Wien. Was bisher geschah, das war das übliche Vorspiel. Die Österreicher huldigten die Deutschen, bei jedem ihrer Worte schwang eine riesige Portion Respekt mit. Die beiden Trainer holten abwechselnd das Weihrauchfässchen hervor, Joachim Löw lobte die positive Entwicklung der österreichischen Mannschaft, Marcel Koller wiederum ließ kaum Gedanken darüber aufkommen, dass die deutsche Nationalmannschaft womöglich nicht mehr ganz so unbesiegbar scheinen könnte. Der große Rivale, mit dem sich Rot-Weiß-Rot so gern misst, ist die aktuelle Nummer zwei der Welt, stand zuletzt bei der Euro 2012 in Polen und in der Ukraine im Semifinale.
„Jetzt geht es um die Wurst“, sagte Marcel Koller als Österreichs Teamchef bei der abschließenden Pressekonferenz am Montag. Der Schweizer, der seit zehn Monaten im Amt ist, steht mit seiner Mannschaft nicht nur vor der beginnenden WM-Qualifikation für die Endrunde 2014 in Brasilien, sondern auch vor seinem Debüt als Teamchef in einem Pflichtspiel.
Die Freundschaftsspiele sind bisher ganz ordentlich verlaufen, zuletzt gab es drei Siege und ein Remis, heuer ist Österreich somit noch ungeschlagen. Deutschland wird zur echten Herausforderung, Bewährungs- und Belastungsprobe. Denn die DFB-Auswahl beherrscht vor allem eines: das Qualifikationsspiel. Und das seit vielen Jahrzehnten.
„Nicht wie ein Hampelmann“
Österreicher haben traditionell gegen Deutsche nicht viel zu lachen; der letzte Sieg „passierte“ im Jahr 1986. In aller Freundschaft gegen zehn Mann bei einer der vielen Stadioneröffnungen in Wien. Frischer sind allerdings schmerzhafte Niederlagen in Erinnerung geblieben. Im September 2011 kassierte Österreicher in Gelsenkirchen ein 2:6-Debakel. Teamchef war damals Dietmar Constantini, die Treffer für den ÖFB gelangen Arnautović und Harnik. Für Deutschland hat ein gewisser Mesut Özil, mittlerweile Superstar bei Real Madrid, dreimal ins Schwarze getroffen.
Beim Teamchef kribbelt es, und er streitet es auch gar nicht ab. „Ich laufe zwar nicht wie ein Hampelmann durch die Gegend“, sagt der 52-Jährige, „aber ich freue mich schon sehr auf dieses Spiel.“ Wenn man die zurückhaltende Art des Schweizers kennt, dann meint er damit: Seht her, ich würde am liebsten einen Luftsprung machen. „Da kriegt man feuchte Hände, das hat aber nichts mit Nervosität zu tun – sondern mit Anspannung. Das Stadion ist seit Wochen ausverkauft, alle Österreicher (Anm.: rund 46.000) werden sich heiserschreien!“
Marcel Koller setzt gegen die Deutschen logischerweise auf seine besten Legionäre, gut möglich, dass erstmals in der ÖFB-Geschichte eine reine Legionärself von Beginn an einläuft. „Jetzt ist es auch von der Trainerseite wichtig, dass wir die nötige Gelassenheit an den Tag legen. Wir müssen konzentriert und konsequent bis zum Abpfiff sein. Wenn wir das hinkriegen, dann bin ich davon überzeugt, dass wir ein gutes Spiel machen können.“
Christian Fuchs, der Kapitän, der bei Schalke Stammspieler ist, sprach zwar von einem „besonderen Spiel“, dennoch ist man sich der Kräfteverhältnisse bewusst. „Wir lassen daher die Kirche im Dorf. Aber wir dürfen uns nicht kleiner machen, als wir sind. Wir müssen an uns glauben!“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2012)


