Zu wundervollen Klängen von Chopin wurde die Europameisterschaft in Warschau feierlich eröffnet, das Turnier in Polen und in der Ukraine kann also getrost seinen Lauf nehmen. Die drittgrößte Sportveranstaltung, die es nach Olympia und Fußballweltmeisterschaft gibt, wird allerdings bis zum Finale am 1. Juli in Kiew unter besonderer Beobachtung bleiben. Wie so oft treffen Sport und Politik aufeinander, daran wird sich bis zum letzten abgegebenen Schuss auf Europas teuersten Rasen nichts ändern. Selten zuvor sind die rein sportlichen Fragen vor einer Euro so in den Hintergrund gedrängt worden wie diesmal.
Die Austragung der Spiele war eine Zeit lang sogar gefährdet, später gab es Boykottaufrufe, die Timoschenko-Frage wird diese EM ebenso immer wieder begleiten. Auf Menschenrechtsverletzungen wird empfindlich reagiert, viele EU-Politiker drücken ihren Protest mit Abstinenz aus.
Die Europäische Fußball-Union hat nach dem organisatorischen Chaos spät eingegriffen und lange zugewartet, um auf die Regierungen Druck auszuüben. Uefa-Präsident Michel Platini hat mehrmals betont, mehr ein ehemaliger Sportler als ein Politiker zu sein. Der ehemalige französische Weltklassespieler hat dabei allerdings vergessen, dass die Uefa immer schon sportpolitische Entscheidungen getroffen hat. Die Euro 2012 an Polen und die Ukraine zu vergeben, das hatte rein politische Gründe. Und es ist kein Zufall, dass die Weltmeisterschaft 2018 in Russland ausgetragen werden soll. Der Ostmarkt, der lockt eben auch die Fußball-Union. Es geht um Marktanteile, um Millionen. Nicht in Zloty oder Rubel, sondern in Euro. Oder Schweizer Franken.
Mit Kritik hat sich die Uefa auffallend stark zurückgehalten, den Kampf hat Michel Platini dieser Tage allerdings dem Rassismus im Fußball angesagt. Erst vor wenigen Tagen ist es bei einer Trainingseinheit der Niederländer in Krakau zu einem Zwischenfall gekommen. Anhänger des heimischen Erstligisten Wisla Krakau haben Urwaldgeräusche in Richtung dunkelhäutiger Spieler gemacht und geschmäht. Bert van Marwijk, der Oranje-Bondscoach, reagierte mit Sarkasmus. „Jetzt wissen wir wenigstens, was uns bei dieser Euro erwartet – tolle Stimmung...“
Die Schiedsrichter sind jedenfalls angewiesen, auf derlei unschöne Szenen und Skandale in den Stadien zu reagieren. Sie können für den Fall, dass es zu rassistischen Beschimpfungen auf dem Rasen kommt, ein Match unterbrechen. Oder sogar beenden. Wobei Platini vor Selbstjustiz warnt. „Wenn ein Spieler beleidigt wird, dann nimmt der Schiedsrichter die Strafe vor. Spieler aber haben das nicht zu entscheiden.“ Wie diese Strafe genau auszusehen hat, das hat der Uefa-Präsident allerdings nicht beantwortet. Wie die Europäische Fußball-Union mit rassistischen Fangruppen verfahren will, bleibt ebenfalls offen. Aber die Euro 2012 ist ja noch sehr jung, bis 1. Juli wird man sicher eine Lösung finden.
Der härteste Kern verschiedener harter Fangruppierungen in Polen und der Ukraine gilt als gewaltbereit, wenn nicht sogar als brutal. Vor allem als fremdenfeindlich. Ein österreichischer Journalistenkollege hat das im Warschauer Zentrum hautnah zu spüren bekommen. Mit einem Faustschlag in den Magen ist er letztlich aber noch glimpflich davongekommen.
E-Mails an: wolfgang.wiederstein@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2012)
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