Zürich/Wien. Der Fifa-Präsident ist wieder einmal unter Beschuss geraten, der Korruptionsskandal wirft dunkle Schatten auf den Weltfußballverband. Joseph S. Blatter trat nun die Flucht in die Offensive an. Der Funktionär legte im „SonntagsBlick“ seine Sicht der Dinge dar und holte zum Gegenschlag aus. Er antwortete mit Vorwürfen gegen die WM-Vergabe 2006 in Deutschland und deutete in diesem Zusammenhang ebenfalls Korruption an.
Beim Thema „gekaufte WM“ schildert Blatter folgende Begebenheit: „Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, als im letzten Moment jemand den Raum verließ und man statt 10:10 bei der Abstimmung ein 10:9 für Deutschland hatte. Ich bin froh, ich musste keinen Stichentscheid fällen. Da steht plötzlich einer auf und geht. Vielleicht war ich da zu gutgläubig und naiv.“ Was wollte der Fifa-Präsident damit andeuten? „Ich vermute nichts, ich stelle fest.“
Diese Episode wirbelte gehörig Staub auf. Franz Beckenbauer, der die WM als Chef des Organisationskomitees nach Deutschland geholt hatte, war empört. „Ich kann Blatters Äußerungen und Andeutungen nicht nachvollziehen. Sie sind falsch! Er irrt ja schon beim Ergebnis. Es war 12:11 für uns, nicht 10:9.“ Durch die Enthaltung von Charles Dempsey habe Deutschland sogar eine Stimme verloren und nicht gewonnen...
„Die wollen mich weghaben“
Der ehemalige Fifa-Präsident João Havelange hat 1,5 Millionen Franken Schmiergeld, Ricardo Teixeira als Exekutivkomiteemitglied 12,7 Millionen kassiert. Eine Mitwisserschaft dementiert Blatter entschieden. Sein Medienberater Bernd Fisa autorisiert dazu folgendes Statement des Schweizers: „Ich habe es erst später erfahren, nach dem Kollaps der Agentur ISL 2001. Es war die Fifa, die damals Strafanzeige erstattete und den ganzen Fall ins Rollen brachte. Wenn ich nun sage, es sei schwierig, die Vergangenheit an heutigen Maßstäben zu messen, dann ist das eine generelle Feststellung. Ich heiße weder Bestechung gut, noch unterstütze oder rechtfertige ich sie. Genau das wird mir jetzt vorgeworfen. Das Bundesgericht hat all jene Leute Lügen gestraft, die behaupten, ich hätte Schmiergelder empfangen. Jetzt versuchen die gleichen Leute, mich auf der zweiten Ebene zu attackieren. Okay, er hat zwar kein Schmiergeld kassiert, aber er muss davon gewusst haben. Nein, nochmals: Erst nach dem Kollaps von ISL, Jahre später. Die Leute, die mich attackieren, wissen, dass es so ist. Aber sie wollen mich weghaben.“
Fifa-Präsident Blatter geht im „SonntagsBlick“ auch auf Distanz zu Havelange. „Das Thema soll beim nächsten Kongress behandelt werden.“ Dann stellt der Walliser klar: „Er muss weg. Er kann nicht Ehrenpräsident bleiben.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)

