Dass Cristiano Ronaldo traurig ist, das hat sich in Fußball-Europa herumgesprochen. So traurig, dass er vor der Länderspielpause sogar zwei seiner Treffer nicht bejubeln wollte. An diesem Wochenende hätte er vielleicht gerne gejubelt, aber da hat Real Madrid verloren. Das 0:1 gegen den FC Sevilla allein wäre noch kein Beinbruch, spanische Meisterschaften werden nicht mit einer Saison der Ungeschlagenheit gewonnen. Das ist dem FC Arsenal beispielsweise einmal gelungen, die Iberer schnapsen sich den Titel am liebsten bei den „Clasicos“ aus. Und die sind ein wenig in Gefahr, wenn man bedenkt, dass das „Weiße Ballett“ einen katastrophalen Saisonstart hingelegt hat. In der Primera Division hält der Titelverteidiger nach vier Runden bei mageren vier Zählern. Der Rückstand auf den FC Barcelona beträgt satte acht Punkte. Für viele ist Real jetzt schon fast entthront.
Eine königliche Beleidigung
Vor dem Auftakt der Gruppenspiele zur Champions League läuten also die Alarmglocken in Madrid. Der Gegner heißt ausgerechnet Manchester City, Englands regierender Meister, dem nicht gerade der Ruf des angenehmen Gegners vorauseilt. Ergänzt wird die Gruppe von Borussia Dortmund, dazu kommt noch Ajax Amsterdam. Eine echte Gruppe von Titelträgern also.
Real Madrid befindet sich in der größten Krise der jüngeren Vereinsgeschichte. Behaupten zumindest die spanischen Medien. Vor allem spielerisch läuft so gar nichts beim europäischen Giganten. Bereits zur Pause musste etwa zuletzt ein Mesut Özil in der Kabine bleiben, sein Nachfolger Luka Modrić, erst vor wenigen Wochen um 30 Millionen Euro von Tottenham geholt, übte sich überhaupt in gänzlicher Zurückhaltung. Man könnte auch sagen, der Kroate war mit freiem Auge nicht erkennbar. Und Cristiano Ronaldo? Eine Karikatur seiner selbst.
Der Superstar ist verletzt. Sein derzeitiges Spiel wirkt wie das Spiegelbild seiner Psyche. Wer so traurig ist, wie er, der ruft mit seinem Outing in Spanien gleich Psychologen in Heerscharen auf den Plan. Aber eben auch viele Hobby- und Pseudo-Seelentröster. Die „tristeza“ von Ronaldo hat Real Madrid in die Tiefe gerissen. Er selbst schweigt eisern, Interview hat er seit seinem letzten Länderspiel keines mehr gegeben. Das nährt immer noch Spekulationen rund um „CR7“. Auch Trainer José Mourinho eiert eher herum, übt sich in Floskeln. Sogar das kann der Startrainer. Aber was kann ein Mourinho eigentlich nicht? Am ehesten schlecht lügen.
José Mourinho hat erst vor zwei Tagen beklagt, „keine Mannschaft“ mehr zu haben. Ein Team, dem in der vorigen Saison ein Cristiano Ronaldo den Stempel aufgedrückt hat. Hartnäckig hält sich das Gerücht, der Superstar sei es leid, weniger fürstlich bezahlt zu sein als etwa ein Rooney oder Ibrahimović. Oder ein Messi. Mit seinen zehn Millionen Euro im Jahr rangiert Ronaldo nur an zehnter Stelle in Europa. Und das empfindet er als eine Art königliche Beleidigung. Angeblich ist der Gekränkte immerhin auf einem guten Weg, sein bescheidenes Einkommen doch auffetten zu können. Von 10 auf 16 Millionen. Dabei heißt es doch immer, Geld allein macht auch nicht glücklich.
Kein Glück haben jedenfalls die dunkelgrünen Trikots gebracht. Die Farbe der Hoffnung hat ihre Wirkung verfehlt. „Mundo Deportivo“ meinte: „Das Dunkelgrün war Ausdruck von Egoismus, Neid und Geldgier.“
Trainer José Mourinho drehte wieder einmal den Spieß um, er stempelt vor dem heutigen Duell mit Manchester City den englischen Meister zum Favoriten. „City hat die Mannschaft so zusammengestellt, damit sie diesen Bewerb gewinnen. Also stehen sie mehr unter Druck als wir!“
Real hat zuletzt zweimal im Halbfinale verloren, von den vergangenen zwölf Champions-League-Heimspielen haben die Madrilenen elf gewonnen. Gelingt heute ein Sieg, dann wäre es der 100. Erfolg in der Königsklasse.
Programm, Dienstag, Gruppe A: Paris St. Germain – Dynamo Kiew, Dinamo Zagreb – FC Porto. – Gruppe B: Montpellier – Arsenal FC, Olympiakos Piräus – Schalke 04 (Fuchs). – Gruppe C: AC Milan – Anderlecht, Malaga – Zenit St. Petersburg. – Gruppe D; Dortmund – Ajax, Real Madrid – Manchester City.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2012)

