Marcel Koller ist zufrieden. Zufrieden mit der Vorbereitung, mit der Übersiedlung in die Wiener Innenstadt, der Schweizer hat die Flucht aufs Land beendet. Und Österreichs Fußballteamchef ist auch zufrieden mit seinen Schützlingen, die schon seit Tagen voll auf das WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland am Dienstag im ausverkauften Happel-Stadion fokusiert sind. Vor allem die Legionäre, die in der deutschen Bundesliga engagiert sind, blicken dem Duell mit Spannung entgegen. Einer davon ist Marko Arnautović. Der 23-Jährige gilt immer noch als Exzentriker mit dem Hang zum Skandalprofi, dabei hat der Spieler von Werder Bremen in der neuen Saison bisher ein ganz anderes Gesicht gezeigt. Arnautović zieht nicht nur rechts im Mittelfeld seine Kreise, sondern er hat neuerdings den Mannschaftsgeist entdeckt. Aber nicht nur das, er hat auch sein Kämpferherz gefunden.
Sich selbst im Weg gestanden. Arnautović polarisiert, auch in Bremen. Der junge Mann ist begabt, das weiß er auch. Sein Talent, behaupten viele in Norddeutschland, hat er in den vergangenen zwei Jahren bei Werder aber viel zu selten aufblitzen lassen. In 44 Spielen, lautete die Bilanz bis zum Sommer, nur neun Tore. Viel zu wenig für einen Profi seiner Klasse. „Er ist sich in der Vergangenheit oftmals selbst im Weg gestanden“, hat Trainer Thomas Schaaf einmal über ihn gesagt. Seit dem Sommer aber wirkt Marco Arnautović fast ein wenig geläutert. Er hat einen Tag vor Beginn der Euro 2012 seine Sarah geheiratet, am 16. Juli wurde er Vater einer Tochter, die auf den Namen Emilia hört. Damit ist der Herr Papa um einen kleinen Schritt erwachsener geworden.
Von heute auf morgen geht so etwas natürlich nicht, schon gar nicht bei einem Marko Arnautović. Die Frage, die man sich stellt: Wie groß ist die Gefahr, dass der österreichische Ausnahmekönner rückfällig wird? Oder zumindest auffällig wird? Erst in seinem Sommerurlaub hat er einen Polizisten in Wien übel beleidigt. „Ich verdiene so viel, ich kann dein Leben kaufen.“ Nach dem Eklat folgte eine Entschuldigung, Arnautović sei in einer Stresssituation gewesen, weil er auf dem Weg zu seiner schwangeren Frau war, der es nicht gut gegangen ist. „Jeder Mensch macht Fehler“, sagt er heute zu diesen Vorfall. „Niemand ist perfekt.“ Aber Marko verspricht Besserung: „Ich muss mich unter Kontrolle bekommen. Als Vater hat man eine große Verantwortung. Die hilft mir dabei, vernünftiger zu werden.“
Der Werder-Legionär fühlt sich oft missverstanden. Manchmal auf dem Fußballplatz, sehr oft von Journalisten. Als große Plaudertasche gilt er nicht gerade, es herrscht Skepsis. Von einem „neuen Arnautović“ will er jedenfalls nichts lesen. Diese Schlagzeile hätte es in den vergangenen Jahren schon zu oft gegeben. „Ich probiere alles zu geben, ich arbeite hart, um auf Topniveau zu kommen. Das wird sich lohnen.“
Nur die Füße spielen. Der Start in die neue Saison hätte besser sein können – aber auch schlechter. Der Niederlage gegen Dortmund folgte ein Sieg über den Hamburger SV (2:0), Arnautović hält bei einem Assist und einem Stangenschuss. Gegen Deutschland will er sein Visier besser eingestellt haben. „Ich bin ruhiger geworden“, behauptet der Österreicher. „Und langsam wird mir bewusst, dass ich auf dem Platz zeigen muss, was ich kann – und nicht draußen. Neben dem Platz sollte ich am besten meinen Mund halten. Still sein und auf dem Rasen meine Füße spielen lassen.“
Dass Marko Arnautović von der WM in Brasilien träumt, dass muss man nicht extra betonen. Mit Werder Bremen will er heuer einen Europacup-Platz erreichen.
Seinen Beitrag dazu soll neben Stürmer Nils Petersen auch der Niederländer Eljero Elia leisten. Er ist das Pendant von Arnautović auf der linken Seite. Die beiden kennen sich noch gut aus gemeinsamen Zeiten bei Twente Enschede. Die Außenbahn reizt den ÖFB-Teamspieler mehr als die Position als hängende Spitze. „Ich kann dort meine Fähigkeiten besser ausspielen bzw. man kann dort leichter etwas ausprobieren.“ Grundvoraussetzungen dafür: Schnelligkeit, technische Perfektion. Wer die direkten Duelle gewinnt, der gilt als Meister. Manche Flanken können für einen Gegner „tödlich“ sein.
Erst unlängst hat Mehmet Scholl als TV-Experte Arnautović näher betrachtet. Und ihn dafür kritisiert, dass der Österreicher immer so finster dreinschaut. Marko Arnautović hat auch diesen Seitenhieb in die falsche Kehle bekommen. „Ich konzentriere mich, da habe ich nichts zu lachen. Würde ich lachen, sagen die Leute noch: Der Arnautović macht sich lustig!“ Heißt wohl im Klartext: Auf dem Platz schaut er weiter böse. Mit ziemlicher Sicherheit auch am Dienstag gegen Deutschland.
Der junge Familienvater bezeichnet sich selbst als „Straßenjunge“, der in Floridsdorf aufgewachsen ist. Nach der Schule führte der Weg regelmäßig in den Käfig. „Wir waren dort eigentlich alle Ausländer – Österreicher gab es dort nicht.“ Türkisch, das war die erste Fremdsprache, die er gelernt hat. In einem Interview mit dem „Datum“ verriet Arnautović unlängst, dass er als Jugendlicher Teil einer Clique war, die um die Häuser gezogen ist. Prager Straße und Brünner Straße, das waren seiner Reviere. „Da ging es darum, wer der Chef im Revier ist. Ich habe da ein paar Mal mitgemacht.“ Nachsatz: „Leider.“ Und weiter meint er: „Aus meinem neuen Leben heraus schüttle ich den Kopf darüber. Heute sehe ich alles anders. Ich würde den Jungs auf der Straße auch sagen, was für einen Scheiß sie da eigentlich tun. Vergesst den Blödsinn, das bringt nichts.“
Marko Arnautović, der mit Politik nichts am Hut hat, bedauert, dass die „Käfige“ in Wien vom Aussterben bedroht sind. „In den Problembezirken ist er zu Hause, in den guten Bezirken wird er verboten. Das ist doch verrückt.“ Dabei würde man auf diesen Bolzplätzen eigentlich alles lernen, was man als Fußballer so braucht. Nur Disziplin und Taktik, die gibt es im Käfig nicht. „Der Käfig ist kein Arbeitsplatz, das ist Spaß. Im Verein ist das Arbeit wie jede andere Arbeit auch. Hier muss man tun, was gesagt wird.“
Aber eines ändert sich auch auf dem Rasen nicht: „Wenn du ein Tor machst“, sagt Marko Arnautovic im „Datum“, „bist du der Held. Wenn du danebenschießt, bist du der Arsch.“ Nicht nur in Österreich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2012)

