Wieder war nichts los. Der Münchner Marienplatz sah am 20. Mai 2012 nicht anders aus als sonst. Eigentlich hätte Jupp Heynckes mit seinem Team einen Autokorso durch die Stadt anführen sollen und auf dem Balkon des Rathauses die Trophäen der Saison der jubelnden rot-weißen Masse präsentieren sollen. So wie es beim deutschen Fußball-Rekordmeister FC Bayern seit langer Zeit der Brauch ist. Aber es gab nichts zu feiern. Nicht den Champions-League-Titel, nicht die deutsche Meisterschaft, nicht einmal den DFB-Pokal.
2010 war das noch anders. Louis van Gaal erwies sich vor 100.000 Fans als „Feierbiest“, auf dem Marienplatz wurden Pokal und Schale bejubelt. Da konnte man in München auch das gegen Inter Mailand verlorene Champions-League-Finale verschmerzen.
Diese Zeiten sind vorbei. Van Gaal war schon wenige Monate später Geschichte, als er im Frühling 2011 binnen weniger Wochen alle drei Titel verspielte. Über den Pokal jubelten die Schalker, über die Meisterschale, die man in München als Eigentum betrachtet, freuten sich die Dortmunder.
Ärgerlich, aber noch kein Weltuntergang. Eintagsfliegen, vor allem in Jahren nach einer EM oder WM, kannte man in München. 2009 die Wolfsburger, 2007 die Stuttgarter. Alle stellten sich in der Folge wieder brav hinter dem FCB an. Das „Mia san mia“-Gefühl, das bei den Bayern sogar im Trikotkragen verewigt ist, war schnell wiederhergestellt.
Doch 2012 war es anders. Obwohl man wie immer kräftig vom berühmten Festgeldkonto abgehoben und für 44 Millionen Euro eingekauft hatte, lachte am Ende wieder der BVB. Diesmal in Meisterschaft und Pokalbewerb, garniert mit einem 5:2-Sieg im Cupfinale über den FC Bayern in Berlin. „Schießbuden-Bayern“ riefen die schwarz-gelben Fans von den Rängen. Und als wäre das nicht Demütigung genug, ging auch das Champions-League-Finale „dahoam“ gegen Chelsea unglücklich aus.
Drastische, richtige Maßnahmen. Jetzt ist das bajuwarische Selbstverständnis zutiefst erschüttert. Abzulesen an drastischen Maßnahmen. Sportdirektor Christian Nerlinger wurde entlassen und durch Matthias Sammer ersetzt. Mit der wohl bevorstehenden Verpflichtung des spanischen Europameisters Javi Martinez kratzt der FC Bayern an seinem Transferrekord von 30 Millionen Euro. Und auch Trainer Heynckes muss auf seine alten Tage umdenken. Der 67-Jährige, der sonst lieber mit einem schlanken Kader arbeitet, bekam in jedem Mannschaftsteil mindestens einen Topspieler dazu. Im Sturm raufen sich nun Mario Gomez, Mario Mandžukić und Claudio Pizarro um einen Platz, im Mittelfeld erhöhen Xherdan Shaqiri und wohl bald Martinez den Konkurrenzkampf, in der Verteidigung kaufte man den Gladbachern Abwehrchef Dante weg.
Doch all diese Maßnahmen sind kein blinder Aktionismus. Der FC Bayern hat damit konsequent an seinen Schwachstellen gearbeitet. Matthias Sammer ist – bei aller Impulsivität, die ihm nachgesagt wird – ein klarer Fortschritt gegenüber dem überforderten Nerlinger. Und die Dünne des Kaders war mitentscheidend für die titellose Saison 2011/12. Den Ausfall von Schweinsteiger konnte der Kader nie auffangen. Als Ersatz für Mario Gomez stand damals lediglich Ivica Olić bereit, der nach seiner schweren Verletzung nicht mehr an einstige Glanzzeiten anschließen konnte. Und dass im Champions-League-Finale Mittelfeldspieler Anatoli Timoschtschuk als Innenverteidiger aushelfen musste, wird auch nicht wieder nötig sein.
Natürlich wird der Konkurrenzkampf im Bayern-Kader hart wie lange nicht mehr sein, zumal Shaqiri bereits angedeutet hat, dass er langfristig nicht für eine Ersatzrolle zu haben ist. Auch EM-Held Mandžukić wird nicht monatelang auf der Bank sitzen wollen. Doch sollte Heynckes seine Stars bei Laune halten, dann kann der neue Meister nur Bayern München heißen. 2013 wird dann auch David Alaba, der beste der 17 österreichischen Legionäre in der Bundesliga, auf dem Marienplatz die Schale in die Luft recken.
Zumal Erfolgstrainer Jürgen Klopp in Dortmund mit den Folgen des Erfolgs umgehen lernen muss. Nicht nur, dass sich der 45-Jährige erstmals öffentlich über den Rummel um seine Person beschwerte. Seiner Mannschaft sei in der Vorbereitung der „Biss“ und die Lust auf Pressing abhanden gekommen, die die Borussia so stark gemacht haben. Eine – für Dortmunder Verhältnisse – Flut an Gegentoren war die Folge, auch im Supercup, den man nach einer 1:2-Niederlage den Bayern überlassen musste. Es war die erste Pflichtspielniederlage gegen die Münchner nach fünf Siegen in Serie.
Zunehmende Sättigung. Es ist kaum verwunderlich, dass nach zwei Meistertiteln in Folge, der letzte davon mit der Rekordpunktezahl von 81 Zählern, die Sättigung des Trophäenhungers vorangeschritten ist. In Dortmund hat man mit der bisherigen Bescheidenheit gebrochen und einen Platz in der Champions League gefordert. Den werden die Schwarz-Gelben auch erreichen. Den Abgang von Schlüsselspieler Shinji Kagawa hat man mit der Verpflichtung von Marco Reus abfedern können. Mit Titeln wird es aber in der neuen Saison, die der Meister am Freitag daheim gegen Bremen eröffnet, schwer werden. In Dortmund wäre man wohl auch mit einer besseren Vorstellung in der Champions League zufrieden. Aber zur Not würde man auch einen weiteren Autokorso zusammenbringen.
Jubiläum. Am Freitag beginnt mit dem Spiel zwischen Dortmund und Werder Bremen die 50. Saison der deutschen Bundesliga.
Ösis. 17 Österreicher sind neuer Rekord: Alaba (Bayern), Prödl, Arnautovic, Junuzović, (Bremen), Harnik, Holzhauser, Stöger (Stuttgart), Scharner (HSV), Ivanschitz, Baumgartlinger (Mainz), Radlinger (Hannover), Pogatetz (Wolfsburg), Hoffer (Frankfurt), Stranzl (Gladbach), Almer (Düsseldorf), Fuchs (Schalke), Gregoritsch (Hoffenheim).
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2012)

