Zwei Jahre sind vergangen und Andrew Warshaw begreift die Logik noch immer nicht. „Es ist ja nicht so, dass ich das große Geld verlange“, sagt er verzweifelt. Über Jahre hatte Warshaw Texte für das Stadionheft des FC Portsmouth geschrieben, als ihn der Verein im Februar 2010 plötzlich nicht mehr bezahlte. „Es geht um 2000 Pfund, für mich ist das viel Geld.“ Aber spätestens seit der Klub im Februar dieses Jahres erneut in die Insolvenz geschlittert ist, hat Warshaw alles abgeschrieben. Er erwartet, dass nun noch mehr Betriebe und Einzelunternehmer seine Erfahrungen machen werden. „Da wird wieder kein Geld an Gläubiger fließen.“
Mit den zwei Pleiten innerhalb von zwei Jahren hat FC Portsmouth, der FA-Cup-Sieger von 2008, durch häufig wechselnde Besitzer mehr als 100 Millionen Pfund an Schulden angehäuft, die nicht bedient werden konnten. An diesem Wochenende startet der Verein in der dritten Liga, mit einem Zehn-Punkte-Abzug und einer ungewissen Zukunft, solange kein neuer Investor gefunden ist. Die Geschichte von Portsmouth ist symptomatisch für die vielen Dinge, die im englischen Fußball schieflaufen. Immer wieder geht es um Schulden, Besitzverhältnisse, moralisch fragwürdige Fußballstatuten und den unbedingten Willen zum schnellen Erfolg. Dabei soll ab diesem Jahr vieles anders werden.
Ein erheblicher Spielraum. Neue Regeln, die nachhaltiges Wirtschaften garantieren sollen, greifen nun in den oberen vier Spielklassen, die in England allesamt Profi-Ligen sind. Während die Premier League auf die Wirkungskraft des im letzten Jahr eingeführten Uefa Financial Fair Play (FFP) baut, haben die unteren Ligen ihre eigenen Statuten entwickelt. Die zweite Liga, genannt Championship, schreibt ähnlich wie beim FFP vor, dass sich die Einnahmen und Ausgaben decken, wobei es anfangs noch erheblichen Spielraum gibt. In der dritten und vierten Liga wurden Lohngrenzen relativ zu den Erlösen eines Vereins eingeführt. In der League One, der dritten Liga, darf ein Klub höchstens 65 Prozent seiner Einnahmen für Gehälter ausgeben, in der League Two, der vierten Liga, zunächst 55 Prozent. Über die Jahre sollen diese Werte gesenkt werden und wer gegen die Regeln verstößt, erhält künftig Geldstrafen oder Transferverbote.
Plan geht selten auf. So soll vermieden werden, dass der englische Fußball mit noch mehr Geld voll gepumpt wird, mit dem viele Vereine nicht umgehen können. In der Saison 2010/11 gab die Premier League durchschnittlich 70 Prozent ihrer Einnahmen für Spielergehälter aus, in der zweiten Liga lag der Schnitt bei 90 Prozent. Seit der Einführung der Premier League 1992 haben die Ligen zwei bis vier immer Verluste gemacht, mit steigender Tendenz. Die typische Kalkulation dabei ist, sich den sportlichen Erfolg zu erkaufen, damit nach dem Aufstieg in die Premier League, die reichste Liga der Welt, Einnahmen durch Sponsoren, Fernsehübertragungen, Ticketverkäufen und Merchandising fließen. Aber zu häufig geht der Plan nicht auf. 56 Profiklubs gingen in den letzten 20 Jahren in die Insolvenz.
„Es besteht kein Zweifel, dass die neuen Regeln nötig sind“, nickt Damian Collins in einer Lobby im Londoner Regierungsviertel. Collins ist Parlamentsabgeordneter für die Conservative Party und Mitglied einer Spezialkommission, die sich mit dem Wirtschaften der Fußballklubs beschäftigt. „Aber es muss viel weiter gehen“, fügt er energisch hinzu. Collins kommt auf den Fall Portsmouth zurück. „Da haben Sie ein sehr gutes Beispiel, wie die Gesellschaft die Kosten zahlt, die der Profifußball verursacht.“ Denn beide Male, als der Klub in den letzten zwei Jahren in die Insolvenz ging, haben vor allem die Steuerzahler und die lokale Ökonomie ihr Geld verloren. Mehr als 800 private Gläubiger warten beim aktuellen Insolvenzfall wieder auf ihre Zahlungen. Der Steuerbehörde stehen insgesamt über 20 Millionen Pfund zu.
