Der Präsident des Weltfußballverbandes (Fifa) spricht nicht nur gern, er twittert auch, was das Zeug hält. Zwar nicht ganz so schlimm wie Boris Becker, aber doch. Er muss jedenfalls die Fehlentscheidung von Donezk als Genugtuung empfunden haben, zumindest fühlt er sich in seinem Drängen nach Reformen voll und ganz bestätigt. „Nach dem Spiel der vergangenen Nacht ist die Torlinien-Technologie keine Alternative mehr, sondern eine Notwendigkeit“, teilte Joseph S. Blatter mit. Der ungarische Torrichter hat versagt, die Ukrainer werden noch einige Tage lang vor Wut schäumen, ausgeschieden sind sie dennoch. Weil Tatsachenentscheidungen nicht zurückgenommen werden können. Aber auch niemand beantworten kann, was passiert wäre, wenn...
Völlig unverständlich bleibt, warum sich Michel Platini fast schon starrsinnig weigert, Torlinien-Technologie eine Chance zu geben. Der französische Uefa-Präsident ist der Meinung, der europäische (Spitzen-)Fußball braucht so etwas nicht. Der ehemalige feine Techniker steht mit Chips, GPS, Satellit und dergleichen auf Kriegsfuß, er vertraut lieber menschlichen Augen. Und nimmt damit auch menschliches Versagen in Kauf. Immer wieder passieren Fehler, weil Torlinienrichter ausgerechnet im entscheidenden Moment optischen Täuschungen unterliegen. Da kann Platini noch einige hunderte Mal betonen, dass es der Job eines Torrichters ist, zu sehen, ob ein Ball hinter der Linie ist – wenn er es nicht anzeigt, ist das Malheur geschehen.
Es ist nicht Aufgabe der Uefa, Ungerechtigkeiten zu ermöglichen, es ist Aufgabe eines Verbandes, Fehlentscheidungen einzudämmen. Wenn das menschliche Auge für den heutigen Fußball zu langsam geworden ist, dann muss sich diese Sportart der Technologie bedienen. Auch im Tennis ist es längst gang und gäbe, sich nicht nur auf die Wahrnehmungen eines Schiedsrichters zu verlassen, sondern sich künstlicher und piepsender Radaraugen zu bedienen. Es ist unsportlich bis fahrlässig, im Jahr 2012 der Technik noch immer nicht zu vertrauen. Aber offenbar kann sich Platini an Wembley-Toren einfach nicht sattsehen.
E-Mails an: wolfgang.wiederstein@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2012)
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