er für acht Monate sein, aber dann, am 14. Juni 1982, gönnte er sich wieder eine. Er hatte soeben immerhin einen Krieg gewonnen. Und jetzt sitzt er da in dem mattrosa gefärbelten Hauptraum mit der niedrigen weißen Decke, über die sich massive mittelbraune Holzbalken ziehen, trägt dunkle Stoffhose, blauweißkariertes Kurzarmhemd Typus H&M, und schaut mich aus lebhaften, wässrigblauen Augen durch eine schmale Brille hindurch an.

Diese Augen haben den graublaugischtigen Spiegel vieler Meere gesehen, von den milden Wassern des Mittelmeers bis zum kalten, windigen Südatlantik. Und es war dort, Ende Mai 1982, als der Admiral, damals Konteradmiral, von der Brücke des Flugzeugträgers „Hermes“, seinem Flaggschiff, einem „Sea Harrier“-Jagdflugzeug zusah, wie es startete, im Tiefflug übers Meer zog und am Horizont in der Abenddämmerung jäh zu einem gelben Ball wurde, der nach wenigen Sekunden verlöschte. Ein Flügel hatte das Wasser berührt, der Jet knallte ins Meer und explodierte. Kurz zuvor hatten Bomben HMS „Antelope“ zerrissen, eine Fregatte des Admirals. Es war Krieg, und davon erzählt er mir.

Es war am Morgen des 2. April 1982, als der Befehl der Navy-Führung kam: Er, Rear Admiral John Forster „Sandy“ Woodward, damals 49, solle eine Task Force zu den Falklandinseln im Südatlantik führen, die argentinische Truppen gerade im Handstreich besetzt hatten. Der rund 12.500 Kilometer von Großbritannien entfernte, baumlose Archipel mit seinen damals vielleicht 1800 Einwohnern, die außer Schafe zu züchten wenig zu tun hatten, war seit 1833 britisch. Doch Argentinien erhob seit Anfang des 19. Jahrhunderts Ansprüche darauf, sagt bis heute, England habe die ursprünglich unbewohnten Inseln gestohlen. Ihre Geschichte ist kompliziert und stützt die Ansprüche beider Seiten, zudem waren die Inseln als „Malvinas“ lange Teil des Spanischen Reichs. Doch es gelang den „Vereinigten Provinzen des Río de la Plata“, dem Vorgängerstaat Argentiniens, der sich als Nachfolger der Spanier begriff, trotz Versuchen in den 1820ern nie, dort effektiv zu herrschen. Und so schnappte die britische Bulldogge dem Dogo Argentino den spröden Knochen weg und behielt ihn.


(c) Royal Navy/Imperial War Museum

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Im April 1982 wagte Argentiniens Militärjunta angesichts des wirtschaftlichen Chaos im Land das Militärabenteuer, das die Massen vorübergehend begeisterte. Doch es war kurz, seine Geschichte wurde Tausendfach erzählt, jedenfalls entsandte Margaret Thatcher eine Schlachtflotte von insgesamt 25 Kriegsschiffen und sechs U-Booten, Landungsschiffe mit Bodentruppen, Frachter, zusammen mehr als 100 Schiffe. Am 1. Mai traf die Flotte vor den Falklands ein, die Argentinier jagten Flugzeuge gegen sie. Ab 21. Mai gingen die Truppen an Land. Die Argentinier waren zahlenmäßig überlegen, gaben aber am 14. Juni auf. 258 Briten und 649 Argentinier fielen, letztere verloren auch den Kreuzer „General Belgrano“, das U-Boot „Santa Fe“ und einige Wachboote, vor allem aber mehr als 100 Flugzeuge und Hubschrauber, mehr als die Hälfte ihrer Luftwaffe. Die Briten verloren neun Harriers (vier davon durch Unfälle wie oben erwähnten), 24 Helikopter, zwei Zerstörer, zwei Fregatten, einen Frachter und zwei Landungsschiffe.

