Wenn es nicht so läuft, wie man sich das vorstellt, dass muss man nachjustieren. Beim Fußballmeister in Salzburg haben die Verantwortlichen die Länderspielpause genützt, um kräftig durchzurühren. Sportdirektor Ralf Rangnick hat sich das Ganze in Wals-Siezenheim einmal drei Monate lang angesehen, nun hat der Deutsche Konsequenzen aus den sportlichen Niederlagen gezogen. Er zertrümmerte jenes Team, das im Vorjahr noch Meisterschaft und Cup gewonnen hatte, griff in den vergangenen Tagen hart durch. Rangnick, der auch für das Schicksal von RasenBallsport Leipzig verantwortlich ist, sprach vielen Profis die Klasse ab, sortierte fünf weitere aus. Denn zuletzt standen insgesamt bis zu 31 Feldspieler im Kader, dazu kommen drei Tormänner. „Die perfekte Kadergröße“, sagt Ralf Rangnick, „liegt für mich bei 21, 22.“ Von dieser Traumzahl ist man allerdings noch immer weit entfernt.
Dass Trainer und Sportdirektor mitten in der Saison einen radikalen Umbau vorantreiben, das ist man im europäischen Fußball eigentlich nicht gewohnt. Ralf Rangnick hat es dennoch gemacht. Und er verteidigt diesen Schritt naturgemäß auch. „Wir haben Spieler gebraucht, die Emotion, Leidenschaft und Temperament haben“, sagt der ehemalige Betreuer von Stuttgart, Hannover, Hoffenheim und Schalke. Rangnick ist ein Kind der deutschen Bundesliga, das ist nicht zu überhören. „Bis jetzt hatten wir nur wenige Spieler im Kader, denen wir zugetraut hätten, einmal in einer anderen Liga zu spielen.“ Mit der anderen Liga ist die deutsche gemeint. „Wir wollen nicht irgendwelche Spieler, sondern Topspieler. Spieler, die vielleicht irgendwann einmal auch für andere Klubs und andere Ligen interessant sein könnten.“
Insgesamt hat sich Red Bull Salzburg bereits von 13 Profis verabschiedet, dem stehen elf neue Spieler gegenüber. Aber der an sich geplante Sommerschlussverkauf hat nicht funktioniert. Einen Zarate musste man letztlich billigst verscherbeln, Jakob Jantscher wurde an Moskau verliehen. Schlägt der Spieler der Saison 2011/12 in Russland nicht ein, muss man ihn zurücknehmen.
Ein Quintett hätte man zum Ende der Übertrittszeit noch gern angebracht, ist auf ihm aber sitzen geblieben. Die Rede ist von den drei Brasilianern Douglas, Cristiano und Leonardo sowie dem Schweden Rasmus Lindgren und dem Uru-Stürmer Joaquin Boghossian. Diese fünf Legionäre wurden in die Regionalliga West zum Red-Bull-Zweitteam FC Liefering abgeschoben. Dort sollen sie sich fit halten, zum Einsatz kommen sie allerdings nicht. Geschätzter Gesamtwert der fünf Spieler: rund 5,45 Millionen Euro.
Die Maßnahme der Versetzung scheint jedenfalls nicht zu funktionieren, die Fußballergewerkschaft (VdF) läuft dagegen bereits Sturm und hat ein Veto eingelegt. Denn laut Kollektivvertrag haben die Spieler das Recht darauf, bei jenem Verein zu trainieren, von dem sie verpflichtet worden sind. das ist bei Salzburg und Liefering nicht der Fall. Rudolf Novotny, der geschäftsführende Sekretär der VdF, meint dazu: „Die Spieler haben das Recht, ihre Verträge mit sofortiger Wirkung aufzulösen und behalten sämtliche finanziellen Ansprüche bis zum vorgesehenen Vertragsende. Es ist völlig unverständlich, dass Spieler für die Kaderpolitik des Klubs verantwortlich gemacht werden.“
Die Salzburger sind offenbar nicht gut beraten – oder sie leiden unter Vergesslichkeit. Schließlich haben sie schon einmal einen Prozess verloren – gegen Markus Schopp. Der OGH hatte sich damals gegen Red Bull entschieden, der Arbeitgeber hat nämlich eine Fürsorgepflicht. Diese wurde damals als verletzt betrachtet. In Deutschland aber sieht man das ein wenig anders, dort können Spieler leichter zu unterklassigen Vereinen oder zu Amateurauswahlen abgeschoben werden.
Von der alten Meistermannschaft ist nicht mehr viel übrig geblieben, der Ausländeranteil hat sich zusätzlich erhöht. „Wie viele Spieler haben am Dienstag in der österreichischen Nationalmannschaft von Beginn an gespielt, die ihr Geld in der Bundesliga verdienen?“, lautet die Gegenfrage von Ralf Rangnick. „Zero!“ Salzburg aber habe dennoch Österreicher im Kader. „Wir vertrauen ihnen und sind der Meinung, dass sie auch jenen Fußball spielen können, den wir spielen lassen wollen.“ Und: „Sind mehr Zuschauer gekommen, als Salzburg mit mehr Österreichern gespielt hat?“
Eine Frage der Alternative. Die Ziele sind nach dem frühen Ausscheiden im Europacup gegen Düdelingen klar abgesteckt. „Wir wollen Meister werden und wollen den Cup gewinnen!“, sagt Rangnick klipp und klar. Künftig müsse man Gegner wie Düdelingen klar eliminieren. „Wir wollen Gegner schlagen, die vielleicht sogar über uns zu stellen sind.“
Der Salzburger Sportdirektor wollte die Fehler gleich korrigiert wissen. „Was wäre denn die Alternative gewesen? Hätten wir so weitergemacht wie bisher, dann hätten wir ein halbes Jahr bis zur Winterpause verloren. Mit dem Kader, den wir jetzt zur Verfügung haben, wird es im Winter dann höchstens noch kleine Korrekturen geben. Jetzt gilt es, eine Mannschaft zu formen.“
Ralf Rangnick will derart lustlose Auftritte, wie er sie beispielsweise bei der Heimniederlage gegen Rapid erleben musste, in Salzburg nicht mehr sehen. Dazu beitragen soll künftig auch die Vielzahl an jungen Spielern, die man geholt hat. „An Zymer Bytyiqi war auch Manchester United dran. Da sieht man schon, was der Junge kann. Aber auch Valentino Lazaro hat ein unglaubliches Talent.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)

