Kopenhagen/Finne. Farum ist die Endstation der S-Bahn-Linie A, mit ihr kommt man in 32 Minuten in Kopenhagens Innenstadt. Diese beiden Punkte trennen in Dänemark dennoch Welten. Auf der einen Seite wartet eine Metropole, Farum ist eine Kleinstadt mit etwas mehr als 18.000 Einwohnern, einer rotbraunen Kirche und einem kleinen Stadion. Und dennoch, wenn am Mittwoch der FC Nordsjælland erstmals die Bühne der Champions League betritt und gegen Schachtjor Donezk spielt, steht die auf den ersten Blick kalt anmutende Vorstadt im Rampenlicht.
Der FC Nordsjælland, gegründet im Juli 2003, wurde überraschend dänischer Fußballmeister. Nicht der große FC Kopenhagen, sondern die „Wilden Tiger“ des 9800 Zuschauer fassenden Farum-Parks eroberten die Krone. Ihre Erfolgsgeschichte kommt einem Märchen gleich, von dem man in Salzburg nur träumen kann.
Der FC bietet in der Superliga schnörkellosen Fußball. Der bekannteste Spieler ist Andreas Laudrup, Sohn der Fußballikone Michael. Ansonsten tummeln sich seit dem Verkauf von Nationalstürmer Tobias Mikkelsen an Fürth kaum geläufige Namen im Kader, Klubpräsident Allan Pedersen stört das jedoch nicht. Der Geschäftsmann legt Wert auf die Geschichte des lokalen Anziehungspunktes.
Wilde Shoppingtouren auf dem Transfermarkt passen bei dem aus 57 Amateur- und einem Profiklub zusammengeschweißten Klub ohnehin nicht ins Konzept. Seine Geschichte hat viele Anhänger geprägt, schließlich wurde mit Peter Brixtofte 2006 sogar der Bürgermeister wegen „Mafiamethoden“ beim Stadionbau und der Akquirierung von Sponsoren zu zwei Jahren Haft verurteilt.
Lieber im Klublokal als in Donezk
Auch die Anhänger des FC verstehen sich als „anders“. Kaum einer erwartet, dass in der Champions League das nächste Wunder nach dem Gewinn der Meisterschaft gelingt. Es war ja auch unfassbares Glück dabei, dass ihr FC mitspielt. Dänemarks Meister erhielt in dieser Saison erstmals überhaupt einen fixen Startplatz.
Mit den Millionären von Schachtjor Donezk, Juventus Turin und dem FC Chelsea, die in Gruppe E warten, verbindet den Klub und seine Fans nicht viel. In Farum liebt man es erdiger, rauer Umgangston und eine Dose Bier statt Galadiner und Glamour – so verlangt es das Vorstadtleben. Also reiste der 40-köpfige Fanklub gar nicht erst mit in die Ukraine. Man trifft sich heute lieber in der „FCN Bar“ im eigenen Stadion und schaut sich das Premierenspiel im Fernseher an. Die Großklubs aus Europa reisen ohnehin zu den Heimspielen an.
Dafür nehmen es die FC-Fans auch, wenngleich leise murrend, in Kauf, dass sie in die Stadt, in den „Parken“ fahren müssen. Die Elf von Trainer Kasper Hjulmand hat sich für die Champions League nämlich im Stadion des gescheiterten Rivalen FC Kopenhagen einquartiert. Es ist viermal so groß und an das Risiko, nicht ausverkauft zu sein, denkt niemand. Es kommen Superstars, mit Chelsea sogar der Titelverteidiger, der Ansturm wird enorm sein. Es werden einmalige Erlebnisse für den FC Nordsjælland, und deshalb wurde gleich das komplette Personal – Platzwart und Catering inklusive – mitgemietet, damit die Rahmenbedingungen passen. Ohne Glamour und Galadiner geht es in der Champions League dann doch nicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.09.2012)