Woodward zieht an einer Zigarette und schaut über den Küchentisch auf das Modell einer Brigg, ein Segelschiff aus dem 19. Jhdt., an dem er seit Monaten bastelt. Als der Einsatzbefehl kam, war er an Bord des Zerstörers „Antrim“ zu Manövern vor Gibraltar. Der hochgewachsene Mann mit dem sandfarbenen Haar aus der südenglischen Region Cornwall, dessen Navy-Karriere ab 1954 sich großteils um U-Boote gedreht hatte, war seit Sommer 1981 Konteradmiral und Kommandeur der I. Flottille in Portsmouth gewesen, einem Verband aus 22 Zerstörern und Fregatten. Wie er im Buch mit seinen Memoiren* beschreibt, war ihm fad dabei: „Zuviel Herumstolziererei, Fahnengeflatter, Eiswürfelgeklimper, Gabelgeblitze und müßige Plauderei. Ich hasse das und dachte mir, ich hätte lieber echte ,Action‘. Und da besetzen die Argentinier in entgegenkommender Weise die Falklands - und ich wünschte mir, ich hätte diesen Gedanken nie gehabt.“

Von den Inseln habe er wenig Ahnung gehabt. „Die Falkländer lebten im Hinterhof der Welt“, sagt er, und in sein Tagebuch hat er Anfang April 1982 notiert: „Natürlich sind die Falklands keinen Krieg wert. Aber natürlich darfst du die Argentinier oder sonst jemanden nicht mit einem internationalen Raub davonkommen lassen. Es ist immer die ,Wenn nicht hier, wo denn dann‘-Frage.“ In einer Botschaft an die Crews seiner Schiffe am 7. April fand er ebenfalls keine moralisch „anfeuernden“ Kriegsgründe sondern nur ein Prinzip: „Bis jetzt wart ihr offenbar alle fit genug, den Queen’s shilling zu nehmen (gemeint ist der Sold; der Queen’s bzw. King’s shilling war früher eine Münze, mit deren Annahme man fürs Militär verpflichtet wurde, Anm.). Jetzt müsst ihr ihn eben auf die harte Tour verdienen.“

Hart, ruppig, ja arrogant sind Eigenschaften, die man dem Admiral zuschreibt, mit einigen wichtigen Offizieren war er während des Feldzugs latent zerstritten. Einige Freunde sagten, der Sohn eines Bankangestellten überspiele nur Schüchternheit. Tatsächlich ist sein Ton recht rau, er mag es gar nicht gern, wenn man ihm ins Wort fällt. Und so lass ich ihn erzählen: Von den Fliegerbomben der Argentinier, die meist nicht hochgingen, weil ihre Jets wegen der Flak so tief fliegen mussten; vom Kreuzer Belgrano, den er von einem U-Boot versenken ließ, weil er einen Überraschungsangriff fürchtete; von jüngeren Captains, die viel zu nervös gewesen seien: „Wenn die einen Shrimp furzen hören, werfen sie gleich eine Bombe drauf!“ Er erzählt von technischen Defekten und überraschenden Unzulänglichkeiten moderner Waffen. Und von seiner steten Angst, die „Argies“ würden auch nur einen seiner zwei Träger versenken: Da wäre die Sache vorbei gewesen.

Er erzählt von Dingen die ich ja nicht schreiben dürfe und hier nur andeute: Etwa, dass einer seiner Captains psychisch labil gewesen sei und zu Nachlässigkeiten und Zwangshandlungen geneigt habe. „Er war kaputt, aber wir konnten ihn 8000 Meilen von zuhause nicht ersetzen.“

Kurz nach der Niederlage der Argentinier machte der Admiral einen Rundflug über die Falklands. In sein Tagebuch notierte er: „Sehr wie der Norden von Schottland. Dunkel, kalt, windig, aber immer wieder sonnige Flecken. Holzrauch in klarer Luft, aber kristallklare Sicht. Viele Schafe, wenige Menschen. Rauer Torfboden, Felder voller Granitfelsen, Büschelgras, fast alles davon durchnässt. 20 Grad wärmer und es wäre hier das Jacht-Zentrum der Welt. Aber so wie’s ist, verdammt übel. Ganz sicher kein Juwel in der Krone der Queen.“

