WIEN Das Vorspiel zum „Spiel der Spiele“ wurde der Bedeutung gerecht. Die deutsche Mannschaft wurde zum Auftakt der WM-Qualifikation im ausverkauften Happel-Stadion mit einem gellenden Pfeifkonzert empfangen. Die Fans scherten sich wenig um den Fair-Play-Tag. Als der Radetzkymarsch aus den Boxen dröhnte, stand das Stadion Kopf. Ein rot-weiß-rotes Fahnenmeer umhüllte die prall gefüllten Tribünen. Erst nach Intervention des Stadionsprechers verstummten die Pfiffe bei der deutschen Hymne.
Die Mannschaft von Bundestrainer Joachim Löw muss zu diesen Zeitpunkt bereits gespürt haben, dass Wien ein ziemlich heißes Pflaster zu werden scheint. Und es dauerte keine zwei Minuten, bis Emanuel Pogatetz gegen Stürmerstar Klose so richtig rustikal einstieg. Um zu zeigen, wer hier der Hausherr ist.
Österreichs Teamchef Marcel Koller vertraute von Beginn an einer reinen Legionärself, das hat es in der ÖFB-Geschichte zuvor noch nie gegeben. Und der ÖFB hat gut daran getan, einen Trainer aus dem Ausland zu holen. Denn die Mannschaft wirkte dermaßen entschlossen, dass der Funke von der ersten Sekunde an auf die Zuschauer übersprang. Auch Kollers taktische Überlegungen waren auf den Gegner, die Nummer zwei in der Weltrangliste, absolut perfekt abgestimmt.
Die österreichische Auswahl übte sich im Pressing, damit konnten die Deutschen nicht wirklich etwas anfangen. Und Martin Harnik und Co. begannen einen Angriff nach dem anderen vorzutragen. Der Stuttgart-Stürmer wurde mehrmals gut in Szene gesetzt, Manuel Neuer hatte am gestrigen Abend mehr zu tun, als ihm lieb war. Dabei hatte Bundestrainer Löw eigens für Wien Adaptierungen vorgenommen, Schmelzer und Kroos in die Elf genommen.
Martin Harnik probierte einiges, er feuerte seine Schüsse aber zu unpräzise ab. Auch Andreas Ivanschitz hatte im Abschluss kein Glück. Der Gegner aus Deutschland tat sich indes schwer, der rot-weiß-roten Abwehr ein Schnippchen zu schlagen. Torhüter Robert Almer sorgte zwar gleich nach Spielbeginn für eine Schrecksekunde, dann aber raffte er sich zu Paraden gegen Müller und Özil auf.
Typisch – unösterreichisch
Die Österreicher ließen sich nicht irritieren, sie waren aggressiv, bissig, suchten den Weg zum gegnerischen Tor. Als Harnik im Strafraum fiel, wollten die Fans Elfmeter gesehen haben, der Penalty wäre aber zu billig gewesen. Als langsam das Pressing der Gastgeber nachließ, konnten die Deutschen etwas durchschnaufen. Und als bereits alles darauf hindeutete, dass beide Teams mit einem 0:0 in die Kabine gehen würden, wurde Almer doch noch überrumpelt.
Der Düsseldorf-Ersatzkeeper ließ sich von Marco Reus, der die Schwäche der linken Seite der Österreicher (Garics) nützte, überraschen (45.). 0:1, ein Treffer, der leicht zu vermeiden gewesen wäre. Nicht ganz unösterreichisch.
Die Deutschen kamen zu einer billigen Führung, die Österreicher wirkten dementsprechend unglücklich. Das sollte sich unmittelbar nach dem Seitenwechsel nicht ändern. Als Türkei-Legionär Veli Kavlak Thomas Müller im Strafraum umlegte, pfiff Schiedsrichter Björn Kuipers Elfmeter. Eine klare Sache für Mesut Özil (51.).
Aber die Österreicher steckten noch immer nicht auf, sie boten den Deutschen weiter die Stirn. Als Marko Arnautovic die halbe DFB-Abwehr austrickste, den Ball scharf zur Mitte gab, war Manuel Neuer geschlagen – Zlatko Junuzovic hatte sich entscheidend gelöst. 1:2 (57.), Rot-weiß-rot war wieder zu den Klängen des Zillertaler Hochzeitsmarsches im Spiel.
Von Souveränität der Deutschen konnte am gestrigen Abend keine Rede sein, Teamchef Koller half mit Einwechslungen nach – die größte Chance auf ein 2:2 vergab Arnautovic.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.09.2012)
WM-Qualifikation: Bittere Niederlage gegen Deutschland





