Wien. Die Angehörigen der Toten der Hillsborough-Tragödie mussten mehr als 23 Jahre auf diesen Tag warten. So lange haben sie mit dem Vorwurf zu kämpfen gehabt, dass die 96 Frauen, Männer und Kinder, die am 26.April 1989 bei der Stadionkatastrophe ums Leben gekommen sind, zum Teil selbst für ihren Tod verantwortlich gewesen sein sollen. 23 Jahre danach hat der britische Premierminister David Cameron in diesem Zusammenhang das Wort ergriffen. „Im Namen der Regierung und des ganzen Landes“ hat er die Familien der Opfer um Verzeihung gebeten. „Unter dem Eindruck der neuen Beweise ist es richtig, dass ich mich als Premierminister bei den Familien der 96Todesopfer für all ihr Leid, das sie in den vergangenen Jahren erlitten haben, angemessen entschuldige.“
Der Regierungschef hat zuvor einen Bericht mit bislang unveröffentlichten Quellen vorgelegt bekommen. Erstmals waren über 400.000 Seiten an offiziellen Dokumenten zu der größten Tragödie im britischen Sport veröffentlicht worden. Die Unterlagen, die in Liverpool zuerst von den Angehörigen der Opfer eingesehen werden konnten und später der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden, entspringen Archiven von rund 80 Organisationen. Darunter der britischen Regierung, der Polizei und der Feuerwehr.
David Cameron sagte nun im Rahmen einer Rede vor dem Parlament, dass die Liverpool-Fans Opfer einer „doppelten Ungerechtigkeit“ geworden seien. Und zwar deshalb, weil sie nicht nur unter dem tödlichen Versagen offizieller Stellen gelitten hätten, sondern auch unter dem Versuch der Polizei, die Schuld der Tragödie den Opfern anzulasten. Obendrein kündigte Cameron an, durch den Generalstaatsanwalt die Einleitung einer neuen gerichtlichen Untersuchung prüfen zu lassen. Bisher sind keine Einzelpersonen oder Organisationen belangt worden.
Einsatzkräfte waren zu langsam
Die Hillsborough-Katastrophe hatte sich beim FA-Cup-Semifinale zwischen Nottingham Forest und dem FC Liverpool ereignet. Im überfüllten Liverpool-Block („Das waren Käfige“) des Hillsborough-Stadions in Sheffield kam es zu einem Gedränge, 96Menschen verloren ihr Leben.
Eine von der Regierung eingesetzte Kommission hat nun bestätigt, dass Fehler von der Polizei direkt zur Katastrophe beigetragen haben. Einigen Verletzten ist dabei die medizinische Hilfe verweigert worden. Die Polizei war es, die zu viele Liverpool-Anhänger in den Sektor gelassen hat. „Hätten die Einsatzkräfte schneller gehandelt“, so steht es im Bericht, „hätten mindestens 41 Opfer überleben können.“
Cameron erklärte, es sei eine „Schande für Großbritannien“, dass es mehr als 20Jahre gedauert habe, um diese Fehler offenzulegen. Vertreter der Angehörigen reagierten jedenfalls positiv auf den Bericht und die Entschuldigung des Premiers. „Wir sind der Meinung, dass ein Durchbruch geschafft wurde“, sagt Trevor Hicks von der Organisation Hillsborough Justice Campaign. „Die Wahrheit ist ans Licht gekommen, morgen folgt die Gerechtigkeit.“
Der englische Fußballverband FA begrüßt die Aufklärungsarbeit. „Die Familien der Opfer haben unerträgliche Schmerzen gelitten, dafür haben wir tiefes Mitgefühl.“ Zudem betonte der Verband, dass sich der englische Fußball seit der Tragödie „unermesslich verändert“ und man „viele Lektionen“ gelernt habe: „Durch Verbesserungen bei der Sicherheit und Investitionen in die Stadien ist der englische Fußball heute eine sehr viel sicherere, freundlichere Umgebung für die Fans.“
Sportliche Krise
Rein sportlich gesehen läuft es alles andere denn rund. Liverpool hält nach der vierten Runde beim schlechtesten Saisonstart seit 101 Jahren. Nach einem 1:1 in Sunderland warten die „Reds“ weiter auf den ersten Saisonsieg und rangieren nur am 17. Tabellenrang. Coach Brendan Rodgers muss um seinen Job wohl zittern.
Erstmals Punkte abgeben musste Chelsea (0:0 bei den Queens Park Rangers), die „Blues“ bleiben mit einem Zähler Vorsprung auf Manchester United (4:9 gegen Wigan) aber Tabellenführer. Meister Manchester City kam in Stoke über ein 1:1 nicht hinaus.
Bei der Hillsborough-Katastrophe kamen am 15. April 1989 beim
FA-Cup-Semifinale zwischen Nottingham und Liverpool in Sheffield 96 Menschen ums Leben. Einem neuen Bericht zufolge haben Fehler der Polizei direkt zur Katastrophe beigetragen. Der britische Premierminister David Cameron hat sich dafür im Namen der Regierung entschuldigt. 41Opfer hätten überleben können.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2012)

