Wien. Wenn ein Spieler wie Marko Arnautović feuchte Augen bekommt, sich selbst geißelt und Vorwürfe macht, dann muss im Fußball schon etwas Außergewöhnliches passiert sein. Der 23-jährige Werder-Legionär, der sonst den Eindruck erweckt, als ob ihn rein gar nichts erschüttern könnte, wirkte beinahe wie ein Häuflein Elend. Er, das personifizierte Selbstvertrauen, war von einer Sekunde auf die andere zur Karikatur eines selbst ernannten Ausnahmekünstlers geworden. Arnautović hatte versprochen, die Fans glücklich machen zu wollen – schlussendlich stempelte er sich selbst zum Sündenbock. Da er gegen Deutschland wenige Minuten vor Spielende den Ball nicht im Tor des alles andere denn souverän agierenden Gegners untergebracht hat. „Ich entschuldige mich beim ganzen Land dafür“, stammelte er in die Mikrofone. „Das war mein Fehler.“
Diese kleinen Dinge
Die Reaktion von Arnautović, der einige exzellente Aktionen gezeigt hat, zeigt die Wandlung, die in den vergangenen Monaten im Nationalteam stattgefunden hat. Früher hätte der Exzentriker mit dem Hang zum Skandalprofi nur geflucht, vor allem nach so einer leichtfertig vergebenen Chance seine Kinderstube vergessen. Er und seine Mannschaftskameraden hätten nach dem Schlusspfiff auch kein gutes Haar am Schiedsrichter gelassen, obendrein hätte man den „Dusel“, ewig treuer Begleiter der Deutschen, beklagt. Und die Tatsache bejammert, dass der Lineker-Spruch oft, aber gefühlsmäßig immer gegen Österreich stimmt.
Arnautović, seit wenigen Wochen Vater einer Tochter, hätte sich am liebsten vergraben. Er lag wie ein hilfloser Käfer auf dem Rasen, nach dem Schlusspfiff konnte ihn niemand trösten. Auch der Teamchef nicht. „Wir haben uns nach dem Match verpasst“, erzählte Marcel Koller am Tag nach der 1:2-Niederlage. „Ich bin also gar nicht dazugekommen, mit ihm zu sprechen. Aber ich werde in den nächsten Tagen Kontakt zu ihm aufnehmen.“ Schon allein deswegen, weil Koller fürchtet, dass Marko Arnautović noch länger an der vergebenen Möglichkeit kiefelt. „Wenn man ihn kennt, dann weiß man, dass so etwas nicht spurlos an ihm vorübergeht.“
Dass die ersehnte Überraschung im Prater nicht stattgefunden hat, das hat allerdings nicht nur mit Arnautović zu tun. „Es waren die „kleinen Dinge“, wie Teamchef Marcel Koller meint, die den Ausschlag gegeben hätten. Wie eben bei der großen Chance aufs 2:2. „Der Ball springt noch einmal kurz auf, geht Arnautović ans Schienbein, und er trifft den Ball nicht richtig. Er war sich sicher, dass er das Ding reinmacht. Das waren ein paar Hundertstel, in denen die Spannung weg – und die Vorfreude schon da war.“ Aber genau das, so betont der Teamchef, sind die Erfahrungswerte, die man mitnimmt.
Die deutschen Medien kritisierten die Leistung der Mannschaft von Joachim Löw scharf (siehe Pressestimmen), die Österreicher wurden mit Lob bedacht. „Vom Ergebnis her ist das Ganze sehr frustrierend!“, gesteht Teamchef Koller. Der Schweizer gab auch zu, mit der Verarbeitung dieser Niederlage so seine Probleme zu haben. „Weil unsere Leistung vor allem in der ersten Halbzeit sehr gut war.“ Im Gegensatz aber hätte die DFB-Auswahl ihre Möglichkeiten eiskalt genützt. „In solchen Situationen zeigt sich eben Weltklasse!“ Anders formuliert: „Wenn man diesen einen Moment, in dem der Gegner Fehler macht, ausnützen kann, dann ist das zwar ein kleiner, aber bedeutender Unterschied.“ Und Fehler sind den Österreichern nicht viele passiert. Allerdings vor dem 0:1 durch den bis dahin nicht existenten Reus. Und eine völlig unkontrollierte Attacke im Strafraum von Veli Kavlak, die mit einem Elfmeter bestraft wurde.
Spitze, Hacke – das reicht nicht
„Wir können uns von der Niederlage nichts kaufen“, lautet das harte Urteil des Teamchefs. „Aber es ist gut fürs Selbstvertrauen, dass ausgerechnet die Legionäre in Deutschland so ein Lob erhalten.“ Erstmals in der ÖFB-Geschichte hat eine reine Legionärself von Beginn an ihr Glück versucht, neun von ihnen verdienen ihr Geld in der Bundesliga. Bei den Deutschen waren's nur acht an der Zahl. Aber Österreich hat kein Duo von Real Madrid – das aber diesmal nicht den Unterschied ausgemacht hat. Denn Baumgartlinger war eigentlich der bessere Khedira. Geholfen hat das freilich nichts, Koller wird noch mehr graue Haare bekommen. Aber der Schweizer ist Gott sei Dank kein eitler Mensch.
Mit Pressing über weite Phasen des Spiels konnten die Deutschen ziemlich ratlos gemacht werden. „Einsatz, Leidenschaft, Wille und Laufbereitschaft waren top.“ Dennoch sieht Marcel Koller noch Verbesserungspotenzial. „Die Sicherheit im Passspiel, die Ruhe am Ball, das sind Dinge, die wir weiterentwickeln müssen. Und das braucht Zeit.“
Die Qualifikation wird am 12.Oktober fortgesetzt, zweimal heißt der Gegner nun Kasachstan. Teamchef Marcel Koller warnt jetzt schon davor. „Das wird extrem schwierig“, sagt er und verweist auf die knappen Niederlagen der Kasachen gegen Irland und Schweden. „Spitze, Hacke – das wird nicht reichen“, appelliert der Schweizer. „Die Spiele gegen Kasachstan werden um nichts leichter als gegen Deutschland.“
Die Ausgangssituation ist in einem Monat eine ganz andere als zuletzt, gegen die Nummer 142 der Welt werden die Österreicher das Spiel gestalten müssen. „Die Organisation mit dem Ball ist schwieriger hinzubekommen als ohne Ball“, meint Koller. Der Schweizer hat auch gestern schon damit begonnen, die Motivation hochzuhalten. „Jetzt gilt es, nicht die Deutschland-Mentalität, sondern die Koller-Mentalität weiterzuführen. Wir müssen gegen jeden Gegner Vollgas geben!“ Denn in Astana wird nur ein Erfolg zählen. „Auch bei dreckigen Siegen nimmt man drei Punkte mit. Dann heißt es Mund abwischen, und weiter geht's.“ Diese Formulierung hätte auch aus dem Mund eines deutschen Bundestrainers kommen können. Aber der hat schon sechs Punkte auf dem Konto. Und Österreich keinen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2012)
WM-Qualifikation: Bittere Niederlage gegen Deutschland