1989 verließ er die Navy drei Jahre vor der Pension. „Die wollten mich zur Nato nach Brüssel schicken. Ich hatte keine Lust, dort hatte keiner Ahnung vom Krieg. “ Überhaupt sei nach einem Krieg alles anders, ja unwichtig. Anfang der 90er ließ er sich von seiner Frau scheiden, die zwei Kinder („Kinder? Das klingt seltsam, wenn die in ihren Fünfzigern sind!) leben in Kalifornien bzw. Surrey, Südengland. Er wohnt seit damals hier in Bosham, einem pittoresken 3000-Seelen-Dorf am Meer nahe Portsmouth, das im Wandteppich von Bayeux aus dem 11. Jhdt. vorkommt und in dessen Nähe Harald II., Englands letzter angelsächsischer König, wohnte, bevor der Normannenherzog Wilhelm der Eroberer seiner Kurzzeitherrschaft im Oktober 1066 ein Ende machte.

Der Admiral wohnt in einem uralten Haus, das zusammen mit anderen in einer Reihe am Uferweg steht. Es hat rote Dächer und als einziges hellblaue Fassaden. Die Wände der niedrigen Räume sind, mit Ausnahme der Küche, zartrosa gefärbelt, von den Sofas, Polstern, Teppichen und Lampenschirmen im Wohnzimmer quillt Pastell und alles ist altersüberladen mit Porzellanfiguren, Familienfotos und kitschigen Bildern von Schwänen, Wäldern, traurigen Menschen und dem Meer. Ich sehe auf ein Regal mit Porzellantellern und -Krügen, da ist ein Porzellanpferd, und hinter mir, im Aufgang zum Obergeschoss, klackt eine Wanduhr.

Zwischenzeitlich schaut Helen vorbei, eine dieser ultrafreundlichen Damen fortgeschrittenen Alters mit akzentfreiem Tee-mit-Milch-Englisch, die es „lovely“ findet, dass ich erstens aus Austria und zweitens schon zweimal auf den Falklands gewesen bin. Die zwei mögen einander, ganz klar, der Admiral sagt, dass ihr das Haus gehöre, aber ich frage nicht nach, wie sie zueinander stehen. Man fragt einen Admiral so was nicht. Ich bin ja nicht Vera Russwurm.

Nach Süden hin zum Uferweg ist eine Terrasse, der Himmel ist blau wie ein Gasflämmchen an diesem Tag und man sieht in etwa 200 Metern Entfernung hinter einer wiesenartigen Fläche ein schmales Flüsschen, auf dem Boote treiben. Das Flüsschen tritt, wie alle hier in der Gegend, jeden Tag über die Ufer und überschwemmt weite Flächen, denn Bosham liegt am Chichester Harbour, einer Ausstülpung des Meeres, die sich ins Landesinnere verzweigt, und das Flüsschen ist in Wahrheit ein Meeresarm und gehorcht Ebbe und Flut. Die wiesenartige Fläche ist ein Watt, feuchter Sand mit leuchtend hellgrünen Algenflächen wie nasser Pelz, es klatscht saftig, wenn man darüber geht, dazwischen schwarzgrüne Tanggestrüppe und Muscheln, schwerer Geruch nach Salz, abgestandenem Wasser und Algen und bisweilen verfaulendem Fisch. Boote liegen schräg im Watt.

„Das Wasser kommt über den Weg bis zur Terrasse“, sagt der Admiral, „und wenn wir Springflut haben und eine Brise von Süden, dann klatscht es schon mal drüber bis zur Glastür zur Küche.“ Natürlich wird dann auch der Uferweg überschwemmt, an der Zufahrt geben Warnschilder täglich die Überschwemmungszeit an. Man sollte bis dahin umgeparkt haben.