Viel wird allerdings nicht zu holen sein. Ein Statut der Fußballligen, genannt „football creditors rule“, versichert im Insolvenzfall, dass gegenüber Spielern und anderen Vereinen die vollen Schulden gezahlt werden müssen, damit der Verein weiter im Ligabetrieb spielen darf. Implizit werden Schulden außerhalb des Fußballsystems so zu zweitrangigen Verpflichtungen. „Spielergehälter sind für einen Verein aber der mit Abstand höchste Kostenfaktor“, beschwert sich der Ökonom John Beech, der an der Coventry University „Football Finance“ lehrt. Die Schuldenmasse, von der die verbleibenden Gläubiger ihre Forderungen aufteilen können, wird massiv geschrumpft.
Keinen Penny gesehen. „Im Prinzip musst du so etwas wissen, wenn du mit Fußballklubs ins Geschäft kommst“, sagt Gareth Roberts, dessen Betrieb die Stadionhefte für Portsmouth und andere Klubs gedruckt hat. „Viele Vereine in England werden von Einzelpersonen unterhalten. Ich drucke auch für Chelsea und Fulham, bei denen ist es wie bei Portsmouth, nur dass die bisher nicht pleitegegangen sind.“ Der FC Portsmouth schuldet Roberts 13.000 Pfund vom aktuellen Insolvenzfall, und weitere 10.000 aus 2010. Als zudem der Klub Crystal Palace, der derzeit in der zweiten Liga spielt, vor zwei Jahren Insolvenz anmeldete, blieb Roberts auf Forderungen von 43.000 Pfund sitzen.
Der Masseverwalter von Portsmouth hat im Juni einen Schuldenschnitt von 98 Prozent verhandelt, im englischen Profifußball ein übliches Ergebnis. Aber Gareth Roberts erwartet nicht, dass er auch nur die verbleibenden zwei Prozent erhalten wird. „Bei Crystal Palace habe ich keinen Penny gesehen, bei Portsmouth damals auch nicht. Das wird sich nicht ändern“, sagt er in resignierendem Ton.
Damian Collins will, dass die „football creditors rule“ bald Geschichte ist. „Wir wollen das Insolvenzrecht so ändern, dass der Masseverwalter mehr Rechte bekommt und diese Regel einfach überstimmen kann“, erklärt er mit großen Augen. „Ich habe Unterstützung von allen Parteien. Es gibt keine Entschuldigung, warum das nicht klappen sollte.“ Widerstand kommt von der mächtigen Premier League, die gleich mehrere finanziell ungesunde Klubs aufweist. Deren Vorsitzender Richard Scudamore sagte in einer Anhörung vor Collins' Kommission im Juni, dass er die „football creditors rule“ zwar „moralisch nicht rechtfertigen kann. „Aber es geht um den integren Wettbewerb des Fußballs.“ Jeder Verein müsse schließlich seine Schulden zahlen, weil sonst unfaire Bedingungen entstünden.
Andrew Warshaw versteht das Argument, akzeptieren will er es aber nicht. „Für mich ist es auch unfair. Ich habe für einen Verein gearbeitet, der einigen Spielern mehr als 30.000 Pfund in der Woche bezahlt hat. Diese Spieler müssen ihre Spitzengehälter bekommen. Und meine 2000 Pfund interessieren da niemanden.“
Am Beispiel des FC Portsmouth
Im Februar 2010 stellte der FC Portsmouth als erster Verein in der Geschichte der Premier League einen Insolvenzantrag. Daraufhin wurde der südenglische Klub mit einem Abzug von neun Punkten bestraft. Nach dem 34. Spieltag stand der Abstieg auch rechnerisch fest. Mit dem Erreichen des FA-Cup-Finales gegen den FC Chelsea konnte trotzdem ein Erfolg verzeichnet werden.
Die Saison 2011/12 schloss man als 22. ab, miteingeschlossen waren zehn Punkte Abzug wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten. Damit stand der Abstieg in die drittklassige Football League One fest.
Das Duell. Am Samstag erfolgte der Ankick der englischen Premier League, in der wieder ein Duell zwischen den beiden Manchester-Klubs City und United um den Titel erwartet wird. Als stärkste Herausforderer gelten mit Champions-League-Sieger Chelsea und Arsenal zwei Klubs aus London.
Als einziger Österreicher in der Premier League ist Andreas Weimann, 21, bei Aston Villa dabei.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)

