Wien. Es gibt Tage, da versteht der sonst so abgeklärt und besonnen wirkende Marcel Koller die Fußballwelt nicht mehr. Der Schweizer hat rund um das freundschaftliche Länderspiel gegen die Türkei vielleicht mit vielem gerechnet, nicht aber mit einem Eklat. Der 2:0-Sieg im Happel-Stadion trat angesichts des lautstarken Abgangs von Paul Scharner fast in den Hintergrund, auch am Tag nach dem Spiel war der eigenwillige und als Querkopf bekannte Profi Gesprächsthema Nummer eins.
Österreichs Teamchef hat für die Aktion des langjährigen Legionärs, der es auf 40 Länderspiele gebracht hat, jedenfalls kein Verständnis. Mit der von Paul Scharner in einem „News“-Interview getätigten Kritik an seiner Person kann Marcel Koller auch nichts anfangen. Er wies sie schärfstens zurück.
„Ich versuche jeden respektvoll zu behandeln“, bezog Koller Stellung. „Wenn Scharner das Gefühl hat, dass es bei ihm nicht so war, dann wäre es nur respektvoll gewesen, wenn er zuerst mit mir darüber gesprochen hätte.“ Nachsatz: „Und nicht damit an die Öffentlichkeit gegangen wäre.“ Der ehemalige England-Legionär, der vor einer Woche zum Hamburger SV gewechselt ist, hat dem Teamchef einen Brief geschrieben. Über den Inhalt des Schreibens wollte sich Koller nicht näher äußern, er meinte dazu nur: „Der Brief ist eine reine Selbstdarstellung von ihm.“
„Schnitzel – schmeckt lecker“
Auch der Vorwurf, Koller habe sich über die Sommermonate als Teamchef verändert („Jetzt haben sie ihn weich geklopft wie ein Schnitzel“), löste Kopfschütteln aus. Marcel Koller kostete der Vergleich sogar einen herzhaften Lacher. „Ich esse nicht jeden Tag ein Schnitzel“, sagte er. „Aber es schmeckt richtig lecker.“
Wobei der Schweizer darüber rätselt, was den Meinungsumschwung bei Scharner ausgelöst hat. „Vorher war alles gut“, so der Teamchef. „Und als er wusste, dass er gegen die Türkei nicht von Beginn weg spielen wird, war auf einmal alles schlecht.“ Koller selbst sieht sich in Österreich keiner Veränderung ausgesetzt. „Vielleicht sind mir ein paar Haare ausgefallen, das ist aber auch schon alles.“ Am Dienstag in den Mittagsstunden hatte Paul Scharner um ein Gespräch mit Österreichs Fußball-Cheftrainer gebeten. Koller erklärte dem HSV-Legionär, der zuletzt gegen die Ukraine und gegen Rumänien in der Innenverteidigung gespielt hat, dass er nicht erste Wahl sei. Auch einen Stammplatz für die im September beginnende WM-Qualifikation konnte der Teamchef dem mittlerweile verlorenen Sohn nicht bieten, geschweige denn versprechen. Daraufhin beschloss Paul Scharner, die Koffer zu packen. Die Chance, seine Meinung zu revidieren, ließ er ungenützt.
Erst am Montag hat Marcel Koller den erfahrenen Defensiv-Allrounder in den Mannschaftsrat berufen, Scharner aber sieht das lediglich als eine Art Ablenkungsmanöver, weil er nur als Ersatzmann gesehen werde. „Wenn ich der Meinung wäre, es reicht nicht, dann hätte ich ihn nicht nominiert“, kontert der Teamchef. Aber in der Innenverteidigung gibt es derzeit den größten Konkurrenzkampf, „und diesen hat er nicht angenommen“.
Zum Abschluss erklärte Koller: „Ehrlich gesagt finde ich Scharners Interview lächerlich.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.08.2012)

