Diese EM wird in die Geschichte eingehen. Ganz dem Motto „Creating History together“ folgend. Die Überdrüber-Mannschaft, die haben wir noch nicht wirklich ausfindig gemacht, wenngleich bisher vieles der Papierform entsprochen hat. Alles läuft darauf hinaus, dass sich am kommenden Sonntag in Kiew die beiden als Topfavoriten gehandelten Teams gegenüberstehen. Auf der einen Seite die Spanier, Weltmeister und Titelverteidiger von Wien, auf der anderen Seite zur Abwechslung diese Deutschen. Immer dann, wenn es darauf ankommt, sind sie zur Stelle, Einzüge ins Semifinale haben sie seit Jahren gepachtet.
Die Euro 2012 hat uns schon vieles gelehrt, sie wird aber auch als erste Social-Media-EM in die Fußballgeschichte eingehen. Facebook, das war einmal, Twitter heißt das neue Zauberding, das den Ball erobert und in Beschlag genommen hat. Man könnte den Eindruck gewinnen, ganz Deutschland macht mit, was die Finger so hergeben. Auch die Engländer mühen sich redlich. Und wir Österreicher kommen aus dem Staunen nicht heraus. Die Zuschauerrolle vereinfacht vieles, da lässt sich gut Oberlehrer und Chefkritiker spielen. Wer einen Marko Arnautovic hat, braucht keinen Balotelli oder Cassano.
Joseph S. Blatter twittert schon länger, er ist ein Mann der ersten Stunde. Der Fifa-Präsident hat es nun geschafft, endlich auch Franz Beckenbauer mit ins Boot zu holen. Der „Kaiser“ mischt sich nun tatsächlich unters gemeine Fußvolk, die Fans atmen auf. „Also gut, dann lasst uns halt ein bisschen zwitschern“, hat er der Twitter-Gemeinde hinterlassen. Fast 29.000 Fußballinteressierte haben sich an seine Fersen geheftet, bisher hat er es genau auf neun Mitteilungen (Tweets) gebracht. Zuletzt der trockene Kommentar: „Eine hoch überlegene deutsche Mannschaft hat verdient 4:2 gewonnen.“ Das hat gesessen. Ohne Beckenbauer wäre die Community wohl rettungslos verloren.
Auch Oliver Kahn, der sich so wacker schlägt im TV-Studio zu Usedom, versteht es zu verblüffen. Der ehemalige Bayern-Weltklassetormann hält bei acht Tweets. „Wir werden Europameister“, hat er kühn verkündet. Viel ist dann nicht mehr gekommen. Aber zumindest ein Appell an Beckenbauer: „Wünsch mir viel Glück heute Abend.“ Hätten die Griechen gewonnen, Kahn hätte glatt ein Vollbad in der Ostsee nehmen müssen. Aber Griechenland war weit davon entfernt, den „Titan“ in Verlegenheit zu bringen. Wäre auch nicht auszuhalten gewesen, wenn Kahns Smartphone nass geworden wäre und den Geist aufgegeben hätte.
Im Netz herrscht seit dem Eröffnungsspiel ein weltweiter Wettbewerb, wer als Erster die kurioseste Statistik ausgräbt, vom virtuellen Torjubel ganz zu schweigen. Besonders angetan waren die Deutschen von den kleinen Fäustchen der Angela Merkel, manche wollen sogar erkannt haben, dass es zwischen der Kanzlerin und Michel Platini auf der Tribüne „gefunkt“ habe. Die beiden werden sich womöglich beim Finale wiedersehen, das hat Merkel jedenfalls dem Löw-Team nach dem Semifinaleinzug versprochen. Keine Rede mehr von Boykott, Schwarz-Rot-Gold hat oberste Priorität. Was interessiert die Kanzlerin das Geschwätz von gestern. Oder Beckenbauer das Gezwitscher von morgen.
E-Mails an: wolfgang.wiederstein@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.06.2012)
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