Sein Lachen ist ansteckend, seine Tore schön anzusehen. Hütteldorf liegt Terrence Boyd zu Füßen. Selten hat sich ein Neuzugang beim Rekordmeister dermaßen schnell in die Herzen der Fans geschossen. Beim 4:0-Heimsieg zum Meisterschaftsauftakt gegen Wacker Innsbruck tat Boyd dies gleich zwei Mal, glänzte außerdem als uneigennütziger Vorlagengeber.
14.800 Zuschauer unterhielten sich angeregt über den US-Amerikaner, dieser empfand seine Bundesliga-Premiere und die Stimmung im Stadion als „geil“.
Noch vor wenigen Wochen war Boyd ein Provinzfußballer. In der vierten deutschen Liga, der Regionalliga West, konnte der Stürmer von enthusiastischen Fanmassen nur träumen. Im Trikot der zweiten Dortmunder Mannschaft spielte Boyd vor durchschnittlich 800 Zuschauern auf. Im Westen Wiens taucht der 21-Jährige somit in eine neue Fußballwelt ein.
Guter Rat ist nicht teuer
Andreas Herzog kennt die grün-weiße Welt nur zu gut und nimmt Boyds Entwicklung wohlwollend zur Kenntnis. Der Ko-Trainer der US-amerikanischen Nationalmannschaft mit sieben Jahren Rapid-Vergangenheit betrieb in Hütteldorf Werbung für Boyd. „Peter Schöttel hat mich gefragt, ob ich einen Spieler kenne, der zu Rapid passen könnte“, erinnert sich der 43-Jährige im „Presse“-Gespräch.
Herzog grübelte nicht lange und empfahl den Jungnationalspieler. Schöttel ließ Boyd in Deutschland einige Male beobachten, ehe er sich für eine Verpflichtung stark machte. Boyd gab Rapid den Vorzug gegenüber deutschen Zweitligaklubs. Über die Ablöse wurde Stillschweigen vereinbart. Kolportiert werden 200.000 Euro, die sich womöglich als goldene Investition herausstellen.
„Terrence hatte einen sehr guten Einstand“, sagt Herzog, der gemeinsam mit Ex-Lask-Trainer Matthias Hamann für das Scouting der US-Spieler in Europa zuständig ist. Gleichzeitig warnt der Rekordnationalspieler vor zu großer Euphorie: „So wie es jetzt läuft, wird es nicht ewig weitergehen.“
Das schlechte Vorbild Balotelli
Herzog beobachtete den Sohn einer deutschen Mutter und eines amerikanischen Vaters erstmals im Vorfeld seines Länderspieldebüts beim 1:0 in Italien Mitte Februar. „Terrence hat mir schon beim ersten Training mit seinem extremen Zug zum Tor und seiner Zweikampfstärke imponiert. Er ist ein lockerer Hund. Einer, der sich nichts pfeift“, schwärmt Herzog, der auf weitere starke Spiele Boyds im Trikot der USA und von Rapid hofft. Er dürfe sich nun nur nicht zurücklehnen, müsse weiter hart arbeiten „und noch mehr Tore schießen“. Dann stehen Boyd alle Türen offen, könnte er sich während seiner dreijährigen Vertragslaufzeit bei Rapid auch für internationale Topklubs empfehlen.
Boyd bezeichnet sich selbst als abenteuerlustig, er genießt das Leben. Abseits des Platzes sollte er dies in Maßen tun. Herzog: „Er ist gut beraten, nicht annähernd so wie Balotelli zu werden. Sonst hat er jede Woche ein Problem.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2012)