Zu Mittag gehen wir ins „Anchor bleu“, ein angrenzendes Pub der gepflegteren Ausflugssorte mit dunklem Holz und Speisen wie Lamm/Rosmarin-Burger und Räucherhuhnsalat mit Avocado. Der Admiral ist nicht mehr so gut zu Fuß, seit einem Schlaganfall vor einigen Jahren, er ist links schwach und schlurft. Er nimmt ein Fisherman’s Lunch mit Garnelen, Lachs, Hering und Krebs, ich klassisch Fish&Chips, und über einem Pint Ale erzählt er von den alten Zeiten. Etwa, wie er Anfang 1951 als Kadett auf dem Ausbildungskreuzer „Devonshire“ in die Karibik fuhr. Das Deck mussten die Burschen barfuß schrubben, auch wenn im Atlantik das Putzwasser am Holz anfror und die Zehen brannten. Dann kamen sie in den Hafen von Kingston, Jamaika, „und ich erinnere mich, wie ich im gelben Morgenlicht eine Messing-Klampe polierte, an den Geruch von Messing und Salzwasser und die unglaublich vielen frischen Früchte zum Frühstück, so viele hatten wir seit Jahren nicht gesehen.“ Er spricht von den Geräuschen und Gerüchen von La Valletta, Malta, wo er Mitte der 1950er zwei Jahre als Offizier an Bord des U-Boot „Sanguine“ stationiert war. „Und all der Wein, der Fisch, hat alles fast nichts gekostet.“

Sein erstes U-Boot als Commander war 1960-62 die „Tireless“, doch richtig zappelig wird der Admiral, als er von seiner Zeit als Commander des Atom-U-Boots „Warspite“ Anfang der 1970er erzählt. „Wir lagen oft vor Murmansk, wo die Russen ihre Nordflotte haben. Die Typen waren so inkompetent, wir hätten jederzeit anklopfen können. Einmal sind wir sozusagen auf Armlänge um eines ihrer strategischen U-Boote gekurvt, um seine Höhe zu messen. Daraus kann man die Reichweite der Raketen schätzen. Die haben nichts bemerkt. Ein anderes Mal parkten wir unter dem Hubschrauberträger „Leningrad“ (Anm.: ein U-Jagd-Schiff), vielleicht 20 Meter tiefer. Nach etwa einer Stunde haben die bemerkt, dass was faul ist, ein Zerstörer dampfte heran, pingte. Wir legten das Ruder hart an, gaben Gas und liefen in Gegenrichtung unter dem Zerstörer in die Tiefe und weg. Ich hab den Kapitän der Leningrad später kennengelernt, wir schreiben einander manchmal e-Mails.“

Ehrgeiz und Karrierestreben mag er nicht: „Das sind Plagen, sie bringen Diktatoren und andere blöde Menschen hervor.“ Ich grinse. Höhere Weihen habe er nie angestrebt, es sei einfach alles so gekommen, wie es gekommen sei. „Ich hatte es nie darauf abgesehen, einen Platz in irgendjemandes Geschichtebuch zu bekommen.“

Gegen halb vier breche ich auf, steige von der Terrasse hinunter zum Wagen am Uferweg. Der Admiral steht auf der Terrasse vor dem blauen Haus unter dem blauen Himmel im blauen Hemd und winkt. Seine weißen Haare leuchten und er schmunzelt schelmisch.

Fünf Minuten später fällt mir ein, das ich etwas vergessen habe: Mir sein Buch signieren zu lassen. Ich drehe um, fahre durch eine kitschige Wohngegend mit Fachwerkhäusern und überladenen Gärten und parke beim Admiralshaus. Ich gehe vor in die Gasse zum Haupteingang und klopfe an, zögerlich, ich denke, es ist unpassend. Stille. Ich schau bei den Fenstern hinein, rechts in die Küche, links ins Wohnzimmer. Zuvor hatte der Admiral gesagt, dass oft Touristen hereinglotzten: „Dann schau ich manchmal so drein“, er schnitt eine Grimasse und streckte die kaffeebraune Zunge heraus. Jetzt liegt er auf einer Art Lehnstuhl, der in die Horizontale ausgeklappt ist, und schläft. Er hat die Hände über dem Bauch gefaltet und sieht friedlich aus, wie in einer Vitrine. „Wovon träumt ein Admiral?“, denke ich, fühle mich wie ein ertappter Gaffer und gehe. Hinter dem Haus kriecht die Flut übers Watt heran, Meter um Meter.

*One Hundred Days: The Memoirs of the Falklands Battle Group Commander“, HarperPress, 3. Auflage 2012, 511 Seiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.06.2012)

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